Migration – Tabuthema in Ungarn?

Ungarn? Ist das nicht mega rechts? Sind das nicht die mit dem Grenzzaun?

Ja, Ungarn und die EU sind nicht gerade beste Freunde. Das hindert die Ungarn glücklicherweise keineswegs, mich freundlich aufzunehmen. Wenn es allerdings um Politik in der Schule geht, wird es ein wenig komplizierter.

Auf keinen Fall möchte ich anderen meine Ideologie aufdrücken, das liegt auch keineswegs im Interesse von kulturweit. Ganz zu Anfang hat mir meine Mentorin außerdem mitgeteilt, dass im Kollegium sehr unterschiedliche Meinungen zu Orbán vertreten werden und ich um Politik am besten einen großen Bogen machen sollte. Beim Zwischenseminar habe ich zudem erfahren, dass es teilweise sogar verboten ist, im Unterricht Politik zu behandeln.

So weit, so gut. Tja, und dann setzt die Kultusministerkonferenz für das nächste Jahr Migration nach Deutschland auf die Themenliste des DSD (Deutsches Sprachdiplom)… Darüber hinaus berührt Politik so viele Bereiche des Lebens, dass es unmöglich ist, sie nicht im Unterricht zu thematisieren. Selbst wenn man die Flüchtlingsfrage nicht explizit thematisiert, bekommt man doch so einiges mit.

Zudem wird mir immer wieder von der ungarischen Politik erzählt (meistens von meiner Mentorin), was mich in eine schwierige Lage bringt, denn oft wird über Negatives in Ungarn geredet. Was genau soll man denn dann als Deutsche sagen? Ja, ihr habt Recht, Deutschland ist viel besser?

Stattdessen ertappe ich mich dabei, nach Fehlern in der deutschen Politik zu suchen. Schulsysteme zum Beispiel. Meiner persönlichen Meinung nach ist das ungarische Zentralabitur viel gerechter als der ganze unfaire Wirrwarr in Deutschland. Außerdem hat man an meiner ungarischen Schule mehrere Deutschlehrer, was ich für sinnvoll halte, da dann das Fach nicht so lehrerabhängig ist.

Aber zurück zum Thema Migration. Wer meinen Blog aufmerksam gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich an einem bilateralem Projekt zu diesem Thema mitgewirkt habe. Die beteiligten Schüler machen im nächsten Jahr ihr DSD und sind damit diejenigen, die um Migration nicht herumkommen werden. Aber nein, es ging nicht um Migration nach Deutschland, sondern um Migration innerhalb der EU. Trotzdem schimmert natürlich auch hier ein wenig die Flüchtlingsfrage durch.

Nachdem also am Donnerstag die Slowaken angekommen waren und wir durch Budapest gelaufen waren, ging es am Freitag an die Arbeit. Die theoretischen Kenntnisse hatten die Schüler schon in Košice erworben, deshalb waren sich alle Kollegen einig, dass diesmal eine kreative Aufgabe an der Reihe wäre.

Die Aufgabenstellung, die ich dann letztendlich ausgearbeitet habe, zielte darauf ab, die Migrationsproblematik in der Welt eines Helden wiederzuspiegeln. Im Klartext: Die Schüler sollten in Gruppen ein Theaterstück oder eine Kurzgeschichte schreiben. Ihre Werke sollten in der Welt von beispielweise Harry Potter oder dem Hobbit spielen, und es sollte darum gehen, wie diese Helden mit Migration umgehen würden.

Die Ergebnisse waren toll. Ein Theaterstück hat Harry Potter als Migranten von der Muggel- in die Zauberwelt aufgegriffen, und es gab drei Kurzgeschichten, eine über Aladin, eine über Rapunzel und die dritte über eine Zauberergemeinschaft.

Hier ist mir aufgefallen, dass in allen Werken Migration vor allem negativ aufgefasst wurde. Harry Potter war der einzige, der glücklich mit seiner Migration war, sowohl Aladin als auch Rapunzel hatten vor allem Schwierigkeiten in ihrer neuen Umgebung und Aladin ist wieder nach Hause zurückgekehrt. Obwohl einige wenige Schüler mit dem Gedanken spielen, nach der Schule in deutschsprachige Länder auszuwandern, verbinden sie mit Migration vor allem Probleme.

Auch Multikulturalität scheint eher negativ behaftet zu sein. Nicht nur im Rahmen des Projektes, sondern auch in Gesprächen mit anderen Gruppen ist mir bewusst geworden, dass viele ihre Kultur von möglicher Einwanderung bedroht sehen. Nicht alle sind kategorisch gegen Flüchtlinge, aber sie werden als Risiko wahrgenommen.

Noch einmal betonen möchte ich, dass das ein sehr subjektiver Eindruck ist. Eventuell erinnert ihr euch an meinen Verweis in meinem ersten Blogeintrag? Die Rede danger of a single story kann ich nicht oft genug weiterempfehlen. Auch ich erzähle nur meine eine Geschichte von Ungarn.


Nachtrag 15.01.18:

Kennt ihr Willkommen bei den Hartmanns? Den Film habe ich mit einem der Leistungkurse behandelt – natürlich nachdem ich ihnen meinen Kollegen gezeigt hatte. Die waren übrigens sehr begeistert von dem Film.

Auch hier habe ich mit den Schülern nicht explizit über Politik geredet – das verhindern ohnehin ihre Sprachkenntnisse – und stattdessen mit ihnen Charakterisierungen und Hörsehverstehen geübt.

Den Film kann ich sehr weiterempfehlen – auf vision kino findet ihr außerdem Unterrichtsmaterial dazu, das zwar für Muttersprachler konzipiert wurde, aber Anregungen für Aufgaben zum Sozialgefüge und interessante Fragestellungen zum Deutschlandbild bietet.

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