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Traditionen

Am Sonntag waren wir bei meiner Kollegin zum Asado eingeladen. Asado ist Grillen, nur halt ein bisschen – es gibt kein angemesseneres Wort- geiler.

Zuerst einmal hat mich erstaunt, dass wir nicht bei meiner Kollegin zuhause waren. Wir sind ins Haus ihrer Schwägerin in der Provinz gefahren, weil das einen Garten hat. Die Schwägerin war allerdings mit ihrer Familie verreist. Perfekt also, um mit zwei Familien plus Pia und mir ein Essen zu veranstalten. Ich stelle mir vor, wie ich meiner Tante vorschlage, mit 10 Freunden bei ihr zu kochen, wenn sie nicht da ist.

Beim Asado wird für jeden Esser etwa 1kg Fleisch eingeplant. Teilweise damit man auf jeden Fall genug hat und teilweise, damit man am nächsten Tag nochmal Asado essen kann.

Es kommt nicht irgendein Fleisch auf den Grill. Es gibt bestimmte Sachen, die zu finden sein müssen: Chorizo (deftige Wurst), Nieren, Rippchen, Morcilla (Blutwurst) und gefühlt eine halbe Kuh.

das Fleisch wird einfach nur gesalzen und vom Grillmeister bewacht. Diese Menge Fleisch war für 12 Leute, drei davon unter 10 Jahren.

Mein absoluter Liebling ist die Morcilla, also die Blutwurst, geworden. Wenn sie fertig gegrillt ist, ist die Pelle hart und knackig und innen ist die Wurst ganz weich. Es gibt einmal die normale Variante der Blutwurst oder „Morcilla vasca“, eine süße Wurst mit Rosinen und Zimt drin. Klingt vielleicht komisch, ist allerdings der Hammer.

Ein paar Salate als Beilagen, Saucen gibt es keine. Man trinkt entweder Wein, Bier oder Fernet mit Cola oder alles hintereinander.

Am 20. Juni feiert man in Argentinien den „Día de La Bandera“ also den Nationalfeiertag zu ehren der Argentinischen Flagge. Es ist der Todestag von Manuel Belgrano, der die Flagge mal designt hat. Das heißt freier Deinstag und wieder ein Hoch auf Argentinien mit seinen ganen Feiertagen. Ich trage natürlich in diesem Moment eine Anstecknadel mit der argentinischen Flagge.

Eine andere Kollegin hat mich heute eingeladen, mit ihr zu einem Fest ihrer Gemeinde zu fahren. Es waren unglaublich viele Memschen in der modernen Kirche in Lanus versammelt, die absolut nicht aussieht wie eine Kirche. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich, wenn ich zwei Katholiken frage, ob sie regelmäßig in die Kirche gehen, die Antwort bekomme: „ja immer, mein Mann spielt bei der Messe die Bassgitarre“. Unorgelich.

Zu Essen gabs Locro beim Gemeindefest. Ein traditioneller, sättigender Eintopf mit Linsen, Bohnen, Gemüse und (natürlich) Fleisch. Auf der Top ausgerüsteten Bühne mit Musikequipment, das mein Musikerherz neidisch gemacht hat, wurde dann noch Folklore getanzt und gesungen. „Gracias a la vida, que me ha dado tanto“, beispielsweise. Danke an das Leben, das mir so viel gegeben hat.

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Chinatown und der tote Fahrer

Klingt wie ein Sherlock Holmes Krimi, wird es leider nicht.

Gestern war ich das erste Mal in Chinatown AKA dem Barrio Chino in Buenos Aires. Barrio (Stadtviertel) ist allerdings sehr übertrieben, da das Barrio Chino so ungefähr zwei halbe Strassen umfasst. Die sind dafür aber vollgestopft mit chinesischen Restaurants, Ornamenten und Sushi. Genau das habe ich gestern auch probiert, nachdem mich meine Koordinatorin aus der Schule spontan zum Essen eingeladen hat. Ich weiss nicht, ob es das auch in Deutschland gibt, aber wenn ja, muss ich wissen, wo: frische, komplette Sushirollen aus dem Kühlregal. Für umgerechnet ein paar Euro kann man sie dort im Supermarkt mit verschiedensten Füllungen kaufen, sie zuhause in beliebig grosse Stücke schneiden (Oder reinbeissen, aber das ist dann wohl nicht ganz stilgerecht) und glücklich sein. Trotzdem vergisst natürlich niemand, dass man sich in Argentinien befindet, und so sind die Frühlingsrollen mit Hackfleisch gefüllt. Empanadas gibt es auch, ich muss allerdings sagen, dass ich noch nie so schlechte gegessen habe wie im Barrio Chino…

Die Supermärkte in Chinatown sind auch die einzige Quelle für Kokosmilch, die ich bis jetzt ausfindig machen konnte. Die erste Kürbissuppe diesen Herbst haben wir aber diese Woche schon ohne hinbekommen.

