Gretchenfrage und mennonitische Geschichte

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)

Antworten auf diese Frage können ohne Zweifel individuell verschieden ausfallen. Glaube ist ein sehr persönliches Thema – eines, das sowohl stärken und einen, als auch zerstören und spalten kann.
Es ist ein Thema, das in der mennonitischen Kolonie Friesland, Itacurubí del Rosario, allgegenwärtig ist. Seitdem ich hier arbeite, möchte ich über mennonitische Lebensweise und Geschichte schreiben. Jedoch hat es eine Weile gedauert, ein umfassendes Bild und den nötigen Abstand zu gewinnen. Nun versuche ich, möglichst ohne Wertung, einen Überblick zu bieten.

Mennonitische Kirche in der Kolonie Friesland

Mennonitische Kirche in der Kolonie Friesland

Beginn der Reformation

Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es im Christentum gewaltige Umbrüche. Gewiss ist der Humanismus ein Faktor, der dazu beiträgt, dass sich Menschen kritisch mit der katholischen Kirche auseinandersetzen. Vor allem der Ablasshandel ist von Kirchenvätern auf die Spitze getrieben worden – das Seelenheil scheint käuflich; im Klerus gibt es Korruption.

Der berühmte Reformator Martin Luther widmet sich eingehend dem Bibelstudium und kommt zu dem Schluss, dass sich die katholische Kirche weit von der Schrift entfernt habe. Er wagt es, öffentlich Kritik zu üben, als er im Jahr 1517 95 Thesen formuliert und an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlägt. Damit greift er sowohl den Papst als auch die katholische Kirche auf das Schärfste an – die römische Kurie führt deshalb einen Prozess wegen Ketzerei gegen ihn, welcher darauf hinausläuft, dass man ihn im Jahr 1521 für vogelfrei erklärt. Auf der Wartburg findet Luther Schutz. In den Monaten, die er dort verbringt, übersetzt er die Bibel aus dem griechischen Urtext in die deutsche Sprache.

Entstehung des Täufertums

Ausgehend vom Luthertum entwickeln sich weitere reformatorische Bewegungen. So entsteht auch das Täufertum, dessen Ursprünge in der züricher Reformation zu finden sind. Prägend ist eine Gruppe von Theologen, die sich in der Schweiz regelmäßig in Bibelkreisen versammelt – unter ihnen Huldrych Zwingli, Konrad Grebel und Felix Manz, deren Reformationsbestrebungen sowohl religiöser, als auch sozialer Natur sind. Sie wollen das Priestertum für alle Gläubigen und streben nach dem Modell einer apostolischen Urgemeinde. Ihrer Ansicht nach können Menschen das Seelenheil allein durch die Gnade Gottes erlangen – somit ist es nicht möglich, sich von Sünden freizukaufen. Grebel und Manz sind radikaler als Zwingli. Sie wollen so schnell wie möglich liturgische Änderungen erreichen und vertreten die Ansicht, die Beteiligung an militärischen Konflikten sei mit der Bibel nicht vereinbar. So kommt es zum Bruch zwischen den Theologen.
Bei der Taufe ist für Grebel und Manz der Aspekt der Freiwilligkeit entscheidend. Sie lehnen die Kindertaufe ab und nehmen 1525 zum ersten Mal eine „Glaubenstaufe“ bei Erwachsenen vor – damit gründen sie das Täufertum. Auch verbreiten sie ihre Lehre und halten auf eigene Faust Abendmahlfeiern ab. Dies sorgt für Unruhe im Land. Es werden mystische Treffen abgehalten, apokalyptische Prediger verschaffen sich Gehör und Menschen verfallen dem religiösen Wahn.
Die Regierung verbietet die Versammlungen und die Taufen. Grebel und Manz werden zu lebenslänglichen Gefängnisstrafen verurteilt. Nachdem beiden die Flucht gelungen ist, erkrankt Grebel an der Pest und verstirbt. Manz wird gefasst und zum Tode verurteilt. Im Januar 1527 wird er in Zürich ertränkt.

