Die Demokratie-Ikone Myanmars, Daw Aung San Suu Kyi, hat heute eine zweifelhafte Auszeichnung erhalten: Vom Committee to Protect Journalists wurde sie als Biggest Backslider in Press Freedom ausgezeichnet.

Meiner Meinung nach ist das nicht gerade eine hilfreiche Art und Weise mit der wachsenden Bedrohung für die Presse- und Meinungsfreiheit in Myanmar um zugehen… Aber Aufsehen erregt es auf jeden Fall. Aufsehen, dass vielleicht dringend nötig ist, denn gerade in den letzten Monaten hat sich die Lage für Journalisten aber auch für kritisch denkende Bürger Myanmars verschlechtert. Die Tageszeitung Mizzima „Myanmar’s press freedom in freefall“ gibt einen Überblick über den Status-Quo der Pressefreiheit in Myanmar.

Kritik einer Reise

Myanmar lockt mich und auch andere Backpacker mit seinen unendlichen Möglichkeiten Abenteuer zu erleben. Hinauf auf Berge, hinunter in Schluchten, rein ins Wasser, raus in die Wildnis, hindurch zwischen Pagoden. Rasend über holprige Straßen auf Mopeds, Pick-ups oder in VIP-Bussen.

Der Wind peitscht mir ins Gesicht und ich fühle mich frei…

Frei in einem Land, in dem so viele Menschen noch unfrei sind. Frei in einem Land, in dem Menschen verhaftet werden, weil sie die Politik kritisieren. Frei in einem Land, in dem nur etwa ein Viertel der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität hat. Frei in einem Land, in dem in den letzten Monaten über eine halbe Millionen Menschen wegen ihrer Religion verfolgt, vergewaltigt, um ihre Existenz beraubt und vertrieben wurden…

Aufgrund meiner Privilegisierung kann ich es mir leisten die Schönheit des Landes zu bestaunen und kann den Müll zwischen den Häusern ignorieren. Aufgrund der Auswüchse der Kolonialzeit werde ich mit „Hello! Beautiful!“ auf der Straße begrüßt und kann mich darüber ärgern, dass es fast nur Duschgel mit Whitening-Effekt gibt. Aufgrund von Umständen, denen ich jeder Zeit entkommen kann, steigt mein Adrenalinspiegel und löst Freiheitsgefühle aus, wenn ich auf dem Rücksitz eines Motorrads durch die Wildnis gefahren werde.

Für mich war dies auch ein bitterer Geschmack, den ich auf meiner Reise erleben durfte… Doch nicht all den Reisenden, denen ich begenete, ging das auch so. Vielen gefiel gerade diese (privilegiserte) Position manchmal etwas zu gut und Sätzen wie „diese Betel-kauenden Männer widern mich an“ machten das leider des öfteren deutlich.

Dennoch möchte ich auch diese Erfahrungen nicht missen, sondern ich möchte sie teilen. Diese Eindrücke sollen nicht davon abhalten die Welt zu bereisen und anderen Menschen zu begegnen. Sie sollen nicht davon abhalten Abenteuer zu erleben. Aber sie sollen dazu anregen, nicht blind und selbstsüchtig von einem Abenteur ins nächste zu stolpern. Vor allem sollte es auch einmal die eigenen Haltung sein die kritisiert, korrigiert und ent-privilegisiert werden muss!

Von Süden nach Norden

Die freien Tage um Weihnachten und Neujahr lockten mich raus aus Yangon und ich reiste los, vom Süden Myanmars in den Norden. Von trockenen savannanartigen Landschaften mit tausenden Pagoden bis hin zu saftig grünen und nassen Reisfeldern zwischen Urwäldern und Bergen. Teilweise war ich zusammen mit meinen Mitbewohnerinnen und Freunden, teilweise allein oder aber mit neuen Reisebekanntschaften. Doch bevor ich hier in eine endlose Auf- und Nacherzählung meiner Erlebnisse übergehe und vergeblich in meinem Wortschatz wühle, um meine Eindrücke und Gefühle in ein paar Buchstaben zu quetschen, lasse ich hauptsächlich die Bilder sprechen.

