Von Albanien nach Montenegro

– Ein Reisebericht –

Ein kalter Windzug lässt mich erzittern. Schnell ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke zu und stecke meine Nase in den Schal. „Die Deutschen laufen immer sehr schnell, nicht wahr?“, fragt mich die Albanerin lachend. Ich verlangsame ertappt meine Schritte: „Oh, ja das kann sein. Zumindest stimmt das wohl bei mir.“ Ich verlasse gerade das Cafe zusammen mit einer albanischen Physiklehrerin. Der Hinterhof, in dem das Cafe versteckt ist, lässt auch zur Mittagszeit noch keine Sonne durch. Zum Abschied gibt es ein Küsschen auf jede Seite. Ich lächle erfreut über dieses Zeichen der Freundschaft. Doch ich habe es tatsächlich eilig. Vor dem Schultor trennen sich unsere Wege. Sie muss zurück in den Unterricht und ich laufe schnellen Schrittes in Richtung Bushaltestelle. Ich bin ein bisschen stolz darüber, dass ich mittlerweile das Bussystem verstanden habe und ohne große Probleme den Bus nehmen kann, auch wenn ich erst vor kurzem noch in den falschen gestiegen bin und dadurch spät abends eine weitere Strecke zu Fuß gehen musste. Kopfschüttelnd muss ich daran denken. Da meint man jetzt kann nichts mehr schief gehen, weil man sich auskennt und dann passt man mal nicht gut auf und schon landet man an der falschen Stelle. Das Ganze ist aber auch nicht gerade einfach, ich habe sehr lange gebraucht, um überhaupt einen Plan mit dem Liniensystem zu finden, von dem nicht mal die Einheimischen wissen, dass es ihn gibt. Fahrtzeiten hingegen sucht man vergebens. Ein Mann mit Warnweste lenkt meine Gedanken wieder in das Hier und Jetzt, er steht mit ausgestreckter Hand vor mir. Ich gebe ihm die verlangten 40 Lek und bekomme ein kleines Papierticket dafür. Die Fahrt geht rasant durch die relativ vollen Straßen in Richtung „Busbahnhof“. Dort angekommen, quetsche ich mich durch die Menschenmasse aus dem Stadtbus, in Sorge, den eigentlich wichtigen Bus zu verpassen. Zwar gibt es eine Tafel mit den Abfahrtzeiten, aber sobald der Bus voll ist fährt er los – egal wie viel Uhr es ist. Heute scheint das Glück, aber auf meiner Seite zu stehen und alles läuft wie am Schnürchen. Ich steige in den Bus, blicke mich suchend um. Ein älterer Mann mit Brille und Baskenmütze steht freundlicherweise direkt auf und lässt mich an den freien Fensterplatz neben ihm durchrutschen. Er deutet auf meine prall gefüllte Tasche und fragt mich etwas auf albanisch. Als ich ihn etwas ratlos anschaue, wiederholt er immer wieder ein Wort. Ich kann leider nur erahnen was er meint. Das sind die Momente, in denen ich es bereue, die Sprache nicht zu können. Doch nach einem kleinen Hin und Her ist meine Tasche über dem Sitz verstaut und der Bus fährt auch schon los. Die langen Busfahrten sind zwar anstrengend, aber ich genieße sie auch irgendwie. Sie sind perfekt zum Nachdenken. Während ich aus dem Fenster schaue und die Leute auf der Straße beobachte, erkenne ich wie sich die Szenen der Stadt verändern. Die gestressten Mütter mit ihren Schulkindern an den Händen verschwinden, dafür tauchen hauptsächlich alte Leute mit ihrem Maisgrill auf den Gehwegen auf. Daneben riesige Gemüsestände mit allen möglichen, bunten Sorten. Wir fahren an Reifenläden, winzig kleinen Supermärkten und größtenteils heruntergekommenen Gebäuden vorbei. Diese Bilder verschwimmen langsam vor meinen Augen, meine Gedanken schweifen ab, ich lasse verschiedene Erinnerungen Revue passieren.

Obst- und Gemüsestand in Tirana

Mein erster Tag in Albanien liegt nur wenige Monate zurück, aber es kommt mir vor wie eine weit zurück liegende Erinnerung. Damals war ich noch recht naiv (was ich jetzt wahrscheinlich immer noch ein bisschen bin) und als „Dorfkind“ in der großen Stadt irgendwie verloren. Jetzt ist es für mich z.B. fast Alltag, mal so eben am Wochenende die Grenze nach Montenegro zu überqueren. Ich stelle erneut fest, wie viel ich innerhalb von ein paar Monaten gelernt habe und wie sehr ich mich doch verändert habe, auch wenn das für andere nicht direkt erkennbar sein wird. Während sich die Landschaft verändert, gehen meine Gedanken auch weiter Richtung Zukunft. Nur noch 3 Wochen werde ich hier in Albanien leben, dann kommt das Nachbereitungsseminar und damit endet auch schon mein Freiwilligendienst. Ein halbes Jahr geht somit zu Ende. Wenn ich an meine Sorgen und Bedenken vom Anfang denke, muss ich sagen, dass sie zwar nicht unberechtigt waren, aber ich mich selbst total unterschätzt habe. Erst wenn es darauf ankommt, merkt man was man doch alles kann. Ich bin dankbar für die ganzen Erfahrungen, die ich sammeln konnte und bedaure, mein Leben hier bald hinter mir lassen zu müssen. Bald muss ich wohl oder über mit dem Verabschieden von allen anfangen.

