Berlin Alexanderplatz: fetzen zweier tage

Auf einem Spielplatz treffe ich die Entscheidung, noch länger in Berlin zu bleiben und

Lieber FlixBus-Kude, Aufgrund Deiner Buchungsänderung haben wir Dir einen Gutschein erstellt, der ein Jahr lang gültig ist: REGSTj74GH4(29,47€) 

lasse meinen Wochenplan fallen.

Auf meinen Lippen noch der Geschmack von Capuccino, ich habe S. wiedergetroffen. Kulturwait hört nicht auf. Irgendwo in der Nähe vom Nollendorfplatz, an unserem Nebentisch ein Mann, um dessen Hals sich eine grob gehauenen Eisenkette mit einem Vorhängeschloss schlingt. Er isst Käsekuchen. 

„Bleib doch einfach in Berlin.“ 

Das Rot des Dufflecoats hebt sich ab vom fahlen Grün des Grases in der Aprilsonne. Es herrscht ein Druck in meinem Kopf.

d 

d d

druck im kopf

es gibt kein ventil

20.000 szenen durchgespielt

100.000 szenen ausgedacht

mein Höllenschädel raucht und knackt

ich brauch ne pause und ich nehm´ das verdammte ding und 

schraub es ab.

S. streicht mir langsam über den Rücken. Und dann verschieben sich Treffen und Termine, der Bus fährt ab ohne dass ich eingestiegen bin.

Bei einer Falafel erkennen wir den großen Unterschied zwischen Informatikern und Geographen – nicht beide können über Loriot lachen. Und ich probiere zum ersten mal Ayran.

Der Weg nach Rudow ist abenteuerlich, mit kurzen Bus- und langen U-Bahnfahrten und ich bewundere die Kacheln und die Höhe der Berliner Unterwelt. In der kleinen hellen Wohnung fühle ich mich immer wie in der Schwebe. Sie erinnert mich an die ersten Tage direkt nach México und vor dem Nachbereitungsseminar. Die Schwebe ist gut, sie schützt mich davor, hart auf dem Boden aufzuschlagen.

Als ich aufwache, ist S. schon fort. Sie ist essengegangen mit ihrem Vater. Ihre Mutter schenkt mir ein, als ich ihr alles erzähle. Rotwein und aufgewärmter Spinatkuchen.

„Warum muss es eigentlich immer die gleiche Geschichte sein?“

Die zwei Tage in Berlin, um die ich mir erlaube, meinen Plan (ich habe keinen Plan) zu verzögern, sind Balsam.

Berlin.

Du stinkender grauer Moloch. Auf einmal sehe ich deine spiegelnden Seen und dass du aus vielen kleinen Städten bestehst. Kosmen, die nach ihren eigenen Gesetzen und Rythmen funktionieren. S. erklärt mir den periperen Raum, barfuß im Schlafanzug; im Hintergrund läuft Chan Chan. Am Nachmittag besuchen wir ihre Oma; ich werde mit Reisefotos überhäuft und trinke Krombacher.  Dazu echte Berliner Currywurst. Am Abend holpern wir über das Kopfsteinpflaster.

S. zeigt mir Köpenick und Friedrichshagen, wir sprechen über unsere Mütter und über das Opfern. Jedes Gespräch tut gut, voller Gier sauge ich sie in mich auf, schöpfe so viel an guter Energie und Zuversicht aus S.s Gesellschaft, wie ich nur kann. 

Minutenlang stehen wir mit den Rädern still im schummrigen Kegel einer Straßenlaterne. Ich folge den gelben Trambahnen mit den Augen, die sich wie dicke blecherne Raupen mit stumpfem Blick einen Weg durch das Straßennetz von Köpenick bahnen, vorbei an kleinen Boutiquen und schwarz besprühten Hausruinen. In der Dunkelheit kann ich den Sommer erahnen.

Rückweg. Auf dem Butterbrotpapier: „Gute Reise!“ und „Komm gut an!“ Daneben lächelt eine Sonne im Eck; draußen lächelt Nichts. Die Dämmerung stülpt sich über Bus und Straße, sie ist zerschnitten von den Blättern der Windräder und verwaschenem Gelb. Mit dem Finger ein Kichelgesicht an die Scheibe des FlixBusses gemalt, auf der anderen Seite des Ganges guckt Jesus Breaking Bad.

