Good to go (Nachtrag zum 13.09.)

Vor dem Abflug will ich raus aus dem ekligen Flughafengebäude, an die frische Luft.

Ich sitze in Frankfurt vor dem Terminal, dort wo die Taxis abfahren und man zu Fuß gar keine Chance hat wegzukommen, weil die Straße auf beiden Seiten unmittelbar in die Autobahn überlaufen. Vor mir ein riesiges graues leicht sozialistisch anmutendes Hotel, daneben die Schnellstraßen, die sich in zahlreichen Schnittstellen tummeln, während die Autos ankommen, eilig abfahren, vorbeirasen oder neben mir an der Parkplatzschranke bremsen, anhalten und wieder beschleunigen. Zwischen den Straßen und der Geschäftigkeit wachsen Bäume dicht an dicht, verwildert und kraftstrotzend. Sie fühlen sich pudelwohl dort und achten gar nicht auf den Verkehrs-, geschweige denn auf den Fluglärm. Es regnet. Das hatte sich schon lange angekündigt, doch gerade als ich aus dem erstgefundenem Ausgang des Flughafens trete, beginnt es in heftigen Schauern, unterbochen durch leichtes Nieseln, zu schiffen.

Es ist ein schöner Abschied. Noch einmal deutsche Geschäftigkeit, noch einmal die heimatliche Ruhe spüren und den spröden Regen noch einmal abkriegen. Das Vordach des Flughafens scheint nicht dafür konstruiert zu sein, dass man trocken bleibt, jedenfalls gibt es alle zig Meter eine Lücke im Dach, ein paar kleine Duschen sind beim Luft schnappen also inklusive. Noch einmal deutsche Perfektion.

Nach den zehn Tagen Vorbereitungsseminar bin ich endlich enthusiastisch loszulegen. Ich möchte mich in die Fremde stürzen und mit ihr verschmelzen, nach neuen Lebensgefühlen und neuen Realitäten suchen. Ich will mich ändern und sei es nur zeitweise für dieses eine Jahr.

Viel über das Seminar erzählen werde ich hier nicht. Vielleicht später mal (eigentlich höchst unwahrscheinlich), denn jetzt bin ich zum einen zu sehr woanders mit meiner Aufmerksamkeit um alles nochmal zu reflektieren, zum anderen bin ich auch einfach froh, über die Vorbereitung hinaus zu sein, bereits einen Schritt weiter zu stehen. Das heißt keinewegs, dass ich nicht gerne zurückschaue. Es war eine der schönsten und intensivsten Zeiten meines Lebens und relativ zur Zeitspanne von zehn Tagen sicher auch eine der lehrreichsten. Nicht unbedingt auf den Inhalt bezogen zwar, aber auf den Umgang sicherlich. Den Umgang mit einem viel zu großen Input an Anregungen und den Umgang mit Menschen – mit einer viel zu großen (320 Mann* und Frau* starken) Gruppe sowie mit einzelnen Persönlichkeiten.

Durch die Sicherheitskontrolle gekommen stehe ich vor der ewiglangen Abflughalle, natürlich startet der Flug am hintersten Ende. Hier, also im quasi deutschen, aber internationalem Raum, wird mir nach all den Abschieden bewusst, dass es durchaus ein „Deutschsein“ für mich gibt. Mit dieser Frage – dem Problem der gemeinsamen Kultur eines Landes – haben wir uns im Vorbereitungsseminar intensivst auseinandergesetzt und dabei habe ich mir die Frage immer wieder venunftsgemäß beantwortet: nein, es gibt für mich kein deutsch oder nicht deutsch, höchstens eine gewisse Häufung bestimmter Eigenschaften in einem Raum (der selten ganz Deutschland betrifft), die aber auch innerhalb dessen so vielfältig und konträr sind, dass ich nichts davon zum Stereotyp oder zu einer Erwartung erheben würde. Mein Gefühl beim Abschied widerspricht dem. Nicht in ganz bestimmten Punkten, nicht bei konkreten „deutschen“ Eigenschaften, aber darin, dass dieser Staat eben doch als ein Land existiert, als eine große Heimat für mich.

Am Flugzeug fangen die Turbinen langsam an zu dröhnen, der Himmel ist bereits wieder vollkommen aufgeklart. Es ist dunkel geworden, ich bin froh die nächsten Stunden nur noch in meinem Sessel zu sitzen. Ich kann sogar einige Sterne ausmachen, da der Flughafen mir abgewandt liegt und ich durch die grellen Spiegelungen am Fenster gerade noch ins Dunkel schauen kann. Ganz schwach mache ich den Großen Wagen aus, ein zwei Sterne dazugedacht. Er fährt schließlich rückwärts am Fenster vorbei und andere Sterne, die bunten Lichter des Flughafens rollen ins Sichtfeld. Umso schneller das Flugzeug wird, verschwimmen sie langsam, blau, grün, gelb, rot und violett blinkend. Ich sitze inmitten einer chinesischen Reisegruppe. Egal wie vereinfachend Klischees sind, hier treffen doch allzu viele zu. Fröhlich lachend, sich durch das halbe Flugzeug unterhaltend, im letzten Moment nochmal aufstehend um Sachen aus der Gepäckablage zu holen und um die Stewardess möglichst früh in den Wahnsinn zu treiben macht ein Teil der Gruppe schnell noch ein letztes Gruppenselfie, ich habe die große Ehre dabei zu sein.