Donnerstag ist der einzige Tag der Woche, an dem ich nicht mit dem Auto mitgenommen werden kann und deswegen den Bus nach Lanús nehmen muss. Das ist auch kein Problem, es gibt eine Linie die ganz gut von meiner Wohnung bis zur Schule durchfährt. Letztens klebte im Bus ein selbstgeschriebenes Schild: Liebe Passagiere, auf dieser Linie kam es in letzter Zeit oft zu Diebstählen und Gewalt gegen andere und den Busfahrer. Sollte sich das nicht bessern, wird es Konsequenzen geben (so ungefähr übersetzt). Ich hab mir darüber nicht weiter Gedanken gemacht.

Heute morgen warte ich dann wie immer auf den Bus, der eigentlich alle zehn Minuten kommt, bis mir jemand nach zwanzig Minuten sagt: wartest du etwa auf die 9? Die fährt nicht mehr, sie haben einen Busfahrer getötet. Bueeeeeeno, denke ich, vielleicht besser, nicht mehr mit der 9 zu fahren. (Ich habe später rausgefunden, dass es garnicht in der Linie 9 passiert ist, sondern aus Solidarität alle Süd-Linien der Stadt gestreikt haben). Es gibt nur leider keine andere Möglichkeit nach Lanús zu kommen. Naja, lange Rede kurzer Sinn, ich habe heute ein bisschen das Zentrum von Lanús kennengelernt und einen Rekord im zu spät kommen aufgestellt.

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Henrique Iglesias

Letzte Woche habe ich mit meinem Spanisch Kurs angefangen. Auch wenn ich eigentlich schon sicher spanisch sprechen kann, habe ich noch ein ganz bestimmtes Ziel: Dass ich nicht nach zwei Sätzen gefragt werde, wo ich denn her komme. Für mich mit meinem insgesamt doch recht blondem Aussehen eine doppelte Herausforderung. Auch mein Name verrät mich leicht. Den Satz „Ich dachte du wärst ein Mann“ habe ich nun schon so um die 10 Mal gehört. Und nein, das liegt (ziemlich sicher) nicht an meiner männlichen Erscheinung, sondern daran, dass man hier denkt, Enrique Iglesias und ich hätten den gleichen Vornamen. Weil ich nicht nicht aussehe wie ein Enrique, wird mir mein Vorname meistens einfach nicht geglaubt. Mir werden lieber neue Namen gegeben wie Enriqua, Erika oder Enriquetta. Auch mein Spitzname „Henni“ fällt nicht leicht, da das „H“ im spanischen nicht gesprochen wird. Ich muss mir also angewöhnen auf „Jenny“ und „Enri“ zu reagieren. Immer öfter steige ich auch auf meinen Zweitnamen „Marie“ um (z.B. läuft meine Paybackkarte für den Supermarkt auf diesen Namen) . Daraus wird zwar auch meistens Maria, aber immerhin sorgt das für weniger Verwirrung um mein Geschlecht. Da haben meine Eltern vor 18 Jahren einfach nicht drüber nachgedacht, was ich für Probleme in Argentinien haben könnte.

Marie hieß ich auch bei einem Tango-Nachmittag im Kulturzentrum im Stadtteil Boedo. In einer großen Halle kamen am letzten Sonntag ca. 50 Argentinier aus der Nachbarschaft zusammen um Tango zu tanzen, neue Schritte zu lernen und natürlich Mate zu trinken. Wie bei so vielen der kulturellen Veranstaltungen hier, war der Eintritt kostenlos und für jedermann. Eine schöne Alternative zum Tatort auf der Couch, finde ich. Tatort hätte man natürlich nicht gesehen, sondern Fussball. Letzten Sonntag spielten nämlich die „Clasicos“. River gegen Boca, arm gegen reich, Süd gegen Nord. Straßen leer, alle vor den Fernsehern. Oder halt beim Tango.

