Der Sommer kommt… Zeit durchzuatmen – Das kulturweit-Zwischenseminar

Der Sommer kommt… Zeit durchzuatmen – Das kulturweit-Zwischenseminar

Liebe Leser*innen,

nach drei Monaten steht bei kulturweit traditionell das Zwischenseminar statt. Wir acht Namibier trafen auf den Rest unserer Vorbereitungshomezone, die in Lesotho, Malawi oder Sambia arbeiten. Ort des Seminars war die UMTI-Lodge, circa zwanzig Kilometer nördlich von Windhoek gelegen. Die fünf Tage, die wir dort verbrachten, waren Zeit für uns für Gespräche, Austausch, Entspannung, aber auch für Diskussionen, Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen und Feedback an kulturweit. Angereist waren Trainerin Victoria und Maria von kulturweit aus Deutschland. So konnten die fünf intensiven Tage starten.

Die kulturweiter im südlichen Afrika – 20.11.2017

Unter Eindruck des Vorbereitungsseminars Anfang September in der Nähe von Berlin bereiteten wir uns wieder auf die allgegenwertigen Themen vor: Unsere Rolle als Freiwillige im Globalen Süden, Spuren von Kolonialismus und Fremdherrschaft, Rassismus, Privilegien und die deutsche Verantwortung für den Genozid an den Herero und den Nama 1904-1908. Wie beim Vorbereitungsseminar zeigte sich, welches Privileg wir als Freiwillige hier haben. Wir bekommen ohne Probleme ein Visum für die meisten Länder dieser Welt. Gerade im erlebten Kontext, wie Gespräche mit den Einheimischen, konnten wir diese Privilegien erfahren.

Gleichfalls ist der Freiwilligendienst an sich unter kritische Beobachtung zu setzen. Auch wir haben uns damit auseinandergesetzt. Hat unser Freiwilligendienst überhaupt einen Mehrwert für unsere Gastländer? Sind wir nicht ein kleines Rädchen in der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, die hauptsächlich deutschen, und vor allem den wirtschaftlichen Interessen dient? Ist ein solcher Freiwilligendienst nicht eine Form des modernen Kolonialismus? Es ist schwer auf diese Fragen Antworten zu finden. Wir alle sind uns dieser Problemstellungen und unserer Verantwortung bewusst. Um allen Beschönigungen des Freiwilligendienstes gleich entgegenzuwirken: Der Dienst im Ausland bringt in erster Linie uns selbst etwas, also Erfahrungen oder eine Ergänzung zum Lebenslauf. Erst dann kommen eventuelle Vorteile für die Gastländer. Trotzdem heißt das nicht, dass unsere Arbeit und unser Aufenthalt sinnlos sind. Immerhin schließen wir auch Freundschaften mit Einheimischen und tragen in gewisser Weise zur Völkerverständigung bei. Wenigstens gibt es bei kulturweit das begleitende Bildungsprogramm, in dem wir uns mit diesen wichtigen Themen auseinandersetzen. Ebenfalls gibt es bei uns Freiwilligen Überlegungen die Ungleichheit bei Freiwilligendiensten zwischen dem Globalen Norden und Süden zu minimieren, indem man einen Reverse-Freiwilligendienst einführt, der es Menschen aus unseren Gastländern erlaubt in Deutschland einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Bei vielen anderen Freiwilligendiensten, die mittlerweile auch in Katalogen angeboten werden, fehlt dieses Begleitprogramm leider vollständig, was wir in einem Zeitungsartikel aus der Zeit feststellten. (http://www.zeit.de/2017/42/gap-year-abiturienten-auslandsaufenthalt-auslandserfahrung – lesenswert!)

Ausflug nach Windhoek – 22.11.2017

Am nächsten Tag stand ein Ausflug nach Windhoek statt. Mit selbst vorbereiteten Vorträgen führten wir einander an den Sehenswürdigkeiten vorbei. Themen waren hier vor allem, die deutsche Kolonialgeschichte, sichtbar an der Christuskirche und der alten Feste und der namibische Freiheitskampf, der im von einer nordkoreanischen Firma gebauten Independence Memorial Museum gezeigt wird. Für uns Windhoeker fühlte es sich schon fast so an, als führten wir die Gäste aus den anderen Ländern durch unsere Heimatstadt. Mittagessen gab es im Pepata, wo es typisches Ovambo-Essen gibt wie Mopane-Würmer oder Pap. Insgesamt ein gelungener Ausflug, auch gerade deswegen, weil wir ihn selbst geplant hatten.

