Alles hat ein Ende, nur Kulturweit hat zwei

Im Zug, alles erscheint so unwirklich und die Zeit verging seltsam schnell, draußen im Wald joggt rückwärts ein Mann. Ich kann es nicht begreifen und trotzdem vermiss ich jetzt schon alles. Meine WG mit Pizzabacken, Mona und Anne, die mir immer und überall die Zeit versüßt haben, meine 6. Klasse, die mir wie kleine Geschwister ans Herz gewachsen sind und mich nur unter Gruppenkuschelumarmungen gehen lassen, aber natürlich auch meine ganzen anderen Schülerinnen und Schüler, allgemein Polen, im speziellen natürlich lublin, mein zweites zu Hause mit allen schönen Ecken und Kannten, die wunderschöne Sprache, herzliche Gastfreundschaft und sowieso alles. Ich fahre, vollgepackt mit Sachen, Erinnerungen und Ehrfahrungen, meinem bestandenen polnisch A1 Level und jeder Menge neuer Eindrücke. Versuche in meinen Gedanken nochmal zurückzudenken, wünsche, dass ich, so wie der Mann im Wald rückwärts joggt, auch zurück könnte um einfach Momente noch einmal zu durchleben. Ich fahre und plane schon gleichzeitig meine Rückkehr, denn eins steht fest: ich komme wieder!
Schon sind wir in Berlin, obwohl wir fast entgleist sind und stecken wieder mitten drinnen im Kulturweitflow. In der Hoffnung, dass nicht alles im Fluss der Zeit verschwindet, bin ich gespannt darauf zumindest einige der Kulturweitfreiwilligen und natürlich meine Freunde und Familie wieder zu sehen und hoffe, dass sich alles, aber auch nichts verändert hat. Dass wir reich geworden sind an Erfahrung und Eindrücken und gleichzeitig immer noch so vertraut miteinander umgehen können. voll Vorfreude und Ungewissheit stehe ich am Ende und am Anfang, unschlüssig wie alles weiter gehen soll, Melancholie beschleicht mich im Rückblick auf mein vergangenes halbes Jahr und doch gleichzeitig Freude und Spannung neue Grenzen zu überschreiten.

-und was ist sonst noch so passiert-

Schon eine Weile her, aber vielleicht ganz erwähnenswert, war der 6. Januar, heilige drei Könige. Eigentlich wollten wir nach Nałeczów fahren, ein kleiner Kurort in der Nähe, welcher ganz nett sein soll. Als wir am Busbahnhof ankommen ist alles voller Menschen, denn vor dem Schloss in Lublin gibt es einen riesen Auflauf. Große Königsfiguren und rauchende Weihrauchatrappen werden an Kränen hochgezogen und es gibt eine kleine Vorstellung mit Gesang. Fast alle Leute haben bunte Papierkronen auf und nach einiger Zeit beginnt der Umzug durch die Stadt, wobei wirklich drei Männer in Sänften durch die Straßen getragen werden. Ein riesiges Spektakel für alle Beteiligten und wirklich sehr schön. Nach Nałeczów sind wir am nächsten Tag sogar dann doch noch gefahren, dort ist allerdings bis auf ein E.Wedel Café mit echter dicker Schokolade und einen schönen Park nicht viel los.

An meinem eigentlich letzten Wochenende in Lublin war viel los, wenig schlaf und viel feiern, spontaner Besuch aus der Slowakei und ein Ausflug nach Zamość.
Die kleine Stadt ist wunderschön und wurde im 16. Jahrhundert im Stil der italienischen Renaissance erbaut, daher auch der Beiname „Padua des Nordens“. Die größtenteils erhaltene Altstadt, mit drei Märkten, dem achteckigen Uhrenturm, der alten Synagoge, dem Geburtshaus Rosa Luxemburgs und den farbenfrohen armenischen Bürgerhäusern gehört zum UNESCO Weltkulturerben.
Die Rotunde ist ein altes Festungsgebäude der Stadt und wurde im zweiten Weltkrieg als Gefängnis und Massenmordstätte genutzt, vor allem zur Vernichtung der polnischen Intelligenz. Heute finden sich hier Gräber von 45 482 Personen, Kriegsopfer, polnische und sowjetische Soldaten, Juden und Opfer des Stalin Terrors.

Majdanek

Ich war vor einiger Zeit auch endlich in Majdanek, der Gedenkstätte in Lublin. Es ist schon seltsam, dass ich es erst in meiner letzten Zeit hier geschafft habe, das ehemalige Konzentrationslager zu besuchen, wahrscheinlich hatte ich doch eine Art innere Hemmung oder so etwas. Es ist eine sehr gute Ausstellung.
Das als „multifunktionales Provisorium ohne eindeutige Bestimmung und klare Zielsetzung“ beschriebene Lager war das erste im besetzten Polen und wurde hier aufgrund der verhältnismäßig hohen Anzahl jüdischer Bevölkerung errichtet. 1930 befand sich in Lublin noch die größte Talmundschule der Welt, weshalb es auch als „Jerusalem im Osten“ oder „Oxford Polens“ bekannt war. Warum nur wird so viel zerstört.
Es ist kalt und unbegreiflich und beim lesen der Augenzeugenberichte wird mir immer wieder übel und ich bekomme Gänsehaut. Es ist einfach nur absurd dies alles vor sich zu sehen und zu wissen, das ist wirklich passiert. Ich versuche es zu fassen, doch verstehen es nicht, kann nicht begreifen, wie wir Menschen zu so etwas fähig sein können. Meine Oma hatte mir vor meiner Ausreise von einem Gedicht erzählt, „Kinderschuhe aus Lublin“.

Johannes R. Becher – Kinderschuhe aus Lublin

Von all den Zeugen, die geladen,
Vergeß ich auch die Zeugen nicht,
Als sie in Reihn den Saal betraten,
Erhob sich schweigend das Gericht.

Wir blickten auf die Kleinen nieder,
ein Zug zog paarweis durch den Saal.
Es war, als tönten Kinderlieder,
Ganz leise, fern, wie ein Choral.

Es war ein langer bunter Reigen,
Der durch den ganzen Saal sich schlang.
Und immer tiefer ward das Schweigen
Bei diesem Gang und Kindersang.

Voran die kleinsten von den Kleinen,
sie lernten jetzt erst richtig gehen
-Auch Schuhchen können lachen, weinen -.
Ward je ein solcher Zug gesehn!

Es tritt ein winzig Paar zur Seite,
Um sich ein wenig auszuruhn,
Und weiter zieht es in die Weite-
Es war ein Zug von Kinderschuhn.

Man sieht, wie sie den Füßchen passten-
Sie haben niemals weh getan,
Und Händchen spielten mit den Quasten.
Das Kind zog gern die Schuhchen an.

Ein Paar aus Samt, ein Paar aus Seiden,
Und eines war bestickt sogar
Mit Blumen, wie sie ziehn, die beiden
Sind ein schmuckes Hochzeitspaar.

Mit Bändchen, Schnallen und mit Spangen,
Zwergenhafte Wesen, federleicht-
Und viel’ sind viel zu lang gegangen,
Und sind vom Regen durchgeweicht.

Man sieht die Mutter auf den Armen
Das Kind, vor einem Laden stehn:
„Die Schuhchen, die, die weichen, warmen,
Ach, Mutter, sind die Schuhchen schön!“

„Wie soll ich nur die Schuhchen zahlen.
Wo nehm das Geld ich dafür her…“
Es naht ein Paar von Holzsandalen,
Es ist schon müd und schleppt sich schwer.
Es muß ein Strümpfchen mit sich schleifen,
Das wundgescheuert ist am Knie…
Was soll der Zug? Wer kann’s begreifen?
Und diese ferne Melodie…

Auch Schuhchen können weinen, lachen…
Da fährt in einem leeren Schuh
Ein Püppchen wie in einem Nachen
Und winkt uns wie im Märchen zu.

Hier geht ein Paar von einem Jungen,
Das hat sich schon als Schuh gefühlt,
Das ist gelaufen und gesprungen
Und hat auch wohl schon Ball gespielt.

Ein Stiefelchen hat sich verloren
Und findet den Gefährten nicht,
Vielleicht ist er am Weg erfroren-
Ach, damals fiel der Schnee so dicht…

Zum Schluß ein Paar, ganz abgetragen,
Das macht noch immer mit, wozu?
Als hätte es noch was zu sagen,
Ein Paar zerrissener Kinderschuh.