Was mir immer wieder auffällt und auch die zahlreichen Brandblasen an meinen Händen beweisen, ist, dass es in Argentinien eigentlich nur Gasherde gibt. Verständlich, wenn man bedenkt, dass  man, vor allem in der Provinz, mit häufigen Stromausfällen rechnen muss. Zitat: „Stell dir das mal vor, der Strom fällt aus und du kannst dir nicht einmal mehr eine Mate machen!“ Horrorszenarien.

Auch die Geschirrspülmaschine findet man in den meisten argentinischen Küchen nicht. Ich wurde gefragt, ob wir diese große Maschine zuhause in Deutschland denn überhaupt voll bekommen mit nur vier Personen. Diese Frage hatte sich mir bis dahin noch nie gestellt.

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Der Mai ist gekommen

Ein bisschen traurig war ich ja schon, dass ich dieses Jahr nicht zum Tanz in den Mai im Weltberühmten Zelt von Degersen gehen konnte. Ich muss aber sagen, dass ich das lange Wochenende in Buenos Aires auch ganz gut rumgekriegt habe. Nachdem ich letzten Donnerstag noch innerlich mit mir gerungen habe, ob ich meine Winterjacke aus dem Koffer hole, habe ich nun seit fünf Tagen keine einzige Wolke mehr gesehen. Dazu Temperaturen um die 20 Grad und herrlich bunte Herbstbäume. Ein wunderschönes September-Wochenende im April.

Samstag gings dann auf nach Tigre. Das ist eine Stadt, die man von Buenos Aires aus in einer halben Stunde mit dem Zug erreichen kann. Trotzdem fühlt man sich unendlich weit weg. Nach Tigre fährt man aus der Stadt, um sich zu erholen, spazieren zu gehen, grün zu sehen. Das wollten wir auch mal ausprobieren. In Tigre ist das Flussdelta des Rio de la Plata. Ich hatte erwartet, dass der in Buenos Aires so unappetitlich braun aussehende Fluss dort im natürlich flussigen blau-grün fließt. Aber denkste. Wenn möglich, ist der Fluss in Tigre noch brauner und sieht noch ungesünder aus. Das hat die Bootfahrt zwar ein bisschen getrübt (wie der Fluss selbst), aber eine Bootfahrt ist ja immer lustig, eine Bootfahrt die ist schön.

Was nicht so schön ist, ist die Mückenplage, die grade die Provinz Buenos Aires überfällt. Im Norden gab es Überschwemmungen, was nun hier dazu führt, dass ständig zehn Mücken um einen kreisen. Und diese anstandslosen Tiere schrecken wirklich vor nichts zurück. Die argentinischen Super-Mücken bringen es sogar fertig, durch Jeanshosen zu stechen. T-Shirts stellen natürlich erst recht kein Problem dar. Dass die eigentlich nachtaktiv sind, scheint sie auch nicht zu jucken, mich dafür umso mehr. Das kann einem einen entspannten Parkaufenthalt schon mal kaputt machen.

Die Parkkultur ist hier sehr ausgeprägt. Jedenfalls kenne ich es von zuhause nicht, dass man seinen Tag im Park verbringt. In Buenos Aires gibt es überall kleine, mal größere Parks. Am Wochenende sind die rappel voll, erinnert mich an das Freibad in Gehrden Mitte Juli. Man nimmt einfach seine 1 1/2L Thermoskanne mit heißem Wasser und Mate mit, setzt sich auf eine Decke und lässt den Tag auf sich zu kommen. Verkäufer mit gebrannten Mandeln, Kuchen oder Empanadas kommen rum, irgendwer spielt Musik oder trommelt. In einem Park im Viertel Almagro steht ein kleinen Häuschen von der Stadt, dort kann man sich kostenlos wiegen lassen und seinen Blutdruck sowie Cholesterin-Spiegel messen lassen, wie praktisch.

Am Sonntag Vormittag war ich zum ersten Mal im Teatro Colón, ein außen und innen prächtiges Theater-Gebäude im Zentrum. Jedes Wochenende gibt es dort kostenlose Konzerte und ich habe mir ein Ticket für ein Klavier-Cello-Duo ergattern können. Es war unglaublich beeindruckend und ich hoffe, ich werde es öfter schaffen, die vielen kostenlose Konzerte und Veranstaltungen nutzen zu können, die von der Stadt angeboten werden.

