Plong! – Und ich stehe im Dunkeln

Eine Birne ist geplatzt. Das Licht funktioniert nicht mehr. Die Sicherung ist durchgebrannt. Neeein!! Nicht auch das noch ! Zu allem Unglück ist heute Sonntag Mittag, der große Supermarkt um die Ecke schließt gleich. Ich schreibe alle möglichen Leute an, denn die Sicherung will nicht wieder zurück in ihre Fassung. Auch ich bin außer Fassung. Ich suche Rat bei meiner Ansprechpartnerin. Sie rät mir die Nachbarn anzusprechen. Ein heikles Unterfangen, schließlich sprechen wir nicht die gleiche Sprache. Das Ausmaß dieses Problems wird mir erst bewusst, als ich vor der zweiten Tür einer älteren Dame gegenüber stehe. Dass sie mir nicht helfen kann, muss nicht unbedingt an Sprachproblemen liegen, sondern an fehlenden Fachkenntnisse für meinem Sicherungskasten. Verzweifelt gebe ich auf. Was soll’s denke ich mir. Ein bisschen Dunkelheit wird wohl nicht so schlimm sein. Meine Vermieterin hat ihre Hilfe auch schon für morgen angeboten.

Doch die Dunkelheit ist schlimm. Die Dunkelheit macht die Einsamkeit bewusst. Verloren in einer Hochhaussiedlung. Mir gegenüber erleuchtete Wohnungen mit vereinten Familien. Ist das schon Heimweh? Ein bisschen. Es kommt nun immer wieder. Ich werde mir kurz bewusst, dass ich hier allein bin und noch nicht viele Kontakte hier habe. Doch genauso schnell wie es kommt, ist es auch wieder vorbei.

Was ist noch so alles passiert? Nachdem ich nach ein paar Tagen wieder Licht und drei Sicherungen hatte, konnte ich meine Freizeit und meine Reisen planen. Zwei verlängerte Wochenenden mussten gefüllt werden (Das zweite verlängerte Wochenende wird hier Herbstferien genannt;) ). Das Wochenende vorher war ich bei einem Musical mit meiner Ansprechpartnerin, leider nur auf tschechisch, aber Musik verbindet ja bekanntlich. Das Musical war aber sehr schön.

Meine Kontakte schwinden dahin. Die zwei Erasmus-Studentinnen aus Prag fahren Ende Oktober wieder nach Hause, aber die nächsten Wochenenden sind bei mir verplant. Außerdem bin ich bei dem einzigen möglichen Tag krank geworden. Eine leichte Erkältung. Die andere Freiwillige hier in Těšín meldet sich nicht. Die SchülerInnen an meiner Schule haben nicht so viel Zeit. Die Schwierigkeiten einer Kleinstadt werden mir als Stadtkind nun immer bewusster. Ich bin also im Moment alleine. Ich hoffe das ändert sich bald.

Das Wetter in der nächsten Woche ist undurchsichtig. Ich stehe im tiefsten Nebel. Was vor mir steht, sehe ich erst wenn ich mich weitervorwage. Es ist Wahlwochenende. Während die Leute zur Wahl gehen, sehe ich Ihnen dabei zu. Naja vielmehr betrachte ich die Gebäude, in die sie gehen. Ich besuche Olomouc, das kleine wunderschöne mährische Prag. Hier sehe ich mir die sieben denkwürdigen Brunnen, von denen es sechs nach antikem Vorbild gibt und zahlreiche Kirchen und Kapellen. Bei einer Kirche mit asymmetrischen Türmen, die ein wenig wie eine Burg mit Wehrtürmen aussieht, wage ich den Aufstieg. Die Einsamkeit und die engen Wendeltreppen machen ihr Übriges, dass ich bald mit zitternden Beinen auf der ersten Etage stehe. Ich erschrecke, als ich einen Knall höre, als ein Mann die knarrenden Metalltreppen nach oben steigt. In der Tat wirkt diese Treppe und das dünne Geländer nicht gerade vertrauenserweckend. Aber am Ende der Treppe entdecke ich den Grund für den Knall, eine Luke, die man öffnen muss um auf die Plattform zu gelangen. Ich stemme mich dagegen und quetsche mich hindurch. Der Anblick ist wirklich atemberaubend:

Ich stehe vor einem weißen Nichts. Der Nebel hält die Stadt mit eisiger Faust gefangen.