Ihr heimatlosen, kinderlosen,
Wer schickt euch? Wer zog euch aus?
Wo sind die Füßchen, all die bloßen?
Ließt ihr sie ohne Schuh’ zu Haus…?

Der Richter kann die Frage deuten.
Er nennt der toten Kinder Zahl…
Ein Kinderchor. Ein Totenläuten.
Die Zeugen gehen durch den Saal.

Die Deutschen waren schon vertrieben,
Da fand man diesen schlimmen Fund.
Wo sind die Kinder nur geblieben?
Die Schuhe tun die Wahrheit kund:

Es war ein harter, dunkler Wagen.
Wir fuhren mit der Eisenbahn.
Und wie wir in dem Dunkel lagen,
so kamen wir im Dunkel an.

Es kamen aus den Läden allen
Viel Schuhchen an in einem fort,
Und manche stolpern schon und fallen,
Bevor sie treffen ein am Ort.

Die Mutter sagte: “Wieviel Wochen
Wir hatten schon nichts Warmes mehr!
Nun wird ich uns ein Süppchen kochen.“
Ein Mann mit Hund ging nebenher:

„Es wird sich schon ein Plätzchen finden“,
So lachte er, „und warm ist’s auch,
Hier braucht sich keiner abzuschinden…“
Bis in den Himmel kroch ein Rauch.

„Es wird euch nicht an Wärme fehlen,
Wir heizen immer tüchtig ein.
Ich kann Lublin nur warm empfehlen,
Bei uns herrscht ewiger Sonnenschein.“

Und es war eine deutsche Tante,
die uns im Lager von Lublin
Empfing und „Engelspüppchen“ nannte,
Um uns die Schuhchen auszuziehn,

Und als wir fingen an zu weinen,
Da sprach die Tante: „Sollt mal sehn,
Gleich wird die Sonne prächtig scheinen,
Und darum dürft ihr barfuß gehen…

Stellt euch mal auf und lasst euch zählen,
So, seid ihr auch hübsch unbeschuht?
Es wird euch nicht an Wärme fehlen,
Dafür sorgt unsere Sonnenglut…
Was, weint ihr noch? ‚s ist eine Schande!
Was tut euch denn, ihr Püppchen, weh?
Ich bin die deutsche Märchentante!
Die gute deutsche Puppenfee.

’s ist Zeit, ihr Püppchen, angetreten!
Was fällt euch ein denn, hinzuknien.
Auf, lasst uns singen und nicht beten!
Es scheint die Sonne in Lublin!“

Es sang ein Lied die deutsche Tante.
Strafft sich den Rock und geht voraus,
Und dort, wo heiß die Sonne brannte,
Zählt sie uns nochmals vor dem Haus.

Zu hundert, nackt in einer Zelle,
Ein letzter Kinderschrei erstickt…
Dann wurden von der Sammelstelle
Die Schuhchen in das Reich geschickt.

Es schien sich das Geschäft zu lohnen,
Das Todeslager von Lublin.
Gefangenenzüge, Prozessionen.
Und- eine deutsche Sonne schien…

Wenn Tote einst als Rächer schreiten,
Und über Deutschland hallt ihr Schritt,
Und weithin sich die Schatten breiten-
Dann ziehen auch die Schuhchen mit.

Ein Zug von abertausend Zwergen,
So ziehen sie dahin in Reihn,
Und wo die Schergen sich verbergen,
Dort treten sie unheimlich ein.

Sie schleichen sich herauf die Stiegen,
Sie treten in die Zimmer leis.
Die Henker wie gefesselt liegen
Und zittern vor dem Schuldbeweis.

Es wird die Sonne brennend scheinen.
Die Wahrheit tut sich allen kund.
Es ist ein großes Kinderweinen,
Ein Grabgesang aus Kindermund…
Der Kindermord ist klar erwiesen.
Die Zeugen all bekunden ihn.
Und nie vergeß ich unter diesen
Die Kinderschuhe aus Lublin.

Reisefieber

Endlich Ferien, endlich Sachen packen weg und Ukraine, endlich Friedi wieder sehen.
Fünf Tage, in denen ich merke, wie glücklich mich Freunde machen, wie glücklich mich Sonnenschein nach monatelanger Trübheit macht und wie froh ich sein kann, dass es mir so gut geht und ich reisen kann und im Prinzip machen kann, was ich will.
Mein erster Halt: Lviv/Lwów/Lemberg, eine wunderschöne und bezaubernde Stadt. Was mir als erstes auffällt, so viele tolle Gebäude, jedoch auch ein wenig mitgenommen, an jeder Straßenecke kleine Kaffeestände und Sonne. Angekommen und erstmal mit der Straßenbahn zum Hostel, ein Erlebnis für sich. In der Bahn, welche in Deutschland bestimmt niemals den Tüv bestanden hätte, kauft man das Ticket bei der Fahrerin bzw. beim Fahrer. Das Entwerten macht mir besonders Spaß, es gibt Metallteile, in die man sein Ticket irgendwie hinein schiebt, einen Hebel runter zieht und das Papier auf individuelle Weiße durchlöchert. Ein Mann mit vollem Kaffeebecher und Zigarette steigt ein, setzt sich neben mich und fängt gleich an zu erzählen und möchte mir ständig seinen Kaffee und die Kippe andrehen, ich lehne mehrmals dankend ab und zur Freude der ganzen Bahn holt er nun nacheinander Bananen und Mandarinen heraus und erzählt auch noch von Zitronen und Orangen, die ich haben könne.
Wir besuchen die Kaffeemanufaktur, wo es so unglaublich gut duftet und der Kaffee unten im Keller gelagert wird. Es gibt auch eine Schokoladenfabrik und man kann Becher voll geschmolzener Schokolade trinken/löffeln.
Auf dem Dach vom Haus der Legenden steht ein Trabi und man kann auf die Stadt hinunter sehen oder bei Tee in einer Art kleinen Bibliotheksraum sitzen. Wir finden sogar auch deutsche Texte und schmökern in alten Schulbüchern und Ernährungsratgeber.
Nach vielen Treppenstufen sind wir oben beim Eiffelturm und schauen auf die wunderschöne Stadt, in der man so viel machen und sehen kann, wie z.B. die Oper, eine sitzende Freiheitsstatue, nur blau gelbe Spielplätze, eine alte armenische Kirche oder eine sehr gute und bewegende Fotoausstellung „Two feet under the ground“ und „Live the war“ über den Krieg in der Ukraine.
Wir fahren mit dem Nachtzug nach Chmelnytsky, ein riesiger Zug. Die Wagongs bestehen nur aus Betten und jeder Wagong hat seine eigene Schaffnerin oder Schaffner. Beim einsteigen gibt man sein Ticket ab und wird dann sogar rechtzeitig kurz vorm Ziel persönlich geweckt. Zugfahren ist schon toll. In Chmelnytsky wollten wir uns eigentlich nochmal hinlegen, jedoch lag der Schlüssel nicht unter der Fußmatte, also fahren wir morgens um 6 mit dem Bus in das kleine Dorf Antoniny. Doch während der 2h Strecke kann ich nicht, wie erwartet noch ein wenig weiterdösen. Es ist zwar schön dunkel im Bus, doch dieser springt mehr über die ausbaufähigen Straßen, als das er fährt. So schaukeln wir und währenddessen läuft laute ukrainische Musik und die Sonne geht auf, das hat auf jeden Fall auch seinen Charme.
Antoniny begegnet mir mit einer ganz besonderen Atmosphäre durch die Ruhe und den Sonnenschein. Wir wohnen im Kinderheim, wo Friedi arbeitet. Die Kinder lieben sie und geben mir auch ein wenig ihrer Liebe ab. Wir tanzen und spielen zusammen, wobei ich schnell noch kyrillisch und die ukrainischen Zahlen lernen muss.
Im Dorf sieht man noch die Reste eines Palais von einem polnischen Fürsten, dazu sehen wir uns auch eine kleine Fotoausstellung in der Bibliothek an. Die super Bibliothekarin freut sich riesig und lädt uns noch herzlich zum Tee ein.
In Chmelnytsky haben wir sehr viel gegessen, Karten gespielt, Kaffee mit frischem Orangensaft getrunken und versucht irgendwie die Stadt von oben zu sehen.