Heute durfte ich ausschlafen und musste ausnahmsweise mal nicht um 6 Uhr aufstehen, um um viertel vor acht in der Schule zu sein. Nein, heute geht es nämlich zu einem Vortrag von Bernhard Schlink („Der Vorleser“) mit den Schülern der Oberstufe. Das heißt zwar, dass ich erst um 10 heute Abend zuhause bin, aber das ist für mich doch deutlich angenehmer, als früh aufzustehen. In den ersten zwei Schulstunden bin ich sowieso meist zu nichts zu gebrauchen, weil es erst ab der ersten Pause Kaffee im Lehrerzimmer gibt. Den trinke ich auch gefühlt immer alleine, weil die meisten Lehrer eher Mate trinken und die übrigen nur so tun, als würden sie Kaffee trinken, indem sie in ihre halbe Tasse fünf Löffel Milchpulver und drei Liter Süßstoff kippen (Achtung Übertreibung). Das Leben sei schon bitter genug, sagt man in Argentinien.

 

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Ein Essensbeitrag

Da reist man um die halbe Welt, um dann feststellen zu müssen, dass auch in Argentinien Wettervorhersagen ziemlich unzutreffend sind.

Heute habe ich es zum zweiten Mal geschafft, Strumpfhose und Kleid im Platzregen anzuhaben. Als Wiedergutmachung von mir an mich gabs dann in der Bäckerei zwei Facturas, also süße Hefeteilchen (die meistens keine 40Cent kosten, mal also Gefahr läuft, oft welche zu essen), an denen ich sonst immer vorbei laufe.

Jetzt bin ich wieder halbwegs trocken und kann von weiteren Abenteuern berichten. Zum Beispiel von meinem Besuch auf dem Markt von Lanús am letzten Freitag. Schon in meiner ersten Woche wurde mir gesagt, ich muss dort unbedingt Freitags in der Mittagspause hin, es gebe dort nämlich frittierte Empanadas. Ich, als großer Empanada (und Frittiertes)-Fan, habe direkt Herzklopfen bekommen und es mir fett im Kalender angestrichen. Als ich dann endlich dort war, habe ich auch das „Sprichwort“ verstanden, das mir eine Lehrerein gesagt hatte: Je dreckiger der Stand, desto besser die Empanadas.

Ich habe mich selten blonder gefühlt und meine „Ich bin nicht von hier-Aura“ so gespürt, wie auf diesem Markt. Die Schüler, die natürlich auch alle zum besagten Stand gepilgert sind, staunten sehr, als sie mich dort sahen. Ich kann gar keinen bestimmten „argentinischen Stereotypen“ nennen, aber ich stelle immer wieder fest, dass ich definitiv nicht drin bin.                         Als ich schließlich in meine erste frittierte Schinken-Käse-Empanada biss, wurde mir erst klar, was ich da in der Hand hielt: Mini-Calzone! Ein Träumchen.

Viele Schüler fragen mich, wie deutsche Empanadas so seien. Ich antworte meistens mit einem relativ schlechten Wortwitz, den Sara vor einiger Zeit mal gemacht hat: EmpaNADA

Am Wochenende haben Pia und ich dann auch unsere ersten selbstgemachten Empanadas gebacken. Als ich das Ergebnis am Montag im Lehrerzimmer präsentierte, ging ein Raunen durch den Raum. Backen können sie, die Deutschen, ließ Carlos verlauten. Na Danke. Auch wenn die besten Empanadas eigentlich immer die mit Hackfleisch sind, waren unsere mit Kürbis gefüllt. Das hat sich nämlich inzwischen, zusammen mit Spinat und Dulce de Leche, zu einem meiner Grundnahrungsmittel gemausert. Sehr günstig, immer vorhanden und echt lecker. Gestern gab es Kürbis-Spinat-Quiche, vorgesestern Kartoffeln mit Kürbis-Spinat-Pfanne, Sonntag Kürbis-Empanadas…

Eine weitere Premiere war das Steak, das wir uns am Samstag gebraten haben. Tatsächlich verdammt lecker.  Das kann echt was, das argentinische Fleisch und mehr als die Hälfte günstiger als in Deutschland ist es auch noch. Mit argentinischer Fachberatung habe ich auch gelernt, wie einfach Steakbraten doch eigentlich ist. Ich werde meine Empanadas zwar weiterhin mit Kürbis füllen, aber mich vielleicht doch auch mal trauen, ein Steak zu braten. Ist ja schließlich eine Fertigkeit, die man sich in Argentinien ganz gut aneignen kann.