Die Höhen und Tiefen Hpa-an’s

Hpa-an ist die Hauptstadt des Kayin-Staates, der erst seit kurzer Zeit zugänglich für Touristen ist. Die Kayin brachten die erste Zeitung Myanmars („Morning Star“) in einheimischer Sprache raus. Wir genossen aber vor allem die atemberaubende Natur und buddhistische Pilgerorte in der Umgebung Hpa-an’s – entweder hoch über den Wolken oder tief unter der Erde.

Bagan’s verwunschene Pagodenlandschaft

Bagan – die Touristenattraktion schlecht hin in Myanmar. Aber auch zu Recht! 3200 Pagoden, Tempel und andere religiöse Bauten verzaubern die staubige Landschaft zu einem unwirklichen Märchenland.

Mandalay – eine Stadt zwischen Vergangenheit, Tradition und Moderne

Mandalay ist die zweitgrößte Stadt Myanmars und befindet sich in einer Zwischenwelt zwischen Vergangenheit, Tradition und Moderne. Königlicher Charm mischt sich mit militärischer Disziplin, städtische Quirligkeit trifft auf dörfliche Pragmatik.

Bergluft in Hsipaw

Hsipaw war der frühere Sitz des Shan-Fürsten Sao Kya Seng, der mit der Österreicherin Inge Eberhard verheiratet war.  Sao Kya Seng wurde in den 1962 von der Militärdiktatur unter Ne Win verschleppt und es ist bis heute noch nicht geklärt, was genau mit ihm passiert ist.  Neben dieser geschichtlichen Bedeutsamkeit, ist Hsipaw hauptsächlich eine entspannte kleine Stadt zwischen Bergen und Wäldern.

 

Zwischen Reisfeldern und Feuerwerken

Schon ein Weilchen her, aber trotzdem einen Eintrag wert ist mein 5-Tages Trip durch den Shan-State. Es war eine Reise, die mich über felsige Hügel, durch unendliche grüne Weiten bis hin zu einem surrealen Adrenalinkick führte.

Weniger Adrenalin-getränkt war der Beginn meiner Reise, der mit einer unendlichen Taxifahrt und einer weiteren unendlichen Busfahrt durch in Dunkelheit gehüllte Landschaft Myanmars begann. Doch dann – um 5 Uhr morgens – waren wir angekommen, in Kalaw. Kalaw gilt als Tor zum südlichen Shan-Staates und ist eine kleine aber rege Stadt mit ca. 186000 Einwohnern. Auf dem Markt, den wir kurz nach dem Sonnenaufgang besuchen, verkaufen unter anderem die Angehörigen der Pa-O, Palaung und Danu- Bevölkerungsgruppen Gemüse, Obst, Stoffe & Schmuck, Fisch, Fleisch – alles was die Seele begehrt. Zu Kolonialzeiten suchten die Briten in Kalaw nach Abkühlung und heilender Luft (im Winter können die Temperaturen hier nachts unter den Gefrierpunkt fallen). Heute suchen Backpacker nach dem perfekten Trekking Guide, um durch die Shan-Berge zum Inle-See zu wandern. So auch Kimberley und ich.

Für die nächsten drei Tage wanderten wir zusammen mit 10 weiteren Wanderwütigen zum 60 Kilometer entfernten Inle-Lake. Geschickt führten uns unsere Trekking-Guides, Momo und Elias, über felsige Hügel, durch leuchtend grüne Reisfelder, trockene rote Erde, vorbei an Kiefern , Baumbus und dem im Buddhismus heiligen Bohdibaum. Wir sahen Grüntee wachsen, Ingwer lagern und Chilis in der Sonne trocknen. Wir wurden von der Sonne aufgeheizt und vom Regen weggespült. Wir kreuzten Bauern, die ihre Wasserbüffel ins Dorf trieben, Reis ernteten oder Bambus hackten. Und am Ende jeden Tages kehrten wir in einem der kleinen Dörfer bei einer Familie ein, duschten unter Bananenbäumen und genossen leckeres Curry. 

