11923200 Sekunden später

Oder 138 Tage. Oder 4 Monate und 16 Tage.

Ja, so weit ist es nun also schon. Seit viereinhalb Monaten lebe ich jetzt schon in Kolumbien vor mich hin. Über 3000 Stunden, und kaum eine von ihnen nicht glücklich. 🙂

Und während es für ein paar kulturweit-Freiwillige in ein paar Wochen schon Abschied nehmen heißt vom inzwischen nicht mehr neuen Land, kam mir in den Sinn, dass es vielleicht immer noch nicht zu spät ist, die Pflege dieses Blogs zur Gewohnheit zu machen. Mal sehen, wie es klappt.

Aber wo anfangen, nach 138 Tagen? Wahrscheinlich bräuchte ich ungefähr 138 Blogeinträge mit 11923200 Worten um alles, was mir an Eindrücken von Tag eins an in meinem Kopf herumspukt, zu beschreiben. Deshalb mache ich es mir, zugegeben, einfach mal einfach: ich fange heute an, genau im Jetzt und Hier. Eine Momentaufnahme.

Vom Haus gegenüber tönen kolumbianische Cumbias, träge, dröhnende Bässe, dennoch tanzbar, spanische Zeilen über Liebe und Herzschmerz, Gute-Laune-Musik der typischen Art. Sie mischen sich mit Hundegebell vom Nachbardach und den Stimmen der 5 Männer, die gerade vor dem Nachbarhaus stehen oder im offenen Auto sitzen, um sich zu unterhalten und das zu beobachten, was auf der Straße eben so passieren könnte. Der Blick vom Hausdach meiner Gastfamilie gefällt mir immer wieder, besonders an einem sonnigen Samstagnachmittag wie dem heute. 

Mein Dach hat sich mittlerweile dank Yoga-Matte und dem guten Wetter der letzten Wochen (hiermit nehme ich offiziel den Dauerregen-Kommentar aus Eintrag Nummer eins zurück!) zu einem Lieblingsplatz entwickelt, und generell gefällt mir das Viertel, indem ich lebe, nach wie vor so gut wie am ersten Tag. Auch wenn alles nicht mehr ganz so spannend, ganz so neu zu erforschen ist. Seine Lebendigkeit hat es absolut behalten. Tagsüber vergeht kaum eine Minute ohne Musik in den Straßen, ohne spielende Kinder in den Parks, ohne Menschen, die sich begegnen und ein paar Momente verweilen, um sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Mein Lieblingsobstladen, 20 Sekunden von meiner Haustür entfernt, überzeugt mich noch wie am ersten Tag mit seinen Schätzen. Mit Fruchtsorten, die sich innerhalb der ersten Wochen von teils unbekannt zu heiß geliebt entwickelt haben- von Feijoas, Lulos und Guayabanas, die meines Achtens in Deutschland überhaupt nicht zu finden sind, bis hin zu den besten Mangos, Bananen und Papayas. Und erst die Avocados! Dennoch, die Papaya ist und bleibt die Frucht meines Jahres hier. Denn niemand hat besser als sie meinen Prozess des Einlebens hier begleitet und veranschaulicht- von der ersten Begegnung mit ihr auf meinem Frühstücksteller am ersten Morgen an. Da war mir ihr Geschmack noch ungewohnt und sogar unangenehm und verursachte verzweifelt angestrengtes Überlegen, wie ich sie unauffällig verschwinden lassen kann, ohne unhöflich zu sein. Heute kaufe ich mir mit der größten Ess-Vorfreude meine Lieblingssorte in ebem erwähnten Lieblingsobstladen. Der überzeugt auch dank seines stets freundlichen Obstverkäufers, der mich jedes Mal mit strahlendem Lächeln und einem interessierten „Como estas?“ begrüßt und dem schönen „Que te vaya bien!“ verabschiedet. Generell ist eins klar: so viele freundlich lachende Gesichter wie in Kolumbien habe ich wohl in noch keinem Land gesehen. 

