Mein Erster Kuss

Dinge, die ich auch ohne BILD-Ausbildung kann: Plakative Titel benutzen.

Ich werde von meinem klimatisierten Taxi vor das Fünf-Sterne-Hotel gefahren, Angestellte öffnen mir die Autotür, weitere Angestellte die Tür zum Hotel und gleichzeitig zu der Parallelwelt, in der ich mich nun befinde. Ich warte auf meine Freunde, und als wir alle so zurechtgemacht beisammen sind und entscheiden, dass so viel Mühe im Bad ein Foto wert ist, passiert es uns allen zum Ersten Mal in unserem Leben, dass wir von einer Frau, die gerade im Foyer sitzt, auf die höfliche Bitte, ob sie nicht ein Bild von uns machen könnte, ein „no“ bekommen. Ein bisschen perplex fragen wir nochmal nach, erhalten aber von ihr, deren Kontostand im Vergleich zu ihrer Bereitschaft ein Bild zu machen wohl sehr hoch ist, wieder nur ein Nein.
Belustigt fahren wir nach oben zur Veranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit und befinden uns in einem Saal voller wichtiger Leute, oder solcher, die gerne welche wären. Ich bin verwirrt von der Visitenkartenkultur und davon, wie stets an einem vorbei in den Raum gelinst wird, auf der Suche nach jemandem, der wichtiger ist als du. Ich lerne eine Reihe interessanter Menschen kennen, von Dokumentarfilmern über Lehrern bis zu Hotelbesitzern, gehe mit einem kleinen Stapel Visitenkarten – Hallo, nett Sie kennenzulernen, ich bin Manager eines Fünf-Sterne-Hotels in Da Nang, hier ist meine Visitenkarte – , und dem Wunsch, jetzt erst mal ein paar Monate Pause vom Smalltalk zu haben, aus der Veranstaltung. Ich bin dankbar für dieses Erlebnis, für diesen Einblick und auch für die Gewissheit, dass ich so ein Leben nicht führen möchte.

Ich habe keine Überleitung, deswegen steht jetzt hier dieser Satz.

Man bekommt kurz vor dem Fliegen schon den ein oder anderen ulkigen Abschiedsgruß. Eine kulturweit-Mitarbeiterin wünschte uns unter anderem Blut, da Krankenhausaufenthalte oft viel über ein Land aussagen und diese Erfahrung ja wohl dazu gehörte. Das Leben muss es also gut mit mir gemeint haben, denn erste Brandwunden, erste Tränen, Erste Hilfe mit Python Oil und meine erste Krankenhausfahrt habe ich nun hinter mir. Nichts Dramatisches, ich habe mich nur beim Mopedfahren am Auspuff verbrannt.

Die ersten Worte meiner Ärtztin, als sie sich später die Wunde anieht: „Oh, a Saigon Kiss!“.

Eine Vietnamesin eilte mit dem Schlangenöl sofort zu Hilfe, das ihr wohl schon oft geholfen hätte. Ich hatte mich gerade dazu entschieden, der südostasiatischen Heilmethode eine Chance zu geben, als der Schmerz doch nach ordentlicher Verarztung schrie und Marvin, der unbedingt sofort westliches Mittel holen wollte, unseren Kumpel Wikipedia auspackte.

Schlangenöl (aus dem Englischen snake oil) ist die Bezeichnung für ein Produkt, das wenig oder keine echte Funktion hat, aber als Wundermittel zur Lösung vieler Probleme vermarktet wird. Der Begriff „Schlangenöl“ entstammt der Mythologie des amerikanischen Wilden Westens, wo selbsternannte Wunderheiler auf Medicine Shows „Schlangenöl“ als Heilmittel für Gebrechen aller Art verkauften.“

Auf dem Weg ins französische Krankenhaus fragte ich mich, ob durch solche Auskünfte im world wide web ein Westler nun einfach nie in den Genuss gerät, das Zeug auszuprobieren, und niemals seine heilende Wirkung erfahren wird. Liebes Wikipedia, Dank dir wird dies im Westen nun immer als Hokuspokus abgestempelt sein – und ich werde seine Wirkung auch nicht herausfinden. Will ich auch ehrlich gesagt gar nicht, glaube nicht, dass das Python Oil aus einer braunen, mit einem goldenen Etikett und einer Schlange verzierten Fläschchen meine Wunde desinfiziert und dann die Brandcreme und den Verband ersetzt. Aber ein bisschen frage ich mich in diesem Zusammenhang schon, wie viel ich durch den Stempel „lächerlich“ entwerte und verpasse.

Dieser Eintrag ist nicht chronologisch, sondern befolgt die Reihenfolge, die mein Kopf willkürlich und unbewusst bestimmt habt. Also herzlich willkommen im Prioritäts-Ranking meines Gehirns.

Wir sind ins Mekong-Delta gefahren, nach Can Tho.
Auf der Raststation gehen wir auf die Toilette und kaufen getrocknete Früchte. Als wir wiederkommen, stehen eine Haufen Busse auf dem Parkplatz, die alle aussehen wie unserer, nur von einem – ganz zufällig unserem – ist keine Spur.
Wir bekommen die Auskunft, dass der Bus „nur mal eben um den Block fährt“ und wir rätseln, ob der Bus sich die Füße vertreten will oder inwieweit auf so einer Landstraße „Blocks“ existieren.
Marvin gewinnt den Wettbewerb darum, wer den größten Verlust zu beklagen hat. Sein Laptop, der das Eigentum vom Goethe ist, ist in seinem Rucksack, da er direkt vom Unterricht kommt.
Doch unser Bus kommt von seiner Spritzfahrt zurück und wir freuen uns, dass er an seinem altem Platz ankommt und wir nicht die ganze Raststätte absuchen müssen – auch wenn wir dann feststellen, dass alles andere ja Blödsinn wäre. Eileen: „Wir spielen jetzt Verstecken und wenn ihr verliert, gehört euer Gepäck mir“.

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