Warum ich Typisch Togo nicht mehr hören kann

Vor knapp vier Monaten machte ich mich auf den Weg, mit Chimamanda Adichies Worten in den Ohren, mit ihrer Botschaft im Kopf und im Herzen. Und mit einem ihrer Bücher im Gepäck: Heimsuchungen, im Original The Thing Around Your Neck. In zwölf Kurzgeschichten erzählt Adichie von Menschen, die in Nigeria und den USA und irgendwie dazwischen zuhause sind. Sie erzählt Geschichten verschiedener Generationen, Hintergründe, Leben. Einen kleinen Ausschnitt aus ihrer Kurzgeschichte Jumping Monkey Hill möchte ich hier nun zitieren. Die Geschichte handelt von einem Schreibworkshop, der vom Briten Edward organisiert wird und zu dem junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ganz Afrika in Südafrika zusammenkommen.

[…] Nach dem Abendessen las die Senegalesin aus ihrer Erzählung vor. Es war eine windige Nacht und sie schlossen die Tür, um das Geräusch der wild wogenden Bäume auszusperren. Der Rauch aus Edwards Pfeife hing im Raum. Die Senegalesin las zwei Seiten einer Begräbnisszene, mit vielen kleinen Pausen, um Wasser in kleinen Schlucken zu trinken, ihr Akzent wurde mit steigender Emotionalität breiter und alle t klangen nun wie z. Hinterher wandten sich alle zu Edward, sogar der Ugander, der vergessen zu haben schien, dass er der Workshop-Leiter war. Edward kaute nachdenklich auf seiner Pfeife herum, ehe er sagte, homosexuelle Geschichten dieser Art spiegelten nun wirklich nicht Afrika wider.

„Welches Afrika?“, platzte Ujunwa heraus.

Der schwarze Südafrikaner rutschte auf seinem Stuhl herum. Edward kaute weiter auf seiner Pfeife. Dann sah er Ujunwa so an, wie man ein Kind ansehen würde, das in der Kirche nicht stillsitzen will, und sagte, dass er jetzt nicht als ein in Oxford ausgebildeter Afrikanist spreche, sondern als einer, der sich für das echte Afrika interessiere und nicht westliche Vorstellungen auf afrikanische Schauplätze übertragen sehen wolle. Die Simbabwerin und der Tansanier und die weiße Südafrikanerin schüttelten die Köpfe, während Edward sprach.

„Wir haben das Jahr 2000, das mag ja sein, doch wie typisch afrikanisch ist es, wenn eine Frau ihrer Familie erklärt, dass sie homosexuell ist?“, fragte Edward.

Die Senegalesin sprudelte etwas in unverständlichem Französisch hervor und sagte dann, eine Minute Redefluss später: „Ich bin Senegalesin! Ich bin Senegalesin!“ […]

Aus „Heimsuchungen“ von Chimamanda Ngozie Adichie, erschienen im S. Fischer Verlag GmbH (2012), S. 147-148.

Auch dieser Text, diese Worte blieben in meinem Kopf, meinem Herzen und bei mir. Täglich.

Warum ich dem Ganzen einen Blogeintrag widme? Weil ich finde, dass jede und jeder lesen sollte, was Adichie schreibt. Mehrmals. Weil ich es leid bin, dieses Typisch Togo aus Mündern, meist weißen, zu hören. Ein Typisch Togo, das Anwendung findet, wenn etwas nicht klappt, zu spät stattfindet oder chaotisch wirkt. Nur dann. Wenn etwas typisch ist für Afrika. Typisch für Afrika. Was soll das sein?

Wer sollte sprechen? Wer entscheiden? Ich bin es nicht.

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