1. Monat

Anderthalb Monate sind seit meinem letzten und ersten Blogeintrag vergangen.
Seit meiner Ankunft am 11. September kurz vor Mitternacht ist definitiv schon mehr passiert als man in einem einzigen Blogeintrag schreiben könnte. Höchste Zeit also, die vergangenen Wochen zumindest in Kürze Püree massieren zu lassen (nicht witzig, ich weiß).

Vielleicht vorher noch ein paar Worte zum Vorbereitungsseminar:
Hängengeblieben ist bei mir vor allem die angenehme Atmosphäre in allen Bereichen des Seminars, das im Übrigen auf einem landschaftlich sehr schönen Gelände stattfand, was sicherlich einen nicht unwesentlichen Teil zu dieser Atmosphäre beigetragen hat.
Mir hat auch der strukturelle Aufbau des Seminars gefallen. Über die Inhalte kann man natürlich immer streiten. Ich persönlich fand es eigentlich stets interessant und anregend, wobei mein Denken nicht wirklich auf den Kopf gestellt wurde. Vielmehr habe ich mich oft in Ansichten bestätigt gefühlt, die teilweise für mich bis dato schwierig zu fassen waren.
Generell hatte man doch irgendwie das Gefühl unter ‚Gleichgesinnten‘ zu sein.
(Wer mehr über das Seminar lesen möchte, sollte einen Blick in die anderen Blogs werfen, wo mitunter sehr ausführlich über die Tage am Werbellinsee geschrieben wurde.)

Aber nun zum Wesentlichen: meine Ankunft und die ersten Wochen in Skopje!

Wie anfangs erwähnt, kam ich nachts am Flughafen von Skopje an. Ich wurde von Rafal, ZfA-Länderkoordinator und meine erste Ansprechperson, vom Flughafen abgeholt. Wir sind im Dunkeln noch ein bisschen durch die Stadt gefahren und er hat mir den ein oder anderen Platz gezeigt, wobei meine Aufnahmefähigkeit angesichts eines gewissen Schlafmangels in Kombination mit den vielen neuen Eindrücke recht begrenzt war.
Rafal stellte mir dann noch meinen Stundenplan vor. Ich war zugegebenermaßen leicht verblüfft, als er mir aufzeigte, dass der Schulunterricht in Früh- und Spätschicht eingeteilt ist. So kommt es vor, dass ich manchmal erst um 20 Uhr abends Zuhause bin, um dann möglichst eilig ins Bett zu fallen- denn wenige Stunden später beginnt der Unterricht wieder um 7:30 Uhr in der Früh. Bis ich den Stundenplan endgültig verstanden hatte, ist aber mindestens noch eine Woche vergangen..
Am nächsten Morgen fuhr er mich zu meiner Wohnung, wo ich meine Mitbewohnerin, Mirjam, ebenfalls eine deutsche Freiwillige, kennengelernt habe. Die Wohnung ist sehr zentral gelegen – für mich optimal, liegt sie zwischen Stadtzentrum und meiner Arbeitsstelle, dem Gymnasium Georgi Dimitrov.
Dort hatte ich dann am folgenden Tag meinen ersten Arbeitstag. Obwohl, gearbeitet habe ich nicht wirklich. Ich habe meine Kolleginnen, die Deutschlehrerinnen der Georgi Dimitrov, kennengelernt und saß zwei Unterrichtseinheiten bei. Die Schule an sich, die Lehrerinnen und die Schülerinnen und Schüler (SuS) haben einen sehr sympathischen ersten Eindruck auf mich gemacht. Dies bestätigte sich in den folgenden Tagen. So war das Interesse an mir, „dem Deutschen“,  groß, was sich an den vielen, teils sehr spezifischen Fragen, zeigte: „Kann man gut in Nürnberg studieren?“  „Was ist deine Lieblingswurst?“ „Warst du schon einmal in XY?“ (beliebiges Dorf einfügen, in dem wahlweise die Tante, der Opa oder ein Brieffreund wohnt). Wobei die unumgängliche Frage nach meinem Lieblingsfußballverein von besonderer Neugier vorgetragen wurde.
Ich wurde bereits ab der ersten Woche aktiv in den Unterricht einbezogen. Je nachdem, was Thema der Stunde war, habe ich einen kurzen Teil der Unterrichtsstunde gestaltet, z.B. als wir über deutsche Prominente gesprochen haben. Außerdem habe ich in mehreren Klassen eine Präsentation über meine Heimat gehalten, worin ich mit den SuS der Frage nachgegangen bin, ob man angesichts der großen kulturellen Diversität überhaupt von einer „deutschen“ Kultur sprechen kann. Es war in den Augen mancher Schüler eine gewisse Erleuchtung zu erkennen, als ich den SuS darstellte, dass Kultur in meinem Heimatort recht wenig mit Lederhosen, Dirndl und Sauerkraut zutun hat, wir dafür aber andere kuriose Feste feiern. Großes Staunen brachte in diesem Zusammenhang der Kürbismarkt hervor: „Ein Fest nur für Kürbisse???“ Ja, ein Fest nur für Kürbisse, ich versteh’s ja auch nicht…
Eindrücklich war auch der außerschulische Besuch mit einigen Schülern der 4. Klasse (Abschlussjahrgang) im Goethe-Institut, wo wir uns eine Ausstellung zum Thema Nachhaltigkeit unter dem Motto „Umdenken- von der Natur lernen“ anschauten.

