Bitte lächeln!

Etwas unentschlossen stehe ich an der Hofeinfahrt des Goethe-Instituts. Mich und mein Moped-Taxi trennt eine große Pfütze. Egal, ich bin eh schon nass, denke ich, als ich durch das knöcheltiefe Wasser zum Moped wate. Ich trage mein knallgrünes Regencape, merke aber schon, dass ich trotzdem klitschnass zu Hause ankommen werde. „Allo!“ grinst mich mein Fahrer an. Ich merke, dass ich wahrscheinlich etwas unglücklich geguckt habe und lächle zurück. „Thank you…“ sage ich und deute auf die Straße. Überall Wasser, es schüttet wie aus Eimern und ich habe auf einmal ein schlechtes Gewissen, mir ein Moped-Taxi gerufen zu haben. In einer halben Stunde würde wahrscheinlich schon wieder die Sonne scheinen. Doch der triefnasse Fahrer grinst nur weiter und tut den Regen mit einem Schulterzucken ab. Ein paar Minuten später fahren wir durch überflutete Straßen, meine Füße hängen im Wasser, doch ich grinse übers ganze Gesicht, ohne genau zu wissen, wieso. Ich bin schon komplett durchweicht, es hat sich ein kleiner See auf meinem Regencape gebildet und ich sehe durch meine vollgeregnete Brille kaum etwas. Doch ich bin glücklich. Und sehe, wie mich eine Frau auf einem Roller, der neben uns fährt, breit angrinst. Ich grinse noch ein bisschen mehr und sie winkt. Es ist nicht das erste Mal. Viele Menschen lächeln mich fröhlich an oder grinsen und winken. Das kann auf dem Roller sein, im Supermarkt oder in einem kleinen Café, in dem außer mir und Kim nur Einheimische sitzen. Wenn wir einen Raum betreten, werden wir breit angelächelt. Lächeln wir zurück, werden wir oft mit einem freudigen „Allo!“ und freundlichem bis begeistertem Winken begrüßt – unabhängig davon, ob wir die Leute kennen oder nicht. Lächeln scheint hier eine Allzweckwaffe zu sein. Man lächelt aus Fröhlichkeit oder Freundlichkeit, weil ein kleines Missgeschick passiert ist oder wenn man sich nicht versteht und Lächeln die einzige Kommunikation ist, die alle teilen. Wenn wir in ein Café gehen, grinsen die Menschen, die schon dort sitzen, uns an, kleine Kinder tippen ihre Eltern an und zeigen auf uns, um dann oft begeistert zu winken und mit einem Lächeln wird uns ein grüner Tee auf Eis gebracht, der als nette Geste meist schon vor der Bestellung gereicht wird. Wenn ich hier auf einem der winzigen Plastikstühlchen sitze, Cà phê sữa đá (eine Art Eiskaffee mit Kondensmilch) trinke und das Treiben um mich herum beobachte, habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Unzählige Motorroller brausen vorbei. Die Menschen, die sie fahren, tragen meist lange Oberteile, Schürzen, Mundschutz, Sonnenbrillen und Kapuzen als Sonnenschutz. Ein anfangs ungewohnter Anblick, mittlerweile habe ich mich daran ebenso gewöhnt wie an das viele Hupen, die Handkarren, die durch die Massen von Rollern manövriert werden, die Kegelhüte und Streetfood-Stände, die das Straßenbild prägen. Ich bin in einer Metropole gelandet. Alles wirkt auf mich hier irgendwie rastloser und vor allem lebendiger als zu Hause. Für mich gibt es bei jedem Schritt aus dem Haus und bei jeder Rollerfahrt Neues zu sehen und zu entdecken, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen. Vietnam, ich freue mich auf die bevorstehenden fünf Monate – und muss beim Gedanken an die nächste Zeit schon wieder lächeln!

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