Was tun wir hier?

Mittwochabend. Ich sitze mit Kokou A., dem Kolonialzeitforscher und Mitarbeiter der Uni Lomé, bei einem Bier in einer Strandbar nahe der ghanaischen Grenze. Unser Gespräch fesselt mich von der ersten Minute an. Wir reden über Menschen, die zwischen zwei Kulturen leben. Über seine Erfahrungen als Schwarzer in Deutschland. Darüber, dass er während seiner Promotionszeit an einer deutschen Uni gefragt wurde, ob es in Togo eigentlich Schulen gibt. Und ob er in einem Baum wohne. Wir reden über seine wissenschaftliche Arbeit als Afrikaner. Über seine Perspektive. Ob er eine Stimme hat, ob er seine Stimme erheben kann. Darüber, dass er gerne in der Ewe-Sprache publizieren würde. Wir reden auch über meine Zeit in Togo. Dass ich mein Herz hier verloren habe, dass ich gerne bald wieder nach Lomé kommen möchte. Und dass ich viel nachgedacht habe. Über meine Rolle. Über meine Verantwortung. Kokou fragt mich, ob ich auch Negatives in Togo erlebt habe, ob ich schlechte Erfahrungen machen musste. Ich halte inne. Ja. Da gibt es etwas.

Vielleicht ist es feige

Fünf Monate nun trage ich diese Last mit mir herum. Es fällt mir nicht leicht, darüber zu schreiben. Ich konnte mit einigen Freundinnen per Telefon darüber sprechen und auch mit togoischen Freunden hier. Mit den Menschen, um die es geht, nicht. Ihnen gegenüber habe ich meine Stimme nie erhoben. Ich weiß nicht, ob es feige ist, nun einen Text zu verfassen. Vielleicht. Vielleicht ist es feige. Unfair. Vielleicht ist es polemisch, schwierig, überheblich und vielleicht stehe ich mit meinen Problemen alleine da. Vielleicht. Ich werde es versuchen.

Dienstagabend. Ein Tag vorher. Ein deutscher Bekannter aus meinem Französischkurs nimmt mich mit in ein Restaurant zu einem Treffen mit drei Weißen Freunden. Es gibt Lasagne. Wir sprechen Englisch, ich bin damit ziemlich überrumpelt und fühle mich unbeholfen und still. Der Grundtenor des Gesprächs: Ganz schön schwer, mit Togoern Kontakte zu knüpfen. Wenn du nach Togo gehst, nimm viele Bücher mit und stelle dich darauf ein, keine Freunde zu haben.

    

Dienstagabend. Eine Woche vorher. In der Cafeteria des Goethe-Instituts feiern wir ein kleines Fest. Da ich eigentlich noch gar nicht Geburtstag habe, es aber terminlich nicht anders ging, machen wir ein On est ensemble Fest daraus. Viele Gäste sind gekommen, ich verfalle in meine altbekannte rotglühende, freudestrahlende Aufgeregtheit und wir essen Glückliche Freundschaft Eva Torte. Auch mein Bekannter aus dem Französischkurs ist da. Er sitzt mit anderen Weißen Freiwilligen beisammen. Sie sprechen Deutsch. Es gibt einen Weißen Tisch. Einen Tisch, an dem noch nicht einmal ich wage Platz zu nehmen, so abgeschlossen ist er.

Juli. Eine Gruppe deutscher Freiwilliger trifft sich zum Pizzaessen. Wir arbeiten alle in Lomé, zudem sind zwei Mädels zu Besuch, die ihren Dienst in Ghana absolvieren. Die beiden erzählen von ihrer Arbeit und ihrer Gastfamilie. Die Gastfamilie sei toll, sagt eine. Na ja, bis auf die Tatsache, dass sie Ghanaer sind. Ghanaer sind unfreundlich. Sie wissen, dass wir es besser fänden, wenn sie bitte, würde, könnte verwenden würden. Aber sie tun es nicht. Ich schweige. Ich bin mal wieder stumm. Abends zuhause ärgere ich mich über mich selbst. Was ist das denn? Nur weil wir als Deutsche zusammen in Westafrika sind, hocken wir als Haufen Menschen, die überhaupt nicht zusammenpassen, um einen Tisch. Was für ein Schrott.

April. Studienreise nach Dapaong, das bisher prägendste Erlebnis meines Aufenthalts. Über 50 junge Menschen reisen gemeinsam in den Norden des Landes, wir verbringen eine wunderschöne Woche mit interessanten Ausflügen, gemeinsamem Kochen und Spielen. Wir sind sieben Deutsche, die die Chance bekamen, auch als Nicht-Mitglieder der Deutschabteilung teilzunehmen. Am ersten Abend bin ich die Einzige, die sich zum Essen zu den Togoern setzt. Am zweiten Tag die Einzige, die sich nicht fürs Mittagessen in ein anderes Restaurant abseilt. Am dritten Tag die Einzige, die die Namen der Studierenden gelernt hat. Ich kann es nicht glauben, als zwei Mädels auf Deutsch vor den Augen der Studierenden der Germanistik (!) über diese spotten. Ich bin wütend, hilflos. Ich zweifle an mir selbst. Bin ich die Komische im System?

Kartenhaus

Natürlich sind das alles Beispiele, die ich bewusst aufgegriffen habe. Doch leider begegneten mir neben einigen positiven auch viele ähnliche Beispiele in den letzten Monaten. Beispiele, die mich oft in ein Loch der Traurigkeit stürzten, die mich unruhig machten, wütend und gelähmt. Die mich auch an mir selbst zweifeln ließen. Die mich irgendwie darauf warten ließen, dass mein Glück, meine Euphorie, diese spannenden Gespräche, die tollen Freunde, die liebenswerten Bekanntschaften – dass all die Momente eigentlich gar nicht wahr sein können, sondern reine Illusion und wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen müssten.

Was ich mit dem Text ausdrücken will? Ich weiß es nicht.

Vielleicht will ich es nur aussprechen.

Eines ist mir bewusst. Es liegt ein weiter Weg vor uns. Vor uns allen.

 

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