Von Märchen und Vorurteilen

Ankommen ist nicht leicht. Die erste Woche nach dem Weihnachtsurlaub zuhause ist wieder mit Zweifel gefüllt. Bin ich dem Allem gewachsen? In einem fremden Land allein zurecht kommen? Alleine Reisen? Nach eineinhalb Wochen zuhause kommt mir dieses Leben hier fern und fremd vor. Ich habe hier zwar einige wenige Bekanntschaften, nette Kolleginnen und eine hilfsbereite Vermieterin, aber keine Freunde. Freie Zeit zum Treffen und das Pendeln waren häufig das Problem. Ein typisches Kleinstadtproblem. Die Freizeitgestaltung ist deshalb das Schwierigste. Ich bin deshalb viel gereist und habe Ausflüge gemacht. Das Reisen ist aber auch eine große Herausforderung und Überwindung. Ein bisschen der Anfangsmotivation ist auch verflogen, denn in eineinhalb Monaten kann ich nicht mehr allzu viel bewegen. Andererseits nur noch eineinhalb Monate, um all das zu wagen, was ich mir noch vorgenommen hatte.

Trotz dieser Schwierigkeiten habe ich mich in den Schulalltag  schnell wieder eingelebt. Mittlerweile kann ich gut die Erwartungen und Ansprüche der verschiedenen Lehrerinnen einschätzen. Kein Tag ist so wie der andere. Planung bedeutet auf das Unerwartete vorbereitet zu sein, also vor allem flexibel und spontan zu sein. Leider haben die Projekte auch bisher nicht so geklappt wie erhofft. Aber auch das lernt man mit der Zeit, mit Rückschlägen umzugehen.

Urteile über Vorurteile:

Ich erinnere mich an die Worte im Vorbereitungsseminar, erst nach sechs Monaten über sein Gastland zu urteilen. Ich erlaube mir schon nach fünf Monaten mit ein paar eigenen Vorurteilen aufzuräumen, die ich  z.T. vor meinem Aufenthalt hatte.

Nein, die Infrastruktur ist kein Relikt aus kommunistischen Zeiten, das unbedingt unangetastet bleiben muss.

Im Gegenteil die Infrastruktur ist wirklich bewundernswert für eine Kleinstadt. Gut ausgebaute Verkehrsverbindungen, die auf den Bedarf perfekt angepasst sind (manchmal zu perfekt, wenn man zu einer ungünstigen Zeit fahren möchte…) . Vor allem ist das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmittel bezahlbar! Die vielen privaten Unternehmen machen das System zwar unübersichtlicher, aber auch preiswerter und komfortabler. Man muss sich aber über die Verkaufsstellen informieren, weil nicht alle Fahrkarten überall gekauft werden können. In diese gute Infrastruktur wurde seitens der EU hier viel investiert. Für die Lage dieser Region, einer wichtigen Schnittstelle zur Slowakei und zu Polen und die vielen Pendler auch unbedingt notwendig.

Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit in Mährisch-Schlesien mit eine der höchsten in ganz Tschechien. Das Lohnniveau liegt deutlich unter dem in Prag. Vom immensen Wegzug  nach der Schließung vieler Kohleminen zeugen hier  noch leere Wohnhäuser am Stadtrand. Doch die Region investiert in ihre Zukunft. Sie setzt auf eine diversifizierte Wirtschaft und auf Forschung und menschliche Ressourcen. People make the difference! Gut ausgebildete Arbeitskräfte, wie sie auch in meiner Schule einer Handelsakademie herangezogen werden. Das heißt diese Region zu einem Forschungs- aber auch Wirtschaftszentrum für internationale Unternehmen auszubauen.

Und auch der Besuch einer tschechischen Behörde ist nicht so schrecklich, wie mir die Touristenführer und Infos zu Tschechien weiß machen wollten. Ich habe den Besuch nicht wie empfohlen vermieden, sondern Berührungen gesucht.

