Saigon in meinem Kopf

Ich habe Angst davor, mit meinen Wörtern Bilder in die Köpfe zu pinseln, die Vietnam anders darstellen, als es ist. Also, das sind meine Erzählungen, meine ganz persönlichen, zufällig guten und schlechten Bekanntschaften, meine Eindrücke, mein Filter.
Saigon ist groß und bunt und laut und ich bin da.

Mein Abschied am Flughafen war eher schön als traurig. Nur meine Freundin dort weinen zu sehen, das war irgendwie schlimmer, als selbst heulen zu müssen.
Mein Vater fragte noch kurz, ob Whatsapp denn auch über diese Entfernung funktioniere, und ich musste daraufhin grinsend und vielleicht ein wenig kopfschüttelnd in den Sicherheitscheck laufen.

An meinem ersten Tag stillte ich meinen Hunger in einem kleinen Restaurant in meinem Wohnviertel. Die Kellnerin klatschte mir auf mein Hinterteil, kicherte und stellte sich neben mich um zu gucken, wer denn größer sei – ich versuchte währenddessen einfach nur mein interkulturelles Pokerface aufzusetzen und zu lächeln.

Meine erste Unterkunft in Saigon ist ein Homestay. Meine Gastgeberin ist Architektin und hat das Haus entworfen, es ist wunderschön und zu meinem Zufluchtsort in diesem Großstadtdschungel geworden. Außer mir wohnen dort ab und zu ein paar andere Gäste, die es über AirBnb gebucht haben, und dann noch ein paar Vietnamesen, die in Saigon studieren und sich etwas Geld dazu verdienen, indem sie der Gastgeberin helfen. Der Housekeeper meiner Unterkunft ist ein älterer Vietnamese, Nam, der auch dort wohnt, kein Englisch spricht, aber auf dem Handy Google-Translator hat. Nam, Google-Translator und ich führen gerne Gespräche in Hauptsätzen oder mit Händen, Füßen und Lächeln.

An meinem zweiten Tag fragte er mich, ob ich gegrilltes Hühnchen esse, und ich bejahte. Dann fragte er mich, ob ich Bier tränke, und ich bejahte. Daraufhin befahl er mir, um 20 Uhr wieder zurück zu sein.

Er lud mich auf ein vietnamesisches Essen und Bier ein und wir saßen im Gemeinschaftsbereich der Unterkunft zu viert – ein Koreaner, der in Australien studiert hat, ein Vietnamese, der in der Unterkunft hilft, der Housekeeper Nam und ich – und aßen leckerstes selbstgemachtes vietnamesisches Essen und mussten auf Wunsch von Nam viele, viele Fotos machen, die nicht lange darauf warten mussten, von seinem Facebook-Account verspeist zu werden.
Ich musste Nam, der bei meiner Ankunft die Ukulele gesehen hatte, damit enttäuschen, dass ich sie nicht spielen kann, sondern nur ein wenig amateurhaft Gitarre. So bekam ich eine Gitarre in die Hand gedrückt, die schnell geholt wurde, und den Rest des Abends spielte und sang ich.

Meine erste Gedankendusche zu Saigon besteht aus Mopeds, Garküchen, Hitze, Mopeds.
Und um meinen Integrationsprozess zu beschleunigen, bestellte ich mir an meinem ersten Abend ein Mopedtaxi. Wenn man kein eigenes besitzt, ist das hier die gängigste Methode, um von A nach B zu kommen. Meine erste Mopedfahrt ins Zentrum, um Marvin, Frieda und Paul zu treffen, war verrückt, ich aber verzückt. Der Helm, den man bekommt, tut mehr für das Gewissen, als für den Schutz. Eine dünne Schicht Sicherheit, an die ich mich gedanklich festklammerte, genauso wie am Sitz. Den Gedanken, dass ich doch bitte gerne heil ankommen würde, konnte ich nicht wegschnipsen. Alles hupt, fährt im Slalom um Hindernisse, nimmt die Ampelfarbe Rot als eine Empfehlung, und wenn es auf der Straße zu voll wird, fährt man eben über den Bürgersteig. Gleichzeitig zuckten aber auch meine Mundwinkel nach oben und als ich auf dem Rückweg zum zweiten Mal hinten drauf saß, war ich schon fast enttäuscht, als die Fahrt vorbei war. Meine dritte Fahrt war dann schon entspannter, ob der Helm genau so sitzt, wie er soll, war nicht mehr wichtigster Gedanke. Da war die Mopedfahrt im strömenden Regen und mit breitem Grinsen, der ungläubige Blick des Fahrers, als ich lieber darauf verzichtete, mein Regencape anzuziehen, sondern die Abkühlung genoss und auch, dass mein Kleid völlig durchnässt war. Auch mein Vertrauen in den Verkehr ist gewachsen, denn irgendwie funktioniert alles, Reagieren und Ausweichen ist eine Spezialität der Fahrer.