Katzen Ziegen Fische Fliegen und Hemden

Nun soll ein bisschen über mein Kulturweit Projekt folgen, welches ich mit meiner 6. Klasse umgesetzt habe. Im Groben und Ganzen geht es darum, dass wir versucht haben spielerisch den Zugang zur deutschen Sprache über Zungenbrecher zu finden, mit einer etwas anderen Unterrichtsmethode.
Allerdings will ich jetzt gar nichts erzählen, da dies eigentlich ein Gastbeitrag der lieben Simone wird.


Kritik zum Film

Katzen Ziegen Fische Fliegen und Hemden
Aus der Mata-Redaktion
Von Schimone

Wir alle kennen sie – die Superman und Wonderwoman Geschichten. Angefangen bei A wie the Avengers – bis hin zu Z wie Zoom – Akademie für Superhelden. Wir hassen, wir lieben sie. Sie beflügeln unsere Fantasie. Nehmen uns in eine andere, viel spannendere Welt mit. Kurzum: Sie machen den scheinbar wunderlosen Alltag erträglicher. Dank all dieser Helden-/Heldinnensagen denken wir gar nicht mehr darüber nach, dass die wahren Superheld*innen im eignen Umfeld warten – und dabei nicht mal menschlich sein müssen. Im eigenen Stall, im Aquarium oder auf dem Schoß unschuldig schnurrend. Die Rede ist von unseren Haus-, Nutz-, Ess- und Nervtieren sowie den unscheinbaren Hemden. (Uwaga: Im Folgenden wird der Begriff: Hemti verwendet) Warum sich im Alltäglichen oftmals das Unfassbare, das Zauberhafte verbirgt, sollte mir dieser Kurzfilm über Zungenbrecher vor Augen führen. Doch vorab möchte ich Sie, die geschätzte Leserin, den geschätzten Leser auf eine kurze Exkursion mitnehmen. Eine Exkursion zurück zum ersten Kontakt mit dem Titel „Katzen Ziegen Fische Fliegen und Hemden“

Teil 1. Die Interpretation
>>Ein beschreibender Titel ohne jegliche Abstraktion. Nicht mal der Reim ist mir aufgefallen– eine Katastrophe<<
Zugegeben mein erster Gedanke war nicht gerade sehr nett. Doch das sollte erst der Beginn einer regelrechten „Hater-Aktion“ werden…
>>Wie ruiniert man seine Karriere als Regisseur*in am besten kurz und schmerzlos: Na klar!. Man dreht mit bzw. über Tiere! <<
Denn das ist alles andere als originell. Macht man auch nur die Anstalten die Reihe Planet der Affen in meiner Anwesenheit zu erwähnen muss ich lange gähnen…
>>Ein weiterer Kampf um die Weltherrschaft? (Tier-)vergötterungen wie im alten Ägypten, im Hinduismus? Deutschland sucht das super Tier/Hemd? <<
Noch viele weitere Interpretationen kamen wie von alleine. Ferner analysierte ich die Symbolik der Zahl 5 und kam letztlich auf den Entschluss, dass es die 5 Eckpunkte (spricht die ausgestreckten Glieder sowie der Kopf) des Menschen sein müssen. An diesem Punkt stellte ich mir zwei Fragen:
>>1. Warum lautet der Titel dann folglich nicht „Die 5 animalischen Seiten des Menschen“ oder in Englisch „ 5 Shades of Rymy“? <<
>>2. Warum tue ich mir das ganze Interpretieren eigentlich an und gehe nicht zum nächsten und viel wichtigerem Punkt über: Dem Sehen des Kurzfilmes? <<
Gedacht. Gesagt. Getan.

Teil 2. Die Kritik
Nach ein paar Minuten flackerte der Laptopbildschirm schwarz vor mir auf. Ende. Die Geschichte der Hemti erzählt. Und ich? Wortlos nahm ich mein Notizbuch zur Hand. Es fällt mir schwer Dinge laut zu äußern, wenn ich von meinen Gefühlen überwältigt bin. Im positiven Sinne natürlich. Heutzutage werden in jeder Minute 300 Stunden Videomaterial Youtube hochgeladen – 90 % davon sind meiner Meinung nach aussagelose, austauschbare Animateurversuche – nur darauf aus das nächste „One-Hit-Wonder“ zu werden. Es lebe der Kapitalismus! Und nicht nur im Internet sondern auch die privaten sowie öffentlichen Leinwände in Wohnzimmern bzw. Kinos setzen meist auf botschaftslose Unterhaltung. Zum Leiden der Tiefe. Letzteres Wort bringt es auf den Punkt. Für mich hat dieser Kurzfilm eine Tiefe, die einen ohne viel High-Tech oder sexy Schauspieler*innen berührt. Er zeigt, dass nur die einfachen Dinge im Leben einen glücklich machen können. Einfache Dinge wie Zungenbrecher aus der Kindheit. Das innere Kind fühlt sich plötzlich mit diesen jungen Polen und Polinnen verbunden – und somit auch ein stückweit mit dem großen Ganzen, das wir Leben nennen. Er verlangt nichts, er gibt nur. Die Arbeit schafft Brücken zwischen Menschen, die es nie gegeben hätte. Denn der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln. Und genau das schenkt der Film einem: Ein selbstloses Lächeln, das von Herzen kommt.
Mein Fazit: 5 von 4 Sternen ☆☆☆☆☆

3. Teil Die Danksagung
Ein großes Dankeschön an die fabelhafte Newcomer-Regisseurin Johanna Frida Braunschweig, die mir den Gastbeitrag ermöglicht und durch das Sehen ihres Kurzfilmes ein paar Minuten meines Lebens in wunderschöne und wertvolle Erinnerungen verwandelt hat. Ferner möchte ich den beteiligten Schüler*innen meinen größten Respekt gegenüber bringen. Selbst als Muttersprachlerin hätte ich die Zungenbrecher nicht besser sagen können.


Hier noch unser kleiner Film 🙂

 

Krakau juhu und schön war’s

Wo könnte man eigentlich besser Silvester feiern als in Krakau?
Wir haben viel erlebt in den paar Tagen, würde ich behaupten und obwohl wir Krakau hauptsächlich nur im Dunkeln bewundern konnten, ist es glaube ich eine tolle Stadt. Zumindest verbinde ich nun viele schöne Erinnerungen, welche wir in unserer ganz besonderen Krakauatmosphäre erlebt haben. Koch-, Wasch- und Apoteka*innenpartys, jede Menge Kinderschokolade und die Suche nach den perfekten Cookies, Kriesensitzungen in Cafés, weil wir am letzten Tag im Jahr noch einmal unser Glück herausfordern wollten und prompt aus unserem Apartment rausgeworfen wurden und auf der Straße saßen, Party- und Weihnachtstrams, UNOjunior, McSpar, stundenlanges Warten auf Pizza, unser kleiner Balkon, auf den wir sogar alle drauf gepasst haben, Reagenzgläser, der Salzbär Eissee und nicht zu vergessen unser liebes Tagesbuch, welches unsere ganzen Probleme verarbeitet hat. Am schönsten war jedoch wirklich einfach Zeit mit wunderbaren Menschen verbringen zu können.