Ich halte meinen Vortrag in Windhoek – 22.11.2017

Der letzte vollständige Tag handelte schließlich komplett von der deutschen Kolonialgeschichte und dem Genozid an den Herero und Nama von 1904 – 1908. Damals gab Lothar von Trotha, Generall der deutschen Schutztruppe den Befehl zur vollständigen Auslöschung des Volkes der Herero. Es kam zur Schlacht am Waterberg und der Vertreibung und Umzingelung in die Wüste, wo viele der Herero verhungerten und verdursteten. Fast 80% der damals 40000-60000 Hereros starben. Gleichzeitig kam es zum Aufstand der Nama (von den Deutschen „Hottentotten“ genannt). Man begann die Nama und überlebende Hereros in Konzentrationslagern zu internieren, womit der Grundstein für die weitere deutsche Geschichte gelegt war. Ca. 10000 Nama starben.

Man spricht hier auch vom ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Zwar kennt Deutschland dies an, doch gab es bis heute keine offizielle Entschuldigung durch Deutschland, weder durch die Bundesregierung, noch durch den Bundestag. Aktuell finden Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung statt. Es geht um die offizielle Anerkennung und Entschuldigung, als auch um Reparationszahlungen. Bei uns auf dem Seminar zu Gast war Mrs Veii von der Ovaherero Genocide Foundation. Sie berichtete uns von den Gräueltaten der Deutschen, die ihren Vorfahren angetan wurden und erklärte uns die aktuelle Klage an einem New Yorker Bericht.

Dazu zur Vorgeschichte: Die SWAPO, die traditionelle Regierungspartei Namibias, die das Land auch befreit hat, besteht traditionell hauptsächlich aus dem Volk der Ovambos, das im Norden Namibias lebt und kaum unter der deutschen Kolonialherrschaft gelitten hat. Somit fühlen sich alle anderen Völker, wie die Herero und Nama, sich nicht von der namibischen Regierung repräsentiert. Der sogenannte „Tribalism“, die Ausgrenzung und Konkurrenz zu anderen Stämmen ist nach wie vor präsent. Somit wollen die Herero und Nama, die eigentlichen Opfer des Genozids, Mitsprache bei den Verhandlungen zwischen den Regierungen, was ihnen verwehrt bleibt. Deswegen haben verschiedene Vertretergruppen der Herero und Nama vor einem Gericht in New York gegen Deutschland geklagt. Deutschland allerdings kennt diese Klage nicht an und ist zu den beiden bisherigen Verhandlungsterminen nicht erschienen. Der nächste Verhandlungstermin ist dann im Januar.

Mrs Veii zeigte uns eindrucksvoll, wie sie für ihre Sache kämpft. Ihr geht es bei ihrer Arbeit auch um Versöhnung mit Deutschland, aber auch um das Zusammenwachsen innerhalb Namibias. Ihre Organisation arbeitet auch dafür, dass der Genozid im Geschichtsunterricht an den namibischen Schulen überhaupt unterrichtet wird. Unsere Erkenntnis am ende des Tages war, dass Deutschland sich seiner Verantwortung stellen muss und die offizielle Entschuldigung aussprechen muss. Außerdem müsste man mit den Herero und Nama selbst verhandeln und diese nicht ignorieren. Über Reparationszahlungen, wie viel und zu welchem Zweck, kann man dann im Anschluss erörtern. Allerdings sind diese Zahlungen aufgrund der mit dem Genozid verbundenen Enteignungen  und dem Raub der Lebensgrundlagen der Herero definitiv berechtigt.

Kurze Pause beim Ausflug in Windhoek – 22.11.2017

Am Ende des Seminars waren wir alle müde, hatten aber eine schöne Woche, gerade, weil wir die anderen Freiwilligen vom Vorbereitungsseminar wiedergesehen haben. Das wurde dann am Wochenende natürlich ordentlich gefeiert. Am Samstag besuchten wir mal wieder ein Nationalmannschaftsspiel Namibias – aber diesmal im Rugby. Namibia hatte ein Testspiel gegen Uruguay im Hage-Geingob-Stadium. Wir haben das Spiel mehr oder weniger verstanden… Jedenfalls gewann am Ende Uruguay nach einem engen Spiel mit 39:34.

Namibia vs. Uruguay – 25.11.2017

Hier wird es so langsam Sommer. Die Temperaturen klettern weiter – aktuell sind sie bei 35 Gad im Schnitt. Wenn ich auf Bildern von zuhause verschneite Landschaften sehe, kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen. Das Problem dabei ist nur, das keine Weihnachtsstimmung aufkommt. Obwohl auch hier die Läden und Straßen geschmückt sind, mag ein Adventsgefühl nicht aufflammen. Ich kann mir nicht vorstellen dass in 24 tagen Heiligabend ist… Ich würde gerade auch echt gern einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken. Aber naja, dieses Weihnachten verbringe ich eben am Strand. Nächstes Jahr dann wieder richtig in Deutschland.

Ich wünsche Euch allen eine besinnliche und schöne Adventszeit. Schickt mir ein bisschen Weihnachtsvorfreude und dann klappt das bei mir vielleicht auch besser mit der Weihnachtsstimmung!

In diesem Sinne ein erholsames erstes Adventswochenende und bis bald!

Euer Jonathan

Hinterlasse einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen