Ich ziehe um

Ich bin plötzlich wach und folge dem ersten Reflex: Ich hebe meinen Kopf und schaue aus dem Fenster. Gerade geht die Sonne über dem Meer auf. Fast hätte ich laut aufgelacht durch diese plötzliche, emporsteigende Freude. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzustehen, meinen Bikini anzuziehen und hinauszurennen. Vielleicht lasse ich den Bikini-Part auch sein und bade gleich in meinem Pyjama, oder ach, einfach nackt, vielleicht lasse ich dabei aber eine Socke an, wer weiß! Und da soll einer nochmal sagen, das Leben ist schön. Von wegen! Das Leben ist wunderschön! Vielleicht schwimme ich so weit hinaus, bis ich an diesem großen glühenden Feuerball ankomme, der sich da gerade aus dem Meer erhebt.
Und während mein Geist voller Euphorie ist, gewinnt mein Köper an Müdigkeit, ich murmele leise zu niemandem Bestimmten „ich mach’s morgen“, senke meinen Kopf und schlafe weiter.

Noch immer kann ich nicht fassen, wo ich gerade wohne. Ich bin für zwei Monate nach Da Nang gezogen und arbeite dort nun an einem vom Goethe-Institut betreuten College. Eigentlich sollte dort für ein Jahr eine Schulwärts-Freiwillige eingesetzt werden, das sind normalerweise Lehramtsstudent*innen oder Lehrer*innen, jedoch ist dieses Jahr die Freiwillige kurzfristig ausgefallen. So wurde ich gefragt, ob ich für zwei Monate einspringen möchte. Nun bin ich hier, noch bis Anfang Juni, und dann geht es zurück nach Saigon.

Mein Paradies hielt genau 16 Tage an. Etwas ungehalten starrte ich den jungen Mann an, der da gerade vor meinem Fenster einen Zaun errichtete. Er lächelte mich an. Ganz unschuldig tat er dabei. Ich schaute noch finsterer und wunderte mich darüber, wie fröhlich jemand sein kann, der da gerade in der prallen Sonne arbeiten musste. Noch nicht mal Netflix gucken konnte er dabei. Schadenfreude muss wohl etwas sehr Schönes sein. Je fertiger der Zaun war, der mein Fenster von seinem Blick aufs Meer trennt, desto glücklicher wurde er.
Jetzt muss ich doch tatsächlich mein Bett verlassen, um mich dem Meer nahzufühlen! Kurz bevor ich mein Zimmer verlasse, schreibe ich mir aber noch schnell eine Notiz Name, Wohnort und Familienstand von Person X ausfindig machen. Schwachstellen finden. Mopedreifen durchstechen. Du weißt schon, der übliche Kram.

Zzzt, denkst du dir sicher, ich armes, kleines Mädchen, habe nun keinen Meerblick mehr. Dabei hast du leicht reden. Der Meerblick hatte auch seine Nachteile, die ich tapfer ausgestanden habe! Du musstest dir nicht jeden Abend verliebte vietnamesische Pärchen anschauen, die sich vor deinem Bungalow niederlassen, um sich dann so zu küssen, wie ich es nur im traurigen Konjunktiv tue.
Statt Musik zu hören und mich voller Wehmut der Sehnsucht hinzugeben und an die tollen Freunde zu denken, die ich in Saigon hatte und die mich hier in Da Nang mit ihrer Abwesenheit schlechte Gedichte schreiben lassen, oder an den Menschen zu denken, der bestimmt noch viel besser küssen kann als du, führe ich einfach ein Protokoll der Liebespaare. In Calibri Light purzelten nun regelmäßig Paare über meinen Laptopbildschirm und gruselten sich darüber, dass sie in die Schriftgröße 11 passen. Das sieht in etwas so aus:

Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:Ich finde es toll, dass wir gemeinsam in die Wellen starren.
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Ja, in die Wellen starren. Juhu! Das macht Spaß. Man könnte sich fast einbilden, jede neue Welle sehe ein bisschen anders aus als die letzte. Da! Schon wieder, eine neue Welle. Herrlich.
Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:
Ganz genau! Besonders bei Nacht, die Vielfalt des Meeres ist sooo unendlich groß. Genauso wie meine Liebe zu dir! Da, siehst du diese cyanblaue Welle dahinten? 50 Shades of Blue!
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Aber ich bitte dich, das ist doch ganz klar taubenblau.

