El Peluquero Venezuelano

Nach etwa 4 Wochen hier in Argentinien war es soweit: die Tolle überbordend, ich musste zum Friseur. Aus der Euphorie heraus, endlich eine Wohnung gefunden zu haben, war ich empfänglich für den Ratschlag meines venezuelanischen Mitbewohners, meine Haare einem nebenberuflich als Friseur tätigen Landsmann anzuvertrauen. So fing alles an:

Dienstag, 17:13 Uhr, nach der Arbeit setze ich mich in die ‚Subte‘ (U-Bahn) Linie B nach Villa Crespo, einem untouristischen Barrio im Innern von Buenos Aires. Beim Verlassen der U-Bahn an der Station Angel Gallardo male ich mir aus, an diesem Tag nach dem Haarschnitt endlich mal viel Zeit zum Kochen zu haben. Nach kurzer Suche finde ich die Adresse, an der ich mich mit meinem Teilzeit-Friseur per Whatsapp verabredet habe. Dass man mehreren Berufen nachgeht, ist hier nicht ungewöhnlich, deswegen stört mich nicht, dass er nur ’nebenberuflich‘ (s.u.) Haare schneidet.
Nachdem ich etwa 20 Minuten gewartet habe, kommen auf dem Bürgersteig zwei junge Männer auf mich zu. Der Venezuelaner stellt sich als César vor, der andere, Federico, ist ein kolumbianischer Freund der Familie. Begrüßung, dann klingelt ein Handy. Die Gesprächsfetzen, für deren Verständnis mein Spanisch im Moment ausreicht, verheißen nichts Gutes. Dies wird sogleich durch César bestätigt: wir können noch nicht in die Wohnung, der Grund wird vage umrissen. Sie scheint noch belegt zu sein, jemand anderes nutzt sie gerade. Ich frage wie lange es dauern wird. Etwa 20 Minuten lautet die Antwort, dann können wir anfangen.
In der Wartezeit gehen wir zur Ecke des Blocks, wo sich ein Tattoo-Studio befindet. Offensichtlich sind der Besitzer, César und Federico ziemlich gut befreundet, und weitere interessante Gestalten stoßen hinzu. Sekunden später sitze ich auf einer Bank vor diesem Studio mit mir völlig fremden Menschen, die nicht so recht wissen, was sie von mir halten sollen. Trotzdem sind alle sehr nett zu mir, keine Beklemmung, sondern eher Entspannung macht sich breit. Man philosophiert über das Leben, Reisen in die USA und die Probleme Argentiniens, die hier sehr offen zur Sprache kommen. Es fühlt sich beinahe an wie ein Aufnahmeritual, als mir ‚Canela‘ angeboten wird, ein venezuelanischer Rum aus Rohrzucker und Zimt, der angeblich überhaupt nicht scharf ist und in dieser Runde schon vor unserem Eintreffen gekostet wurde. Als ich gerade dankend ablehnen möchte, wird mir die Symbolkraft des Angebots bewusst, und ich probiere doch. Tatsächlich schmeckt die bernsteinfarbene Flüssigkeit nicht schlecht, allerdings lässt sich beim ersten Kontakt mit der Mundschleimhaut der Alkoholgehalt auf „eindeutig ungesund“ schätzen. Das ist mir um diese Uhrzeit zu viel, so beteilige ich mich nicht daran, die Flasche zu leeren.

Nach 45 Minuten ruft César zum Aufbruch und wiederum zu dritt machen wir uns auf in die Wohnung. Beim Reinkommen fallen als erstes die zwei Hunde und eine Katze auf, die sich gegenseitig durch die Wohnung jagen, und dabei die Mehrzahl der Einrichtungsgegenstände in Gefahr bringen. Abgesehen davon ist das Wohnzimmer ganz nett, wenn auch sehr spärlich eingerichtet. Wer hier wohnt oder nicht, erfahre ich zunächst nicht, dafür aber, dass César im Haarschneiden seine eigentliche Berufung gefunden hat und so beinahe mehr verdient als durch seinen anderen Job. Nachdem die Katze gefüttert ist, lässt César die Musikanlage venezuelanischen Rap abspielen, lautstark, so dass er fast schreien muss, um gehört zu werden, wenn er mitsingt /-rapt. Wir gehen wir herüber in ein anderes Zimmer, ich werde auf einen kaputten Kinderschreibtischstuhl mit Auto-Muster gesetzt, Blick in Richtung des kleinen Spiegels auf der Innenseite einer geöffneten Schranktür. Zum ersten Mal frage ich mich, ob das Ganze wirklich so eine gute Idee war (im Nachhinein frage ich mich, warum ich mich das nicht eher gefragt habe).
César lässt sich von mir erklären, wie ich auf dem Kopf aussehen will, dann legt er los. Geschlagene 45 Minuten werde ich mit einer stumpfen Schere, einem Kamm und einem lahmen Rasierapparat bearbeitet. Während der ganzen Prozedur sitzt Federico schräg hinter mir auf einem Hochbett und spielt sehr passioniert ein bekanntes ‚Ballerspiel‘ auf der PlayStation. Dazu der venezuelanische Rap, ich konzentriere mich auf’s Aushalten.
Kurz vor Ende schaut noch eine etwa 40-jährige Frau herein, sie fragt, wie es uns geht, und bittet, wir sollten die Musik leiser machen. César darauf (Zitat): „Der Deutsche wollte das so laut hören!“ Die Frau schaut mich scherzhaft böse an, und wir alle lachen. Dann ist es vorbei und ich begutachte (zugegebenermaßen ziemlich argwöhnisch) das Ergebnis. Ich glaube wirklich sagen zu können, dass sich noch kein Friseur je solche Mühe mit meinen Haaren gegeben hat, und  so gründlich war. Ich bin geradezu begeistert, und freue mich auch, dass die Frau (Césars Mutter, die mit ihm zusammen in der Wohnung lebt) mich noch herzlich verabschiedet.

Als ich irgendwie erleichtert wieder auf der Straße stehe, ist es fast 20 Uhr. Ich merke, dass mir das Erlebte nicht so ganz geheuer war. Trotzdem finde ich es nicht schlimm, dass ich heute nicht mehr viel anderes machen werde, denn es war auch eine Bereicherung. So etwas nennt man dann wohl ‚Eintauchen in die Kultur‘.

Jetzt, Wochen später, muss ich beim Verfassen dieses Eintrags ständig schmunzeln. Mein altes Ich hatte sich wirklich noch nicht gut eingelebt. Rückblickend empfinde ich dieses Erlebnis als positiv einschneidend, weil ich so überrascht wurde. „Nicht besser oder schlechter, sondern anders ist das Fremde“ könnte man als Erkenntnis hieraus ziehen, tatsächlich hat mir dieser Abend dazu verholfen, den südamerikanischen Charme hier in Argentinien an manchen Stellen mehr zu würdigen.

Jedem, der bis hierhin gelesen hat, erstmal Danke! Du scheinst dich wirklich zu interessieren, das freut mich. Liebe Grüße aus Buenos Aires,

JFK