Langsam durchzieht der Regen in langen Schlieren die Dreckschicht an meiner Scheibe. Wischt, wischt die Gedanken fort. Hecktisches Geigenspiel in meinen Ohren, Peter Fox rappt.

Die Verse sind Fäden rot und aus Slang,

sind Stränge aus Worten und ziehen sich eng 

in Schlaufen und Schlingen, da wird mir bewusst:

– Ich stehe da und werde sprachlos

In mir da bricht eine Welle aus Frust

Und Peter – er lacht bloß:

Malt Welten mit Worten, betäubt meine Sinne

spielt Szenen mit Silben nur durch die Stimme.

Triefende Töne und kratzende Klänge

Das Reimen es zeugt von purem Genie!

Mein eig´ner Wille treibt mich in die Enge:

Ich schreibe und schmiere, ich schaffe das nie.

„Mädchen, du schreibst gut!“ Das sagen sie mir

Doch manchmal – jetzt gerade – da bin ich nicht hier.

Ich tippe und suche Wort für Wort

 Mich selbst in den Zeilen, dem anderen Ort.

Ich biege und beuge, dass ich Worte erzeuge

Verliere den Text und seinen Sinn

Zerrissenes 

Zeugma

Und ich schreib´s doch hin.

 

Die Fahrt spiegelt, was passiert, wenn man die Gedanken schweifen lässt und dennoch kontinuierlich festhält. Als das Dichten über deutschen Rapp anfängt, mich zu langweilen, versuche ich die Lieder selbst zu ändern. Mit der Verwandlung der ersten Strophe von „Schwarz zu Blau“ in „Gelb zu Grau“ beginnt ein Farbenspektakel, ungefähr zwei Strophen lang, dann breche ich ab.  

Der Asphalt glänzt und auf der anderen Seite des Busses spannt ein Regenbogen, den ich nur durch den Handybildschirm meiner Mitfahrer sehen kann, die Fotos von ihm machen.

Die Welt strahlt in Okker und Sand, das Licht scheint Golden. Ich denke an die Fahrt nach Guadalajara, 10 Stunden mit Futura und der alten Mexikanerin, der ich ihr Stadtaffe vorspielte und sie bat, etwas in mein Poesiealbum zu schreiben. Sie lächelte und sagte, dass sie weder schreiben noch lesen könne. 

Der Himmel ist von rein gewaschenem Hellblau, das Gehölz der vorbeiziehenden Wälder scheint rötlich. Ein weites Tal öffnet sich zu meiner Rechten und mir wird klar, dass diese Schönheit nur noch wenige Minuten dauern wird. 

Die Sonne steht tief, schon kratzen die schwarzen Wipfel der Tannen an ihrem Unterbauch.

Mombasa 

hämmert 

wie 

ein 

Meißel 

in meinen Gehörgängen und mir fällt die Eleganz meines weißen Textfeldes auf, das sich in der Busscheibe spiegelt. Ein Mädchen im Bus, das schreibt. Wie mit Mühe für Plakate inszeniert. Michael Jackson löst Hans Zimmer ab. Nachrichten aus México auf meinem Display locken ein Lächeln in mein Gesicht, they do care about us. Orange zu tiefem Rosa, denn die Engel backen Brot. Kleine und kleinste Wassertropfen auf meiner Fensterscheibe. Tränen?

Landschaften, die ich festhalten will, pinke Wolken, die wie der bewegungslose Rauch einer SchiScha aussehen. Ich denke an T. und an unseren Chat auf der Hinfahrt. 

Ist er schon nach Kiel zurückgekehrt?

Jetzt Viva la Vida durch meinen Kopf, eine Instrumentalversion. Ich sehe einen Kirchturm in Rosa und denke an A. und meine Tränen auf seinen Fingern, seine Arme um meinen Rücken und die Zeichnungen von Cumuluswolken. Als der Bus nach neun Stunden in München ankommt, erlöschen die Farben. 

Und alles ist Grau.

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