Wie man über die Straße gehen sollte: einfach losgehen, nicht stehenbleiben, gleichmäßiges Tempo und nicht einschüchtern lassen von all den Moped- und Autofahrern, die um einen herumfahren.

Bisher waren wir im Kriegsmuseum, die USA werfen zwischen 1965 und 1968 drei Mal so viele Bomben über Nordvietnam ab, wie alle Kriegsparteien während des Zweiten Weltkrieges in Europa zusammen. Zudem wurde der Krieg vor allem auf Kosten der Zivilbevölkerung geführt. Da die amerikanischen Soldaten ihre Feinde oft nicht von den Einheimischen unterscheiden konnten, vernichteten sie ganze Dörfer lediglich auf den Verdacht hin, dass ihre Einwohner der Gegenseite angehörten. Außerdem versprühten sie Millionen Liter an Giftstoffen. Noch heute kommen deswegen Kinder mit Behinderungen zur Welt.

Das Museum arbeitet viel mit Bildern, wovon man halten kann, was man will, die Spiegelneuronen arbeiten.

Wir haben eine Tour durch Saigon mit Studenten gemacht, die damit Englisch üben wollen, (und dabei auch erfahren, dass das Gebäude mit den vielen kleinen Restaurants und Bars, in dem wir an unserem aller ersten Abend waren, nicht stabil und es gefährlich sei, dort den Fahrstuhl zu benutzen), haben Streetfood probiert und so weiter.

Nun habe ich noch 14 Tage, eine Adresse von einer vietnamesischen Wohnungsmarktwebsite und meine Mitfreiwilligen, mit denen ich bis zum 1. Oktober eine Wohnung gefunden haben muss. Ich bin erleichtert, dass meine Mitfreiwilligen und ich uns so gut verstehen und eine WG gründen wollen. Es ist, als würde ich mir etwas deutsche Komfortzone nach Vietnam importieren.

An meinem ersten Tag fühlte ich mich sehr fremd. Und schon jetzt ist genau das passiert, was ich mir vorgestellt habe: das Fremde ist mir vertrauter geworden, meine Unterkunft heißt jetzt ohne darüber nachzudenken „zu Hause“ und ich bewege mich viel selbstverständlicher in der Stadt.
An meinem ersten Tag, in meiner ersten Stunde in Saigon fühlte ich mich wortlos, so ganz ohne Vietnamesisch zu können, und sehr hilflos. Da ich mir in den Kopf gesetzt hatte, es gern allein und ohne Hilfe vom Flughafen zum Homestay zu schaffen („das kann doch nicht so schwer sein“), lehnte ich zunächst das Angebot meiner Gastgeberin, sich um den Transport zu kümmern, ab. Nach etwas hin und her entschied ich mich dafür, ein Taxi zu nehmen, von der einzigen Firma, der man hier wohl trauen darf, und machte vorab den Preis ab.
Kaum fuhr das Taxi los, stritten der Taxifahrer und ich uns darüber, ob ich ihm das Geld sofort oder am Ende der Fahrt gäbe. Da mir eindringlich gesagt wurde, stets am Ende zu bezahlen, und der Taxifahrer mit seinen immer lauteren Forderungen, ihm mein Geld zu geben, mich ganz schön einschüchterte, versuchte ich Ruhe auszustrahlen und drohte damit, auszusteigen. Eigentlich bluffte ich, da ich unbedingt endlich in meine Unterkunft wollte, aber das Geld wollte er immer noch sofort haben. Ich entschied mich also, tatsächlich auszusteigen und rüttelte an der Tür, die nicht aufging. Nun wurde ich laut und der Taxifahrer fummelte an meiner Tür, bei der nur irgendein Hebel verschoben werden musste, dann konnte ich aussteigen, lief die paar Meter zum Flughafen zurück und schrieb meiner Gastgeberin. Diese kümmerte sich um meinen Transport und ich kam ohne Probleme zu meinem Homestay. Vietnamesisch spreche ich – bis auf einen Trinkspruch dank der Menschen, die hier mit mir wohnen – zwar noch kein Wort, aber allein und hilflos fühle ich mich nicht mehr. Da sind die anderen Freiwilligen und geduldige Mopedfahrer, wenn ich in all den Gassen mein zu Hause nicht auf Anhieb finde. Und wenn ich nach zehn Uhr nicht in meiner Unterkunft bin, ruft mich der Housekeeper an und schreibt, dass ich auch an meinen Schlaf denken soll. Und als ich gerade aufgestanden und zum Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche geschlürft bin, um mir Wasser zu holen (das man hier sehr schnell wieder ausschwitzt), drückte er mir eine Schüssel mit Brombeeren – das kommt der mir unbekannten Frucht zumindest am nächsten – in die Hand, die ich bitte aufessen sollte.

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