 

 

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Wo Argentinien Urlaub macht

Über das lange Osterwochenende nach Mar del Plata. Guter Plan, dachten wir, hahaha, dachte die Sonne. Schlimm, diese Europäer, die denken, es gäbe keinen Winter in Argentinien. Wir mussten dieses Wochenende einsehen: die haben sogar einen recht frischen Herbst! Was macht man an einem Strandörtchen, wenn vamos a la playa keine Option ist? Die Antwort auf diese Frage kam Mira und mir recht schnell: Essen.

Zum Glück ist Mar del Plata für gleich mehrere Speisen berühmt: Churros gefüllt mit Dulce de Leche (frittierte, gezuckerte Teigrollen), Alfajores (Doppelkeks mit Dulce de leche dazwischen und meistens mit Schoko überzogen) und Fisch in allen Variationen. Der Satz „Man gönnt sich ja sonst nichts“ fiel viel zu oft, als dass er stimmen könnte und so futterten wir uns munter durch den herrlichen Süßkrams der Atlantikküste. Einen Abend nutzen wir, um die lokalen Biere zu testen. „Artesanal“ ist voll im Trend, die großen Biermarken eher uncool. In wunderschönen Bars, mit Lichterketten, Glasfront und Holzeinrichtung, kann man sich in „Mardel“ durch alle Farben und Geschmacksrichtungen der Hefebrause probieren. Für etwas zu viel Geld vielleicht, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Es ist eben genau das, was man braucht, wenn man zuvor 2kg Dulce de Leche und frittierten Fisch gegessen hat.

Ein weiteres Highlight von Mar del Plata ist der Hafen. Undzwar nicht nur die wunderschön zerfallenen orangenen Schifferböötchen, oder die Imbissläden mit riesen Portionen Calamari, sondern vor Allem die Seelöwen. Ja genau, Seelöwen. Eine Kolonie sonnt sich jeden Tag am Hafen und wird von hunderten Touristen bestaunt. Die Polizisten von Mar del Plata haben dabei die Aufgabe dafür zu sorgen, dass niemand den Tieren zu nahe kommt.

Seelöwen sind schon ulkige Tiere. Riesengroß, fett und relativ hässlich, aber trotzdem werfen sie sich immer in die Yogapose „Kobra“. Diese Yogapose ist auf sämtlichen Logos der Stadt zu finden. Hier eine Nachbildung aus Alfajores- Papierchen:

Ob mir Mar del Plata gefallen hat? Weiß ich nicht. Vielleicht fehlte einfach die Sonne, aber schön fand ich die Stadt nicht. Wobei die Architektur der Stadt schon sehr besonders ist. Anscheinend meinte irgendwer Anfang des 20. JHs, man müsse die Baukunst des europäischen Mittelalters nochmal in Argentinien auflaben lassen. Man findet in der Stadt Häuser im Tudor-Stil, eins, das aussieht, wie das Shakespeare-Theater in London, kunstvolle Fachwerkhäuser und eine Art Ritterburg (von 1912). Daneben stehen heruntergekommene Hochhäuser im fragwürdigen Streifen-Design oder auch komplett verfallenen Gebäude. Geht man ein bisschen aus der Stadtmitte raus, kommen dann aber auch schon die prächtigen neuen Ferienwohnungen und 5-Sterne Hotels, man gönnt sich ja sonst nichts (Spaß, wir waren natürlich standesgemäß im Hostel).

Zwei Dinge, die ich meinem Körper jetzt langsam beibringen muss:

– auch wenn es April ist, wird es bald kälter, nicht wärmer!

– Für Wärme geht es nicht „ab in den Süden“ sondern hoch in den Norden

ist schon Sau kompliziert auf der Südhalbkugel.

