Ich ziehe um

Ich bin plötzlich wach und folge dem ersten Reflex: Ich hebe meinen Kopf und schaue aus dem Fenster. Gerade geht die Sonne über dem Meer auf. Fast hätte ich laut aufgelacht durch diese plötzliche, emporsteigende Freude. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzustehen, meinen Bikini anzuziehen und hinauszurennen. Vielleicht lasse ich den Bikini-Part auch sein und bade gleich in meinem Pyjama, oder ach, einfach nackt, vielleicht lasse ich dabei aber eine Socke an, wer weiß! Und da soll einer nochmal sagen, das Leben ist schön. Von wegen! Das Leben ist wunderschön! Vielleicht schwimme ich so weit hinaus, bis ich an diesem großen glühenden Feuerball ankomme, der sich da gerade aus dem Meer erhebt.
Und während mein Geist voller Euphorie ist, gewinnt mein Köper an Müdigkeit, ich murmele leise zu niemandem Bestimmten „ich mach’s morgen“, senke meinen Kopf und schlafe weiter.

Noch immer kann ich nicht fassen, wo ich gerade wohne. Ich bin für zwei Monate nach Da Nang gezogen und arbeite dort nun an einem vom Goethe-Institut betreuten College. Eigentlich sollte dort für ein Jahr eine Schulwärts-Freiwillige eingesetzt werden, das sind normalerweise Lehramtsstudent*innen oder Lehrer*innen, jedoch ist dieses Jahr die Freiwillige kurzfristig ausgefallen. So wurde ich gefragt, ob ich für zwei Monate einspringen möchte. Nun bin ich hier, noch bis Anfang Juni, und dann geht es zurück nach Saigon.

Mein Paradies hielt genau 16 Tage an. Etwas ungehalten starrte ich den jungen Mann an, der da gerade vor meinem Fenster einen Zaun errichtete. Er lächelte mich an. Ganz unschuldig tat er dabei. Ich schaute noch finsterer und wunderte mich darüber, wie fröhlich jemand sein kann, der da gerade in der prallen Sonne arbeiten musste. Noch nicht mal Netflix gucken konnte er dabei. Schadenfreude muss wohl etwas sehr Schönes sein. Je fertiger der Zaun war, der mein Fenster von seinem Blick aufs Meer trennt, desto glücklicher wurde er.
Jetzt muss ich doch tatsächlich mein Bett verlassen, um mich dem Meer nahzufühlen! Kurz bevor ich mein Zimmer verlasse, schreibe ich mir aber noch schnell eine Notiz Name, Wohnort und Familienstand von Person X ausfindig machen. Schwachstellen finden. Mopedreifen durchstechen. Du weißt schon, der übliche Kram.

Zzzt, denkst du dir sicher, ich armes, kleines Mädchen, habe nun keinen Meerblick mehr. Dabei hast du leicht reden. Der Meerblick hatte auch seine Nachteile, die ich tapfer ausgestanden habe! Du musstest dir nicht jeden Abend verliebte vietnamesische Pärchen anschauen, die sich vor deinem Bungalow niederlassen, um sich dann so zu küssen, wie ich es nur im traurigen Konjunktiv tue.
Statt Musik zu hören und mich voller Wehmut der Sehnsucht hinzugeben und an die tollen Freunde zu denken, die ich in Saigon hatte und die mich hier in Da Nang mit ihrer Abwesenheit schlechte Gedichte schreiben lassen, oder an den Menschen zu denken, der bestimmt noch viel besser küssen kann als du, führe ich einfach ein Protokoll der Liebespaare. In Calibri Light purzelten nun regelmäßig Paare über meinen Laptopbildschirm und gruselten sich darüber, dass sie in die Schriftgröße 11 passen. Das sieht in etwas so aus:

Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:Ich finde es toll, dass wir gemeinsam in die Wellen starren.
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Ja, in die Wellen starren. Juhu! Das macht Spaß. Man könnte sich fast einbilden, jede neue Welle sehe ein bisschen anders aus als die letzte. Da! Schon wieder, eine neue Welle. Herrlich.
Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:
Ganz genau! Besonders bei Nacht, die Vielfalt des Meeres ist sooo unendlich groß. Genauso wie meine Liebe zu dir! Da, siehst du diese cyanblaue Welle dahinten? 50 Shades of Blue!
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Aber ich bitte dich, das ist doch ganz klar taubenblau.