Die Länder unter uns verschwinden sofort in der Dunkelheit, keine Kontur ist mehr zu erkennen und es könnte bereits nach zwei Minuten irgendein Land sein, das ich da verlasse. Das einzige sichtbare sind die Lichter, Laternen ohne Ende. Nicht wie Flughafenlichter in allen denkbaren Farben, sondern wieder in einem Schimmern wie Sternenlichter, gelb und zu Zeichen geordnet. Sicher hat im Fall der Straßenlaternen jemand etwas ordentlicher sortiert, als in den Sternen – es gibt mehr gerade Linien, es wurden bei dieser Planung etwas mehr Geometriekenntnisse angewandt und natürlich umweht die Bodensterne immer ein Hauch der Zweckhaftigkeit. Aber nichtsdestotrotz, in diesem Moment, als ich das erste mal wirklich selbstständig aufbreche und mich traue ganz real zwischen den zwei Sternebenen zu stehen, dem sicheren Boden und den lichtjahre entfernten Sternen, scheinen mir beide absolut gleichwertig. Man war so kreativ bei der Vergabe der Sternbildernamen, ich frage mich warum man nicht auch die Städte auf diese Weise bennent. Es wäre so viel lustiger, so viel einfacher: alleine im Umkreis von Frankfurt gäbe es die Orte Pilz, Fuß, Murmeltier, Zebra, Ming-Vase und natürlich zahlreiche Spinnennetze. Vielleicht komme ich nach dem Jahr mal dazu, dieses Problem zu lösen.

Geschlafen habe ich wenig auf dem Flug, was ich später noch bitter bereuen werde. Trotzdem bin ich froh als die kurze Ostwärtsflugnacht vorbei ist und die Sonne hell auf der tiefweißen Wolkendecke reflektiert. Nach dem Frühstück, das zunächst nur aus einem Matsch besteht, wie ich ihn vor 15 Jahren im Sandkasten nicht schlechter kreiert habe, dann aber durch eine großzügige Spende meines Nachbarn, der sich wie alle in der chinesischen Reisegruppe seine Extrawurst mitgenommen hat, deutlich aufgewertet wird, überqueren wir die mongolische Grenze. Die Mongolei hätte mich nicht schöner, nicht mit mehr Klischees empfangen können. Über dem mongolischen Weiten brechen die dichten Wolken zu einem endlos türkis-blauen Himmel auf, der von keinem Kondensstreifen, keinem Wolkenfetzen verschmutzt wird. Am Boden türmen sich kleine Gebirgszüge in einem blassen braun, als wäre der Stein von Hand aufgeschüttet und zusammengekehrt. Dazwischen Flachland, nur einseitig bewachsene Hügel, Grasweiten und ab und zu ganz unscheinbar eine Jurtengruppe. Der Boden wird heller und gelber, dann wieder karg und grün. Wir fliegen über ein kleines Dorf, ich hoffe inständig Bayan Ölgii ist größer als dieses, drumherum sieht man selbst aus der Höhe das unglaubliche Straßenchaos, beziehungsweise das Chaos der Routen, welche oft genug befahren wurden um sichtbar zu sein. Das Leben wird immer dichter, wir überqueren ein breites Flussbett, indem sich eine Vielzahl kleiner Flusssträhnen in unzähligen kleinen Kurven durch den Boden locken. Dann auch einige Haine und Felder, die so dicht liegen, dass sie sich beinahe gegenseitig berühren und schließlich fliegen wir tatsächlich an Ulaanbaatar vorbei, einige Kilometer entfernt – ich würde in diesem Moment am liebsten augenblicklich das Flugzeug verlassen. Ein Abstecher in die Millionenstadt Peking scheint hier so fern und fehl am Platz wie ein Meer hinter der nächsten Bergkette. Ich sehe zwar nicht viel von der mongolischen Hauptstadt, nur eine größere Häuseransammlung hinter einem größeren Hügel, aber schon das Bewusstsein, dass dies mit einem Vorsprung von knapp 1,3 Millionen Leuten die größte Menschenansammlung des Landes ist, entfacht mein Fernweh.

Einmal über die Mongolei geflogen habe ich eine oberflächlichen Eindruck des Landes. Dass alles Oberflächliche, zumal aus 10.000 m betrachtet, stark vezerrt ist und nur vorhandene Vorstellungen unterstützt ist mir klar. Schon deshalb kann ich es kaum erwarten nach meinem 20-stündigen Aufenthalt in der Nachbarshauptstadt wieder über die Mongolei zu fliegen – aus der anderen Richtung und diesmal um endlich für eine lange Zeit zu landen.

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