Unterwegs mit meinen 16 bulgarischen Großmüttern…

Samstagmorgen, 7 Uhr: Ich sitze im Bus und schaue aus dem Fenster. Neben mir sitzt die amerikanische Freiwillige, welche auch an meiner Schule eingesetzt wird. Fragend schauen wir uns an, während um uns herum 16 freundlich lächelnde баби (Großmütter) auf Bulgarisch quatschen. Zumindest ich fühle mich ein bisschen verloren, denn ich habe keine Ahnung wohin genau mich dieser Bus bringen wird, wie lange es dauert und was mich an meinem Ziel erwartet, aber mit ein bisschen Bulgarischer Gelassenheit wird schon alles gut gehen…

Schnee, Schnee und noch mehr Schnee…

Wie es zu dieser Situation kam? Ein paar Tage zuvor hat sich die Mathelehrerin der Schule nach meinen Plänen fürs Wochenende erkundigt und mich auf Bulgarisch sowie mit Händen und Füßen gefragt, ob ich sie und ihre Wandergruppe auf einen Wandertrip begleiten möchte. So habe ich ihre wilden Gesten jedenfalls aufgefasst und nach einer kurzen Übersetzung seitens der Deutschlehrer hat sich diese Vermutung auch bestätigt. 😉 Neugierig wie ich bin, habe ich natürlich direkt zugesagt, denn viele der schönsten Wanderungen sind leider nur mit dem Auto zu erreichen. Und so kam es, dass ich am Samstagmorgen zu einer viel zu frühen Uhrzeit in einem Bus mit lauter bulgarischen баби eine verschneite Passstraße hoch fuhr oder es zumindest versuchte. Denn irgendwann kam der Punkt, an dem sich unser Bus aufgrund des Schnees nicht mehr weiter den Berg hochquälen konnte. Schneeketten anlegen oder den Rest des Weges laufen wäre zu einfach gewesen und daher wurde kurzerhand Hilfe angerufen. Schon bald kam ein SUV mit samt Fahrer in Bulgarischer Manier den Berg hoch gedüst und quetschte sich halb off-road an uns vorbei. Mit Hilfe eines Seiles sollte unser Bus mit samt 16 Bulgarischen баби und zwei internationalen Freiwilligen von diesem SUV nach oben gezogen werden. Wer kann sich denken was passiert ist? – Mit einem großen Ruck riss das Abschleppseil und wir schlingerten wieder genau dort auf der Straße, wo wir zuvor auch schon standen. Ich war mir zwar nicht immer ganz sicher, ob wir auf der Straße bleiben, aber die 16 bulgarischen баби sahen das ganz locker und schnatterten einfach munter weiter. Irgendwie sind wir dann jedenfalls doch noch den Berg hochgekommen (Den Schneeketten sei Dank! 😛 ) und wir konnten unsere Wanderung beginnen:

Freiwillige on tour!

Wir zogen durch tief verschneite Wälder immer weiter durch die Winterwunderlandschaft. Es war einfach fantastisch und obwohl die Aussicht durch den dichten Nebel etwas eingeschränkt war, konnte ich nach jeder Kurve wieder neue Schneemassen bestaunen. Dabei stapften wir 18 Wanderer im Gänsemarsch hintereinander her und achteten schön darauf, immer in die Fußstapfen der Vorderfrau zu treten, denn nur auf diese Weise war es möglich halbwegs trockene Füße zu behalten. Mit einem bunten Mix aus drei unterschiedlichen Sprachen und ganz vielen Gesten amüsierten wir uns prächtig und stoppten erst zu einem internationalen Picknick unter einer großen Pinie, die uns (und unser Essen) vor dem inzwischen immer stärker werdenden Schneefall schützte. So wurden flott bulgarischer Пататник (Patatnik), amerikanische Maple Syrup Candies und deutsche Prinzenrolle aus den Rucksäcken gezaubert und alles wurde brüderlich geteilt. Anschließend wanderten wir weiter bis zu einer kleinen Kapelle, welche auf einem Gipfel lag. Nach einem obligatorischen Gruppenfoto und dem Genießen der Aussicht machten wir uns wieder auf den Rückweg.