 

 

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Mein erster Generalstreik

Am Donnerstag, den 06.04. ist Generalstreik in ganz Argentinien angesetzt. Aus Protet gegen die Regierung, gegen wie alles läuft. Im Mittelpunkt steht dabei die Demobilisierung. Keine Busse, keine Metro, Blockierte Straßen. Heißt für mich, es gibt keine Möglichkeit, zur Arbeit zu kommen. Da hab ich einen freien Tag gewonnen. Na Schade.

Ich habe das Gefühl, dass recht viele das so sehen und vielleicht  nicht alle Argentinier ausschließlich politisch motiviert streiken. Ein langes Wochenende bietet sich ja an. Viele werden durch die Demobilisierung auch einfach dazu gezwungen, ihre Arbeit nieder zu legen. Von manchen habe ich gehört, es sei gefährlich, heute arbeiten zu gehen. Man wisse ja nie, was für Leute da ein Auge drauf haben. Keiner wusste so wirklich, was uns erwarten würde am diesem Donnerstag. Es ist schließlich der erste Generalstreik unter dieser Regierung. Vielleicht wurden meine Erwartungen zu sehr geschürt, ich fand den Tag jedoch eigentlich ziemlich unspektakulär.

Heute Nachmittag war ich einen Kaffee am Plaza de Mayo trinken und habe die Ruhe genossen. Eine ziemlich merkwürdige Aussage, wenn man bedenkt, dass der Plaza der Mayo der Hauptplatz in Buenos Aires ist. Es fehlen die Pendler, es fehlen hektische Menschen im Anzug, Leute die sich in den Geschäften tummeln. Eine Touristenführung geht über den menschenleeren Plaza de Mayo. Was für ein merkwürdiges Bild diese Menschen nun vom Donnerstag Nachmittag in Buenos Aires haben müssen.

Sogar die Bars und Clubs haben sich an den Streik von 24 Uhr-24Uhr gehalten. Das haben wir gestern festgestellt, als wir Gebrauch von unserem freien Tag heute machen wollten, und um halb drei Uhr nachts vor verschlossenen Bar-Türen standen.

Es gibt viele Gerüchte, wer wen bezahlt um dies und das lahm zu legen in diesem Land, wofür eigentlich gestreikt und protestiert wird, wer wieder an die Macht will und wer an der Macht ist. Politik ist hier Leidenschaft. Ein Thema zum laut werden. Und dann denke ich da an zuhause. An Merkel gegen Schulz und wie unaufregend das ist. Wie unskandalös. Vielleicht sollte Politik auch nicht skandalös sein. Trotzdem finde ich es faszinierend, wie Spannend das Thema in Argentinien ist. Vielleicht kann Frau Merkel hier ja mal ein Praktikum machen, oder vielleicht auch lieber nicht.

 

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Auf der anderen Straßenseite

Ich kniffel gerne. Man kann also sagen ich bin ein Mensch, der sich über große Straßen freut. In Buenos Aires gibt es die größte Straße der Welt, genauer gesagt, die breiteste: die Avenida 9 de Julio. Sie führt von Nord nach Süd einmal durch die Stadt. 20 Spuren, 16 für Autos, 4 für Linienbusse. Ziemlich starke Sache. Und manchmal finde ich die 9 de Julio auch richtig toll. So kann man in der Mitte der Straße auf dem Bürgersteig Tag und Nacht spazieren gehen, dort ist immer Polizei. Ein sicherer Weg auch im Dunkeln nach Hause zu laufen. Außerdem kann ich mich leicht an dieser Straße orientieren. In ihrer Mitte steht der Obelisk. Sehe ich den Obelisken vor mir? Nach rechts. Ist der Obelisk hinter mir? Nach links, oder Du bist ganz falsch.

Manchmal finde ich diese Straße aber auch einfach nervig. Ganz besonders, wenn es 7:00 Uhr morgens ist. Dann muss ich die Straße überqueren, um zur Schule zu kommen. Eine grüne Ampelphase reicht jedoch nicht aus, um 20 Spuren zu überqueren. Und um 7 Uhr morgens bin ich nicht bereit für Höchstleistungen im Sprint. So stehe ich also jeden Morgen drei Ampelphasen lang auf der 9 de Julio währen die Sonne hinter mir aufgeht. 