Jetzt streiten die beiden sich ein bisschen über die rechte Verwendung von Adjektiven und wundern sich darüber, dass sie auf Deutsch reden. Also wenn das Glück sein soll, dann verzichte ich!
Ich gebe zu, ich schweife ab. Das passiert, wenn man abends nur noch den Himmelschweif sieht statt das Meer. Man macht schlechte Wortspiele aber ist insgeheim ein bisschen stolz darauf. Dann schlürft man faul zur Strandbar und hat so viel schlechtes Gewissen darüber, wie gut es einem doch eigentlich geht, dass man wieder hektisch zurück in sein Zimmer rennt und eine kostenpflichtige E-Mail-Adresse kauft, die mit Öko-Strom betrieben wird. Man weint kurz bei der Überweisung des Geldes darüber, dass man sich früher noch keine Gedanken um die Welt gemacht hat, weil man dachte, dass die Erwachsenen irgendwelche Super-Wesen seien, die schon klug genug wären, das mit der Umweltverschmutzung, der Einhaltung der Menschenrechte und so weiter zu regeln, bis man gemerkt hast, dass Menschen AfD wählen oder in einem Land leben, das in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit drei Plätze vor Nordkorea liegt, und zu einem dennoch gesagt wird „Politik interessiert mich nicht besonders“. Stattdessen will man wie früher einfach Süßigkeiten kaufen. Oder Wunder-Bälle, die tausend Zuckerschichten und innendrin Kaugummi haben. Großartig. Man will unbedingt wieder einen Wunder-Ball kaufen, den die Eltern furchtbar fanden und man selbst deswegen noch ein bisschen besser.

Am nächsten Tag geht man dann zur Arbeit, unterrichtet Deutsch und vermisst ein wenig seine alten Schüler aus Saigon, die im Deutschclub immer so schön mitgemacht haben. Man ist etwas verlegen wegen dem Lied, das die Schüler einem zum Abschied geschrieben haben, aber noch mehr ist man verdammt glücklich darüber. Hier kann man es hören.
Entgegen aller Vorsätze denkt man doch ein bisschen an vergangene Zeiten und bildet sich ein, dass das „Jetzt“ immer unglamouröser ist, als das Früher. Wenn das „Jetzt“ ein Adjektiv wäre, würde ich es bloß für ganz schlimme Dinge benutzen. Jetzt ist E-Mail beantworten und seine Auslandskrankenversicherung darum bitten, einem doch bitte das Geld für die Krankenhausrechnung rückzuerstatten. Jetzt ist Lebensmittelvergiftung und schlechte Internetverbindung. Jetzt ist auf eine U-Bahn-warten, die nie kommt, weil es in der Stadt nur Busse gibt, die nirgends ankommen. Auch wenn es in Nirgends vielleicht sehr schön ist. Man vergisst kurz, dass „Jetzt“ immer viel intensiver ist als „früher“ und „damals“. Dann bekommt man wieder ein schlechtes Gewissen, dass man nicht dankbarer ist, und setzt sich verlegen an den Strand, um in der Gesellschaft tausender Sandkörner wie ein verträumtes Liebespaar mit sich selbst über die Blautöne eines sehr schwarzen Ozeans zu debattieren.

Saigon und seine Hektik kommen einem plötzlich sehr fern vor, und wie das so ist mit Dingen, die man nicht haben kann, will man sie plötzlich sehr dringend. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass diese Stadt herzlich wenig „Das will ich auch noch machen!“ hat. In Saigon war es ein Dauerbegleiter. Die Factory hat eine neue Ausstellung? Da will ich auch noch hin! Die Garküche am Ende der Le Van Sy Straße? Da will ich auch noch hin! Mit in Thin Thans Familie kommen? Da will ich auch noch hin! Die Buchmesse, bei der sich am Ende alle verlaufen und niemand Spaß hatte? Da will ich auch noch hin!
In Da Nang befindet sich der mit Abstand beste Ort am Meer. Das ist wunderwunderbar, aber ich habe plötzlich so viel Zeit. Schön, dass ich diesen Blog ein bisschen zuspamen kann und mit meinem Reichtum an Zeit auch noch Deine klauen kann – wie das so ist, die Reichen reicher!

Da, sobald ich aus Da Nang nach Saigon zurückkehre, bereits Schulferien sind, habe ich mich von den Schülern, bei denen ich nachmittags an den Schulen war, verabschieden müssen. Hier eine kleine Fotostrecke in Gedanken an die Zeit mit ihnen im Deutschclub:

Schreibwerkstatt im Deutschclub!
Thao: „Auf der Party gibt es viele Bratwürste und ich möchte sie alle essen.“
Minh: „Die echte Freiheit hast du, wenn du machen kannst, was du liebst.“
Giang: „Ich habe die Sonne im Herzen.“
Phuong: „Seine Box ist kalt wie Eis, es tut ihm weh, aber sie möchte sie dennoch brechen.“

Zeitzeugenprojekt! Die Schüler lesen den Bericht eines freiwilligen Fluchthelfers zu Zeiten der Berliner Mauer und können Fragen an den Helfer schicken.

