Die Macht des Ortes

Ein anderes Land, eine andere Sprache, eine andere Arbeit, fast schon ein anderes Leben – vor dem Freiwilligendienst war vieles so unvorstellbar, so unglaublich weit weg. Monate waren es noch, bis es losgehen sollte, Wochen, irgendwann nur noch Tage. Und dann war es soweit. Neue Menschen, eine neue Kultur, tausend neue Eindrücke. Am Flughafen ankommen und orientierungslos herumirren. Es irgendwie zum Tataer Bahnhof schaffen und zum ersten Mal die eigene Wohnung betreten. Der erste Schultag, der erste Wochenendtrip – inzwischen fühlt es sich an, als wäre es eine halbe Ewigkeit her.

Je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr wird alles zum Alltag. Aufstehen, Frühstücken, Schule. Sich daran gewöhnen, dass der eigene Stundenplan eher eine Richtlinie ist und einen jeden Tag etwas Neues erwartet. Die Überraschung wird zur Routine, die Sprache wird langsam vertrauter, nach und nach findet man sich zurecht.

Deutschland und das Leben, das man dort führte, sind buchstäblich meilenweit weg. Man lebt für den Augenblick, für den Moment – Gedanken und Pläne reichen kaum über einige Wochen heraus.

Das Zwischenseminar lässt aufhorchen und bietet Raum zur Reflektion, und ganz behutsam schleicht sich die Erkenntnis an, dass dieses halbe Jahr nicht ewig dauern wird, auch wenn es sich so anfühlt. So vieles ist schon passiert, so vieles noch geplant, aber hey, das sollte doch alles noch klappen, immerhin ist noch Zeit.

Und dann steht man plötzlich wieder am Flughafen, auf der Anzeigetafel steht Hamburg, es geht über die Weihnachtsfeiertage nach Hause. Die Reise ist zur Gewohnheit geworden, und die öffentlichen Verkehrsmittel in Budapest stellen schon lange keine Herausforderung mehr dar.

Das Flugzeug hebt ab, und unter mir wird Budapest kleiner und kleiner. Es ist fast spürbar, wie die Gegenwart mit jedem Kilometer mehr zur Vergangenheit wird, wie sich die Gedanken auf das, was vor mir liegt, konzentrieren, und die vergangenen Monate in den Hintergrund geraten.

In Deutschland angekommen hat die Macht des Ortes mich bereits voll im Griff. Wenn vorher Deutschland Teil eines anderen Lebens schien, so fühlen sich die Erinnerungen an Ungarn jetzt an wie ein Traum. Ein Traum, der nach dem Aufwachen noch in der Luft hängt, den man jedoch schwer fassen kann, der einem zu entgleiten droht.

Um mich herum ist alles gleich und doch anders, auf den ersten Blick scheint die Zeit stillgestanden zu haben, auf den zweiten Blick ist sie schneller vorangeschritten, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Nur ein paarmal schlafen und schon sitze ich wieder im Flugzeug. Die Gedanken wirbeln durcheinander, auf einmal sind Ungarn und Deutschland nicht mehr klar voneinander getrennt. Die Erkenntnis, dass nur noch wenige Wochen in Tata verbleiben, lässt sich nicht länger verdrängen, der Abschied naht. So viele Sachen, die ich noch machen möchte, so viele Dinge, von denen ich dachte, sie hätten noch Zeit – jetzt ist es daran, sie noch zu verwirklichen, denn bald ist die Möglichkeit vorüber, verflüchtigt sich wie die Kondensstreifen des Flugzeugs.

Und so sitze ich also hier, denke darüber nach, dass Wahrnehmung nicht nur von der Person, sondern auf eine merkwürdige Weise auch von Orten bestimmt wird, hänge gedanklich zwischen Vergangenheit und Zukunft und versuche dennoch, im Hier und Jetzt zu leben.

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