„Und wie war es in Albanien auf der Baustelle?“

Dieser Joke hat sich bis zu meinem Weihnachtsurlaub in Deutschland durchgezogen. Anfangs dachte ich ja, dieser kam nur dadurch zustande, dass man mich im Unterricht einmal falsch verstanden hatte als ich von meinen Zukunftsplänen gesprochen hatte. Eine Freundin hatte mich dann aber aufgeklärt, dass das ganze mit einem Lied zu tun hat. Also habe ich mir das Video dazu angeschaut und konnte nur noch den Kopf schütteln. Also wirklich Leute, ernsthaft? Das Lied ist geprägt von Beleidigungen und haufenweise rassistischer Bemerkungen. Ich kenne zwar den Künstler nicht und weiß auch nicht, was dieser mit diesem Lied aussagen möchte (falls es überhaupt eine Aussage geben soll), aber so viel kann ich dazu sagen:

Selbst das „falsche Deutsch“ ist nicht gerechtfertigt. Wenn ‚Herr Salihu‘ wüsste, wie gut die Schüler meiner Schule deutsch sprechen, wäre er wohl erstaunt. Zwar ist es nicht perfekt, aber wessen Deutsch ist das schon? Nicht einmal die Aussprachefehler, die jedem in einer Fremdsprache unterlaufen können, sind in dem Sinne richtig. Das „ik“ mag vielleicht das berühmte „Assideutsch“ sein, aber ist keineswegs passend.

Albanien darauf zu reduzieren, dass von dort die Ausländer kommen, die auf Baustellen arbeiten, aggressiv und abwertend gegenüber Frauen sind, kein Deutsch können und nur auf Geld aus sind, ist absolut falsch. Als Gegenbeispiel kann ich hier nur wieder meine Schüler nehmen, deren Deutsch nach der DSD2 Prüfung auf B2-C1 Niveau ist und die für ein Studium nach Deutschland wollen.

Solche Lieder tragen also nicht gerade zur Völkerverständigung oder Beseitigung von Vorurteilen bei. Ganz im Gegenteil. Es wird durchgehend mit Stereotypen und Beleidigungen gearbeitet. Selbst die Form, Sprache und Ausdrucksweise bilden ein negatives Bild von Albanern und Ausländern allgemein. Dabei ist es vollkommen falsch, Menschen über einen Kamm zu scheren, nur weil sie aus dem gleichen Land kommen. Wollt ihr etwa als unfreundliche, Sauerkraut fressende Deutsche in Lederhosen bezeichnet werden, die nie Spaß haben, weil sie sich immer ganz genau an alle Regeln halten?

Ich möchte hiermit gar nicht die Probleme von dem Land vertuschen. Denn es läuft wirklich nicht alles wunderbar. Immer wieder bekomme ich z.B. mit, dass Korruption in verschiedenen Formen alltäglich ist und auch die Frauenrolle noch sehr konservativ ist. Wenn wir aber über ein Land sprechen, sollten wir alle Facetten sehen und es nicht nur auf einzelne Aspekte reduzieren. Wer das Lied angehört hat, hat noch keinen blassen Schimmer, wie schön die Landschaft ist, wie selbstverständlich mir während meinem Aufenthalt immer wieder geholfen wurde, selbst wenn ich nicht direkt danach gefragt habe. Man weiß eigentlich noch gar nichts über das Land und die Leute. Daher hab ich keinerlei Verständnis und finde den Joke auch gar nicht mehr witzig. Es mag sein, dass diejenigen, die damit angefangen haben, sich keine Gedanken darüber gemacht haben und das Lied oder Video einfach nur lustig fanden. Ich möchte – auch auf die Gefahr hin, das Ganze viel zu ernst genommen zu haben – aber genau deswegen darauf aufmerksam machen und deutlich machen, dass Albanien mehr als diese Vorurteile ist.

 

 

Hier ist noch das Lied von dem ich die ganze Zeit spreche:

[…]

[Hook: Herr Salihu & Arbeiter]
Herr Salihu, kujë?
[?] – und was machst du da?
Ich denk‘ an Baustelle
[…]

[Part 2: Herr Salihu]
Hör zu, wir hab’n nur 2000 Bars und 3000 in Baustell‘
Und gemeinsam sind glaube 8000 in deine Augen, boom!
Mit meine Sandole, ich bin schnell wie Van Dome
Albaner in Deutschland, ich streich‘ deine Wand
Ik kann lackier’n und malen, sogar baggerfahr‘
Traktor kann ik auch, aber Traktor i nik brauch‘
Lernt ma‘ ’n Deutschen, Türken und Afghaner
Mit Kurden, Griechen oder Pakistaner
Trinke çaj mit Indern, esse Sushi mit Japaner
Aber auch ganz viel Fli mit meine Albaner
Ich spreche nik gut Deutsch, habe aber ganz viel Geld
Intressier‘ mik nik für euch, ich will nur kaufen die Welt
Bokuri, meiner Frau das viel gefällt
Für Bokuri i bin die größte Held
Glaub mir, was er sage ist alles wahr
Denn in meiner Stadt, i bin der Baba
Very well Arbeit, ik kann alles geben
Dok mak mi nit aggrefies, sonst kannt du wat erlebenRefrain
[Part 3: Herr Salihu & Interviewerin]
Hallo, Herr Salihu, was tun Sie denn hier?
Oh, hallo Mädchen, natürlich Arsch rasier’n
Hör auf mit deine Fragen, du machst mein’n Kopf kaputt!
Und wie immer, Mädchen, du siehst aus wie eine Mut
Also geh jetzt von hier raus und lass mik Video machen!
Karriere läuft grad gut, i lass jetzt alles krachen
Ik grüß‘ an meine Kinder, die sind sieben Stück
Und i liebe die ganz viel, aber die sind viel verrückt
Ik grüß‘ an meine Liebe, meine Frau, Bokuri
Gibt keine wie die auch wenn die schnracht wie eine [?]
Ik grüße alle Leute, die finden mi gut
Und für alle anderen, [?][…]
https://genius.com/Ethnic-comedyyy-mein-leben-lyrics
Nachdem ich meine Meinung dazu geäußert habe, möchte ich auch sehr gerne wissen was ihr darüber denkt. Schreibt mir eure Meinung in einem Kommentar!

2 Gedanken zu “„Und wie war es in Albanien auf der Baustelle?“

  1. Na ja – einen Bärendienst für die Völkerverständigung und sicher kein PR-Clou für die Tourismusbranche, sollte das damit beabsichtigt gewesen sein. Vermutlich einfach nur PR in eigener Sache, koste es was es wolle…
    Ich hätte es, wenn dann nur in Teilen zitiert🤔.Denn leider ist auch eine negative Besprechung eine Weiterverbreitung 😩.

    • Das ist ein sehr gutes Argument. Daher hab ich das Zitat jetzt auch um ein paar Strophen gekürzt. Die Weiterverbreitung davon ist nur kontraproduktiv…

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