Zwischen den Jahren

…unternimmt man nächtliche Flughafenausflüge. Man weiß genau, warum, wer kommt – so lang ersehnt. Und doch steht man vor der sich immer wieder öffnenden und schließenden Schiebetür des Flughafenausgangs und weiß nicht, wie man reagieren soll. Weiß nicht, was man fühlen soll.

Eine Träne kullert. Nur eine, weil ich mich freue, weil ich dankbar bin für das, was geschieht. Einen Countdown hat man Zeit. Nur einen – nur 10. Man beginnt ihn mit einem zweiten kleinen Weihnachtsfest und Kofferpacken. 2 1/2 Stunden und eine schier endlose LKW-Schlange später, kitzelt einem die Sonne – von den weißen Berggipfeln zurückgeworfen – die Nase. Den ersten Skitag diese Saison fährt man also bei schönstem Wetter. Doch der Kaukasuswind hat Kraft. Er peitscht die Wolken quer über den Horizont und bringt das, was man sich so sehr gewünscht hat – Schnee. So viel, dass der eingeschliffene Fahrstil über den Haufen geworfen werden muss, will man nicht noch einen weiteren Kopfsprung ins dichte Weiß machen. Erst im größten Schneegestöber macht es Klick. Im wahrsten Sinne des Wortes die Sinne vernebelt, wird euphorisch vorneweg gefahren – wenn man auch nicht mehr genau weiß, wie man zur Talstation kommt. Auf den Hütten bringt einem das einst gelernte Schulrussisch auf einmal mehr, als die inzwischen halbwegs angeeigneten Georgisch-Vokabeln. Als es dann aber darauf an kommt, hilft weder Russisch noch Georgisch oder Englisch gegen die plötzlichen organisatorischen Launen des Restaurantchefs.

Die Küche ist zu und zum Jahreswechsel tun es die klassischen Nudeln mit Tomatensoße. „Gilozaw achal zels!“, sage ich da nur.

Wieder in der Großstadt, gibt man sich Mühe, so viel wie möglich von seinem zweiten Zuhause zu zeigen – und fühlt sich dabei selbst fast wie ein Tourist – ein Tourist in der Stadt, in der man doch schon längst keiner mehr ist. Menschen und Orte beginnen zu strudeln, sich zu vermischen und wollen nicht zusammenpassen. Den Schulweg, den man 4 Monate lang täglich allein zurückgelegt hat, läuft man nun gemeinsam. Doch es ist nur ein Urlaub. Ein Urlaub ohne wegzufahren. Eine Pause vom Alltag. Und so bleibst du hinter der sich immer wieder öffnenden und schließenden Schiebetür des Flughafeneingangs stehen, hast dich nicht neben ihn in den Flieger gesetzt.

Diese Tatsache lässt dich die noch übrige halbe Nacht nicht mehr schlafen. Die Feiertagsleere ist zurück. Die, die dich stumm auf deinem Schreibtischstuhl verharren und deine Bilderwand anstarren lässt. Ein zweites Weihnachten Anfang Januar.

Sehnsüchtig wartest du auf deine kleine zweite Familie und auf den Alltag. Denn auch den hast du irgendwie vermisst.

Anne SOphie

Ein Gedanke zu „Zwischen den Jahren“

  1. Liebe Anne SOphie, habe eben deinen Beitrag – zwischen den
    Jahren- gelesen und bin ganz begeistert. Auch dass ich deinen Blog endlich gesucht und auch gefunden habe – auf diesem, meinen alten PC mit Windows 7.
    Erst mal viele Grüße zu dir nach Tiflis. Sicher ist deine kleine zweite Familie wieder um dich rum und ihr steckt mitten in Alltag und Arbeit.
    Deine Oma Renate hatte mir erzählt, dass ihr auch in Jerewan
    wart. Es ist so schön, mal was aus der großen weiten Welt zu
    hören.
    Ich werde auf jeden Fall deine Beiträge noch nachlesen.
    Alles Liebe für dich/euch
    von Hannelore

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