Der Bus hält immer wieder an. Leute steigen aus, an Stellen, bei denen man sich nur denkt „wo wollen die Menschen denn hin?“ Wir halten direkt an dem Seitenstreifen der Autobahn, man sieht aus dem Fenster nur wenige Häuser auf der weiten Fläche verstreut. Mein Sitznachbar bewegt sich unruhig auf seinem Platz hin und her, beugt sich immer wieder vor, um aus dem Fenster zu schauen. Ich hole mein Buch aus der Tasche und vertiefe meine Nase darin.

In Shkodra hält der Bus an einem großen, überfüllten Kreisverkehr. Ich verabschiede mich mit „Mirupafshim“ von dem alten Mann neben mir. Er nickt lächend als Antwort und hat wohl jeglichen Versuch eine Kommunikation zu starten schon längst aufgegeben. Mein Anschlussbus fährt erst in einer Stunde und ich nutze die Zeit und laufe die Fußgängerpassage in den warmen Sonnenstrahlen entlang. Die Läden, Cafes und Restaurants sind zu dieser Jahreszeit noch geschlossen. Mehrere Bettler halten sich davor auf. Ein Mann sitzt vor einem der einzigen geöffneten Cafes mit einer Bierflasche auf dem Tisch. Er ruft mir etwas auf albanisch zu und deutet auf sein Bier. Ich falle wohl mit meiner bunten Ski-Jacke und den vollen Taschen auf.  Den Mann ignorierend laufe ich weiter, setzte mich auf eine Bank in der Sonne und esse eine Kleinigkeit. Frauen und ältere Leute auf Fahrrädern fahren an mir vorbei. Straßenhunde schlafen in den letzten Sonnenstrahlen.

Zwei ältere Männer auf einer Bank in der Fußgängerzone von Shkodra.

 

Shkodra – Albanien

 

Ein Straßenhund schläft in den warmen Sonnenstrahlen an einem Brunnen.

Der kleine Bus mit deutschen Aufschriften wartet schon an der Haltestelle als ich zurücklaufe. Der Fahrer erkennt mich und begrüßt mich freundlich. Sobald der Bus bis auf den letzten Platz gefüllt ist, geht die Fahrt auch direkt weiter. An der Grenze sammelt der Busfahrer die Reisepässe von allen ein. Dabei hatte ich das erste Mal wirklich ein mulmiges Gefühl im Magen, wer weiß schon was damit passiert und ob man den wirklich wieder bekommt. Die Erklärungen von dem Fahrer hatte ich damals ja auch nicht verstanden, was nicht gerade beruhigend war. Die Straßen werden schmaler, holpriger. Sie schlängeln sich kurvenreich den Berg hoch. Das letzte Stück der Strecke mag ich am wenigsten, es führt uns über eine Baustelle, bei der trotz der Tempo-20-Schilder die Geschwindigkeit nur gedrosselt wird, wenn es an einer Stelle für das Auto schädlich sein könnte. Links ragt eine Felswand nach oben, rechts geht es mehrere Meter den Abgrund hinunter. Meine Anspannung weicht erst der Vorfreude als ich Annchristin an der Bushaltestelle warten sehe. Schnell schnappe ich mir meine Tasche, warte ungeduldig bis alle anderen Passagiere aus dem Bus gestiegen sind und gehe mit einem Lächeln im Gesicht auf Annchristin zu. Wir haben uns jetzt über einem Monat nicht mehr gesehen. Die Wiedersehensfreude war dementsprechend groß:) Dass man von allen Seiten komisch angeschaut wird, ist einem in dem Moment dann auch egal.

Annchristin und ich bei unserer kleinen Wanderung an der Küste entlang.

Das Wochenende über haben wir die Zeit unter anderem damit verbracht uns gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen, was in unseren Ferien zuhause alles passiert ist.

Was wir sonst noch alles unternommen haben, könnt ihr auf Annchristins Blog nachlesen. Schaut doch mal vorbei!

https://kulturweit-blog.de/annchristininulcinj/

 

Diese immer wieder abenteuerliche Reise wollte ich euch einmal schildern, da es echt nie langweilig wird, egal wie oft man die Strecke schon gefahren ist.

Jetzt bin ich auch schon wieder heil in Tirana angekommen und freue mich auch schon auf das kommende Wochenende, wenn Annchristin mich hier besucht.

Ganz liebe Grüße an alle!

 

 

2 Gedanken zu “Von Albanien nach Montenegro

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