Mit Nebel endet auch mein Ausflug zum nahe gelegenen Wallfahrtsort Svatý Kopeček. Was die Außenansicht nicht bieten kann, bietet die Innenansicht. Die Kircheninnenraum ist atemberaubend schön.

Die Stadt ist zu dieser Zeit überhaupt nicht touristisch, vielleicht auch weil die halbe Innenstadt umgebaut wird und die Straßen z.T. Schuttplätze sind. Was Tourist ist, zeigt sich um 12 Uhr vor der Rathausuhr, wenn die Figuren beginnen zur Orgelmusik zu tanzen. Die Dreifaltigkeitssäule ist aber das absolute touristische Highlight. Sie ist mit Figuren und Ornamenten übersäht und beherbergt eine kleine Kapelle. Nicht ohne Stolz ist sie UNESCO-Weltkulturerbe. Der Marktplatz ist Mittelpunkt des öffentlichen und des touristischen Lebens zugleich. Auf dem Nebenplatz befindet sich mehrere Brunnen und die Maria-Pestsäule, eine Erinnerung an die Menschen raubende Pestzeit.

Das nächste Wochenende bin ich nicht mehr alleine unterwegs. Ich mache Ferien mit einer Freiwilligen aus Brno, in Jeseník, einem Kurort im Altvatergebirge. Das Wetter ist leider ziemlich unpassend. Es stürmt und regnet, aber da wir das erwartet hatten, freuen wir uns umso mehr über jede sonnige und windstille Minute. In der Touristeninformation bekommen wir einen Haufen deutscher Werbeprospekte mit den Worten: „Das ist LEIDER alles was wir auf Deutsch haben.“ Wir entscheiden uns am nächsten Morgen zu einer nahegelegenen (letztendlich doch 4 km Fußweg) größten tschechischen Höhle Na Pomezi, zu gehen. Der Weg führt über den Kurort Gräfenberg an einem Lehrpfad vorbei. Wir kommen an einer Bergquelle und einem nebelverhangenen herbstlichen Tal vorbei. Es ist wunderschön und die Sonne enttäuscht uns erst als wir in der warmen Eingangshalle vor der Höhle sitzen. Leider haben wir die Rechnung ohne die vielen Regenflüchtlinge gemacht, die nächste Führung geht erst in einer Stunde. Alles starrt uns an, als wir bei der tschechischen Führung als einzige deutsche Headssets bekommen. Die Tropfsteinhöhle ist wunderschön und viele Formationen haben eigene Namen bekommen, wie das türkische Bett und der Paviankopf. Zum Teil waren Forscher mit viel Phantasie am Werk. Am Nachmittag wandern wir dann zu den Teufelssteinen. Woher sie ihren Namen haben, merken wir, als wir ihn besteigen und der Wind stärker wird. Dort oben hat man Angst herunter geweht zu werden. Das Geländer besteht aus schwingenden Metallseilen, neben uns geht eine Steinwand steil hinab. Ich bin froh, als ich wieder unten bin, denn einen Sturm möchte ich dort oben wirklich nicht erleben.

