Vom Aufbrechen

Der Abschied begann als E-Mail.

Er zog sich durch die letzten Monate, die Zeit der Abiprüfungen und Aufregung. Durch ein Frühjahr voller Konzentration, das eingesperrt war zwischen kahlen Schulhauswänden und an einem überquellenden Schreibtisch fast ganz verkümmerte. Durch einen Sommer, der mit seinen grellen Farben den Abschied überdeckte. Oft blieb er still und unbemerkt, in manchen Momenten vergaß ich ihn ganz.

Doch gerade in diesen Augenblicken, in denen ich diese Zeilen tippe, wird mir deutlicher als je zuvor bewusst, dass ich bereits mit der E-Mail im April meiner Heimat „Lebewohl“ wünschte: Ich nahm das Platzangebot beim Goethe Institut an. Das Angebot, in die Fremde zu reisen, weit, weit weg. Das Angebot sechs Monate lang in der Stadt Puebla zu arbeiten, zu wohnen, zu leben. Das Angebot auf ein Abenteuer.

Und wie jedes Abenteuer will auch dieses hier erzählt werden.

Ich mache das, meinem Naturell entsprechend, in schriftlicher Form (mein fester Vorsatz: Mindestens einen Artikel pro Woche veröffentlichen!) und hoffe auf euch als eifrige Leser und und fleißige Kommentatoren. Eine Geschichte macht am meisten Spaß, wenn man sie zusammen erlebt!

Heute ist der 15. August 2017.

In genau einem Monat wird das schwarze Gummi der Flugzeugreifen beim Abbremsen ebenso schwarze Streifen auf der Landebahn hinterlassen. Die Kabine wird ruckeln, die Anschnallzeichen angeschaltet bleiben, bis die Maschine zum Stillstand gekommen ist.

Und dann bin ich angekommen. In México.

 

 

 

8 Gedanken zu „Vom Aufbrechen

  1. Sehr schön geschrieben! Ich finde es interessant, wie du den Landevorgang als Ankommen beschreibst. Ich habe immer das Gefühl erst richtig zu begreifen, dass ich woanders bin, wenn ich das Flugzeug verlasse und dann die ersten Schilder oder so in der anderen Sprache lese. Ich freue mich darauf mehr von dir hier zu lesen!

    • Hallo Teresa, danke für dein Feedback!
      Tatsächlich denke ich mir oft bei einer Landung „Willkommen in …, Marilene!“ und bin froh, gut angekommen zu sein. Bis Herz und Seele nachgereist sind, dauert es meist ein bisschen länger. Ich bin gespannt, wie das in México sein wird.

  2. Guter Text, der so ziemlich genau meine Situation und mein Gefühle beschreibt.
    Dieses unterbewusste verdrängen des Abschieds, in denen man nicht an die große Veränderung denkt. Und dann plötzlich die Phasen, in denen man die Familie schon vor Augen hat, wie sie am Flughafen steht, während man selber winkt und geht.
    (Fliege am 13.09 nach Argentinien, Jardìn Amèrica).

    • Danke für deinen Kommentar, Pauline! In den letzten Tagen vor dem Aufbruch geht es allen Freiwilligen ähnlich, denke ich.
      Ich freue mich schon darauf, dich und die anderen in Berlin kennen zu lernen.

  3. Ach, das langsame Abschiednehmen…. Aus Erfahrung kann ich sagen, zumindest als Dagebliebene bringt es überhaupt nichts, sich ein paar Monate lang darauf eingestellt zu haben, dass die Person dann plötzlich weg ist. Als eine meiner besten Freundinnen für ein Jahr nach Namibia in ein Kinderheim verschwand, dachte ich mir: „Kein Problem, ein Jahr ist kurz, die haben Internet da, ich werde kaum merken, dass sie weg ist.“ Mein Abschiedsgeschenk bestand in dem Versprechen, bei ihrer Rückkehr da zu sein. Verabschiedet habe ich mich letztlich mit den Worten „bis bald“, ging entspannt nach Hause. Fünf Stunden später, als ihr Flieger gerade abhob, lag ich auf meinem Bett und heulte auf einmal wie blöde… Da du diejenige bist, die wegfliegt, wirst du das endgültige Abschiednehmen sicherlich anders erleben. Aber das erzählst du uns ja bestimmt noch.

    • Danke für deinen Text, liebe Claire!
      Ja, ich merke, dass das endgültige Abschiednehmen (obwohl jetzt schon so manches mal geübt und im Geiste tausendmal durchgegangen) doch irgendwie noch sehr weit weg ist. Ich versuche mich darauf einzustellen, so gut ich kann und wie man sich als Davonfliegende fühlt, wenn die Maschine abhebt, werde ich natürlich auch hier festhalten.

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