Mir wurde gleich zu Beginn meines Einsatzes ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Rafal fragte mich, ob ich ihn und einige SuS der Georgi Dimitrov und des Josip Broz Tito Gymnasiums, Rafals Arbeitsstelle, nach Prizren begleiten möchte. Prizren ist die zweitgrößte Stadt des jungen kosovarischen Staates.
Dort fand am Loyola-Gymnasium vom 28. September bis 3. Oktober das internationale Schüler-Projekt „Hotspot – Balkanroute: Kinder auf der Flucht“ statt, bei dem deutschlernende SuS aus Schulen aus Frankreich, Serbien, Montenegro, Mazedonien und dem Kosovo als Gastgeber vertreten waren. Kulturweit war mit zwei Freiwilligen am Start. Helene, Freiwillige in Montenegro, nahm nämlich auch an der Projektfahrt teil. Wir, einige Lehrer/innen, sowie alle SuS wurden im Internat untergebracht. Über mangelnde Verpflegung konnte man nicht meckern. Die Organisation der Gastgeber war wirklich gut!
Ich sollte mit den mazedonischen SuS im Vorfeld eine Vorstellung ihres Landes und der Schulen vorbereiten, die dann am zweiten Abend in Prizren präsentiert wurde – sehr erfolgreich, wie nicht nur ich befand.

In Prizren wurden die SuS in fünf Gruppen eingeteilt: Theater, Chor, Tanz, Dokumentation und Blog. Ich wirkte in der Dokumentationsgruppe mit, in der im Wesentlichen über Zeitungsartikel, Reportagen und Fernsehberichte diskutiert wurde, wobei verschiedenste Aspekte der Fluchtthematik aufgegriffen wurden. Zudem organisierten wir eine kleine Fotoausstellung mit anschließendem Quiz. Natürlich wurde die Zeit nicht nur in den Workshops verbracht. Das Rahmenprogramm gestaltete sich beispielsweise in Form eines Filmabends und einer von den gastgebenden SuS geplanten Stadtführung.
Am Sonntag stellten die ‚kreativen‘ Gruppen, Theater, Chor und Tanz, ihr beeindruckendes Ergebnis vor. Der geplante Livestream der Aufführung musste leider wegen der zu langsamen Internetverbindung abgesagt werden. Dafür wurden später Videoaufzeichnungen des Auftritt auf der Blogseite des Projekts verlinkt. Hier kann man sich nicht nur den Auftritt des Sonntags anschauen, sondern ein umfangreiches Bild des gesamten Projektes vermittelt bekommen.
http://blog.pasch-net.de/jugendcamps/categories/34-Hotspot-Prizren-und-Zagreb
Die Prizren-Fahrt war eine wirklich tolle Sache!  Alle Beteiligten, die sich einerseits mit dieser wichtigen und auch traurigen Thematik auseinandergesetzt haben, andererseits trotzdem viel Spaß hatten und länderübergreifende Freundschaften schließen konnten, werden das Projekt sicherlich mit sehr intensiven Eindrücken in Erinnerung behalten.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass mir gleich zu Beginn des Freiwilligendienstes diese Möglichkeit gegeben wurde.

