Mein schon viel zu alltäglicher Alltag

Dass ich mich so schnell an meine neue Realität, meinen neuen Tagesablauf gewöhne, hätte ich nicht erwartet. Alles läuft schon fast von alleine, ohne nachzudenken, weiß ich in zwischen wann mein Bus kommt und welche Abkürzungen ich nehmen kann oder wann ich wieder in welchen Unterricht muss.
Da bin ich nach zwölf Jahren endlich raus aus der Schule und nun schon wieder mittendrin, nur jetzt irgendwie auch “von der anderen Seite“. Wieder durch die Schulflure gehen und an den kleinen Tischen mit den mehr oder weniger unbequemen Holzstühlen sitzen ist schon ungewohnt, aber noch seltsamer ist es plötzlich einen Platz im Lehrerzimmer zu haben und die Lehrertoilette zu benutzten, wer hätte gedacht, dass ich so etwas mal machen würde.
Unsere Schulklingel hier ist sehr ausgefallen. Anstelle eines einfachen Ringens oder Dingdangdongs gibt es vor und nach jeder Stunde eine etwa zehn sekündige Melodie und zwar jedes mal eine andere.

Was machst du eigentlich genau in Polen? Diese Frage begegnete mir unter anderem immer wieder, in Vorbereitung auf mein halbes Jahr, von allen Seiten. Ich konnte immer nur vage und ausweichend vermurten, inzwischen glaub ich aber ganz gut zu wissen, was hier eigentlich so meine Aufgaben sind. Anfangs habe ich sehr viel hospitiert, meistens hinten oder vorne im Unterricht gesessen und meine Meinung gesagt, falls jemand Fragen hatte. Inzwischen übernehme ich kleine Unterrichtseinheiten, löse gemeinsam mit den Kindern Aufgaben oder wir singen ‘Schnappi das kleine Krokodil‘, sonst führe ich Einzelgespräche in Vorbereitung auf die DSD Prüfung, verfasse und korrigiere Texte oder fungiere als Sekretärin indem ich sehr viel kopieren und hin und her bringen darf.
Ich hoffe, dass ich in der kommenden Woche auch mit meinem Kulturweit Projekt, welches ich mit der sechsten Klasse verwirklichen möchte, beginnen kann. Und freu mich schon auf endlich ein bisschen mehr Eigeninitiative und weniger in der Rolle des Lehrers zu stehen.
In unserer Schule gibt es immer mal wieder kleine Veranstaltungen an denen ich teilnehmen darf, wie z.B. letzten Freitag. Zwischen Basketballkörben und Reckstangen finde ich in unserer Turnhalle ein Konzert von zwei mittelalten Rappern und treffe auf sehr unterschiedliche Begeisterung. Nach jedem Lied folgen hier etwa 10 Minuten unterhaltsame Belehrungspause zum Thema Drogenprobleme, Junkies und Suchtgefahr, aber leider verstehe ich wie meistens nur vereinzelte Wörter. Das ganze wird dabei als Lehrstunden und Pflichtprogramm zur Vorbeugung von Sucht und Abhängigkeit gesehen. Im Hintergrund laufen auf Leinwand kleine Animationen und schlimme Fotos. Erschreckenderweise reagieren viele Schülerinnen und Schüler mit Gelächter. Ich hoffe dies liegt nur an Unsicherheit und Verlegenheit in Bezug auf den Umgang mit solchen Bilder.
Inzwischen arbeitete ich montags auch noch an einer Integrationsschule in Lublin, wo mich in etwa die selbe Arbeit erwartet. Die Schule ist allerdings riesig und ich verlaufe mich ständig. Es gefällt mir sehr gut hier, auch weil ich zur Abwechslung mal keine zeitfressende Busfahrt vor mir habe. In der siebten Klasse gibt es eine Schülerin, Domenica, welche fünf Jahre in Deutschland in der Nähe von Bielefeld gewohnt hat und erst seit diesem Schuljahr wieder in Polen lebt. Es ist sehr schön und auch echt ungewohnt, sich mit ihr völlig ohne Probleme auf deutsch unterhalten zu können. Somit bekomme ich auch ein bisschen den Blick von der Schülerseite auf die Schule zu sehen, mit einigen Kritikpunkten, welche von Seiten der Lehrer nie zu erkennen waren.
Nun wurde ich noch gebeten am Samstag an einer Berufsschule zu helfen, bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich das annehmen werde, da ich an den Wochenenden gerne ein bisschen Polen und Lublin erkunden möchte und somit nicht gerade oft Zeit für den Unterricht hätte. Andererseits wäre es bestimmt auch sehr interessant, da ich im Gegensatz zu meiner sonstigen Arbeit, auch eher auf Gleichaltrige treffen würde.

Als über das verlängerte Wochenende meine Familie zu Besuch kam, habe ich Lublin noch ein bisschen anders wahrnehmen können. Ich hatte ja nie erwartet, dass es hier so unglaubliches und viel zu leckeres Essen gibt. Ob im jüdischen Restaurant in den Gewölben der Altstadt oder im „Zilony Talerzyk“ mit dem besten Brownie und viel zu freundlichem Barmann, der uns sogar sein Rezept verraten hat. Aber auch das Picasso Museum in der Burg war beeindruckend, auch wenn man bedenkt, dass der Eintritt umgerechnet gerade mal 2,50€ gekostet hat.
Was mich allerdings am meisten gefreut hat, war glaube ich einfach das gemeinsame Kochen und Kartenspielen, das hab ich wirklich vermisst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.