Sternschnuppe Fischschuppe

Gegen meine ursprüngliche Entscheidung und den Wunsch meiner Familie habe ich mich dazu entschieden über Weihnachten nicht nach Hause zu fahren. Und wenn ich das so sagen darf, es hat sich wirklich gelohnt, denn ich wurde von Dorota, der Lehrerin der Berufsschule, dazu eingeladen Heiligabend mit ihrer Familie zu verbringen. ab dem 25. war ich dann mal wieder in Warschau und hatte eine, wie jedes mal, einzigartige Zeit mit Simone. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit habe wenigstens ein bisschen in die polnische Kultur einzutauchen und ein mehr oder weniger traditionelles polnisches Weihnachten kennenzulernen. Als ich bei Dorota ankam war das Fest schon in vollem Gange und es waren viel mehr Leute, als ich erwartet hatte, ihre ganze Familie halt. Die Lesung aus dem Evangelium und die Tradition mit dem Oblatenteilen, welche wir in unserer Klasse hatten, gab es hier allerdings nicht, zwar standen die Oblaten auf dem Tisch, jedoch eher als Beilage zum üppigen Essen. Das traditionelle fleischlose Weihnachtsessen, bestehend aus 12 Speisen, beginnt mit diesmal selbstgemachtem Barszcz und einer Art Pieroggi, gefüllt mit Kraut und Pilzen. Danach folgt eine Menge Hering in verschiedensten Soßen: herzhaft sauer mit Zwiebeln, Pilzen, Gemüse, pikant oder auch süß mit Rosinen, Gemüsesalate, Brot, Sauerkraut mit Pilzen und ich glaube noch sehr viel mehr. Als Hauptgang gab es dann gebratenen Karpfen und selbstgemachte Pieroggi Ruski, ich glaube so gute habe ich noch nie gegessen. Das ganze Essen über gab es ein spezielles Weihnachts-Verdauungs-Kompott, eine Art Saft aus geräucherten Früchten. Dadurch bekommt das Getränk einen ganz besonderen und eigenen Geschmack nach rauch. Dann gab es noch viel Kuchen, Tee und Kaffee und einen ukrainischen Nachtisch: Getreide mit Mohn und Rosinen. Mit dem ganzen außergewöhnlich guten Essen war ich um ehrlich zu sein ziemlich überfordert, das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum viele tagsüber fasten und erst essen, wenn der erste stern am Himmel erscheint. Noch am Tisch sitzend wurden plötzlich polnische Weihnachtslieder gesungen, ganz frei und unbeschwert und es war so unglaublich schön. Irgendwann nachts sind wir dann nach Hause gefahren und von Dorotas Mutter wurde ich auch gleich für nächstes Jahr wieder eingeladen. Viele polnische Familien, gehen noch um Mitternacht zur Messe, das haben wir allerdings nicht gemacht. Ein süßer Brauch ist noch, dass alle eine Schuppe des Karpfens bekommen, die man in sein Portemonaie legen sollte um im nächsten Jahr mehr Geld zu bekommen.

In Warschau stand dann ein wenig Kultur an. Wir waren im Polin Museum, welches neben dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos und dem Willy Brandt Denkmal im ehemaligen jüdischen Viertel steht. Es zeigt mit viel Aufwand die Geschichte der polnischen Juden vom Mittelalter bis heute und lohnt sich auf jeden Fall. Wahrscheinlich müsste man eigentlich noch viel mehr Zeit dort verbringen als wir.

Jetzt geht es weiter nach Krakau, wo wir mit wunderbaren kulturweit Menschen aus Ungarn, Tschechien, Russland und Polen Silvester feiern wollen. In dem Sinne wesołych świąt i szczęśliwego Nowego Roku.

Ein bisschen Weihnachtsstimmung

Heute ist der letzte Schultag und wir hatten eine kleine Klassenweihnachtsfeier sowie ein Krippenspiel für die ganze Schule. Bei der Klassenfeier wurde versucht ein wenig den traditionellen polnischen Weihnachtsabend nachzuempfinden. Am Anfang standen alle um den voll gedeckten Tisch und es wurde aus dem Evangelium vorgelesen. Dann hat jeder ein Stück der gesegneten Oblate bekommen. Damit sind wir nun durch die ganze Klasse gelaufen und haben jedem etwas gutes gewünscht und ein Stück unseres Oblatenstücks abbrechen lassen. Geküsst wurde sich heute allerdings nicht, wegen ein paar Grippevieren im Umlauf. Danach gab es für alle die wollten Tütensuppen Barszcz (rote Beete Suppe), eins der 12 Weihnachtsgerichte, und dazu selbst gebackene Hefeteilchen gefüllt mit Sauerkraut und Pilzen. Nebenbei liefen ‘in der Weihnachtsbäckerei‘ und andere Lieder. Die Atmosphäre der Bibel zwischen Colaflaschen war schon ein wenig seltsam, doch als meine Schülerinnen und Schüler fröhlich Weihnachtslieder singen war es verdammt Herz erwärmend und mir wurde mal wieder schmerzlich bewusst, dass ich gar nicht mehr viel Zeit mit ihnen verbringen werde. Das Krippenspiel in der Turnhalle erfüllt mich mit ähnlichen Gefühlen. Hier werden wunderschöne polnische Lieder gesungen und was ich verstehen kann ist immerhin: kleiner Jesus, Maria und Josef.
Die Altstadt Lublins ist mit schönen Sternlampions geschmückt und jetzt in den letzten Tagen gibt es hier so eine Art kleinen Weihnachtsmarkt: ein paar Stände mit regionalem Räucherkäse, Brot und Kuchen und Pelzmänteln.
Neulich waren wir bei Annes Ansprechpartnerin zum Keksebacken eingeladen. Das ganze entpuppte sich als sehr belebter Kaffeeklatsch und zwischen Tee, Lebkuchen und Rommé haben wir auch ein polnisches Rezept gelernt, ‘die Kekse von Frau …‘ (den Namen habe ich leider vergessen, aber sie war die Frau eines berühmten polnischen Dirigenten). Bei den ‘Keksen‘ handelt es sich jedoch weniger um Kekse, sondern eher um mini Apfelstrudel, welche besonders lecker noch heiß mit Vanilleeis schmecken.

Halbzeit?!

Die letzten Tage verbrachte ich in Dobków beziehungsweise Kulturvanien, so wie wir den kleinen Ort in der Nähe von Breslau getauft haben. Unser fünftägiges Zwischenseminar in der eigentlich viel zu luxuriösen Villa Greta mit Fanny, Kalle und 21 Freiwilligen aus Russland und Polen beginnt und endet mit Geburtstagspartys. Um ehrlich zu sein kannte ich über die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch gar nicht, dafür war das Vorbereitungsseminar wohl doch zu groß. Jedoch herrschte von Anfang an so eine unbeschwerte Vertrautheit zwischen uns allen, als würden wir uns schon jahrelang kennen und ich habe mich immer sehr geborgen und gut aufgehoben gefühlt und war so glücklich wie schon lange nicht. Das Maskottchen Kulturvaniens ist ein Mutationsgesang aus Grapefruit und Katze. Es ist schön zu bemerken, dass wir trotz unserer verschiedensten Einsatzstellen und Orten und einzigartigen Erlebnissen, doch auch ähnliche Erfahrungen machen, die uns zusammenschließen und zeigen, dass wir nicht alleine sind. Es gab mal wieder so viel Input, dass ich, ähnlich wie schon nach dem Vorbereitungsseminar, mit einem vollen Kopf zum Nachdenken und Verarbeiten nach Hause fahre. Unterhaltsam, befreiend, aber auch hart waren die vielen Stunden des Austauschs, Philosophierens und Reflektierens.
Am Dienstag haben wir einen kleinen Ausflug nach Kreisau gemacht und ein wenig über die Geschichte von Helmut James von Moltke und dem Kreisauerkreis gehört, eine Art Widerstandsgruppe im zweiten Weltkrieg. Und dann hatten wir noch überraschenderweise eine Führung zur Vulkanaktivität rund um Dobków mit Erdbebensimulation. Eigentlich hatten wir nämlich erwartet, dass es einen Vortrag zur regionalen Versorgung im Dorf gibt, allerdings waren die Vulkane auch nicht schlecht.
Alles in allem fünf wunderschöne und fast zu kurze Tage, eingerahmt von jeweils einem Wochenende Breslau.
Breslau, Wroclaw, Kulturhauptstadt 2016, die Stadt der Zwerge und Brücken oder wie auch immer, auf jeden Fall eine beeindruckende und sehenswerte Stadt, mit vllt leider ein wenig zu vielen deutschen Touristen. Kleine Bronzezwerge findet man fast überall verteilt, angeblich gibt es über 500, aber genau weiß das keiner. Die zum Wahrzeichen der Stadt gewordenen Zwerge sind eigentlich ein Teil der Freiheitsbewegung gegen die kommunistische Zwangsherrschaft von der „orangenen Alternative“. In Breslau gibt es jedoch nicht nur Zwerge, sondern, zur Freude vieler Freiwilligen, auch einen Weihnachtsmarkt. Beim UNO spielen, fällt Simone auf, dass sie ja solche Kriegsspiele eigentlich gar nicht mag und wir schweifen ab in Diskussionen über eklige Adlige und Gossenstadtenten.
Vom Mathematikturm der Breslauer Uni, welche jedoch viel mehr an einen Palast erinnert, können wir die ganze Stadt überblicken und uns am schönen Wetter erfreuen. Dank mehr oder weniger gut durchgehaltenen Freewalkingtours erfahren wir etwas über die traurige Geschichte der Stadt und ihre Bewohner. Am letzten Tag waren wir noch in der Hala Stulecia, der Jahrhunderthalle, in der gerade eine Buch- und Künstlermesse stattfand. Die Halle gehört (angeblich zu den hässlichsten) UNESCO Weltkulturerben und ist ebenfalls ein Wahrzeichen der Stadt. Breslau ist ein Ort, welcher uns tagsüber und auch nachts verzaubert.
Das Zwischenseminar erinnert mich (leider) auch daran, dass tatsächlich schon die Hälfte meines FSJs vorbei ist und ich nur noch drei Monate hier habe. Das ist traurig und ich kann es selbst fast gar nicht fassen, andererseits freu ich mich natürlichen auch schon irgendwie auf das, was danach kommen wird.

