Ostern 2.0 in Plovdiv

Kurz vor Mitternacht. Es herrscht eine andächtige Stille, obwohl man überall in der Stadt Kirchturmglocken schlagen hört. Neben mir erkenne ich die vertrauten Gestalten meiner Mitfreiwilligen. Wir wissen nicht genau wohin wir gehen, doch das ist kein Problem, denn aus jeder Straße kommen weitere Silhouetten, die sich dem Strom anschließen. Die meisten von ihnen haben Kerzen in der Hand. Der Strom biegt noch ein letztes Mal um die Ecke und nun sehen auch wir die große Kirche vor uns. Um sie herum steht schon eine Vielzahl an Menschen, alle von ihnen mit Kerzen und einem leeren Joghurtbecher in der Hand. Wozu dieser gut ist, sollten wir schon sehr bald herausfinden…
Es war Великден – wie der Name schon sagt das wichtigste Fest im orthodoxen Christentum: Ostern. Für mich als Freiwillige bedeutete das nicht nur einen weiteren, wichtigen Bestandteil der Bulgarischen Kultur kennenzulernen, sondern auch ein weiteres verlängertes Wochenende zum Reisen. In Plovdiv wurden beide Ziele miteinander verbunden, indem ich dort gemeinsam mit meinen Freunden die Osterfeiertage verbrachte.
Während die Bulgar*innen an Gründonnerstag und Karsamstag fleißig mit dem Färben von Ostereiern (Das erste Ei wird grundsätzlich als Symbol für das Blut Jesu rot gefärbt!) und dem Backen der traditionellen Osterzöpfe beschäftigt waren, begannen diese Tage bei uns gar nicht österlich mit dem Schlendern durch die süßen, kleinen Gassen Plovdivs. Egal ob im Kapana-Viertel, in der Altstadt, im Park oder in der Einkaufsstraße, in dieser bezaubernden Stadt gibt es überall viel zu entdecken. Kein Wunder, dass Plovdiv die Europäischen Kulturhauptstadt 2019 sein wird. Einen Besuch ist die Stadt jedenfalls nicht nur deshalb eindeutig wert!

Europäische Kulturhauptstadt 2019

Kapana-Viertel

Die Innenstadt

Abends kam dann auch bei uns Osterstimmung auf, denn das Bulgarische Osterfest wollten wir auf gar keinen Fall verpassen. Deshalb besuchten wir in der Nacht zu Ostersonntag die Ostermesse. Vor der Kirche warteten schon viele Menschen, die alle ihre Kerze am Osterlicht entzünden wollen. Anschließend geht man traditionell drei Runden um die Kirche herum, wobei der Kerze natürlich nicht ausgehen darf! Im Gegensatz zu uns Freiwilligen hatten die routinierten Bulgar*innen mit ihren Joghurtbechern hierbei ein leichtes Spiel: Ganz pragmatisch wurde der Becher von der Kerze aufgespießt, sodass nicht nur die Kerze vor dem Wind sondern auch die Hände vor dem tropfenden Wachs geschützt wurden. Beim nächsten Mal bin auch ich besser ausgerüstet, auch wenn der Joghurtbecher natürlich nicht gerade zur feierlichen Garderobe passt. 😉
Nach dem Ritual rund um das ewige Licht fand in der Kirche die große Ostermesse statt. Im Nachhinein war es zumindest für mich eine sehr interessante Erfahrung, was nicht zuletzt an der angenehm feierlichen Stimmung gelegen haben wird. Trotzdem war es etwas anstrengend den gut zweistündigen Gottesdienst komplett stehend zu verbringen, wie es in der orthodoxen Kirche üblich ist. Hierdurch entstand während der Messe ein dauerhaftes Kommen und Gehen, welches ebenfalls sehr ungewohnt war.


Neben der Messe gibt es aber auch viele weitere bulgarische Ostertraditionen, welche bei uns in Deutschland mal mehr und mal weniger bekannt sind. Auffällig ist hierbei in erster Linie, dass die Ostereier in Bulgarien nicht wie in Deutschland versteckt und gesucht, sondern als Geschenk an Freunde und Verwandte verteilt werden. So wurde auch ich von zwei netten Lehrerinnen reich mit Ostereiern beschenkt. Diese Ostereier werden mit zur Mitternachtsmesse genommen, um anschließend die traditionellen „Eierkämpfe“ durchzuführen. Dafür werden die Eier gegeneinander geschlagen und wie in Deutschland ist die Person dessen Ei heile bleibt der ehrenhafte Sieger, der im nächsten Jahr nur so von Glück überschüttet wird. So sagt es zumindest die Tradition!
In vielen Gesprächen mit meinen Schüler*innen erfuhr ich jedoch nicht nur, dass der Osterhase in Bulgarien nahezu unbekannt ist, sondern auch welcher interessante Brauch in Bulgarien am Karsamstag verbreitet ist: Um um Vergebung der Sünden zu bitten, kriecht man in Bulgarien am Karsamstag unter einem Tisch hindurch. Leider konnte ich diesen Brauch nicht selber erleben, es scheint aber sehr verbreitet zu sein, denn dieses Ritual wurde immer wieder auf den Tisch gebracht, wenn es im Unterricht um das bulgarische Osterfest ging.
All diese Traditionen sind zwar sehr interessant, trotzdem stand am Ostersonntag bei uns ein alternatives Programm auf dem Plan. Bei wunderschönem Sonnenschein liehen wir drei Freiwilligen uns Fahrräder aus und machten eine wundervolle Fahrradtour durch einen großen Park und immer weiter an der Марица entlang. Es war einfach herrlich mal wieder den Fahrtwind in den Haaren zu spüren! Denn bei mir in Smoljan ist das Fahrradfahren aufgrund der vielen Treppen leider nahezu unmöglich, wenn man nicht gerade ein BMX-Profi ist…

An der Ruderanlage

Auf geht’s!

Den krönenden Abschluss des wunderschönen Osterwochenendes in Plovdiv werde ich wohl so schnell nicht wieder vergessen! Wie einige von euch vielleicht bereits wissen, ist die Stadt Plovdiv – übrigens die älteste Stadt Europas – um sieben Hügel herum gebaut ist. Dementsprechend ist auch die Silhouette der Stadt überall gut zu erkennen. Einen dieser Hügel machten wir uns an unserem letzten Abend für ein wunderbares Picknick zu nutze. Dabei durfte natürlich auch ein kleiner Grill nicht fehlen! So genossen wir gemütlich den Sonnenuntergang bei einem wunderschönen Ausblick und sanften Gitarrenklängen im Hintergrund!


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