3 Tage später, 60 Kilometer weiter und um fünf Blasen am Fuß reicher, waren wir dann am Inle-Lake angekommen. Sichtlich erschöpft, dreckig aber stolz bestiegen wir am südlichen Ende des Inle-Lakes ein Boot mit dem wir über den See brausten. Aus der Ferne sahen wir die schwimmenden Gärten, unendliche Schilfgürtel und die berühmten Einbein-Fischer, um die sich einige Touristenboote versammelten. Insgesamt sind es wohl um die 100000 Menschen, die um den See herum leben (sie nennen sich „Intha“ – die Menschen vom See).  Wie wir an unserem zweiten Tag am Inle-Lake erleben konnten, als wir auf einer Tofu-Tour sämtlich Arten von Tofu und „Sticky-Rice“ probierten, spielt nicht nur die Fischerei, sondern eben auch der Anbau von Reis, Bohnen und Erdnüssen hier eine große Rolle.

Nun aber zum Adrenalin-geladenen Teil der Geschichte: Das Ballon-Festival in Taunggyi. Einmal im Jahr, während des Mondmonats „Tazaungmon“ wird in Taunggyi ein landesweit bekanntes Heißluftballon-Festival gefeiert. Bewohner aus allen Teilen des Shan-States reisen zu diesem Anlass nach Taunggyi, im Schlepptau einen selbstgebauten Ballon, der sich im Wettbewerb als schönster, spektakulärster Ballon durchsetzen soll. Als wir auf dem Festivalgelände ankamen war es bereits dunkel und über uns stieg schon der erste Ballon auf, der einen Teppich aus tausend Kerzen nach sich in die Höhe zog. Um uns herum tanzten und sangen dutzende von Menschen. Und plötzlich waren wir mitten drin, tanzten mit ihnen, sangen mit ihnen und feuerten den nächsten Ballon an. Diesmal einer, der mit Feuerwerken bestückt war. Dampfend und rauchend richtete er sich langsam vom Boden auf, erhob sich bedrohlich nah über unsere Köpfe in die Luft, schwebte davon und malte dann ein Meer aus Funken und Glitzer in den dunklen Nachthimmel. Gespalten zwischen Faszination und Fluchtreflex (manchmal entzündeten sich die Feuerwerke nämlich schon am Boden, oder der Ballon stürzt plötzlich ab) starrten wir wie hypnotisiert in den Himmel, bis der letzte Funke weit über den Bergen erloschen war.

Foto: Kimberley Pallenschat 

Zurück in Yangon, im Arbeitsalltag und zwischen den hupenden Autos kommt mir das Ganze wie ein Traum vor – aber einer den ich nie vergessen werde!

 

 

Ba-ma-za-ga

„Sa pi-bi-la.“
Verwirrte, unsichere Blicke werden ausgetauscht.
„Sa pi-bi-la“
Flüstern geht durch den Raum.
„Hieß das nicht etwas irgendetwas mit Essen?“
„Keine Ahnung, -la ist das Wort das eine Ja/Nein-Frage anzeigt…oder?“
Einige Laute und Silben purzeln unbeholfen in den Raum. Ein Mutiger traut sich und sagt: „Sa…mä….Oh, sorry no, again: Sa…ma-pi-ba…bu?“

So, oder so ähnlich verliefen viele erste Minuten unseres Sprachkurses, den ich die letzten drei Wochen besucht habe. Heute war die letzte Stunde. Inzwischen sind die verwirrten Blicke ein bisschen weniger geworden und auch das anfängliche, unbeholfene Herumstottern hat sich zum Teil in souveräne Antworten wie „Sa pi-bi!“ („Ja, ich habe schon gegessen“) oder „Sa ma pi-ba-bu!“ („Nein, ich habe noch nicht gegessen.“) verwandelt.

Dennoch bleibt Burmesisch für mich und meine Zunge eine große Herausforderung.

Burmesisch ist die Amtssprache von Myanmar, rund 35 der 50 Millionen Einwohner beherrschen sie. Linguistisch betrachtet gehört Burmesisch zur Gruppe der tibeto-birmanischen Sprachen. Es ist eine sogenannte Lautsprache. Das heißt ausschlaggebend für die Bedeutung eines Wortes – und auch ausschlaggebend für die Schwierigkeiten von Europäern mit der Sprache – ist die korrekte Betonung der Silben. Verantwortlich für diese unterschiedlichen Betonungen sind 8 Vokale und drei verschiedene Tonlagen, die in Kombination mit einem der 32 Konsonanten auftreten und so die Dauer, Intensität und den Klang einer Silbe modellieren. Wie eine Besessene versuchte ich gemeinsam mit dem Rest meines Sprachkurses diese drei verschiedenen Tonhöhen richtig zu artikulieren. Zum Beispiel der Konsonant „k“ in Kombination mit dem Vokal „a“: Erst die ‚normale‘ Variante (ka), dann die ‚gedrückte, deprimierte‘ (kaa) und schließlich die ‚agressive‘ (kaaa).