Tradition und der Blick auf vergangene Jahrhunderte

Allerheiligen. Was bei mir zu Hause in Halle nicht mal ein Feiertag ist, ist hier eine sehr wichtige Tradition. Es ist frei und die Stadt ist auf einmal sehr leer und ruhig. Man besucht seine Familie und denkt an die verstorbenen. Je näher ich dem großen Friedhof komme, desto mehr Menschen treffe ich auf einmal. Es herrscht sehr geschäftiges treiben, noch werden die letzten Blumen und Kerzen verkauft. Der Himmel ist schon völlig dunkel, doch über den Gräbern leuchten Heiligenscheine. Es ist so beeindruckend schön, aber auch Melancholie schwebt in der Luft. Auf jedem Grab stehen Kerzen in bunten Gläsern. Alles ist geschmückt und leuchtet, ganze Friedhöfe verwandeln sich in Licht- und Blumenmeere. Entfernt höre ich klaren Gesang und bekomme eine Gänsehaut. So schön und traurig zugleich. Ich Laufe immer weiter in die tiefen des Friedhofs, nun sind kaum noch die Straßenlichter zu sehen, nur noch Kerzen leuchten für die Seelen. Es ist sehr beeindruckend und faszinierend, dass ich mich kaum lösen kann.

Halloween ist hier aufgrund der Feierlichkeiten am Folgetag noch nicht so wirklich ausgeprägt und eher verpönt. Wir hatten jedoch trotzdem ne Menge Spaß, mein Mitbewohner Pepe hatte mich netterweise zu seiner Uniparty eingeladen. Es war ganz gute Stimmung mit den internationalen Medizin- und Tourismusstudentinnen und Studenten in ihren verschiedensten Halloween Kostümen. Ich habe viele nette Leute, vor allem aus Indien und der Ukraine, kennengelernt und irgendwie konnte sich keiner so wirklich vorstellen, dass ich aus Deutschland komme.

Dieses Wochenende wurde ich von meiner Ansprechpartnerin Gosia zu einem Ausflug nach Kazimierz Dolny eingeladen, eine kleine Renaissance Stadt an der Weichsel. Wir konnten uns endlich mal ein bisschen mehr unterhalten, da sie sonst immer viel zu tun hat, und haben den Ausblick von der Burgruine auf die angeblich schönste Landschaft Polens genossen. Was ich nebenbei gelernt habe: die Weichsel ist der einzige europäische Fluss, welcher noch in seiner natürlichen Form verläuft ;).
Die Residenz von König Kazimierz ist sehr klein, schnuckelig und touristisch. Außerdem sehr beliebt bei vielen polnischen Künstlerinnen und Künstlern. Es gibt leckeres typisches Hefebrot in Form eines Hahns und eine Hundestatue, bei der es möglicherweise Glück bringt, die Nase zu berühren. Die vielen alten malerischen Villen, einige sogar noch aus Holz, erzeugen eine geheimnisvolle Atmosphäre des Vergangenen.

Mein schon viel zu alltäglicher Alltag

Dass ich mich so schnell an meine neue Realität, meinen neuen Tagesablauf gewöhne, hätte ich nicht erwartet. Alles läuft schon fast von alleine, ohne nachzudenken, weiß ich in zwischen wann mein Bus kommt und welche Abkürzungen ich nehmen kann oder wann ich wieder in welchen Unterricht muss.
Da bin ich nach zwölf Jahren endlich raus aus der Schule und nun schon wieder mittendrin, nur jetzt irgendwie auch “von der anderen Seite“. Wieder durch die Schulflure gehen und an den kleinen Tischen mit den mehr oder weniger unbequemen Holzstühlen sitzen ist schon ungewohnt, aber noch seltsamer ist es plötzlich einen Platz im Lehrerzimmer zu haben und die Lehrertoilette zu benutzten, wer hätte gedacht, dass ich so etwas mal machen würde.
Unsere Schulklingel hier ist sehr ausgefallen. Anstelle eines einfachen Ringens oder Dingdangdongs gibt es vor und nach jeder Stunde eine etwa zehn sekündige Melodie und zwar jedes mal eine andere.

Was machst du eigentlich genau in Polen? Diese Frage begegnete mir unter anderem immer wieder, in Vorbereitung auf mein halbes Jahr, von allen Seiten. Ich konnte immer nur vage und ausweichend vermurten, inzwischen glaub ich aber ganz gut zu wissen, was hier eigentlich so meine Aufgaben sind. Anfangs habe ich sehr viel hospitiert, meistens hinten oder vorne im Unterricht gesessen und meine Meinung gesagt, falls jemand Fragen hatte. Inzwischen übernehme ich kleine Unterrichtseinheiten, löse gemeinsam mit den Kindern Aufgaben oder wir singen ‘Schnappi das kleine Krokodil‘, sonst führe ich Einzelgespräche in Vorbereitung auf die DSD Prüfung, verfasse und korrigiere Texte oder fungiere als Sekretärin indem ich sehr viel kopieren und hin und her bringen darf.
Ich hoffe, dass ich in der kommenden Woche auch mit meinem Kulturweit Projekt, welches ich mit der sechsten Klasse verwirklichen möchte, beginnen kann. Und freu mich schon auf endlich ein bisschen mehr Eigeninitiative und weniger in der Rolle des Lehrers zu stehen.
In unserer Schule gibt es immer mal wieder kleine Veranstaltungen an denen ich teilnehmen darf, wie z.B. letzten Freitag. Zwischen Basketballkörben und Reckstangen finde ich in unserer Turnhalle ein Konzert von zwei mittelalten Rappern und treffe auf sehr unterschiedliche Begeisterung. Nach jedem Lied folgen hier etwa 10 Minuten unterhaltsame Belehrungspause zum Thema Drogenprobleme, Junkies und Suchtgefahr, aber leider verstehe ich wie meistens nur vereinzelte Wörter. Das ganze wird dabei als Lehrstunden und Pflichtprogramm zur Vorbeugung von Sucht und Abhängigkeit gesehen. Im Hintergrund laufen auf Leinwand kleine Animationen und schlimme Fotos. Erschreckenderweise reagieren viele Schülerinnen und Schüler mit Gelächter. Ich hoffe dies liegt nur an Unsicherheit und Verlegenheit in Bezug auf den Umgang mit solchen Bilder.
Inzwischen arbeitete ich montags auch noch an einer Integrationsschule in Lublin, wo mich in etwa die selbe Arbeit erwartet. Die Schule ist allerdings riesig und ich verlaufe mich ständig. Es gefällt mir sehr gut hier, auch weil ich zur Abwechslung mal keine zeitfressende Busfahrt vor mir habe. In der siebten Klasse gibt es eine Schülerin, Domenica, welche fünf Jahre in Deutschland in der Nähe von Bielefeld gewohnt hat und erst seit diesem Schuljahr wieder in Polen lebt. Es ist sehr schön und auch echt ungewohnt, sich mit ihr völlig ohne Probleme auf deutsch unterhalten zu können. Somit bekomme ich auch ein bisschen den Blick von der Schülerseite auf die Schule zu sehen, mit einigen Kritikpunkten, welche von Seiten der Lehrer nie zu erkennen waren.
Nun wurde ich noch gebeten am Samstag an einer Berufsschule zu helfen, bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich das annehmen werde, da ich an den Wochenenden gerne ein bisschen Polen und Lublin erkunden möchte und somit nicht gerade oft Zeit für den Unterricht hätte. Andererseits wäre es bestimmt auch sehr interessant, da ich im Gegensatz zu meiner sonstigen Arbeit, auch eher auf Gleichaltrige treffen würde.