Ich habe heute in der Schule Texte über mich selbst berichtigt. Die Schüler sollten aus meinen Antworten zu Fragen, die sie mir gestellt hatten, einen Fließtext schreiben. Eine Frage war, ob ich Spanisch spreche. Ich sagte Ja, aber dass ich das spanische Spanisch gewöhnt sei und es Unterschiede zum argentinischen gibt und das manchmal ein Problem für mich sei. Ich habe das Beispiel angegeben, dass ich im Spanisch-Unterricht gelernt habe, dass man, wenn jemand niest, im spanischen „Jesús“ sagt. In Argentinien sagt man jedoch „Salud“. Was stand also in der Hälfte aller Texte der Schüler:

Henni hat ein Problem mit Jesus.

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Drei Halbmonde

Seit Donnerstag lebe ich nun in San Telmo und ich fühle mich pudelwohl hier. Am langen Wochenende bin ich drei Tage durch die Stadt gelaufen, habe mir meine Umgebung angeschaut und die Träger meines Tops in die Schultern gebrannt. Endlich schönes Wetter nutzen!

Freitag war Feiertag und gefühlt die ganze Stadt befand sich auf der Straße. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich vermutete, am 24. März ist in Argentinien eine Art Demonstrations-Karneval. Nichts ahnend bin ich morgens aus meinem Hostel spaziert, um dann den Plaza de Mayo komplett abgesperrt vorzufinden, darum herum Menschenmassen, die tanzen, trommeln, Böller in die Luft schießen, Fahnen schwenken. Ich verstand garnichts. Lehrerstreik, wie die vergangene Tage? Argentinien, das den Sieg vom Vorabend gegen Chile feiert? Nein. Das ist Gedenkkultur.  Gedenken an die letzte Militärdikatur. Und Protest, wie damit umgegangen wird.

Irgendwann musste ich aus dem Gedränge raus und rettete mich in ein Café. Und das ist die Geschichte, wie ich die für mich besten Media Lunas der Stadt entdeckt habe; habe jetzt wohl ein Lieblingscafé hier. Ein Media Luna, also ein Halbmond, ist ein kleines Hörnchen, das man hier üblicherweise zum Kaffee isst. Eigentlich isst man üblicherweise sogar drei, gut, dass es jetzt Winter wird.

Und das Saturday Night Fever? Hatte ich beim Tango-Tanzen. Zwar habe ich nicht selbst getanzt, aber allein das Zuschauen war spektakulär. statt Disko oder Kino kann man hier Samstag Abend (oder an jedem anderen Tag der Woche) zur Milonga gehen, zum Tango-Tanzen. Und Holla, wer das macht, kann das meistens auch verdammt gut! Tatsächlich habe ich in der Lotterie, die veranstaltet wurde, eine Tango Stunde gewonnen, mal schauen, wie ich mich da anstelle! Essen kann man bei so einer Milonga natürlich auch: Empanadas und Tartas, das schnelle Essen schlechthin. Wieder nichts für die Bikini-Figur, aber man soll ja in die Kultur eintauchen.

Das fällt mir an manch anderen Enden noch etwas schwer. So muss ich mich jedes Mal daran erinnern, dass niemand eine Antwort auf „Hola, cómo estás?“ haben will. Was jedoch Pflicht ist, ist das Begrüßungsküsschen für jeden. Jeder Lehrer der ins Lehrerzimmer kommt, dreht erstmal eine Küsschen-Runde. Auch manche Schüler verlangen eins und es ist das normalste der Welt. Achja, und Mate. Mate ist auch Kultur. In meiner Welt eine Mischung aus Bier und Kaffee (bezogen auf die Bedeuting hier, nicht auf den Geschmack). Man trinkt es den ganzen Tag, es ist irgendwie aufputschend, es wird immer in Gesellschaft getrunken und wenn deine Kinder alleine Mate trinken, sind sie groß. Und beim ersten Mal schmeckt es scheußlich. Jedenfalls hoffe ich, dass es besser wird.

Ich fühle mich jedes Mal etwas merkwürdig, wenn ich ins Lehrerzimmer stolpere. Wie lange habe ich mich gefragt, was in einem solchen Zimmer vor sich geht. Jetzt weiß ichs: genau das, was ich erwartet hatte. Kaffee, Kekse, Mate. Schüler sind nervig, Lehrer werden unterbezahlt. Manchmal hitzige Diskussionen, die leider zu schnell und laut sind, als dass ich folgen könnte, aber ich glaube es geht meistens um Politik…oder dass die Schüler aufhören sollen den Kühlschrank im Lehrerzimmer zu nutzen.

