Tag Null

Mein Gefühlswirrwarr und ich sitzen auf dem Boden meines Zimmers und starren ungläubig die seitenlange To-do-Liste an, die nun größtenteils abgearbeitet scheint. Für manches fehlte dann doch erst die Zeit, dann die Motivation.
Ungläubig ist auch die richtige Beschreibung für das, was ich fühle, wenn ich an Vietnam denke. In Saigon lebte für mich immer dieses Zukunfts-Ich, das zwar einiges mit mir gemeinsam hat, in meiner Vorstellung jedoch viel vorbereiteter – zum Beispiel mit ein paar Vokabeln Vietnamesisch im Kopf – dort ankommt, als ich.
Nach all der Abschiedstrauer, will ich auch endlich sehen, dass es sich lohnt, will ins Flugzeug steigen und raus aus Berlin, weil die Welt zu groß und schön ist, als dass ich etwas von ihr verpassen will.
Das Koffer packen gestaltete sich als sehr meditativ. Zunächst sortierte ich sehr sparsam die Dinge auf den Kommt-Mit-Stapel, der Vielleicht-Stapel wuchs und wuchs. Dann empfand ich diese bildlich gewordene Ansammlung an Unschlüssigkeit als so niederschlagend, dass ich den Vielleicht-Stapel aus meinem System verbannt.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit… einen Haufen Denkanstöße. Das Vorbereitungsseminar, das mich die letzten zehn Tage verschluckt hat, war intensiv.
Mir ist klar geworden, dass ich einfach so, nur weil ich hier geboren wurde, eines der mächtigsten Dokumente der Welt besitze: meinen Deutschen Reisepass. Mit dieser kleinen roten Eintrittskarte stehen Deutsche Staatsbürger_innen am Kopfe des Rankings um VISA-Freiheit.

Auf dem Seminar ging es viel um Diskriminierung und Rassismus, allerdings nicht dieser Rassismus von Rechts, sondern um Alltagsrassismus und White privilege. Grundschüler malen mit Stiften in „Hautfarbe“, die nur eine bestimmte Gruppe von Menschen widerspiegelt; ich werde nicht andauernd gefragt, was meine geographische Herkunft ist, werde als Individuum wahrgenommen und nicht gebeten, für alle Menschen meiner Hautfarbe zu sprechen.
Außerdem haben wir viel über soziale Gerechtigkeit geredet und Lösungsvorschläge, die aber bei Weitem nicht befriedigend sind. Außer natürlich Marvins Vorschlag für ein Bundes-Karma-Amt.

Wir bekamen einen internationalen Freiwilligenausweis mit Passfoto, von dem die Leiterin von „kulturweit“ lachend erzählte, dass sie sich den vor ein paar Jahren ausgedacht hätten und er keinerlei rechtliche Gültigkeit besäße – sie hätten sich jedoch Mühe gegeben, ihn so offiziell wie möglich aussehen zu lassen, und das fette UNESCO-Logo darauf mache im Ausland manchmal so Eindruck, dass man mit dem Ausweis doch irgendwelche Vergünstigungen bekäme.

Auch das ganze Seminargelände war von „kulturweit“ umgestaltet worden. Unisextoiletten, Weltkarten, die auf dem Kopf hingen, und so weiter.

Alles war etwas links-alternativ und irgendwie habe ich mich dort auch sehr wohl gefühlt, auch wenn ich zwischendurch immer wieder dachte, dass etwas Neutralität oder Kontroversität schon angebracht wäre, statt die ganze Zeit zu den verschiedensten Themen ideologisch gefärbte Texte zu lesen.

Ich habe die anderen Freiwilligen kennengelernt, die mit mir nach Saigon gehen. Wir sind zu sechst, und ich bin sehr glücklich darüber, dass diese tollen Menschen bei mir sein werden. Eine von Ihnen ist beim DAAD, drei von ihnen beim Pädagogischen Austauschdienst und Marvin ist mit mir in einem Projekt am Goethe-Institut.

Es ist das Land, die Stadt und das Projekt, in das ich unbedingt wollte. Auf dem Vorbereitungsseminar hat sich herausgestellt, dass die Stelle, in der Marvin und ich arbeiten werden, eine echt coole Schnittstelle zwischen Arbeit an Schulen und Arbeit im Goethe-Institut darstellt, da fast alle anderen nur ein „entweder – oder“ haben. Kurzum, ich bin voller Vorfreude und Fernweh und habe jetzt schon Angst vor dem Abschied dort, da dieser wahrscheinlich endgültiger ausfallen wird, als der von Berlin.
Aber.
Ich mache nach meinem Abitur zwei Tage Workshops zum Thema Unterrichtsmethoden und Didaktik für DaF (Deutsch als Fremdsprache), und gehe dann an eine Schule? Wie kann ich mir anmaßen, als frische Abiturientin, die bloß die Welt sehen will, mich vor einen Haufen Schüler zu stellen?

Das Wissen darum, fünf Bücher für DaF in meinem Koffer gebunkert zu haben, leistet meinen Befürchtungen Gesellschaft und ab und zu bin ich so naiv und vertraue auf diese Stimme, die ganz faul behauptet, dies würde an Vorbereitung ausreichen.

Mit doch ein paar Ideen im Kopf geht es morgen los und auf die Stimme, die mir springend und händeklatschend erzählt, dass das nächste Jahr wunderbar wird, vertraue ich tatsächlich.

 

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