Frühjahrsnacht

München, März 2018

Fünf Uhr morgens und drei Minuten. Die Vögel erwachen früher als das Haus, in dem ich schlafe. Draußen, ihre trägen Stimmen, gemischt mit Regen. Die Dämmerung wird in ein unwirklich rotes Licht getaucht, von der Straßenlaterne auf der anderen Seite des Gehsteigs.

Gestern las ich in den Tagebüchern von Max Frisch. In seinen Gedankengängen, die er vor zweiundsiebzig Jahren zu Papier schrieb, nicht anders, als ich’s nun mit den meinen tue, entdeckte ich ein Wort, das mir sehr gut gefiel.

Verborgen.

Wer verbirgt, hält geheim. Meistens stolpere ich über das Wort versteckt, das einen ähnlichen Zustand beschreibt. Doch wer versteckt, verbirgt nicht, denn in verborgen schwingt geborgen mit, und bergen. Verborgen ist nur etwas Schützenswertes, etwas Kostbares und Filigranes. Und dieses Etwas verlangt einen behutsamen Umgang. Man muss es mühsam bergen und Acht darauf geben, es nicht versehentlich zu beschädigen.

Max Frisch schreibt

Unser Streben geht vermutlich dahin, alles auszusprechen, was sangbar ist; die Sprache ist wie ein Meißel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist, und alles Sagen bedeutet ein Entfernen. (…)  Wie der Bildhauer, der den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sangbare, vorantreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt und ebenso die andere Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, dass man es einen Klumpen sein lässt, dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht faßt, nicht befreit von allem, was immer noch sangbar wäre, kurzum, dass man nich vordringt zu seiner letzten Oberfläche.

 

Die Bergung ist riskant. Doch ich fühle in mir den Drang, mich meinem Etwas anzunähern und endlich ist mir meine Sprache Meißel und ich wage ein erstes Vordringen zu dem, was ich in México erlebt habe. Einen Monat und neun Tage nach meiner Rückkehr nach Deutschland, in meine Heimatstadt München.

In einem Gespräch mit meiner Patentante kamen mir die Tränen. Ich erzählte ihr von Sarah, die mich, Finja und Arletti zum Mittagessen in ihr Haus in Huascac de Ocampo einlud und von Ihrem Mann Arcatl, dem aztekischen Botschafter, und der mich zum Abschied in seine Arme zog und „hermana alemana“ („deutsche Schwester“) nannte.

Ich weinte, weil México und kulturweit mit jedem Tag ein bisschen mehr verschwinden, begraben werden unter allem, was in den letzten Wochen geschah. Und ich weinte, weil es Momente gibt, in denen México so nahe ist, so greifbar, dass es wehtut. Alles, was ich dort spürte, kann ich noch immer spüren. So echt und heiß als fühle ich es zum ersten Mal. Ich kann es in mir bergen und weine jedes Mal aufs Neue vor Überwältigung.

Am letzten Tag in meiner Einsatzstelle, dem Centro de Idiomas VW, sagte man mir oft: „Weine nicht, Marilene! México wird dich nicht verlassen. Komm, weine nicht, wir sehen uns bald wieder, das ist ein Grund zum Lachen!“

Was ich niemandem begreiflich machen konnte: Ich war und bin  froh und dankbar, dafür, dass sie mich an jenem Tag zum Weinen brachten. Weil sie mich so tief berührt hatten, dass es wehtat, von ihnen zu gehen. Weil ich ihnen so nahe gekommen bin, dass es wehtat, einen Schritt zurückzutreten und weil ich von ihnen gelernt hatte, mich ohne Scheu zu öffnen und berühren zu lassen.

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