Anna-Sofia, Anne-Marie, Anneliese…ehm, siiie?

Wie der Hamster im Laufrad rennt die Zeit, renne ich. 3x die Woche. 6.53 Uhr, 20min – aufstehen, anziehen, aus der Wohnung. Auf in die leeren Straßen der Stadt – die Straßen, welche sonst keine Rückzugsmöglichkeit bieten – Spaziergang fehlgeschlagen, um die Uhrzeit gehts‘.

Das Laufrad beginnt sich zu drehen, 5km – gewohnte Strecke: Alte Karlsbader, Radweg, Tiergehege, Flößgraben, auslaufen – im Kopf spulen sich die Bilder wie von alleine ab. Die Augen zählen die Taxis, die lautlos an der Fensterscheibe vorbeifahren.

Die tägliche Marschrutkafahrt, jedes Mal zu einer anderen Zeit: 00:04, 21:53, 12:48, 2:33… Jedes Mal zum selben Pausenklingeln in der Schule. Im Takt zum monotonen Hupen wackeln die Heiligenbildchen am Amaturenbrett. Das „Gamitscheret tu scheidsleba“ kommt mittlerweile aus dem FF. Wir schreiben Exkursionsberichte, Montagsgeschichten, Wochenpläne, diskutieren über Armut, addieren 10er mit 10ern und 1er mit 1ern – Von der 30 zur 70 fehlen? 69. Wir sind freundlich zueinander, treten uns nicht und werfen keine Steine. Für gut gemachte Hausaufgaben gibt es jede Woche eine Urkunde, für viele Urkunden am Jahresende ein Geschenk. Die halbe Schule trägt französische Zöpfe. Nach 3 gescheiterten Versuchen, an der richtigen Bushaltestelle auszusteigen, glückt Nummer 4. Diesmal werden also pünktlich und begleitet von unsagbar schiefem Klaviergeklimpere 5 neue Konsonanten gelernt und passend zum neuen Essens-Vokabular ein Ausflug in den „Goodwilli“ unternommen. Der Gemüsehändler unseres Vertrauens gibt Stammkundenrabatt und die Bananen bekomme ich geschenkt.

 

 

 

 

 

Steil ist der Weg und unstete steinerne Stufen führen von der Altstadt hoch zur Betlemikirche. Klein, verblasst, duster, genügsam – besonders. Der Blick gleitet vom Garten aus über die Dächer der Stadt, hinter dem Dunst zeichnen sich Berggipfel ab. Die Mutter Georgien weist den Weg zur Festungsruine. „Nariqala“, persisch „die Unbezwingbare“, beherrscht das Mtkvari-Tal. Die ausdruckslosen Engelsgesichter der Nikolaikirche empfangen stille Gebete und erdulden neugierige Blicke. Von den Resten des Quadratischen Turmes blicken wir hinab auf die grüne Lunge der Stadt. Bei so einer Aussicht vergisst man die Zeit…

Und wieder ist es 6:53, wieder dasselbe Spiel. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Der Wind peitscht die Blätter durch die Straßen und winzig feiner Staubregen fliegt durch die Luft. Auf der Brücke kurz vor der Schule komme ich zum Stehen, kann den ganzen Stadtteil überblicken. Am Himmel leuchtet ein Regenbogen, endet irgendwo inmitten des Häuserlabyrinths. Wer mag wohl die Schatzkiste gefunden haben? Mein Hals kratzt und im Kopf hallt es noch immer nach: „Kommen Sie wieder.“ Das werde ich, ganz sicher. Genauso sicher werde ich diesen traurigen Blick niemals vergessen. Pausenklingeln. In meinem Apfel wohnt ein Wurm.

Anne SOphie

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