In der Praxis kommt dann noch die Schwierigkeit hinzu diese Tonunterschiede ohne visuelle Unterstützung heraus zuhören. Bisher klingt für meine ungeschulten Ohren vieles sehr, sehr ähnlich. Das führte dann z.B. dazu, dass bisherige Versuche souverän mit den Taxifahrern zu verhandeln an der Fehlinterpretation einer einzigen Silbe gescheitern:

„Ne kaun la,“ sage ich zum Taxifahrer und er antwortet „Ne kaun ba-deh“. Damit ist der Einstieg und die Begrüßung („wie geht’s?“ „Es geht gut“) schon mal geschafft.
„Myni-gone thwa-meh,“ kündige ich mein Fahrziel an. Und frage nach dem Preis: “Beh lau leh”
„hhnNgaa-taun,“ sagt der Taxifahrer und ich komme ins Schwitzen. War das jetzt ein nasal gesprochenes „hnga-taun“ und heißt dementsprechend 5000Kyat? Oder war es eher das ‚hhhngaaa‘, bei dem die Zunge an die Zähne stößt, und heißt 2000 Kyat?)
„Thou-daun!“, sage ich entschlossen – bestimmt wollte er 5000Kyat verlangen und ich handle jetzt noch einen fairen Preis für 3000Kyat aus! Aber irgendwie schaut der Taxifahrer jetzt verwirrt, grinst und wiederholt dann mit Unterstützung seines Zeige- und Mittelfingers sein Angebot: „hna-taun!?“
Das war wohl doch das „Hnnga-toun“ welches 2000 heißt. Ups. Ich lache, der Taxifahrer lacht auch, ich steige ein und bedanke mich: „Ya-ba-de. Ce-zu-ba.“

Es wird also noch eine Weile dauern bis meine Ohren, meine Zunge und mein Hirn sich einigermaßen in diese neue Sprache eingefunden haben. (Von Lesen und Schreiben ganz zu schweigen…) Aber ich werde dran bleiben und sage jetzt schon mal „Ce-zu-ba“ zu all den Taxifahrern, die mich, trotz meines Angebots mich für mehr Geld zu kutschieren, nicht übers Ohr hauen!

Tata,
Nadja

Zwischen Royal Teamix und Myanmar Press Council

Aufstehen. Frühstücken, Wassermelone und Myanmar Royal Teamix.

Dann 103 Stufen runterlaufen. Raus auf die Straße, in die alles umhüllende feuchte Wärme treten.

Gemeinsam mit anderen Fußgängern zwischen Autos und Fahrradtaxis zur Arbeit durschlängeln. Vorbei an der Sanchaung Feuerwehr, vorbei an der Primary School, vorbei an Mini-Supermärkten, vorbei an Gemüse- und Obstständen und vorbei an Teakitchens mit dampfender Mohinga.

Angekommen in der Arbeit, erst einmal die Klimaanlage anschalten und den Laptop hochfahren. E-Mails checken, dann kurz die größten burmesischen Zeitungen (Mizzima, The Myanmar Times etc.) überfliegen, um schon einmal einen Überblick für den Pressespiegel zu gewinnen. Sich bereit machen für den Tag, der meistens, hoppla hopp, in rasender Geschwindigkeit verfliegt.

Und schon geht’s los, rein ins Auto, zu einem Meeting z.B. in den Myanmar Press Council oder in das Myanmar Journalism Institut. Schneller als ich das Thema des anstehenden Meetings überhaupt erfasst habe, sind wir schon angekommen, in einem stark gekühlten Meetingraum, voller schlauer, kreativer und ehrgeiziger Menschen, die seit Jahren für eine unabhängige, heterogene und integrative Medienlandschaft kämpfen. Und ich bin mittendrin. Irgendwie klein vor meinem Laptop, darum bemüht das perfekte Protokoll zu schreiben und gleichzeitig all den für mich neuen Input aufzusaugen.