Als über das verlängerte Wochenende meine Familie zu Besuch kam, habe ich Lublin noch ein bisschen anders wahrnehmen können. Ich hatte ja nie erwartet, dass es hier so unglaubliches und viel zu leckeres Essen gibt. Ob im jüdischen Restaurant in den Gewölben der Altstadt oder im „Zilony Talerzyk“ mit dem besten Brownie und viel zu freundlichem Barmann, der uns sogar sein Rezept verraten hat. Aber auch das Picasso Museum in der Burg war beeindruckend, auch wenn man bedenkt, dass der Eintritt umgerechnet gerade mal 2,50€ gekostet hat.
Was mich allerdings am meisten gefreut hat, war glaube ich einfach das gemeinsame Kochen und Kartenspielen, das hab ich wirklich vermisst.

Kuriositäten

Nach schon über einem Monaten Aufenthalt hier in Lublin (was ich ehrlich gesagt noch gar nicht realisieren kann), wollte ich einfach ein paar Dinge aufzählen, dich mich anfangs bzw. immer noch ein wenig verwirren. Was jedoch in keinem Fall irgendwie kritisch oder negativ gewertet werden soll.
Fangen wir ganz grundlegend an ;). ‚Ja‘ und ‚nein‘ heißt auf polnisch ‚tak‘ und ‚nie‘. Allerdings bedeutet ‚no‘ ebenfalls ‚ja‘ und ‚ja‘ steht für ‚ich‘. Während ich also noch völlig im deutschenglisch Modus steckte, harbe ich wie‘s aussieht ständig ‚ichichich‘ gesagt, wenn ich ‚ja‘ meinte und ‚jaja‘, wenn ich eigentlich mit ‚nein‘ antworten wollte. Selbst heute passiert mir das noch von Zeit zu Zeit. Allerdings bin ich, dank der verständnisvollen Leute doch ganz gut damit durchgekommen, zum Glück.
Viel offener als in Deutschland, wird man hier einfach angesprochen, bevorzugt von älteren Damen. Ob im Bus, beim Einkaufen oder einfach auf der Straße. Soweit mein polnisch es zulässt entschuldige ich mich vielmals, dass ich nicht helfen kann und kein polnisch verstehe. Daraufhin wird mir mit einem lächeln und ein paar Worten auf die Schulter geklopft und sie gehen weiter. Dabei würde mich es wirklich interessieren, was eigentlich zu mir gesagt wird. Aber leider gehört polnisch ja offiziell zu den 10 schwersten Sprachen weltweit und auch mein Sprachkurs an der Uni hat erst seit dieser Woche angefangen. Zugegeben bin ich mehr als ein wenig überfordert von den vielen kaum zu unterscheidenden ‚tsch‘ ‚dz‘ ‚dsch‘ ‚ts‘ und ‚eauö‘ Lauten. Es gibt 32 Buchstaben und angeblich 7 Fälle, ich freu mich schon drauf ;).
Traditionen, Feste und Familie stehen in Polen unter anderem an oberster Stelle. Ein sehr groß gefeiertes Ereignis ist der 14. Oktober, der „Tag der Lehrerinnen und Lehrer“. Plötzlich kommen die Lehrpersonen in Abendkleid und Anzug mit Abzeichen. Ich kam mir auf jeden Fall sehr fehl am Platz vor. Es gibt mehrere Auszeichnungen und jeweils Geschenke von den Klassen, Blumen und Schokolade aber sogar auch Kleidung und riesige Präsentkörbe. Ich habe unerwarteter Weise auch etwas bekommen, eine Kuscheldecke und ein kleines Ständchen, was mich natürlich sehr gefreut hat, aber andererseits weiß ich nicht ob ich das wirklich so will, von den Schülerinnen und Schülern als Lehrerin gesehen zu werden.. eigentlich nicht. Wir haben schon eine eigenartige Rolle als Freiwillige in den Schulen. Man steht überall dazwischen und gehört nirgends so wirklich dazu. Weder Schüler noch Lehrer. Und auch im Wohnheim und Sprachkurs fall ich raus, unter den ganzen Studentinnen und Studenten.
Aber es gibt nicht nur den „Tag der Lehrer“, sondern auch einen „Tag der Mädchen“ und einen „Tag der Jungen“. Letzteren durfte ich sogar miterleben. Die sms meiner Ansprechpartnerin: ‚komm von 17-20 Uhr in die Schule, da ist die Disko‘. Ich komme also nichtsahnend und ein wenig verwirrt an, wo ich in die Turnhalle geschickt werde. Nebelmaschine, bunte Lichter und Schüler die sich als DJ‘s versuchen. Die Atmosphäre war für mich schon irgendwie seltsam, die ältesten Schüler immer noch 2-3 Jahre jünger, von Lehrerinnen und Schülern genau beobachtet und wie gesagt immer irgendwo dazwischen. Auch standen die Lehrer an der Tür und haben niemanden aus der „Disko“ rausgelassen, bis das Programm zu ende war und es Pizza gab. Ganz schön war allerdings mal die Möglichkeit zu haben, die Schülerinnen und Schüler außerhalb des Unterrichts zu sehen. Es war plötzlich viel lockerer und offener.
Um noch einmal auf die Pizza zurück zu kommen, die isst man hier in Polen so gut wie überall mit Soße, also Ketchup oder Mayo aber auch ausgefalleneres. Natürlich total undenkbar für meine beiden italienischen Mitbewohner. Und Bier gibt’s, wie schon mal erwähnt mit Sirup und Strohhalm oder sogar auch heiß, hat dann ein bisschen was von Glühwein. Alkohol darf man offiziell übrigens nicht in der Öffentlichkeit, also draußen auf Straßen und Plätzen, trinken.
Im Supermarkt findet man immer wieder einen Käse, der ‚Salami‘ heißt. Ehrlich gesagt hab ich mich noch nicht getraut ihn zu probieren.
Generell ist das mit den Supermärkten interessant. Viele Läden haben immer bis 23 Uhr offen und sogar auch sonntags, dann allerdings ‚nur‘ bis zehn. Es gibt mehrere französische Supermarktketten hier, ich persönlich gehe jedoch lieber in die polnischen, schon allein wegen der Namen. Das ist wirklich süß, während man bei uns Aldi, Rewe oder Edeka findet, heißen die polnischen Discounter Übersetzt Marienkäferchen (übrigens der günstigste), Blümchen oder Fröschchen mit jeweils den entsprechenden Bildern dazu. Auch die Vornamen werden immer und überall mit Spitznamen verniedlicht, wenn auch teilweise nicht ganz nachvollziehbar. So wird Alexandra z.B. zu Olla, Jakob zu Cuba oder Jo(h)anna zu Ascha.
Ach ja und nicht zu vergessen, in Polen gibt es nicht die allseits bekannten Toilettenmännchen, sondern noch hauptsächlich die Symbole Kreis (weiblich) und Dreieck (männlich), welche immer wieder gern für Verwirrung sorgen. Interessanterweise wird in der polnischen Sprache kaum gegendert. Es gibt z.B. alle Berufe nur in männlicher, nicht aber in weiblicher Form.

W oparach absurdu – in the clouds of nonsense

Ob eine Wanderung durch den Nationalpark, tanzen, Marktbesuche, schon wieder ne WG Party, Portemonnaie verlieren und über komplizierte Wege wiederfinden oder Seminar plus Wochenende in Warschau mit Simone verbringen. Irgendwie ist immer was los, was zwar total schön ist, allerdings brauch ich glaube ich auch mal ein bisschen Ruhe für mich, ab und zu. Deshalb genieße ich inzwischen meine morgendliche Busfahrt um Uhrzeiten, wo noch niemand wirklich unterwegs ist und ich einfach beobachten, vor mich hin träumen und viel nachdenken kann.
Es ist so schön hier, besonders wenn die Sonne scheint. In Lublin haben wir mit 700 Leuten, anlässlich der 700 Jahre Lublin Feier, mehr oder weniger Salsa getanzt und dem lubliner Omaclub zugeschaut. In Warschau haben wir es dann nochmal mit Bachata versucht und dank Simone kann ich sogar auch ein wenig Swing.

Auf dem Markt, egal wo, ist es wunderschön, viele Stände nah bei einander mit frischem Obst und Gemüse, aber auch Brot, Eier und Käse sowie Säcke voller Trockenfrüchte, Linsen und Nüsse. Die Marktleute sind sehr gut drauf, freuen sich über jeden polnischen Wortfetzen, den man versucht herauszubekommen und sind sowieso sehr sympathisch.