Zeitreise von ein paar Stunden: Nach Aufstehen und gemeinsamem Samstagsfrühstück bestehend aus Rührei, Envueltos de Mazorca (im Maisblatt gekochter Maisbrei) und der obligatorischen heißen Schokolade mit meiner Gastmutter, 30-jährigen Gastbruder und seiner kleinen Tochter, beschließe ich, endlich mal wieder eine Runde um den Teich zu laufen. Der Teich hier heißt humedal und ist 5 Minuten entfernt. Er ist groß, von Grün und einem super Fahrradweg umgeben, ungefähr ebenso vermüllt wie von Enten bewohnt und die optimale Laufstrecke. Meine persönliche Distanz kann ich mittlerweile schon von einer auf zwei Runden steigern. Danke Körper, dass du dich an 2600 Höheneter und äquatoriale Mittagssonne irgendwie doch gewöhnt hast. Ich bin nicht allein unterwegs, Hundeausführer, Fahrradfahrer, Spaziergänger, Kinderwagenschieber bevölkern den Weg. Mir kommt ein Typ im gelben Kolumbientriko entgegen, vielleicht Anfang zwanzig. Auch er dreht joggend seine Runde ums bewachsene Gewässer. Als wir uns auf der gegenüberliegenden Seite zum zweiten Mal begegnen, lächelt er mich an, Daumen nach oben. Ich lächle zurück. Gegenseitige Läufer-Motivation, die sich auch bei Begegnung 3 und 4 forsetzt. Gefällt mir.

Ein paar Minuten später laufe ich an 3 weiteren jungen Männern vorbei. Einer sieht mich, tippt seinen Kumpel an, alle drei drehen sich nochmal gemeinsam um, alles andere Unauffällig. Eine exemplarische Situation. Dass Aussehen, besonders Haarfarbe, Fremd-Sein so offenbaren kann habe ich am eigenen Leibe so richtig erst in Kolumbien gelernt. Ich höre ihre Kommentare dank der Musik in meinen Ohren nicht, kann mir ihren Inhalt trotzdem relativ genau vorstellen. Blond ist hier im Viertel kaum jemand. Ich falle auf, deshalb sind Bemerkungen- überwiegend von männlicher Seite- und Blicke- von so gut wie jeder- mittlerweile schon gewohnt geworden. Nervig? Manchmal, aber schlimm zum Glück nicht wirklich, und ich muss keine 10 Minuten warten, um erneut vom netten Läufer im Kolumbientriko daran erinnert zu werden, dass selbst die flüchtigsten Begegnungen von gänzlich unterschiedlicher Natur sein können. 

Weiter geht die Runde, vorbei an zahlreichen vendedores ambulantes, Straßenverkäufer. Ein Mann hat seinen Jeep neben der Straße geparkt, seinen bunten Sonnenschirm über der mit Kartoffeln übersäten Ladefläche aufgespannt und wartet neben seiner Riesen-Waage nun auf Kundschaft. Neben ihm haben ein paar Frauen auf dem Boden Tücher ausgebreitet und verkaufen nun alles, was das kolumbianische Herz begehrt: Saftmixer (der darf hier nämlich wirklich in keinem Haushalt fehlen), Spielzeug, alte Bücher. Am nächsten Stand könnte ich beim Verkäufer bestimmt 500 Mandarinen auf einmal von seinem Wägelchen erwerben, hätte ich das Bedürfnis und das Geld. Sie liegen hochgestapelt, hängen sogar an Fäden gebunden vom Dach des Wagens herab, der Platz wird optimal ausgenutzt. Nur eins überrascht mich heute: es fehlen die Lautsprecheransagen, die lautstark die Produkte anpreisen. Vielleicht gönnen sie uns gerade mal eine Pause für die Ohren. Schon morgen früh, da bin ich mir sicher, wird wieder ein anderer Verkäufer vor meiner Haustür seine Runde drehen und ein dröhnendes „Mazamoooora, Arroz con leche, Mazamooooora“ (Milchreis bzw. Milchmais, der hier mindestens genauso beliebt ist) bis hinein in mein Zimmer schallen. Ein bisschen freue ich mich schon darauf. 

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