Чудните мостове

Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass die Wanderung damit beendet war, denn das Hauptziel, die Чудните мостове („The wonderful bridges“) stand noch aus. Dabei handelt es sich um ein Gebiet mit mehreren großen Marmorbrücken, von denen die größte etwa 15m breit und fast 100m lang ist. Gerade wenn man unter den Felsbrücken steht ist diese Größe echt beeindruckend! Entstanden sind die Brücken durch die Erosion, doch wenn man sich heute das kleine Rinnsal anschaut, welches unter der großen Felsbrücke entlang fließt ist das nur schwer vorstellbar.
Den Abend verbrachten wir 18 fleißigen Wanderer gemeinsam auf einer Hütte in der Nähe der Felsbrücken. Doch anstatt nach der langen Wanderung müde ins Bett zu fallen, ging es bei den 16 bulgarischen баби jetzt erst richtig los und es entstand ein lustiger gemeinsamer Abend mit Tanz und Gesang. So bekam ich eine kleine Einführung in die Bulgarischen Volkstänze, welche hauptsächlich darin bestand einfach mitgezogen zu werden. Als Kontrast zu den Bulgarischen Volkstänzen gaben wir zwei Freiwilligen dann die Tänze zu „Cotton-Eye Joe“ und „Macarena“ zum Besten. Wann sieht man schon mal 16 bulgarische баби voller Freude „Macarena“ tanzen? Der kulturelle Austausch scheint also absolut gelungen zu sein, denn am Ende fielen alle Beteiligten glücklich und zufrieden in ihre Betten.

Aber was war nun das Beste an diesem Ausflug? Die wunderschöne, ruhige Schneewanderung? Die großen, beeindruckenden Felsbrücken? Der typische bulgarische Abend mit dem fünf Stunden andauernden Essen? Ganz klar: Die 16 bulgarischen баби!!! Es sind die Leute, die dieses Wanderabenteuer zu etwas Unvergesslichem gemacht haben, indem sie mir die Möglichkeit gaben einfach ein Teil ihrer Gruppe und ihrer Kultur zu sein! Obwohl nur zwei von ihnen Englisch sprachen, haben alle ihren Teil dazu beigetragen dieses Wochenende so wunderbar zu machen… Sei es durch das Teilen ihres Essens, ein freundliches Lächeln oder ein aufmunterndes Wort bei den ersten Versuchen die schnellen Schrittfolgen der Bulgarischen Volkstänze zu verstehen. – Aber keine Angst Oma, du wirst unter keinen Umständen ersetzt! 😉

„Oft sind es die spontanen Abenteuer, die am besten sind!“

Diesen Satz hört man immer wieder, doch wie viel Wahres darin steckt, wird mir erst hier in Bulgarien bewusst. Es sind diese spontanen Begebenheiten und Zufälle, die mich hier in die Kultur eintauchen lassen und mir immer wieder deutlich zeigen, wie groß doch der Unterschied zu einem einfachen Urlaub ist. Es sind die Einheimischen, die diesen großen Unterschied ausmachen! Danke für die tolle Zeit! Благодаря!!!

2 Gedanken zu „Unterwegs mit meinen 16 bulgarischen Großmüttern…

  1. Hey,
    Das hört sich ja nach einem tollen, spannenden und ereignisreichen Wochenende an! Durch deine Beschreibungen kann man sich das bildlich vorstellen und die Bilder an sich helfen natürlich auch!🙌🏻
    Die Landschaft ist wirklich toll!😍

    Das wünsche dir noch viele weitere Wochenenden dieser Sorte!
    LG und schöne Ostern!(?)

    • Hey,
      Danke schön! Es war wirklich super! Momentan bin ich schon wieder unterwegs und ich hoffe, dass dieses Wochenende genauso toll wird… 🙂
      Liebe Grüße und frohe Ostern!

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