Dann zurück ins Auto, zurück ins Büro. Mein Kopf voller Infos, die sortiert und verdaut werden müssten. Aber dafür bleibt kaum Zeit, denn schon stehen die nächsten Aufgaben an: Einen Projektantrag übersetzen, einen kleinen Beitrag für den internen Newsletter schreiben, einen neuen Facebook-Post erstellen, bei den Projektabrechnungen helfen – ach ja und den Pressespiegel nicht vergessen. Nebenbei noch Scannen, Drucken und E-Mails checken.

Abends, nach dem burmesisch Sprachkurs oder der Capoeira-Stunde, dann wieder 103 Stufen hoch und am liebsten sofort ins Bett… oder aber noch zu den Mitbewohnern auf den Balkon, mit einem kühlen Myanmar Premium.

Ja, es ist viel momentan. Aber bisher ist es eine wahnsinnig interessante und inspirierend Zeit!*

Eure Nadja

P.S.: Wer mehr über die Arbeit der DW Akademie in Myanmar wissen will und sich nicht nur für meine Banalitäten interessiert, guckt am besten mal hier: http://www.dw.com/de/dw-akademie-in-myanmar/a-18388585
Sehr spannend finde ich momentan die Projekte des dritten Jahrgangs am Myanmar Journalism Institut, die gerade ihre Multi-Media-Journalismus-Diplomen bekommen haben. (http://www.mjinews.org/)

*Verzeiht außerdem die geringe inhaltliche Differenzierung, aber bisher bin ich noch mit Aufsaugen, Lernen und Verstehen beschäftigt, weshalb ich erst zu einem späteren Zeitpunkt auf konkrete Inhalte der Medienentwicklung in Myanmar eingehen möchte.

Gold, Marmor und Kerzenschein – Die Shwedagon Pagode

Ein kleines Highlight der Woche war Helenes und mein Besuch der Shwedagon Pagode! Zwischen den arbeitsreichen Tagen dieser Woche war der Spaziergang durch den Peoples Park hin zum goldenen Schatz Myanmars wie ein kurzer Urlaub: Erfrischend und vitalisierend! Ein bisschen so wie der Koriander-Geschmack zwischen den scharfen herzhaften Shannudeln.

Unser After-Work-Ausflug begann mit einem ruhigen Spaziergang durch den Peoples Park. Wir schlenderten durch Palmen, Graeser, Teakitchens und liessen uns bezaubern vom Leuchten des Sonnenuntergangs, der durch die Windungen einer Achterbahn schimmerte.

An der Shwedagon Pagode angekommen, fuehrten uns zuerst mehrere Rolltreppen durch grosse Hallen aus Marmor, verziert mit wunderbar vielen Schnoerkeln. Und ploetzlich standen wir dann da. Direkt vor der goldglänzenden Pagode, die weit in den dunklen Nachthimmel ragte.

Insgesamt war es sehr ruhig dort, und das trotz der vielen Menschen. Jeder war irgendwie für sich, in Meditation, in Gedanken, aber gleichzeitig schienen alle vereint zu sein. Familien sassen zusammen, lachten, chatteten mit ihren Handys. Mönche meditierten, waren ins Gebet vertieft oder fotografierten sich gegenseitig. Keiner schien sich gestoert zu fuehlen in dem was er tat. Jedes Geräusch hallte zwar kurz auf, wurde aber Sekunden spaeter von der ausgiebigen Weite, dem Marmor und Gold geschluckt.

Eine wirklich einzigartige Stimmung. Aufgeregte Ausgelassenheit harmonierte mit eingekehrter Ruhe. Ein Platz fuer friedliche Unendlichkeit und unendliche Friedlichkeit!

Der Beginn eines Puzzels

Der erste Montag hier in Yangon neigt sich seinem Ende zu, ich sitze auf unserem Balkon und ein überraschend kühler Wind weht durch mein Haar. Unter mir herrscht ein buntes Treiben. Menschen, die essen gehen, Straßenhunde, die gefüttert werden, Autos, die hupen und Garküchenverkäufer, die ihre Pfannen schwenken. Und im 8. Stock ich, die versucht die vielen Eindrücke der ersten Tage zu ordnen.