Am 3. Oktober kamen wir dann nachmittags nach über drei Stunden Busfahrt (für ~80km!) wieder in Skopje an. Zum Empfang der Deutschen Botschaft anlässlich des Tags der Deutschen Einheit haben wir es dann nicht mehr geschafft.
Vom 5. bis 9. Oktober fand hier das Deutsche Filmfestival statt. Es wurden täglich von der Botschaft ausgewählte Filme gezeigt, die in jüngster Vergangenheit auf besondere Resonanz in Deutschland gestoßen sind. So wurde beispielsweise „Honig im Kopf“ gezeigt (nicht mein Fall), oder „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (schon besser).
Indessen habe ich ‚ein bisschen Lehrer gespielt‘, mich als Korrektor von Hausaufgaben zum Thema ‚Hausaufgaben‘ versucht. Ich war überrascht, wie geistreich die SuS gegen Hausaufgaben argumentiert haben, während ja eben dieser Aufsatz eine Hausaufgabe darstellte. Paradox..
Gestern gab es an der Schule hohen Besuch. Der Leiter des ZfA-Regionalbüros für Südosteuropa und der Vizepräsident des Bundesverwaltungsamtes, der eigentlich wegen eines anderen Termins in Skopje war, hospitierten an der Georgi Dimitrov in einer Unterrichtsstunde der vierten Klasse. Die, wie ich glaube, einen sehr guten Eindruck hinterließ. Danach saß man noch zusammen in einer Gesprächsrunde, an der die SuS des Prizren-Projekts teilnahmen. Sie berichteten von ihren Erfahrungen im Kosovo. Dabei wurde auch nochmals deutlich, für wie wichtig die SuS die geknüpften interkulturellen Freundschaften und die gemeinsamen Erlebnisse befinden.

So, das war ein sehr grober Überblick der ersten viereinhalb Wochen. Nicht eine Sekunde habe ich in dieser Zeit an der Entscheidung gezweifelt, hierher zu kommen.
Die Arbeit an der Schule macht wirklich Spaß, die Wohnung ist mehr als in Ordnung, die Menschen hier sind wahnsinnig hilfsbereit. Das durfte ich insbesondere in den ersten Tagen erleben, als ich mich das ein oder andere Mal verlief. Oder etwa, wenn ich spontan einen Übersetzer beim Einkaufen benötige. Oder gestern, als ich in der Schule einen Regenschirm geschenkt bekam, da ich ja vor einigen Tagen beiläufig äußerte, dass ich mir einen zulegen müsse.
Die Stadt Skopje hat mehr zu bieten als man auf dem ersten Blick meinen könnte. Insbesondere die Dutzenden Cafés, Restaurants und Bars entlang des Vardar, der durch die Stadt fließende Fluss, laden sehr gemütlich zum Trinken und Essen ein.
So wurden die ersten Wochen also mit vielen schönen Erlebnissen und ohne größere Probleme ‚bewältigt‘.
Beunruhigt haben mich nur die Erdbeben, die ziemlich genau seit meiner Ankunft in steter Regelmäßigkeit Skopje heimsuchen. Haben mich die ersten noch in eine gewisse Panik versetzt, begegne ich ihnen nun, vier Wochen später, gelassener. Die Beben sind eigentlich auch nicht wirklich stark. Magnitude 4,1 erreichte das stärkste, das ich bisher mitbekommen habe.

Ich bin gespannt, was die nächste Zeit bringen wird. Nächste Woche fange ich endlich mit einem Sprachkurs an, was den Alltag ein wenig erleichtern wird.
Zudem startet dann hoffentlich in ein paar Tagen die Deutsch-AG, die ich anbiete.

Bis demnächst!

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