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Drei Halbmonde

Seit Donnerstag lebe ich nun in San Telmo und ich fühle mich pudelwohl hier. Am langen Wochenende bin ich drei Tage durch die Stadt gelaufen, habe mir meine Umgebung angeschaut und die Träger meines Tops in die Schultern gebrannt. Endlich schönes Wetter nutzen!

Freitag war Feiertag und gefühlt die ganze Stadt befand sich auf der Straße. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich vermutete, am 24. März ist in Argentinien eine Art Demonstrations-Karneval. Nichts ahnend bin ich morgens aus meinem Hostel spaziert, um dann den Plaza de Mayo komplett abgesperrt vorzufinden, darum herum Menschenmassen, die tanzen, trommeln, Böller in die Luft schießen, Fahnen schwenken. Ich verstand garnichts. Lehrerstreik, wie die vergangene Tage? Argentinien, das den Sieg vom Vorabend gegen Chile feiert? Nein. Das ist Gedenkkultur.  Gedenken an die letzte Militärdikatur. Und Protest, wie damit umgegangen wird.

Irgendwann musste ich aus dem Gedränge raus und rettete mich in ein Café. Und das ist die Geschichte, wie ich die für mich besten Media Lunas der Stadt entdeckt habe; habe jetzt wohl ein Lieblingscafé hier. Ein Media Luna, also ein Halbmond, ist ein kleines Hörnchen, das man hier üblicherweise zum Kaffee isst. Eigentlich isst man üblicherweise sogar drei, gut, dass es jetzt Winter wird.

Und das Saturday Night Fever? Hatte ich beim Tango-Tanzen. Zwar habe ich nicht selbst getanzt, aber allein das Zuschauen war spektakulär. statt Disko oder Kino kann man hier Samstag Abend (oder an jedem anderen Tag der Woche) zur Milonga gehen, zum Tango-Tanzen. Und Holla, wer das macht, kann das meistens auch verdammt gut! Tatsächlich habe ich in der Lotterie, die veranstaltet wurde, eine Tango Stunde gewonnen, mal schauen, wie ich mich da anstelle! Essen kann man bei so einer Milonga natürlich auch: Empanadas und Tartas, das schnelle Essen schlechthin. Wieder nichts für die Bikini-Figur, aber man soll ja in die Kultur eintauchen.

Das fällt mir an manch anderen Enden noch etwas schwer. So muss ich mich jedes Mal daran erinnern, dass niemand eine Antwort auf „Hola, cómo estás?“ haben will. Was jedoch Pflicht ist, ist das Begrüßungsküsschen für jeden. Jeder Lehrer der ins Lehrerzimmer kommt, dreht erstmal eine Küsschen-Runde. Auch manche Schüler verlangen eins und es ist das normalste der Welt. Achja, und Mate. Mate ist auch Kultur. In meiner Welt eine Mischung aus Bier und Kaffee (bezogen auf die Bedeuting hier, nicht auf den Geschmack). Man trinkt es den ganzen Tag, es ist irgendwie aufputschend, es wird immer in Gesellschaft getrunken und wenn deine Kinder alleine Mate trinken, sind sie groß. Und beim ersten Mal schmeckt es scheußlich. Jedenfalls hoffe ich, dass es besser wird.

Ich fühle mich jedes Mal etwas merkwürdig, wenn ich ins Lehrerzimmer stolpere. Wie lange habe ich mich gefragt, was in einem solchen Zimmer vor sich geht. Jetzt weiß ichs: genau das, was ich erwartet hatte. Kaffee, Kekse, Mate. Schüler sind nervig, Lehrer werden unterbezahlt. Manchmal hitzige Diskussionen, die leider zu schnell und laut sind, als dass ich folgen könnte, aber ich glaube es geht meistens um Politik…oder dass die Schüler aufhören sollen den Kühlschrank im Lehrerzimmer zu nutzen.

 

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