Was ist das eigentlich ZUHAUSE?

01.Januar 2018 ! Ein Jahr ist jetzt vorüber, dessen Anfang mir meilenweit entfernt scheint. Im Januar noch kurz vor dem Abitur und schon ein halbes Jahr später stand meine Welt Kopf. Mitten ins Leben geworfen, stand ich an der Abzweigung meines Lebens. Zugegebenermaßen nicht ganz so dramatisch und nicht ganz ohne Plan. Und so fand ich mich bei meinem FSJ Anfang September in einer Hochhauswohnung in Westtschechien, in Karviná wieder. Eine riesige Umstellung, nicht nur der Rollentausch von einer Schülerin zur Hilfslehrerin…

Und gut zwei Monate später erneut eine Umstellung: Aus der Slowakei vom Zwischenseminar zurück in den Schulalltag in Cesky Tesin. Und das ziemlich unsanft. Direkt am ersten Arbeitstag zerplatzt mein geplantes Musikprojekt mit der 2.Klasse. Leider hatte ich auf dem Zwischenseminar dieses Projekt umsonst geplant. Während meiner Abwesenheit fand eine Lehrerbesprechung statt. Die gesamte zweite Stufe (eigentlich die einzige Stufe für Projekte) wurde nun zu einem Wettbewerb verpflichtet und ist dafür voll eingeplant. Statt des Musikprojekts soll ich nun den Wettbewerb betreuen. Die Zusammenarbeit bei Projekten hatte ich mir anders vorgestellt, auch ein Gespräch mit den LehrerInnen änderte daran leider nur weniger. Ein richtiger Rückschlag, der mich ärgert, besonders weil ich von dem Projekt noch nicht wirklich überzeugt bin.

Andere kleinere Unterrichtsprojekte, die ich vorgeschlagen und geplant habe, liefen besser: Eine Unterrichtsstunde gab ich in der Abiturklasse zum Thema Musik. Ich habe ein relativ aktuelles Lied (“Oft gefragt”) von einer jungen deutschen Band vorgespielt. Anschließend wurden sie von mir über Musik und Musikstile ausgeFRAGT (Hihi, Wortspiel). Zum Teil weckte ich ein paar Schüler aus ihrem Dornröschenschlaf. Naja, wir wollen nicht übertreiben. Ihnen hat das Lied gefallen und sie haben sich am Unterricht beteiligt. Die Krönung der Stunde war das Lob meiner Ansprechpartnerin. Was will man mehr? Ein anderes kleines Unterrichtsprojekt war dann ein Bilder-Text-Legespiel, das ich zu Sprichwörtern entworfen hatte. Das Projekt wurde dann schließlich in vielen deutschlernenden Klassen erprobt und erfreute sich ziemlicher Beliebtheit.
Eine Herausforderung ist es wirklich noch sich als Autoritätsperson vor eine Klasse zu stellen. Am liebsten möchte ich eine lockere Ansprechpartnerin für das Deutsche für die SchülerInnen sein und kein Machtwort sprechen müssen. Aber eine Autoritätsperson sein ohne Autorität ist schwierig. Es funktioniert nur solange ich zusammen mit einer Lehrerin in der Klasse bin. Das übliche Rollenproblem also…

