Der Blick auf Osteuropa

Der Deutsche an sich, klar, der weiß Bescheid. Wie weltoffen und augeklärt wir doch sind! Politisch sind wir anderen Ländern doch sicherlich weit überlegen! So weit, so gut. Und dann kommt man nach Košice (Slowakei), um zu lernen, dass nicht nur unser Bild vom eigenen Land, sondern auch das von Ungarn oder der Slowakei doch sehr zu wünschen übrig lässt.

Sollte jemand von euch wie ich in Deutsch Abitur geschrieben haben, wird demjenigen die Frage nach dem Untergang der deutschen Sprache möglicherweise bekannt vorkommen. Anglizismen und Kietzdeutsch, Globalisierung und grammatikalische Inkorrektheit haben ja gezeigt, dass Deutsch ernsthaft bedroht ist, oder? Gut, darüber könnte man jetzt einen eigenen Blog schreiben, lasst mich nur kurz auf Košice zurückgreifen. Dort haben die Schüler nämlich auf Deutsch über die Relevanz europäischer Sprachen referiert, und drei Mal dürft ihr raten, welche Sprache die wichtigste in Europa ist. Englisch? Spanisch? Französisch?

Das Internet mag vom Englischen beherrscht werden, im Top-Managemnt jedoch wird zu mehr als 40% Deutsch gesprochen, danach erst folgt Englisch mit etwa 25%. Und wir sollten erst einmal abwarten, welche Folgen der Brexit hier hat – danach wird dieser Prozentsatz sicherlich sinken.

„Mit Englisch kann man höflich an die Tür klopfen, mit Deutsch öffnet man diese Tür von sich aus“, erklärt uns ein Mitarbeiter von T-Systems (Telekom) in Košice. Tatsächlich fällt mir ironischerweise erst in Osteuropa auf, wie viele deutsche Firmen es gibt, denn sie sind einfach überall. Im Drogeriemarkt ist es einfacher, deutsche Produkte zu finden, als ungarische.

Wer in Deutschland über den Untergang der deutschen Sprache schreibt, sollte die Bedeutung dieser Sprache auch einschätzen können.

Doch dabei bleibt es nicht. Wusstet ihr, dass viele Ungarn deutsche Wurzeln haben? Einige Ungarn lernen deshalb von klein auf Deutsch. Das Oktoberfest ist hier ebenso bekannt wie beliebt, und eine große historische Gemeinsamkeit beider Länder ist unter anderem die Wende, die hier noch immer eine zentrale Rolle einnimmt.

Doch was wissen wir Deutschen über Ungarn? Außer Orbáns Politik kennen wir kaum etwas. Wir sehen diese Gemeinsamkeiten nicht, manch einer weiß nicht einmal, dass Budapest die Hauptstadt ist. Wie können wir Deutschen uns über Ungarn und Orbán stellen, nachdem die AfD drittstärkste Kraft geworden ist? Kaum jemand würde behaupten, dass sich Deutschland über die AfD definiert, aber Ungarn verbinden wir fast ausschließlich mit Orbán. Während ungarische Schüler ein relativ differenziertes Deutschlandbild vermittelt bekommen, sitzen wir auf unserem Thron und sehen herab auf die osteuropäischen Gastarbeiter, die bei uns die Arbeit verrichten, für die wir uns zu gut sind.

Kaum einer weiß, dass Osteuropäer eben nicht nur in diesen Bereichen arbeiten. Nein, qualifizierte Osteuropäer kommen zum Studium in den Westen, dort machen sie einen Abschluss und bleiben teilweise auch in ihrer Wahlheimat. Allerdings spielt die deutsche Ausbildung in der Regel eine untergeordnete Rolle, wichtiger ist, dass sie im Westen sehr viel mehr verdienen und bessere Jobmöglichkeiten haben. Für die osteuropäischen Staaten bedeutet dies die Abwanderung von jungen, qualifizierten Staatsbürgern, was für die Herkunft natürlich extrem problematisch ist (Brain Drain).

Und trotzdem nehmen wir die Osteuropäer nicht wahr. Selbst wenn wir sie sehen, beachten wir immer nur Orbán und nicht seine Gegner, immer nur die Gastarbeiter und nicht die Akademiker, immer nur Paprika und nie Langos. Für Deutsche existiert Osteuropa kaum, und wenn es doch bemerkt wird, muss es erzogen werden.

Und dann halten wir uns für weltoffen und aufgeklärt? Schon der kritische Blick, mit dem man als Freiwillige bedacht wird, wenn man erzält, man gehe nach Ungarn, erzählt etwas anderes. Selbst die Relevanz unserer Sprache ist uns nicht bewusst. Gut, wir sind nicht alle uninteressiert an anderen Kulturen – die kulturweit-Freiwilligen zum Beispiel reisen in die Welt, um eben hier eine Brücke zu bauen. Und auch andere Deutschen sind offen und tolerant gegenüber anderen Sichtweisen. Lasst uns unseren Horizont erweitern, lasst uns über den Horizont schauen, denn die Komfortzone endet am Tellerrand.

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