Vor 6 Tagen bin ich angekommen. Bis auf ein paar Verspätungen lief die Reise gut. Meine Mitbewohner und auch meine Arbeitskollegen haben mich alle herzlich empfangen. Die Arbeit in der DW Akademie wird eine wahnsinnig spannende und auch herausfordernde Zeit. Schon nach den ersten paar Infos über den Media Development Process in Myanmar, wusste ich, dass ich noch zu wenig weiß. Aber eins hab ich vielleicht schon begriffen: Es hat sich schon vieles verändert seit dem Ende der Zensur, aber es gibt noch mindestens genauso viel zu be- und überdenken…

Jeder Morgen wird für mich vom Krähen des Nachbargockels eingeläutet. Und jeden Abend, vor dem Einschlafen, höre ich dem Schnattern der Geckos und dem Heulen der Hunde zu. Zwar ist der Klang dieser Geräusche noch neu für mich, aber jeden Tag verlieren sie ein Stück ihrer Unbekanntheit. Ebenso ist es mit den Straßen und Gassen. Noch habe ich die Wege durch mein Viertel Sanchaung nicht verinnerlicht. Trotzdem gehe ich jedes Mal mutig ohne Google Maps drauf los und hangel mich von Anhaltspunkt zu Anhaltspunkt (Grab-and-Go-Shop, Sanchaung Firestation, Mini-Pagode, Blumenhändler, Pyay Road usw.) Besonders wenn es schon um 18 Uhr dunkel ist wird es zur Herausforderung sich zwischen dem Verkehr durch zu schlängeln ohne dabei die Orientierung zu verlieren. Und um ehrlich zu sein jubele ich innerlich immer ein bisschen, wenn ich die Lichter des gemütlichen Restaurants an der Ecke zu unserer Straße aufflackern sehe. Aber vielleicht beginnt sich neben dieses „Ich-hab-mich-nicht-komplett-verlaufen“-Jubeln auch ein  „Juhu-gleich-Zuhause“-Jubeln zu gesellen… Mein neues Zuhause, die San Yae Twin Lan, Sanchaun Township, Yangon!

Zwischen diesen Banalitäten des Alltags schimmern noch die Eindrücke des Wochenendes durch: Der Besuch der Sule-Pagode, zwischen deren schillernden Anmut ich meinem Sternzeichen (Elefant ohne Stoßzahne, abhängig vom Tag meiner Geburt) ein paar Wünsche anvertraut habe. Dann der Spaziergang durch die Kolonialbauten in Downtown, und die zahlreichen Unterschiede im Stadtbild. (Alt und neu, groß und klein, aufwendig und schlicht, Garküchen, Straßenmärkte neben Hochhäusern und IT-Shops.) Und schließlich die meditative Fahrt mit der Circular Train, die uns durch und um Yangon führte.

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Jetzt beginnt eine neue Woche. Als ich gerade bei diesem Satz von mein Laptop aufblicke, hängt eine gelbgoldene Wolke über den Häusern! Dahinter, in der Ferne, schimmert die Spitze der Shwedagon Pagode! Da überkommt mich Vorfreude, aber auch Aufregung: Wie wird es hier für mich wohl weitergehen? Was werde ich alles erleben? Wen werde ich kenne lernen? Was wird schiefgehen?

Momentan ist alles noch wie ein Puzzle, dessen Teile ich erst suchen und ausprobieren muss. Und es fehlen noch richtig viele Teile!

Eure Nadja

P.S.: Heute hatte ich auch meinen erster Burmesisch-Sprachunterricht! Ein weiteres, entscheidendes Puzzleteil.

Gedanken vor dem Abflug

Ich laufe über Erde, Steine, springe über Wurzeln. Ich spüre den Wind in den Haaren und auf meinem Gesicht. Neben mir schäumt der Werbellinsee, peitscht eine Welle nach der anderen an die Bucht, unaufhörlich, unendlich.

Plötzlich werden meine Beine immer langsamer. Ich muss stehen bleiben, die kalte Luft brennt in meinem Hals. In meinem Kopf schwirren Gedanken und Gefühle durcheinander.

Nach 9 Tagen Vorbereitungsseminar sind anscheinend sogar meine Beine von all dem Input verwirrt.

In den letzten Tagen wurde ich konfrontiert, mit Gedanken, denen ich bisher geschickt entkommen bin. Ich wurde hineingeschmissen in Gefühle, die ich so noch nicht kannte. Und ich hatte unterschiedlichste Begegnungen, flüchtige, ehrliche, inspirierende, überraschende.

