С корабля на бал

 

Und es ging spannend weiter! An dieser Stelle muss ich etwas ausholen. Wir sollten am Einsatzort zwischen dem 11. und 14. ankommen, weshalb ich dachte: „Cool, machste noch nen Tag oder zwei in Berlin und fährst dann weiter“. Also hab ich das Visum im Vorfeld, also noch zuhause, mit Beginn zum 12. September beantragt. Toller Plan, wäre da nicht das Treffen für alle Belarusfreiwilligen in Minsk, das vom Goethe-Institut geplant war. Anreisetag ist der 11., Beginn des Programms ist 9:30 am 12. Tolle Wurst! Ich wäge ab zwischen einem neuen Visum und einer Absage an Goethe, als ich zufällig noch eine Buslinie finde, die mich um kurz nach Mitternacht über die Grenze bringt und um 9:05 in Minsk ankommen lässt. Jackpot! Alles umgebucht, alles gut, mehr als gut! Ich fühl mich vom Glück verfolgt 😀

Zurück nach Berlin. Nachdem ich am Werbellinsee zusehends mehr Schlaf gegen denkwürdige Erinnerungen getauscht habe, habe ich in Berlin die Tradition fortgeführt und bin, so weit meine schon müden Füße mich trugen, bis tief in die Nacht durch die Stadt gewandert. Am nächsten Tag dann gegen Mittag losgefahren und natürlich habe ich unterwegs keinen Schlaf gefunden. Also las ich Hermann Hesses „Siddharta“- eine Erzählung über die Tatsache, dass Erkenntnis nicht durch Lehren oder Wissen, sondern nur durch eigene Erfahrung erlangt werden kann- , hörte meine Playlists hoch und runter und folgte meinen Gedanken in die Ferne. Ich war schon lange in Belarus, noch bevor ich Polen erreicht hatte. Und natürlich hatte ich keine Ahnung, was ich konkret erwarten sollte. Doch genau das faszinierte mich so an der ganzen Sache: Der Sprung ins kalte Wasser! Ja, gewissermaßen war diese Reise nicht nur eine physische von Berlin nach Belarus, sondern auch eine innere Reise vom verlorenen, hilflosen Abiturienten zum (immer noch hilflosen) und in Gedanken verlorenen FSJ-ler.

Nach Plan stieg ich in Warschau um und weiter ging es.

Als ich endlich in einen seichten Schlaf abdrifte, werde ich urplötzlich von einem an mir hochspringenden Hund geweckt! Ich stehe voll auf dem Schlauch, da ist er auch schon wieder weg, hinterher eine Soldatin. Grenzkontrolle, stellt sich heraus! Meine Migrationskarte plus Visum werden überprüft auf Fehler, im Grenzhäuschen dann auch noch die Koffer auf Drogen, dann geht’s weiter. Was hier drei Sätze benötigt, hat praktisch 90 Minuten gedauert. Sei’s drum, nach der langen Busfahrt tat die frische Luft echt gut! In Minsk angekommen habe ich leichte Schwierigkeiten, den Fahrer des Goethe-Instituts zu finden. Ich muss wohl einen sehr verlorenen Eindruck gemacht haben, denn nachdem ich einen älteren belarussischen Herrn um Hilfe gebeten habe, kam aus Eigeninitiative eine Gruppe junger Kadetten dazu und bat mir ihre Hilfe an. Zusammen führen wir den Fahrer letztendlich doch zu mir. Manchmal ist Glück Ansichtssache! 😉 Mit leichter Verspätung von (akademischen) 15 Minuten komme ich nass geschwitzt ob der Hitze – es waren über 30 Grad! – und viel mehr noch wegen des schweren Gepäcks im Goethe-Institut an, wo die anderen ausgeschlafenen(!) Freiwilligen schon auf mich warten. Dort gab es einige Infos zu Belarus, viel Raum für Austausch und nachmittags durften wir die Stadt auf eigene Faust erkunden. Was uns erst einmal in die Mitte einer Demonstration geführt hat. Hintergrund: Demonstrationen sind hier eher unüblich und besonders politische. Und diese hier hatte die Parlamentswahlen als Thema (was wir erst später erfahren haben). Also wir, inmitten von rufenden und Fahnen schwenkenden Demonstranten, wenden unser frisch erworbenes Wissen über Demonstrationen und Sicherheit an und suchen folglich schleunigst das Weite. Aus einiger Entfernung betrachten wir kurz das Treiben und liefen dann los, Richtung Abendessen. Goethe lud uns zum Essen ein, beim Georgier. Am nächsten Tag waren dann auch unsere jeweiligen Ansprechpartnerinnen da, ich lernte als erstmalig meine zukünftige „Chefin“ persönlich kennen… Und verdammt noch mal endet meine Glückssträhne grade hier. Sie ist, nicht wie alle anderen Belarussin, sondern Deutsche und achtet haargenau auf die Vereinbarung, die den Rahmen für unseren Freiwilligendienst bilden soll. Ich habe viel Arbeit (Bringschuld der Einsatzstelle) und viele Stunden zu leisten (Bringschuld meinerseits: Vereinbart sind 7,5 Stunden am Tag, 37,5 in der Woche, möglich sind viel mehr). Beispiel: In den ersten zwei Wochen sammelte ich 20 Überstunden. Inzwischen habe ich mich damit angefreundet und kann dem Ganzen (edit: inzwischen nicht mehr nur!) gezwungenermaßen einiges Gutes abgewinnen:

  1. Ich sammle vielfältige Erfahrungen und lerne, Herausforderungen zu überwinden. (Was ja im Grunde genommen ein wichtiges Ziel meines Aufenthaltes ist)
  2. Ich bin nicht und nie unterfordert.
  3. Ich kriege alle 7,5 Überstunden einen freien Tag wieder, habe also mehr Ferien.

So, ich hoffe, mein hin und wieder abschweifender Schreibstil hat dich noch nicht abgeschreckt und du hast es bis hierher geschafft. Sollte dies der Fall sein, schicke ich dir auf Anfrage gerne eine von mir signierte Postkarte mit Tiergedichten.

Ein Gedanke zu „С корабля на бал

  1. Theresa Poralla

    Aaron hat endlich seinen Blog begonnen! Dass ich das noch miterleben darf! *schnief* Freudentränen!
    Tolle Artikel schon mal bis hierhin, ich hoffe es kommen noch viele weitere Berichte von deinen kuriosen Erlebnissen 😀
    Until then: keep it up, be awesome and visit Tallinn!

    Antworten

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