Uns geht es klasse, das Wetter ist super!

Rückblick auf eine adstringierendes Wochenende (das kein Wochenende war, aber sich wie eines anfühlte)!

 

Nachdem ich Weihnachten und Silvester in Brest verbracht habe (vielleicht kommt dazu noch ein Eintrag), entschied ich mich am 2. Januar relativ spontan dazu, Theresa in Tallinn zu besuchen. Spontan deshalb, weil 22 Stunden Anreise nicht grade verlockend sind, ich aber doch sehr gerne noch etwas erleben wollte. Also fuhr ich nach einer gelungen zweitägigen Silvesterparty am 2. nach Minsk und kaufte dort ungefähr 2 Stunden vor Abfahrt das letzte Ticket über Riga nach Tallin an diesem Abend. Zwischenzeitlich besuchte ich Steffi für eine Stunde, dann war Abfahrt. Oder auch nicht, da der Busfahrer, sobald ich drinnen saß, doch noch mal alle Reifen Wechseln wollte. Nach einer Stunde Verzögerung ging es dann doch los. An der Grenze lief alles glatt, nach nur etwas mehr als einer Stunde Kontrolle waren alle Reiseteilnehmer in der EU. In Tallinn angekommen, war Theresa leider noch in Deutschland, weshalb ich 5 Stunden ziellos durch die Stadt spazierte, mich etwas vor den Preisen in der EU fürchtete und mir dann doch die erste Mahlzeit an dem Tag genehmigte. Leider hatte ich völlig vergessen, mich über Tallinn zu informieren, so kam ich letzten Endes am Meer raus 🙂

 

Als Theresa endlich heimkam, von zuhause (ist relativ verwirrend, die Thematik mit Deutschland und deinem Einsatzland), war ich entsprechend hungrig (meine spontane Reiseplanung und Verplantheit ließen mich vergessen, Proviant zu kaufen ). Inmitten önologischer Fachdiskussionen und verschiedener Folgen blackmirror genossen wir die Zeit in vollen Zügen. Tallinn selbst mutete zudem noch sehr malerisch (man könnte fast sagen: pittoresk) an bei dem ganzen Schneetreiben. Schweren Herzens fuhr ich am 4. Tag zurück. Angst um mein körperliches Wohlergehen war mit im Gepäck, schließlich fror die Frontscheibe unseres Busses zu großen Teilen von Innen zu, sodass der Busfahrer während der Fahrt zwar versuchte (leider aber kläglich daran scheiterte) sein Sichtfeld freizuhalten…

Tja, -15 Grad und Schneestürme brachten mir ein neues Verständnis von schneidender Kälte bei. Bei meinem Zwischenstopp in Minsk und bei meiner Ankunft in Brest durfte ich sogar -26 erleben. Ein Versuch das Wetter kurz und stichhaltig zu beschreiben lautet in etwa so:

 

Snow gathers by the fence, pain in my heart

 

Zuhause angekommen genoss ich die letzten Ferientage und befand mich allzu schnell wieder im alten Rhythmus gefangen.

Um dem Eintrag noch etwas zu erweitern, füge ich noch zwei G’schichtn aus den ersten Monaten an:

G’schichtn

Eines Tages brauche ich Gemüsebrühe. Also suche ich per Übersetzer das passende russische Wort raus, tippe es in mein Handy in meine Einkaufsliste und begebe mich auf die Suche in den Supermarkt „CATYPH“, der direkt unter meiner Wohnung liegt. Gesucht, aber nicht gefunden, also frage ich eine freundlich aussehende Angestellte um Hilfe. Da sie nicht versteht, was ich suche, zeige ich ihr meine Notiz. Umgehend sorgt die nun nicht mehr so freundliche Angestellte dafür, dass ich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücke. Umstellt von insgesamt fünf Angestellten, verstehe ich die Welt nicht mehr, und ihr sich überschlagendes Russisch schon gar nicht. Erst nach und nach (inzwischen ist oft das Wort „Kontrolleur“, respektive „контролер“,  gefallen) wird mir klar: Sie halten mich wohl für einen Undercover-Supermarktqualitätsprüfer, den es umgehend rauszuschmeißen gilt! Wie absurd, dabei suche ich doch bloß Gemüsebrühe… Mein brüchiges Russisch und mein hilfloser FSJ-ler Gesichtsausdruck überzeugen sie dann doch von der Wahrheit, dass ich nur Gemüsebrühe suche. Weiterhelfen können sie mir trotzdem nicht – hier gibt es keine Gemüsebrühe.

 

Eines Samstagnachmittags, nachdem ich ohne Gemüsebrühe bolivianische Empanadas kochen (vielleicht eher zubereiten??) musste, war ich noch voller Energie und beschloss, mir den Sonnenuntergang am Bahnhof anzusehen. Nachdem die Sonne hinter dem Horizont unterging, kam nicht nur die Nacht, sondern auch ein gewaltiger Schauer. Um noch nicht nachhause zu gehen und um vor dem Regen geschützt zu sein, stieg ich in den nächstbesten Trolleybus ein, mit dem Ziel, mich besser in Brest zu orientieren. Die erste Zeit fuhr ich durch vertrautes Gebiet, wegen des Regens und der Dunkelheit sah man draußen immer weniger, bis ich irgendwann an der Endstation ankam. Um zurückzukommen, so mein Plan, würde ich auf der anderen Seite in die selbe Nummer steigen. Soweit mein idiotensicherer Plan. Aber Pustekuchen. Ich finde nämlich nicht die Haltestelle auf der andern Seite. An der Haltestelle, die ich schließlich finde, halten andere Linien. Also steige ich auf gut Glück in den nächstbesten Bus. Und bin völlig verloren. Paar Haltestellen später steige ich aus und schaue, ob ich mich grob orientieren kann. Fehlanzeige. Also frage ich jeden Fußgänger der mir über den Weg läuft, wo der Bahnhof ist (ich wohne halbwegs in der Nähe des Bahnhofs, zur Orientierung hätte das gereicht). Die ersten fünf Fußgänger lassen mich eiskalt abblitzen. Langsam steigt Verzweiflung in mir hoch. Immerhin ist es spät, nass und kalt. Endlich, Nummer 6 redet mit mir, kann mir aber auch keine Richtung sagen (langsam stellt sich mir ernsthaft die Frage, wie weit ich eigentlich gefahren bin und ob ich überhaupt noch in Brest bin). Dann bittet er mich urplötzlich, ihm zu folgen. Nach 50 Metern erreichen wir sein Auto und er bittet mich, einzusteigen. Leicht verdutzt zögere ich zuerst und steige dann doch einfach ein. Unterwegs fragt er mich nach meiner Arbeit als Freiwilliger hier und ist super freundlich zu mir, was in Kombination mit dem Kindersitz auf der Rückbank meine anfänglichen Zweifel auflöst. Schließlich lässt er mich vor meiner Wohnung aussteigen. Ich steige aus, mit dem Gefühl ihm nicht genug danken zu können, als er auch schon weiter fährt.

Ich komme zu hause an, bin voller Energie, und bezwinge den Drang, vor die Tür zu gehen und die Stadt zu erkunden.

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