Frag doch mal in Kolumbien #1 Kindheitserinnerungen

Zusammen mit einigen meiner lieben Mitfreiwilligen, die gerade in der Welt verstreut sind, ist das Projekt Frag doch mal in… zustande gekommen. Das Konzept: ein Thema monatlich, zu dem so viele Freiwillige wie möglich in den verschiedenen Ländern eine einheimische Person befragen. Thema für den Monat März: Kindheitserinnerungen.

Die gesammelten Beiträge finden sich hier

Für mein erstes Interview durfte ich die Schulleiterin des SCALAS befragen, Clara. Sie ist seit vielen Jahren Schulleiterin und wird von Allen sehr für ihre engagierte und verständnisvolle Art geschätzt. Sie erzählt uns über ihre Kindheit mit vielen Geschwistern und über das, was sich seitdem in Bogotá verändert hat.

Unser Thema für den Monat März lautet Kindheitserinnerungen. Sie sind in Kolumbien aufgewachsen. Was sind Ihre lebhaftesten Erinnerungen an die Kindheit?

Ich wurde in Bogotá geboren, vor 59 Jahren. Erinnerungen an meine Kindheit habe ich viele. Zuallererst, dass wir in einem großen, großen Haus wohnten mit einem Garten. Riesig groß, wir waren schließlich 10 Kinder. Also kann man sich sicher vorstellen, dass ich mich noch sehr gut an das Gefühl erinnere, immer von meinen Geschwistern umgeben zu sein. Von den Älteren wie von den Jüngeren. Ich war altersmäßig ungefähr in der Mitte. Ich erinnere mich genau daran, wie wir im Garten spielten, Kinderspiele, die man heutzutage fast gar nicht mehr sieht. Kinderlieder, Fangen, mit Puppen spielen, erwachsen spielen.

Wir sahen die Hausarbeiten, die unsere Mutter machte, und bauten es in unsere Spiele ein. Früh aufstehen, den Plan für den Tag schon im Kopf, Wäsche waschen, bügeln, kochen, putzen, zum Markt gehen, den Ehemann und die Kinder versorgen. Unter den Geschwistern mussten wir uns viel teilen, auch die Hausarbeit, weil meine Mutter das alleine mit 10 Kindern natürlich nicht schaffen konnte. Wir Mädchen haben ihr damals viel geholfen.

Ich erinnere mich, dass mein Vater immer sehr böse war. Er kommt aus einer Region von Kolumbien namens Santander. Die Menschen von dort haben den Ruf, sehr temperamentvoll zu sein. Heute weiß ich, dass mein Vater also gar nicht wirklich böse war. Es war einfach seine Art, zu reden. Weil man in Santander nun mal so spricht. Heute habe ich sogar ein paar dieser Muster übernommen. Ich rede streng, ich rede kräftig. Meine Tochter hat mich einmal gefragt: “Mama, schimpfst du gerade mit mir?” Ich meinte “Aber nein, ich spreche einfach nur laut.” Aber so muss man als Lehrerin auch reden, fest, klar und etwas lauter, um die Aufmerksamkeit der Schüler zu erhalten.

Besonders schöne Erinnerungen habe ich an meine Geburtstage und an Weihnachten. Wir freuten uns jedes Jahr wieder schon lange vorher schon auf diesen Tag und konnten es gar nicht erwarten. Es war der Tag, an dem wir alles, komplett alles, neu bekamen. Socken, Schuhe, Kleider. Das gab es so wirklich nur an diesem Tag, weil wir eben so viele Kinder waren. Mein Vater hatte nicht die finanziellen Mittel, um uns jedes Mal, wenn wir etwas brauchten, das auch zu kaufen. Wir mussten also alles so lange benutzen bis es ausgedient hatte, weil die wirtschaftliche Situation nicht einfach war. Trotzdem sind wir alle zur Schule gegangen, haben gelernt und unseren Abschluss gemacht.

Was hat Ihr Vater beruflich gemacht?

Mein Vater war selbstständig. Er hat hier in Bogotá mit einheimischen Produkten gehandelt. Er hatte sein eigenes Auto, fuhr durch die Gegend und betrieb so eben seinen Handel. Meine Mutter war die ganze Zeit zu Hause. Wir hatten dieses Muster: die Mutter blieb zu Hause, der Vater ging zur Arbeit. Ein Muster, das wir Töchter alle aufgebrochen haben. Wir sind zur Universität gegangen und haben später beides gemacht: Arbeit draußen und Arbeit zu Hause.

Und wie hat sich Bogotá seit dieser Zeit verändert?

