Ein Volksmärchen aus Myanmar

Warum Tiger und Affen geschworene Feinde sind

Ein Tiger traf einen Elefanten auf einem schmalen Pfad im Dschungel und sagte: „Mach Platz, mach Platz, ich bin der König des Dschungels.“ „Ich erkenne nur den Löwen als meinen König an“ antwortete der Elefant wütend, „ich werde dich zur Strafe zu Tode trampeln.“ „Lass uns eine Kraftprobe machen“, schlug der Tiger vor, „derjenige, der mächtiger ist, darf den anderen aufessen.“ Der Elefant stimmte zu. Der Tiger brüllte kräftig, ein paar Schakale fielen tot um vor Angst. Der Elefant trompetete aber niemand starb. „Ho, Ho,“ lachte der Tiger, „jetzt werde ich dich aufessen.“ Der Elefant gab zu, dass der Tiger berechtigt war ihn zu essen, fragte aber nach ein paar Tagen um sich von seiner Familie verabschieden zu können. „Nagut,“ sagte der Tiger „aber sei sicher, dass du in 7 Tagen wieder hier bist.“

Der Elefant verbrachte 5 Tage mit seiner Frau und seiner Familie, erklärte ihnen wie sie ihr Essen finden würden, wenn er nicht mehr da ist. Am sechsten Tag wanderte er traurig und betrübt ein letztes Mal durch den Dschungel.

Als der Hase sein untypisches Verhalten bemerkte, fragte er den Elefanten, was ihn beunruhigte. Dieser erzählte seine unglückliche Begegnung mit dem Tiger, der Hase blieb ruhig für eine Zeit, beschäftigt mit seinen Gedanken. „Und deswegen werde ich morgen sterben“ seufzte der Elefant. „Nein wirst du nicht“ stellte der Hase heiter klar, „triff mich hier morgen bei Sonnenaufgang, ich werde dein Leben ohne große Mühe retten.“

Der Hase stand am nächsten Tag sehr früh auf, sammelte alle Tiere um sich herum, bis auf den Affen, mit dem er nicht sprach, und natürlich den Tiger. Er sprach zu den versammelten Tieren: “ Könnt ihr mir einen Gefallen tun? Könnt ihr durch den Dschungel laufen, verängstigt schauen und rufen „Der mächtige Hase hat den Elefanten besiegt und sucht jetzt den Tiger“ ?“ “ Natürlich machen wir das“ antworteten die Tiere begeistert. “ Du bist unser Berater in schwierigen Zeiten, weiser Hase, und wir sind immer bereit dir zu gehorchen.“ Der Hase sprang auf den Rücken des Elefanten, er hielt ein paar Bananen in seiner Hand und wies dem Elefanten an in gemütlichem Tempo zu dem Treffpunkt mit dem Tiger zu schreiten. Der Dschungel hallte wider von den angstvollen Rufen der Tiere: „Der mächtige Hase hat den Elefanten besiegt und sucht jetzt den Tiger!“

Der Tiger hörte die Rufe und wurde ein wenig nervös. Er glaubte nicht wirklich daran, dass der Hase weder dem Elefanten, noch ihm selbst etwas antun könnte, aber zur gleichen Zeit dachte er sich, dass es besser wäre einen Begleiter bei sich zu haben, der mit ihm kämpfen würde. So erklärte er den Tieren, dass er, und nicht der Hase, den Elefanten heute essen würde. „Und heute,“ erläuterte der Tiger “ kommt der Elefant zum verabredeten Ort, um von mir gegessen zu werden. Aber ich bin kein Vielfraß, wenn einer von euch mitkommt, werde ich den Elefantenkadaver mit ihm teilen“. „Wir trauen uns nicht, wir trauen uns nicht“ antworteten die Tiere, „der Hase wird uns essen, nachdem er dich gefressen hat.“ So gesprochen rannten sie weg, immer noch ihre Furcht vortäuschend. Der Affe, der dem Tiger zugehört hatte, schlug dem Tiger vor ihn zu begleiten.

Nun gingen der Tiger und der Affe zusammen zu dem verabredeten Ort. Als sie dort ankamen, versteckten sie sich in einem Busch und warteten auf den Elefanten. Während sie warteten hörten sie die angstvollen Schreie, sodass sie nervöser wurden. Der Affe dachte bei sich, ´Der Tiger ist ein heimtückisches Tier, und wenn der Hase wirklich so mächtig ist, läuft er bestimmt weg und liefert mich dem Hasen aus.´ So schlug er dem Tiger vor, ihre Schwänze zusammenzuknoten, sodass sie nicht getrennt würden, sobald der Feind auftaucht. „Einheit ist Stärke, mein Freund Tiger“, der Affe erläuterte ihm, dass sie nicht getrennt werden dürfen, sondern gemeinsam den Feind besiegen müssten. Der Tiger stimmt zu, weil er sich schon gedacht hatte, dass der heimtückische Affe weglaufen würde und ihn seinem Schicksal überlassen würde. So knoteten sie ihre Schwänze zusammen und warteten.

Nach kurzer Zeit tauchte der Elefant auf und kam langsam, mit dem Hasen auf seinem Rücken, in ihre Richtung. Der Hase aß die Bananen und rief: „Ich esse das Gehirn des Elefanten, und werde bald das Gehirn des Tigers essen.“ Der Tiger glaubte, dass die Bananen wirklich das Gehirn des Elefanten seien und so raunte er zitternd dem Affen zu, dass sie lieber weglaufen sollten. Aber der Affe widersprach ihm: “ Du alter Schwachkopf, das sind Bananen;  ich weiß es, weil ich sie jeden Tag esse.“ Der Tiger blieb trotzdem nervös.

Der Hase schaute den Affen wütend an und sagte: „Du nutzloser Affe, du prahltest damit mir einen großen, dicken Tiger zu bringen und nicht so einen kleinen, dünnen Tiger.“ Auf der Stelle lief der Tiger los und rief: „Du bösartiger Affe! Ich verstehe jetzt, warum du angeboten hast mit mir zu kommen, warum du deinen Schwanz mit meinem verknoten wolltest und warum du gesagt hast, dass das Gehirn nur Bananen sind.“ Der Affe beschwor ihn nicht zu laufen, aber der Tiger rannte weiter und zog den an ihn gebundenen Affen mit sich. Er lief aus versehen gegen einen Baum, die beiden fielen um und rannten in entgegengesetzte Richtungen wieder los, doch dadurch verknoteten sich ihre Schwänze am Baum.Sie zogen und zerrten bis der Baum die Schwänze auseinanderschnitt. Beide rannten mit blutenden Schwänzen davon.

Seitdem sind der Tiger und der Affe geschworene Feinde.

 

 

aus: MAUNG HTIN AUNG: Selections from Burmese Folk-Tales. London: Oxford University Press, 1951

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