Gleichzeitig sind auch viele Zweifel in mir aufgekommen. Ein Fragezeichen reiht sich nach dem anderen in meinem Kopf. Plötzlich bröckelt meine Vorstellung eines kulturellen Austausches durch uns Freiwillige. Wie sollte dieser Austausch glücken, indem wir „Deutsche“ ins Ausland reisen und dort Jobs ausführen, die Einheimische mindestens genauso gut erfüllen können? Warum haben wir die Chance auf diese bereichernde Auslandszeit und andere nicht? Wo sind die Freiwilligen IncomerInnen hier in Deutschland? Reproduzieren wir mit diesem Programm nicht eben diese Strukturen, die wir in unseren Diskussionen so verteufeln.

Als meine Beine vor ein paar Tagen beim Joggen im Wald versagten, überwältigten mich diese Fragen und Zweifel. Dennoch werde ich morgen im Flieger nach Myanmar sitzen. Denn ich glaube an die Kraft der Begegnung zwischen Menschen, den Willen etwas gemeinsam zu erfahren und sich auf Augenhöhe austauschen. Strukturell gesehen scheint das FSJ einseitige Machtstrukturen zu reproduzieren. Aber kommt es nicht auch darauf an, was wir Freiwillige daraus machen? Das FSJ, es ist nur der Rahmen. All unsere einzelne Geschichte, sind viel entscheidender (natürlich ist es weiterhin extrem wichtig das Modell des Auslands-FSJ kritisch zu hinterfragen und zu reformieren). Aber diese Geschichten sollen keine Geschichten von Stereotypen sein. Es sollen keine einseitigen Geschichten sein. Und vor allem sollen es keine Geschichten sein, die als Mittel zum Zweck dienen. Vielmehr sollen unsere Geschichten von einem bedingungslosen Austausch, von aufrichtiger Weltoffenheit und gegenseitigem Interesse erzählen!

Mit all dem im Kopf wird mein Aufenthalt noch mehr zur Herausforderung. Und gleichzeitig auch zum Aufruf an alle über die eigene Denkweise und Ausdrucksweise konsequenter nachzudenken.

Und hier noch ein Einblick in die Inhalte der letzten Tage:

Gruß aus Berlin!

P.S: Neben all diesen Gedanken wächst natürlich gerade auch meine Aufregung und Vorfreude! Der Flughafen ist in Greifweite, über meinem Kopf schießen schon die Flugzeuge geräuschvoll in die Luft.

Raus aus der gewohnten Soße

Manchmal bin ich wochenlang süchtig nach einem einzigen Lied. Es ist dann so als wäre dieser eine Song die Hintergrundmusik für mein Leben. Momentan singt sich Bono von U2 mit „With or without you“ in meinem Kopf die Seele aus dem Leib. Dabei drückt er ziemlich treffsicher meine derzeitige Gefühlslage aus.

Im Song geht es darum etwas so gerne zu mögen, dass man es zu gerne mag. Dass man süchtig danach wird und es schließlich nur noch unachtsam verschlingt. Dass sich positive Gefühle in klebrige Abhängigkeit und Hassliebe verwandeln. Dass man unachtsam und engstirnig wird. Und dass man – zackbum – plötzlich stecken geblieben ist.

Vor diesem Steckenbleiben habe ich nach meinem Bachelorabschluss Angst gehabt. Einerseits bin ich verliebt in mein Leben in Augsburg. Hier fühle ich mich wohl, so wohl wie ein Braten in seiner Soße. Und ich kann mir nur schwer vorstellen ohne diese Stadt, ohne meine Freunde und mein Studium zu leben. All das ist zu meiner Soße geworden, in der ich tagtäglich schwimme. Andererseits aber habe ich die immer gleichen Abläufe zunehmend satt. Ich sehne mich nach Herausforderung und frischem Wind. Und deshalb freue ich mich jetzt schon wahnsinnig auf meinen Aufenthalt in Myanmar. Ab jetzt gilt: Raus aus der gewohnten Soße und rein ins Abenteuer! Und ja, ein Abenteuer wird es ganz bestimmt, ein großes sogar, in so einem fernen Land, mit ganz anderen Sprachen, Religionen und Kulturen. Aber ich bin mir sicher, es wird eine unvergessliche, inspirierende Zeit.

Schon in 19 Tagen geht’s los!

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