Die fünf Tage Warschau waren vor allem gezeichnet mit wenig Schlaf, viel viel Essen und anderen Plänen und der DSD-Gold Fortbildung. Das Seminar war allerdings nicht wirklich für uns Freiwillige gedacht. Dafür haben wir uns jedoch mal ganz nett mit anderen Deutschlehrerinnen und Lehrern auseinander gesetzt und gelernt, wie man Unterricht interessanter gestaltet mit Fragen wie „Unser Land ist sehr sauber. Was können wir tun um das zu ändern?“ Oder „Was muss ich machen, um alle meine Freunde zu verlieren?“.

Es war auch wirklich schön, als wir einfach spontan aus dem Bus ausgestiegen sind und in die Bar “ W oparach absurdu“ im noch eher unentdecktem Stadtteil Praga „gerannt“ sind, weil wir einfach dachten „Oje wir müssen raus“. In der kleineren Gruppe waren auch gleich die Gespräche viel intensiver und in jedem Fall auch sehr interessant. 😉
Wunderschön ist auch der Nachtmarkt in Warschau, leider war’s der letzte für dieses Jahr. Es ist ein einziges Streetfoodfestival mit vielen verschiedenen Ständen, lauter Musik, guter Stimmung und sogar auch Barbier und Tätowier Ecke. Ein Glück haben wir sympathische Locals getroffen, zwei vegetarische Köche, die zufällig an einem der Stände arbeiten und uns so den Weg zeigen konnten. Ich glaube ansonsten wären wir nie auf die Idee gekommen die dunkle Gasse ohne Straßenbeleuchtung bis zum Ende durchzugehen, wo man dann auf die alte Bahnstation trifft. Hier tummeln sich plötzlich wieder viele Leute zwischen den Essensständen aus unterschiedlichsten Nationen. Von süß über herzhaft, brasilianisch bis ukrainisch wird hier nichts ausgelassen. Angeblich findet man sogar gegrillte Insekten. Wirkungsvoll aufgepeppt mit bunten Neonleuchten, Lichterketten und einem DJ entsteht eine ganz einzigartige Atmosphäre auf dem alten Bahngelände.

Julia, Romeo und Warschau

Gleich das erste wirkliche Wochenende für mich in Lublin habe ich garnicht hier, sondern in der Hauptstadt verbracht. Ich wurde nämlich sehr kurzfristig zu einem Klassenausflug am Freitag nach Warschau eingeladen, um ‘Romeo und Julia‘ zu sehen. Das Musical war sehr interessant inszeniert und spielt in der Zukunft mit 3D Bühnenbild und „Wassereffekt“ (im Prinzip hat es einfach auf die Bühne geregnet). Dass die ersten Reihen mit Regencapes und 3D-Brillen im feinen Theater Buffo saßen, war dann doch sehr amüsant. Vor dem Theaterbesuch waren wir noch im riesigen „Park Lazienki“, was übersetzt so viel wie Badezimmer bedeutet und ich hatte einen mini Polnischkurs von sehr netten Schülern.
Während meine Klasse nach Hause gefahren ist, habe ich das Kulturweit Netzwerk genutzt um das restliche Wochenende in Warschau zu verbringen. Mit Laura (Kulturweitfreiwillige), einer Kulturweitalumna und noch ein paar anderen Studenten, haben wir dann den Freitagabend in verschiedenen Barkellern in der Nähe der Palme verbracht und dort typisches Bier mit Himbeersirup und Strohhalm getrunken, was sogar erstaunlich lecker war ;). Man läuft durch eine Häuserpassage und plötzlich findet man sich in einem unerwarteten Gedränge aus jungen Leuten wieder, wo sich Bars aneinander reihen und man sehen muss, dass man noch einen Platz bekommt.
Am Samstag bin ich ein wenig durch Warschau gelaufen, habe die Altstadt gesehen und war in einer der typischen Milchbars, welche sich vor allem zwischen den beiden Weltkriegen weit verbreitet haben und die Verpflegung der breiten Bevölkerungsschichten sicherten. In so einer bar mleczny herrscht Selbstbedienungsbetrieb und man kann sehr günstig traditionelles polnisches Essen genießen. Als Antwort auf seine Bestellung bekommt man hier einen „Summer“ in die Hand gedrückt. Sobald das kleine Plasteteil anfängt zu brummen und zu leuchten und den ganzen Tisch vibrieren lässt, kann man sich schnell sein Essen an der Küche abholen und es sich schmecken lassen. Des Weiteren waren wir auf dem Dach der Unibibliothek, welches als Grünanlage ausgebaut ist. Von dort oben hat man einen beeindruckenden Blick sowohl über Warschau, wie auch in den Lesesaal durch einige Glasdächer. Aufgrund der Glasdächer und dadurch, dass die Bibliothek recht überwuchert ist, wirkt sie ein wenig wie ein verwunschenes Gewächshaus aus einer anderen Welt. Das Gebäude ist ein sehr ungewöhnlicher Anblick in der Millionenstadt und verleitet einen zwangsläufig dazu in all dem Trubel innezuhalten und durchzuatmen.
Samstag und Sonntag verbrachte ich wunderschöne Zeit mit Simone und Anne (Kulturweitfreiwillige) und nach ein wenig Verwirrung finden wir uns auch schnell immer besser zurecht, entdecken versteckte Hinterhöfe mit Bars und Restaurants und laufen durch tolle Straßen mit kleinen netten Läden. Ich kann hier nur das Viertel rund um die ‚ul. Hoza‘ empfehlen. Allerdings sollte man nicht, wie wir am Sonntag dort hin gehen, da hier vor allem viele der kleineren Geschäfte geschlossen haben. Es ist aber natürlich trotzdem toll.
Allgemein ist Warschau eine sehr beeindruckende Stadt. Im zweiten Weltkrieg wurden hier leider etwa 90% zerstört und somit besteht Warschau abgesehen von dem bisschen Altstadt vor allem aus neuen Gebäuden. Hochhäuser grenzen an alte Kirchen und Blockbauten, der Anblick ist schon ein wenig ungewohnt. Es ist überwältigend was für riesige Häuser mit sehr hohen Akarden und breite Straßen es hier gibt. Relativ zentral findet sich inmitten von Hochhäusern der wuchtige Kulturpalast, ein sehr umstrittenes Gebäude. Als Geschenk Stalins ist er vor allem von der älteren Bevölkerung nicht gern gesehen, da er an die sowjetische Vorherrschaft erinnert. Auf der anderen Seite ist der Palast natürlich eine große Attraktion.
In zwei Wochen bin ich noch einmal in Warschau zu einer Fortbildung und hoffe in den paar Tagen einige Ecken noch ein bisschen besser ergründen zu können.

Bilder aus Lublin

Und so langsam lebt man sich ein

Lublin ist toll! Es ist eine sehr belebte Stadt mit vielen Studenten und es kommen jeden Tag neue, da in zwei Wochen das Semester beginnt. Die historische Altstadt und das Schloss sind relativ touristisch, etwas abseits davon wird es dafür jedoch umso netter. Es gibt viele schöne, meist unsanierte Gebaude, nette Bars und immer wieder kleine Grünflächen sowie einen riesigen Park als Unterschlupf vor dem ganzen Trubel. In Lublin leben außerdem viel zu viele Tauben, welche noch mehr Dreck machen und damit meinen Mitbewohner auf die Palme bringen, der vergeblich versucht unseren Balkon sauber zu halten. An jeder Ecke stehen Flyer-verteilende Leute für Polnischsprachkurse und es gibt viele Standpunkte um Fahrräder auszuleihen, wo ich mich unbedingt noch anmelden muss (sowohl für die Fahrräder als auch für nen Sprachkurs).
Ich mag es sehr ziellos durch die Stadt zu gehen und neue schöne Ecken zu entdecken. Man biegt ab und plötzlich ist man an einem anderen Ort und taucht ein in verschiedene Lebensstimmungen. Es ist interessant die verschiedenen Gruppen von Menschen zu beobachten, die hier so rum kommen. Ich glaube man achtet generell viel zu wenig auf die Bewohner einer Stadt.
Mein Studentenwohnheim liegt etwas außerhalb der Innenstadt, wo sich vor allem Plattenbauten und Gebäude aus den 60ern finden, aber durch die netten Leute entsteht trotzdem eine sehr angenehm Atmosphäre.
Es passiert hier relativ oft, dass man plötzlich bei irgendwelchen Leuten, die man kaum kennt sehr herzlich zum Tee nach Hause eingeladen wird. An diese beeindruckende Gastfreundschaft werde ich mich wohl erst noch gewöhnen müssen.
Es gibt viel Tee und süßes wie auch herzhaftes Hefegebäck. Außerdem eine Vielzahl verschiedenster Piroggen, welche ich gerne noch alle probieren möchte.
Heute war mein erster wirklicher Arbeitstag in der Schule in Swidnik. Hier geht alles ein bisschen drüber und drunter, da gerade das ganze Schulsystem in Polen umgeschmissen wird und niemand so wirklich weiß, was er machen soll. Abgesehen davon ist es aber wirklich nett hier. Sowohl Lehrer wie auch Schüler sind zumindest zu mir immer sehr freundlich und es macht Spaß sich zu unterhalten. Die meiste Zeit saß ich heute im Unterricht und habe zugehört oder ein paar Fragen beantwortet. Das einzig negative ist, dass meine Schule in der nächsten Stadt liegt und ich somit immer noch eine dreiviertel Stunde wilde Busfahrt vor mir habe.