Direkt am nächsten Wochenende ging es nach Brno zur Schlacht in Austerlitz (Slavkov, in diesem Fall ist Austerlitz bekannter;)). Ich stürzte mich also am Freitagnachmittag ins Schlachtgetümmel nach Brno. Direkt im Zug hatte ich meine erste denkwürdige Begegnung. Einen Mann, den ich etwas in wohl nicht allzu guten Tschechisch gefragt hatte. Ihn hatte das aber nicht davon abgehalten, sich mit mir auf Tschechisch zu unterhalten. So gab er mir einige Informationen zu tschechischen Städten, die an uns vorbei zogen. Z.B. Brno je velké mĕsto. (Brünn ist eine große Stadt.) Und ich versuchte meinerseits ihm verständlich zu machen, warum ich in  Karvína bin. Eine ziemlich schwere Mission, mit den falschen Präpositionen und dem wenigen Vokabular, das ich hatte. Trotzdem bin ich von seiner Hartnäckigkeit beeindruckt, obwohl ich wirklich nicht viel Tschechisch spreche. Nach dem Zwischenseminar war aber endlich die Schwelle zum Sprachgefühl überschritten. Nun kann ich mit den ersten Klassen mithalten und spreche in etwa soviel Tschechisch wie sie Deutsch. Vor allem mein passiver Wortschatz ist durch die ständige Umgebung mit der Sprache gewachsen, sodass ich bei vielen Gesprächen in der Schule den Inhalt erahnen kann.
Aber zurück zu Brno oder Brünn. Der Weihnachtsmarkt ist schon aufgebaut und es herrscht geschäftiges Treiben, auch weil viele Brünner zum Bahnhof flüchten für ihren allwöchentlichen Wochenendausflug. Und Brünn ist wunderschön und wow, voller Menschen! Und so groß! Ich habe mich wohl wirklich an die Kleinstadtsituation  in Karviná gewöhnt. Ich fühle mich direkt wohl! Schöne alte Gebäude, Kirchen und eine eigenwillige Kunst, die die Straßen und Plätze besonders belebt. Ein Haus, das auf den ersten Blick, an moderne weiße Flachbauten erinnert und auf dem zweiten Blick zeitlos und von Anfang des 20.Jahrhunderts ist. Bekannt unter dem Namen Villa Tugendhat. Die Burg Špilberg begrüßt mich mit seinen weiß gepuderten Grünzonen und schnaufenden Joggern, die an mir vorbeiziehen. Trotz dieser weißen Pracht treibt mich der Heimweh um. Ich fühle mich einsam und zögere zur Schlacht in Austerlitz zu fahren. Schließlich tue ich es aber doch und bereue es trotz meiner kaltgefroreren Füße nicht. Ablenkung ist eben die beste Medizin. Außerdem ist die Schlacht wirklich ein Erlebnis, nicht nur die Internationalität mit den vielen verschiedenen Soldaten und Reitern. Leider verstehe ich vom Schlachtgetümmel nicht viel, die Erläuterungen zur Schlacht sind zu leise.

Zurück nach Hause?

Ab dem 23. Dezember bin ich dann auf Heimaturlaub in Deutschland. Eine Umstellung die mich nachdenklich macht:
Wie ist es die Adventszeit in der Heimat zu verpassen?
Um in Weihnachtsstimmung zu kommen, lasse ich in meiner Wohnung Kerzen brennen und dekoriere meine Wohnung mit Schneeflocken. Richtig Weihnachtsstimmung kommt aber erst in der letzten Adventswoche auf. Für mich bedeutet Adventszeit der Geruch von Kaminfeuern, Kerzen und frisch gebackenen Keksen, Schlittschuh laufen und Weihnachtsmärkte. Fast alles finde ich auch in Tschechien, aber die wichtigste Zutat fehlt: Das gesellige Beisammensein mit Familie und Freunden.

Und die Heimkehr bereitet mir auch Sorgen. Was passiert, wenn ich mich zu sehr an Deutschland und die Gemütlichkeit bei meiner Familie gewöhne?
Dann wird mir die Rückkehr und die Selbstständigkeit in Tschechien schwer fallen. Vor allem kann ich mir hier in Deutschland mein selbstständiges Leben in Tschechien nicht mehr vorstellen. Das gegenteilige Gefühl hatte ich in den ersten Tagen bei meiner Familie. Ich habe meine Wohnung in Karviná vermisst, mein eigenes, selbstständiges Leben.

Verwirrende Gefühle. Was bleibt ist die Frage: Was ist denn mein Zuhause eigentlich?

Den Zwiespalt der Gefühle versuche ich mit Arbeit und Freizeitaktivitäten zu überdecken. Das ist aber alles andere als leicht. Vor allem hatte ich vorletzte Woche einen ziemlich schwachen Kreislauf. Statt nach Cesky Tesin zu fahren, lief ich deshalb in die Innenstadt von Karviná und sah mir den Weihnachtsmarkt an. Danach war ich trotz Erschöpfung ziemlich zufrieden, vor allem dass ich es heil zurück nach Hause geschafft habe!

Die Zeit in Deutschland ist rasend schnell vergangen. Doch es war richtig über Weihnachten nach Hause zu fahren. Ich war unglaublich glücklich meine Freunde und Familie wiederzusehen und in der Zwischenzeit ist auch in meiner Familie viel passiert. Die alljährlichen weihnachtlichen Familientreffen bedeuten mir vielmehr, als ich mir zuvor eingestehen wollte. Weihnachten und Familie ist wirklich untrennbar miteinander verbunden.

Doch der Hintergedanke an meine Rückkehr und die andere Wohnung in Karviná ist mein ständiger Begleiter. Es ist schön ein anderes zuhause zu haben. Jetzt nach einer Woche in Bonn erscheint mir die Rückkehr aber schwierig und meilenweit entfernt…

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