Am Abend entschließen wir uns im Restaurant in unserem Hotel zu essen. Es war bereits bei unserer Anreise schwierig einzuchecken, da wir die einzigen und auch noch ausländischen Gäste waren. Nun bemerken wir, was es bedeutet in der Nebensaison auch noch in ein örtliches Restaurant oder wohl eher Kneipe zu kommen. Alle Blicke richten sich auf uns. Nachdem wir ungewöhnlicherweise etwas zu essen und kein Bier bestellt haben, beschließen die Einheimischen uns etwas Alkoholisches auf den Tisch zu stellen. Hochgezogene Brauen folgen uns, als wir eine Stunde später die Kneipe verlassen.

Am nächsten Tag machen wir eine Tour auf dem Altvater, dem Praded. Wir wollen dem Wetterbericht erst nicht glauben, als es Minusgrade und ersten Schnee anzeigte, aber man sollte tausend Höhenmeter nicht unterschätzten. Warm eingepackt wandern wir also einen kleinen Bergpfad am Bílá Opava, einem Bach, vorbei entlang und freuen uns über die ersten Schneeflocken. Schnell aber schlägt diese Freude in Skepsis um. An der Berghütte oben angekommen erwarten uns dann noch vier Kilometer. Es schneit heftig und der Weg, den wir hochgekommen sind, ist schon teilweise eingeschneit. Trotzdem entschließen wir uns weiterzugehen und sind froh, als wir vielen anderen auf einer langen asphaltierten Straße begegnen. Leider ist der Ausblick nicht vorhanden und der Wind wird stärker. Oben an der Aussichtsplattform angekommen, einem Fernsehturm, flüchteten wir wie viele andere in den warmen Innenraum. Der Rückweg wird dabei umso härter. Der Wind hat stark zugenommen. Der Schnee wird einem wie eiskalte Nadeln ins Gesicht geschossen. Zum Teil ist er so stark, dass wir anhalten müssen, um nicht herunter geweht zu werden. Zumindest kommt es mir so vor. Ich betrachte mitleidig die Leute, die sich uns entgegen einen Weg durch den Schnee bahnen.  Wir entscheiden uns nicht den gleichen Weg zurückzugehen, sondern über die Landstraße zurück zum Ausgangsort, dem wunderschönen Kurort Karlová Studanka zu gehen. Dort verhalten wir uns dann für eine halbe Stunde wie Touristen und fotografieren jedes schöne Haus, das uns vor die Linse kommt. Im Bus auf dem Heimweh ruhen wir dann unsere erschöpften nassen Beine aus und lassen unseren Urlaub Revue passieren. Ein sehr schöner und erholsamer Urlaub!

In der Schule bin ich immer erstaunter über mich selbst, wie sehr ich mich an die Spontanität angepasst habe, wie schnell ich Unterricht gut vorbereiten und improvisieren kann. Das hätte ich nicht so schnell erwartet! Auch da Autoritätsproblem ist kein Problem, vielleicht weil ich auch nie wirklich alleine im Unterricht bin, vielleicht aber auch weil ich einen bestimmten Platz eingenommen habe, den ich selbst noch nicht so richtig einordnen kann.

Ich habe zusammen mit der dritten Klasse am Donnerstag ein Konzert von Phil Vetter besucht, das vom Goetheinstitut organisiert wurde. Auf der Zugfahrt konnte ich mich ein bisschen mit den Schülerinnen der dritten Klasse und einer Deutschlehrerin unterhalten. Ich habe näheres zur Umgebung erfahren, von der ausgebeuteten Natur dem untergegangenen Dorf  Louky und den eingesackten Erdschichten. Alles aufgrund der Kohleförderung hier vor Ort. Stiller Zeuge der Kohleförderung ist die schiefe Kirche im früheren Ort Louky.  Die schwarze Stadt, der Ausdruck für Ostrava passt daher sehr gut zu dieser Gegend. Doch die Stadt hat sich gemacht. Sie ist bekannt für ihre Partymeile und ein lebendiges Kulturzentrum. In einer berühmten Konzertlocation, einem alten Bergwerk mit wunderbarem Charme und einer schönen Akustik, hat auch das deutsche Konzert stattgefunden.

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