Das Klima hat sich verändert. In meiner Kindheit war das Wetter so. Zeigt nach draußen auf grauen Himmel und Nieselregen. Ja, momentan ist es zwar auch kalt, aber damals war es wirklich immer so. Die Leute gingen nur mit Hut und Regenschirm aus dem Haus. Stück für Stück hat sich seitdem das Wetter immer mehr gewandelt, besonders die Temperatur. Heute haben wir in Bogotá auch wirklich warme Tage.

Noch etwas hat sich in Bogotá verändert: die Lebensqualität. Mit der Menge an Transport und Menschen, die sich durch die Stadt bewegen, ist es wirklich sehr kompliziert geworden, auszugehen und zu genießen. Auf eine Stadt zu treffen, die freundlich ist. Nach Bogotá kommen viele Leute aus allen möglichen Teilen des Landes. Bogotá ist die Stadt von Allen und die Stadt von Niemandem. Deswegen sieht man viele schmutzige Straßen, verwahrloste Parks, die Leute kümmern sich nicht.

Bogotá ist jetzt eine der 10 Städte mit dem schlechtesten Transportsystem. Leider sind wir sogar auf Platz 6. Es ist sehr einfach geworden, ein Auto zu kaufen, immer mehr Leute haben eins oder sogar zwei, um Pico y Placa zu vermeiden (System, das abwechselnd Autos mit gerader bzw. ungerader Endziffer des Nummernschildes Fahrverbot während der Hauptverkehrszeiten auferlegt). Die Luftverschmutzung ist sehr hoch, der Verkehr und die Staus sind enorm. Die Distanzen sind größer geworden, nicht von der Strecke her, aber von der Zeit, die man für sie braucht. Ich laufe deswegen fast nur. Die einzige Strecke, die ich mit dem Auto fahre, ist von meinem Haus bis hierher, zur Schule, und wieder zurück. Ansonsten gehe ich, wohin ich auch gehen muss, immer zu Fuß.

Die Unsicherheit hat auch sehr stark zugenommen. Früher, erinnere ich mich, konnte man in aller Ruhe auf die Straße gehen, ohne jegliches Bedenken, ohne Furcht. Heute fühle ich mich nicht sicher, wenn ich rausgehe und schaue mich nach allen Seiten um, ob jemand sich mir nähert. Ich habe Angst, wenn es jemand tut. Dieses Gefühl der Unsicherheit hat Folgen: wir sind weniger sensibel für die Schmerzen und Sorgen unserer Mitmenschen geworden. Wir fragen uns ständig: stimmt das wirklich, was mir der Andere gerade erzählt? Oder ist es gelogen? Macht er das wirklich? Oder will er mich berauben? Deswegen verändert man seine Reaktion auf die Dinge, die man in der Straße sieht.

In der Schule beobachte ich, dass sich bei den Kindern eins verändert hat: die Spiele. Heute klebt ein Kind an seinem Handy oder Videospiel. Das macht sie sehr impulsiv, sie sind intoleranter und ungeduldig, weil sie alles immer sofort wollen. Außerdem macht es sie auch introvertierter. Die gleichen Videospiele und Fernsehsendungen haben auch viel Aggressivität provoziert. Viele Kinder glauben, die Welt wäre wie ihr Videospiel. Die Muster, die ihnen dort gezeigt werden, vom Kämpfen, von der Gewalt, die übernehmen sie manchmal leider.

Natürlich sind die Kinder heute auch viel aufgeweckter. Ich würde sogar sagen, intelligenter, weil sie ganz andere Mittel haben, um ihre Intelligenz zu entwickeln. Die Kinder seit 2000 sind  privilegierter, weil ihre Eltern gebildet sind. Es sind Eltern mit einer anderen Mentalität. Eltern, die ihren Kindern sagen: du willst etwas lernen? Dann musst du das und das machen. Eltern, die versuchen ihre Kinder ständig zu fördern. Zu meiner Zeit war das vielleicht weniger so, weil ein Großteil der Mütter und Väter selbst nicht über Bildung verfügten. Heute ist es anders und daher ist vielen Eltern klar, dass eine gute Bildung eine wichtige Rolle spielt. Die Technologie ist damit auch verknüpft. Die Eltern bieten ihren Kindern alle möglichen technologischen Mittel an, um verschiedenste Denkprozesse zu fördern. Was einerseits gut ist, bringt andererseits auch wieder Probleme mit sich. Generationen sind natürlich immer anders. Früher hat man mehr Kinderlieder gesungen, zusammen mit anderen Kindern gespielt. Mir scheint, dass heute die menschliche Interaktion deutlich weniger ist.

 

Ein Gedanke zu „Frag doch mal in Kolumbien #1 Kindheitserinnerungen

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