Mennonitische Geschichte

Das Täufertum ist sehr heterogen. Luther hat die Bibel der Bevölkerung zugänglich gemacht. Durch die Lektüre der Schrift und nach der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht in der katholischen Kirche ist es möglich, dass sich das Täufertum auch in Mittel- und Norddeutschland sowie in der Niederlande auf fruchtbaren Boden trifft. Auch begünstigt die Bauernbewegung eine schnelle Verbreitung der Ideologien, die oft marxistisch beeinflusst sind.
In Norddeutschland und der Niederlande schließt der aus Friesland stammende Menno Simons Täufer zu Gemeinden zusammen, die sich bald „Mennoniten“ nennen. Traditionell betreiben sie mit mit Geschick Landwirtschaft.

Im Jahr 1785 stellt Kaiserin Katharina II den Mennoniten, die immer wieder unter Verfolgung zu leiden haben, Gebiete zur Bewirtschaftung in Südrussland zur Verfügung. Es locken zahlreiche Privilegien: Glaubensfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Steuerbefreiungen und Grundbesitz. Im Krieg gegen die Türkei hat Russland seine Grenzen erweitert. Um die Region im nördlichen Kaukasus zu sichern, wird um Bauern aus dem Ausland geworben, die sich dort ansiedeln sollen. So kommt es, dass viele Mennoniten sich dazu entschließen, auszuwandern.
Da die Mennoniten aus Glaubensgründen den Dienst an der Waffe verweigern, sehen sie sich zur Zeit des ersten Weltkrieges stark mit Feindseligkeiten und Diskriminierung durch die russische Bevölkerung und mit Unterdrückung durch die Regierung konfrontiert. Als Stalin an die Macht kommt, spitzt sich die Situation zu. Im Zuge der Kollektivierung werden viele wohlhabende mennonitischen Bauern enteignet. Auch wird die Deutsche Sprache in Presse und Kirche und schließlich die Ausübung der Religion verboten. Viele der Mennoniten sehen sich dazu gezwungen, zu flüchten. Einige kehren zurück nach Westeuropa, andere wandern nach Nord- und Südamerika aus.

Die Vorfahren der Mennoniten in Friesland kommen aus dem Chaco, der trockenen Savannenregion im Südwesten Paraguays, wo es auch heute noch viele mennonitische Kolonien gibt. Zur Zeit der mennonitischen Einwanderung ist der Chaco bis auf wenige Indianerstämme beinahe unbevölkert. Paraguay bietet den Mennoniten Religionsfreiheit, die Befreiung vom Wehrdienst und steuerliche Vergünstigungen. Aufgrund der dortigen Nahrungsmittelknappheit haben die friesländer Mennoniten dem Chaco den Rücken gekehrt und im Jahr 1937 Friesland, die erste Kolonie in Ostparaguay gegründet.

In ihrer Geschichte liegt begründet, warum sich die Mennoniten über ihre Religion definieren und nicht über ihre Nationalität. Viele von ihnen machen einen klaren Unterschied zwischen den in Paraguay lebenden Mennoniten und der restlichen Bevölkerung des Landes – auch, wenn es Tendenzen zu einer Öffnung nach außen gibt. Zugehörig fühlen sie sich vor allem zur mennonitischen Gemeinde, die sehr demokratisch organisiert und über Landesgrenzen hinweg vernetzt ist. Die Mennoniten wählen ihre Prediger. Prinzipiell ist jedes Gemeindemitglied dafür geeignet – meistens haben die Prediger jedoch Fortbildungen absolviert.
Im Gottesdienst gibt es keine Wandlung – der Kommunion wird ein geringer Stellenwert eingeräumt. Sehr präsent ist das Gebet: vor beinahe jeder Mahlzeit, vor Freizeitaktivitäten, in der Schule. Die Mennonitische Gemeinde hat ein starkes Sendungsbewusstsein. In den Umliegenden Dörfern gründen sie Missionsgemeinden und eröffnen soziale Einrichtungen mit mennonitischer Prägung.

Quellen:

Sierszyn, Armin: 2000 Jahre Kirchengeschichte: Reformation und Gegenreformation: Band 3, Hänssler, Holzgerlingen 2000)

Penner, Beate: Gemeinsam unterwegs: 75 Jahre Kolonie Friesland: 1937 – 2012, Verwaltung der Kolonie Friesland, Colonia Friesland 2012