Nun zugegeben, ich bin leider nicht in den Genuss aller Behörden gekommen, aber einige öffentliche Stellen, mussten sich doch mit meinen Sprachkenntnissen herumschlagen. Und bis jetzt überwiegen die positiven Erfahrungen deutlich. Vielleicht liegt es auch an meinem Bemühen in der tschechischen Sprache. Das schönste Erlebnis  dabei war in Prag in einer kleinen Poststelle. Beim Kauf von Briefmarken hatte ich Schwierigkeiten das Wort dafür auszusprechen, doch das ermutigende Lächeln der Frau am Schalter war wirklich motivierend. Und genervte schlecht gelaunte Mitarbeiter und Beamte trifft man in jedem Land. Das sagt aber meist ebenso wenig etwas über das Land wie die Behörde aus.

Von Märchen und Bällen:

Vorletzten Freitag war dann der große Abiball. Im kalten Januar. Und anders als in Deutschland eine Pflichtveranstaltung für alle LehrerInnen, also auch für mich. Völlig fehl am Platz mit meinem blauem Ballkleid laufe ich durch die Hochhäuser. Wie Aschenputtel in den Märchen fühle ich mich, die wir im Deutschunterricht für ein Märchenprojekt rauf und runterspielen. Laufen um pünktlich um Mitternacht nach Hause zu kommen. Damit der Zauber des Kleides nicht zu früh verfliegt. Da liegt dann doch ein winziger Unterschied, dass ich nicht einem Zauber entgegenlaufe, sondern meinem Bus, denn ich bin mal wieder zu spät dran. Klippklapp, Klippklapp, machen meine Schuhe beim Laufen. Ticktack, ticktack, meine Uhr und die rote Ampel.
Der Ball selbst ist ein wirklich schönes Erlebnis, ich lerne die LehrerInnen besser kennen und freue mich über die Ausgelassenheit der SchülerInnnen, die mich an mein eigenes Abitur erinnern. Und der Ball hat seinen Namen wirklich verdient: Lange Ballkleider und genug Zeit und Platz zum Tanzen.

Prag, Brno, Olomouc und nun endlich Krakau

Krakau, die zweitgrößte Stadt Polens und eines der beliebtesten Reiseziele in Europa war auch mein nächstes Wochenendziel. Die Beliebtheit der Stadt spiegelt sich auch in meinem voll belegten Hostel wieder. Ich war bisher, in der Nebensaison, halb belegte Zimmer gewöhnt. Morgens auf dem quadratisch angelegten mittelalterlichen Marktplatz ist von den Touristen allerdings noch nicht viel zu spüren. Das ändert sich erst um die Mittagszeit, als ich von einer Ausstellung in den unterirdischen Markthallen auf den Marktplatz emporsteige. Der Marktplatz mit seinen imposanten Gebäuden den Tuchhallen, dem Rathausturm (ein Überbleibsel des Rathauses) und zahlreicher kleiner und großer Kirchen (Marienkirche, Adalbertkirche…) hinterlässt einen sehr erhabenen Eindruck bei mir. Nur die ältesten Kirchen stören das Bild eines perfekt quadratische Bild des Platzes. Aber neben dem Marktplatz zeugen die Stadtmauer mit dem Florianstor und die Barbakane, wohl der größte gotische Wehrturmbau Europas, von der Größe und der einstigen Stärke dieser Stadt.

Und da ich bereits mit einigen Superlativen hantiere: Krakau ist neben Warschau das wichtigste kulturelle Zentrum Polens. Denn die ehemalige Hauptstadt hat nicht nur gut erhaltene historische Bauten der ganzen Bandbreite von Renaissance bis Jugendstil zu bieten, sondern als Sitz berühmter Künstler auch eine große Vielfalt an Gemälden und Kunstwerken. Doch ich möchte nicht wie ein Broschürentext aus einem Touristenführer klingen. Denn bei den ganzen Superlativen und den imposanten alten Bauwerken kann es schon einmal vorkommen, dass sich so mancher auf dem Königsweg, vom Schloss Wawel zum Marktplatz, zwischen dem Gepolter der Pferdekutschen, in alte Zeiten zurückversetzt fühlt…

Der Schneeeinbruch über das Wochende zaubert nicht nur Kindern ein Lächeln ins Gesicht. Am frühen Sonntag Morgen schlittern auch Erwachsene erfreut über die verschneiten Wege. Das macht den ganzen Ausflug zwar mächtig kalt, aber dafür ist Laufen eine umso bessere Ablenkung. Und ich gönne mir im jüdischen Viertel in einem kleinen Café einen Kuchen und einen wunderbaren Kaffee und denke über das Leben in einem fremden Land nach.

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