Cześć Polska!

Es ist kurz nach acht und ich bin schon in Polen 😉 die grauen Wolken sind erstmal verschwunden und es scheint die Sonne. Ich sitze in einem alten und knarrenden Abteilzug zusammen mit sehr netten und hilfsbereiten Menschen, vor mir noch rund neun Stunden gemütliche Zugfahrt.
Gottseidank hab ich den Zug nach Warschau noch geschafft, denn als meine Familie und ich heute morgen zwanzig vor fünf am Bahnhof standen, gab es den Zug plötzlich nicht mehr, welcher mich nach Berlin bringen sollte. Dieser fährt jetzt also überraschenderweise nicht mehr über Halle und wir sind völlig aufgeschmissen. Nach kurzer Schockstarre also schnell zurück ins Auto, erst versucht den Zug in Bitterfeld einzuholen und als uns klar wurde, dass das nichts wird, auf nach Berlin. So schnell war ich glaube ich noch nie mit dem Auto unterwegs. Statt bei Tee und Keksen im Zug zu sitzen und leicht dösend den Sonnenaufgang zu beobachten, wie ich mir es eigentlich vorgestellt hatte, rasten wir also putzmunter und vollgepumpt mit Adrenalin über die Autobahn Richtung Berlin. Zum Glück noch geschafft.

Durch den ganzen Stress ist das Abschiedsdrama irgendwie in den Hintergrund gerutscht und ich habe mal wieder viel zu spät realisiert, dass ich jetzt schon wieder weg bin. Meine Familie und Freunde, die wichtigsten Menschen für mich, welche bis jetzt eigentlich mein ganzes Leben mitgestaltet und geprägt haben, werden erstmal nicht mehr bei mir sein, bzw. ich werde nicht mehr bei ihnen sein. Jeder lebt jetzt sein Leben weiter, auf seine eigene Art und Weise, in einer ganz anderen Welt mit ganz anderen Einflüssen. Bei solchen Gedanken wird mir ein wenig mulmig, es kann sich so vieles aber auch nichts verändern und ich bin plötzlich auf mich alleine gestellt.

Inzwischen hat es sich wieder etwas zugezogen, ich habe einen netten Fensterplatz, sehe viele Felder und Wälder und ab und zu kleine Bahnhöfe und wenig Häuser. Der Ausblick ändert sich jedoch spätestens, als ich in Warschau umsteige. Viele schöne Gebäude und eine Menge verschiedenster Menschen. Auch der Zug ist jetzt viel belebter mit jungen Leuten, die versuchen in den kleinen Abteilen Platz zu finden und zum Teil leider einen lauten und eher schlechten Musikgeschmack haben. Bestehend aus 6 bis 8 Sitzen, einem großen Fenster, einer Schiebetür und blauen Vorhängen, sehen die Abteile ein wenig aus, wie bei Harry Potter. Was ganz lustig ist, zusätzlich gibt es über der Stuhlreihe noch jeweils einen schmalen Streifen Spiegel.

In Lublin angekommen, werde ich ganz herzlich von meiner Ansprechpartnerin Gosia empfangen, die sich auf dem Weg zum Studentenheim auch erstmal ein wenig verfährt, so dass ich noch eine kleine extra Runde durch die Stadt bekomme. Ich wohne zusammen mit einer anderen Freiwilligen in einer fünfer WG. Außer uns gibt es noch eine Italienerin, einen Italiener und einen aus Zypern. Alle sind auf jeden Fall super nett und sehr sympathisch und nebenbei gibt es morgen Abend anscheinend noch eine Homeparty bei uns. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf die nächsten Tage.

Zeit

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.
Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass ihm eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt.
Denn Zeit ist Leben und das Leben wohnt im Herzen.“

Dieses wunderbare Zitat stammte aus dem Roman „Momo“ von Michael Ende. Die Geschichte enthält so viele tolle Weisheiten, dass man es im Grunde nicht nur als Kind lesen sollte.
Wie unterschiedlich schnell die Zeit vergehen kann habe ich vor allem in den letzten zehn Tagen mitbekommen. Da war das Vorbereitungsseminar von Kulturweit am Werbellinsee in der Nähe von Berlin. Wir waren 350 Freiwillige, so viele wie noch nie, die alle für ein ganzes bzw. halbes Jahr ins Ausland gehen werden. Wir haben viel diskutiert, gelernt und uns ausgetauscht in unseren Homezones und verschiedensten Workshops. Am schönsten war dann jedoch wirklich die Freizeit, in der man auch was mit Leuten unternehmen konnte, mit denen man sonst (leider) weniger zu tun hatte.
Bei meiner Ankunft dachte ich noch die zehn Tage würden bestimmt ewig dauern, doch ich merkte schnell, dass ich damit nicht recht behalten sollte. Die Zeit verging wie im Flug und plötzlich sitze ich schon wieder zu Hause und wünsche ich könnte noch viel mehr Zeit mit diesen wunderbaren und besonderen Menschen verbringen. Und leider konnte ich mich nicht mal von allen verabschieden, weil das ganze viel zu schnell ging.
Nagut jetzt hab ich noch vier Tage und dann bin ich auch schon wieder wo anders, in Lublin und hoffe darauf genauso tolle Leute kennenzulernen, obwohl ich mir gar nicht vorstellen kann, dass ich nochmal so wunderbare treffe.

Ziellos durch das Land des Zufalls streifen

Ein halbes Jahr in den Osten von Polen. Ich war nicht gerade vom Hocker gehauen, als ich meine Zusage vom PAD für die Einsatzstelle in Lublin bekam. Eigentlich wollte ich nach Südamerika, irgendwo in die Sonne, aber nagut, warum eigentlich nicht Polen. Je länger ich darüber nachdachte, desto attraktiver erschien mir die Idee nach Polen zu fahren. Ich hatte es nur einfach nicht in Betracht gezogen in Osteuropa mein fsj zu machen. Ich war noch nie in Polen, also warum dann nicht einfach jetzt? Wer weiß wann ich sonst das nächste mal die Chance dazu habe.
Zufälle, die man nicht erwartet und die dein leben in eine völlig neue vorher nie bedachte Richtung lenken, sollte man in jedem Fall nutzen. Und für den Fall das es doch nicht so nett wird (was ich mir jedoch nicht vorstellen kann), ist die Entfernung nach Hause ein klacks. Außerdem ist es ja nur ein halbes Jahr.
In zwischen gefällt mir die Idee sowieso besser danach ohne Organisation und festgeschriebenem Ablauf einfach auf eigene Faust nach Südamerika zu fahren und wunderbare Freunde zu besuchen.
Also lass ich mich ein, auf kalten polnischen Winter, Büffelgrasvodka und herzliche Leute.

Lublin liegt ca. 160 km südöstlich von Warschau und ist eine Studentenstadt mit 350.000 Einwohner. Hier finden sich ganze fünf Universitäten, welche von vielen Erasmus Studenten aus der ganzen Welt besucht werden. Falls es mit dem polnisch lernen nicht klappt, kann ich also immerhin noch mein englisch aufbessern.
Ich werde ein Zimmer in einem der Studentenwohnheime bekommen und somit hoffentlich schnell coole Leute kennenlernen, die sich hier schon ein bisschen auskennen.
Arbeiten werde ich allerdings gar nicht in Lublin, sondern in Swidnik (lese gerade, dass der Name von ‘blutroter Hartriegel‘ kommt). Nach Swidnik darf ich dann noch jeden Morgen mit dem Bus fahren, um den, soweit ich weiß, 13-16 jährigen Schülern im Deutschunterricht zu helfen.
Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt was jetzt eigentlich auf mich zukommen wird :D.