 

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El Colegio alemán de Lanús

Die Schule. Die Klingel klingt hier um 7:30 Uhr. Oh Gott, wie früh. Wer ein bisschen was über mich weiß weiß, dass früh aufstehen nicht zu meinen Stärken gehört. Noch habe ich es allerdings immer geschafft, pünktlich dort zu sein. Wie das allerdings wird, wenn ich nicht mehr fast neben der Schule wohne.. mal schauen.

Aber was passiert um halb acht Uhr morgens im Colegio? Alle Schüler stellen sich im Innenhof in Reihen auf. Ein Schüler vorne hisst die argentinische Flagge. Die deutsche ist auch da, die hängt allerdings immer oben, was auch immer das zu bedeuten hat. Erst nachdem die Flagge mehr oder weniger feierlich gehisst worden ist, dürfen alle in ihre Klassen gehen. Die meisten Lehrer trudeln dann so ab 7:45 Uhr ein, um 8:00 Uhr gehts dann los!

Ich dachte, Argentinier sind klein. Dieses Vorurteil hatte ich wohl der Latinos-Schublade zugeordnet. Muss ich nochmal umsortieren. Tatsächlich bin ich mit meinen 1,73m hier nicht groß. Das liegt aber nicht nur daran, dass Argentinier im Durchschnitt größer sind als z.B. Peruaner, sondern auch an der Mode: Plataformas, Plataformas, Plataformas. Alle Damen-Schuhe haben Plateau-Absätze. Okay, man soll ja fair berichten: Also nicht ALLE Schuhe haben Plateau, aber meinen, an deutsche Schuhmode gewöhnten, Augen kommt es auf jeden Fall so vor. Die Männer tragen keine Plataformas, muss man hier vielleicht dazu sagen, und sind auch meistens deutlich größer als ich.

Und natürlich tragen alle Uniformen. Die klassische Variante, bestehend aus Rock und Bluse mit Krawatte/ Hose, Hemd und Krawatte. Das Problem mit den Röcken fällt jedoch schnell auf: je größer das Mädchen, desto kürzer der Rock. Die Geschichte kann dann durchaus sehr, sehr knapp ausfallen. Zum Glück gibts noch die sportliche Variante, zu der die meisten tendieren: Jogger und Pulli mit Schullogo. Vielleicht um die Einheit zu durchbrechen (oder aus einem anderen Grund, der mir sich noch nicht eröffnet hat, hui, fair berichten!), haben hier viel mehr Schüler als ich es gewohnt bin, Nasenpiercings, Ohrringe, gefärbte Haare, Tattoos. Zwei 16jährige Mädels haben mir erzählt, dass sie ein Tattoo an der gleichen Stelle wie ihre Mütter haben.

Apropos Verständigung: Mein Spanisch wird immer argentinischer und langsam wissen die meisten Lehrer, dass sie sich mit mir unterhalten können, wenn sie ein bisschen langsamer als gewohnt reden. Die Schule ist übrigens eine Privatschule. An der staatlichen Schule um die Ecke hat dieses Schuljahr (also seit dem 13.3.) erst zwei Tage gehabt, Lehrerstreik. Meine Koordinatorin erklärte mir, argentinische Eltern zahlen oft Schulgeld, einfach damit die Kinder überhaupt Unterricht haben. Streik und Demonstrationen sind hier immer Tagesthema, wichtige Straßen in der capital ständig blockiert.

Ich wurde glücklicherweise schon von einer Musiklehrerin entdeckt, die mir eine Geige besorgen und mich in Konzerte in Lanús einspannen will. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich hier ein bisschen Musik machen kann. Zum einem wegen der Sache selbst. Zum anderen, weil ich mich seit heute dazu berufen fühle, den Schülern zu zeigen, dass „die Lochis“ nicht die deutschen Topmusiker sind. Die Lochis haben wir nämlich heute im Deutschunterricht behandelt und ihre Texte analysiert. Uiuiui. Aber wo sonst können Deutschlernende den Ausruck „ne Schelle kassieren“ oder “ du machst mich crazy“ lernen? Ich muss dringend Annenmaykantereit, Wanda und Helene Fischer etablieren. Jetzt sollte ich wahrscheinlich die Kommentarfunktion unter diesem Beitrag ausstellen.

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