Jetzt streiten die beiden sich ein bisschen über die rechte Verwendung von Adjektiven und wundern sich darüber, dass sie auf Deutsch reden. Also wenn das Glück sein soll, dann verzichte ich!
Ich gebe zu, ich schweife ab. Das passiert, wenn man abends nur noch den Himmelschweif sieht statt das Meer. Man macht schlechte Wortspiele aber ist insgeheim ein bisschen stolz darauf. Dann schlürft man faul zur Strandbar und hat so viel schlechtes Gewissen darüber, wie gut es einem doch eigentlich geht, dass man wieder hektisch zurück in sein Zimmer rennt und eine kostenpflichtige E-Mail-Adresse kauft, die mit Öko-Strom betrieben wird. Man weint kurz bei der Überweisung des Geldes darüber, dass man sich früher noch keine Gedanken um die Welt gemacht hat, weil man dachte, dass die Erwachsenen irgendwelche Super-Wesen seien, die schon klug genug wären, das mit der Umweltverschmutzung, der Einhaltung der Menschenrechte und so weiter zu regeln, bis man gemerkt hast, dass Menschen AfD wählen oder in einem Land leben, das in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit drei Plätze vor Nordkorea liegt, und zu einem dennoch gesagt wird „Politik interessiert mich nicht besonders“. Stattdessen will man wie früher einfach Süßigkeiten kaufen. Oder Wunder-Bälle, die tausend Zuckerschichten und innendrin Kaugummi haben. Großartig. Man will unbedingt wieder einen Wunder-Ball kaufen, den die Eltern furchtbar fanden und man selbst deswegen noch ein bisschen besser.

Am nächsten Tag geht man dann zur Arbeit, unterrichtet Deutsch und vermisst ein wenig seine alten Schüler aus Saigon, die im Deutschclub immer so schön mitgemacht haben. Man ist etwas verlegen wegen dem Lied, das die Schüler einem zum Abschied geschrieben haben, aber noch mehr ist man verdammt glücklich darüber. Hier kann man es hören.
Entgegen aller Vorsätze denkt man doch ein bisschen an vergangene Zeiten und bildet sich ein, dass das „Jetzt“ immer unglamouröser ist, als das Früher. Wenn das „Jetzt“ ein Adjektiv wäre, würde ich es bloß für ganz schlimme Dinge benutzen. Jetzt ist E-Mail beantworten und seine Auslandskrankenversicherung darum bitten, einem doch bitte das Geld für die Krankenhausrechnung rückzuerstatten. Jetzt ist Lebensmittelvergiftung und schlechte Internetverbindung. Jetzt ist auf eine U-Bahn-warten, die nie kommt, weil es in der Stadt nur Busse gibt, die nirgends ankommen. Auch wenn es in Nirgends vielleicht sehr schön ist. Man vergisst kurz, dass „Jetzt“ immer viel intensiver ist als „früher“ und „damals“. Dann bekommt man wieder ein schlechtes Gewissen, dass man nicht dankbarer ist, und setzt sich verlegen an den Strand, um in der Gesellschaft tausender Sandkörner wie ein verträumtes Liebespaar mit sich selbst über die Blautöne eines sehr schwarzen Ozeans zu debattieren.

Saigon und seine Hektik kommen einem plötzlich sehr fern vor, und wie das so ist mit Dingen, die man nicht haben kann, will man sie plötzlich sehr dringend. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass diese Stadt herzlich wenig „Das will ich auch noch machen!“ hat. In Saigon war es ein Dauerbegleiter. Die Factory hat eine neue Ausstellung? Da will ich auch noch hin! Die Garküche am Ende der Le Van Sy Straße? Da will ich auch noch hin! Mit in Thin Thans Familie kommen? Da will ich auch noch hin! Die Buchmesse, bei der sich am Ende alle verlaufen und niemand Spaß hatte? Da will ich auch noch hin!
In Da Nang befindet sich der mit Abstand beste Ort am Meer. Das ist wunderwunderbar, aber ich habe plötzlich so viel Zeit. Schön, dass ich diesen Blog ein bisschen zuspamen kann und mit meinem Reichtum an Zeit auch noch Deine klauen kann – wie das so ist, die Reichen reicher!

Da, sobald ich aus Da Nang nach Saigon zurückkehre, bereits Schulferien sind, habe ich mich von den Schülern, bei denen ich nachmittags an den Schulen war, verabschieden müssen. Hier eine kleine Fotostrecke in Gedanken an die Zeit mit ihnen im Deutschclub:

Schreibwerkstatt im Deutschclub!
Thao: „Auf der Party gibt es viele Bratwürste und ich möchte sie alle essen.“
Minh: „Die echte Freiheit hast du, wenn du machen kannst, was du liebst.“
Giang: „Ich habe die Sonne im Herzen.“
Phuong: „Seine Box ist kalt wie Eis, es tut ihm weh, aber sie möchte sie dennoch brechen.“

Zeitzeugenprojekt! Die Schüler lesen den Bericht eines freiwilligen Fluchthelfers zu Zeiten der Berliner Mauer und können Fragen an den Helfer schicken.

  Wissens- & Quizspiele im Deutschclub.

Übung macht den Meister – oder bringt zum Lachen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Zur Werkzeugleiste springen