  Wissens- & Quizspiele im Deutschclub.

Übung macht den Meister – oder bringt zum Lachen.

Da ist ein Fluss vor meinem Haus, in dem wohnt Plastik mit seiner großen, bunten Familie

|Plastik in Vietnam |

Ich hatte zuerst vor, hier Fotografien einer immer gleichen Geschichte zu zeigen. Sie handelt von einer Natur, die die schönsten Küsten, Meere und Wasserfälle erschafft, und Menschen, deren Müll dort landet. Menschen, die sich nicht daran stören, ihren eigenen Planeten, ihr eigenes zu Hause zu verschmutzen, wie die Island of Trash (http://www.ladbible.com/trashisles/welcome) zeigt.

Doch wie der mäßige Erfolg unheimlicher Warnungen und Bilder von verdreckten Lungen auf Zigarettenpackungen zeigt, sind Bilder manchmal nicht genug. Manchmal muss man es mit eigenen Augen gesehen haben, bis man begreift, dass man etwas ändern muss.
Und als ich in Da Lat vor dem ElephantWaterfall stehe und seine Wucht mich umhaut, bin ich kurz davor, eine Liebeserklärung an die Welt hinauszuschreien. Doch ich sehe auch den riesigen Müllberg vor mir, der die Schönheit des Wasserfalls verhöhnt und mich nicht vergessen lässt, dass der Mensch die Natur lieber verkommen lässt, als beim Einkaufen die Stofftüten mitzunehmen.

Wenn man in Deutschland nicht auf Plastik verzichtet, fällt es nicht direkt auf. Es gibt etwas Recycling und eine gute Müllabfuhr. Mülltrennung ist ein Wort, das mir hier in Vietnam wie eine verrückte, fortschrittliche Idee aus einem Science-Fiction-Film vorkommt. Wenn du hier durch die Straßen läufst, siehst du den Müll. Du merkst, dass alles was du verbrauchst, genauso durch die Gegend fliegen wird.

die gute alte These 1: Veränderungen beginnen im Kopf.
Plastik zu vermeiden verlangt nach einem Konsens darüber, wie schädlich es tatsächlich ist. Als ich einmal mit Freundinnen essen war, holten die Kellnerinnen eine Vietnamesin von gegenüber, die brüchiges Englisch sprach und für uns übersetzte. Als wir sie fragten, was sie denn sonst so tue, erzählte sie voller Stolz, dass sie etwas mit Plastik mache. Sie arbeitet in einer Anti-Plastik-Organisation! Das jedenfalls folgerte mein Kopf sofort aus ihren schwer verständlichen Sätzen, die sie voller Hochgefühl von sich gab.
Ich lächelte breit und wollte gerade dazu ansetzen zu sagen, wie toll das doch sei, ich wolle auch gerade einen Artikel über die Situation in Vietnam schreiben. Doch meine Freundin bremste mich während ich dabei war, sie zu beglückwünschen, sich gegen Plastik einzusetzen.
Die Frau arbeitet in einer Firma für Plastik. Ein Material, das Wasser abwehrt! Ewig hält! Wirtschaftlich genial!

Wie verändert man Denken? Der Müll liegt doch vor ihrer Haustür, als würde er auf sich aufmerksam machen wollen, ein großer Haufen an Imperativen, seinen Verbrauch an Plastik zu minimieren.

These 2: Veränderungen beginnen von Oben.
Singapur liefert das Kontrastprogramm. Als wir aus dem schmutzigen Vietnam, das wir kennen, in eine Stadt voller Natur und sauberen Straßen reinstolpern, wissen wir gar nicht, wie uns geschieht.

Kaugummis werden nicht verkauft, um zu vermeiden, dass diese zerkaut auf der Straße landen. Die Gesetzte sind dort so streng, dass wir uns, als wir ganz nach vietnamesischer Manier über Rot laufen, nach der Hälfte der Straße erschrocken anschauen und zurückrennen. Müll auf die Straße werfen, trauen wir uns erst gar nicht, sei es auch nur ein Apfelgriebs, den ich in Deutschland unbeschwert ins Gebüsch werfen würde. Die Gesetze erschrecken uns, wir fragen uns, was mit unserer Freiheit geschehen ist.
Aber wir kehren zurück nach Saigon, sehen uns in unserem geliebten Vietnam um und fragen uns: wäre es denn so schlecht?

Da ist ein Fluss vor meinem Haus, der sogar mit einer kleinen Promenade und Bäumen ganz hübsch angelegt ist. Doch ein Blick in das vom Plastikmüll vereinnahmte Gewässer und die Gewissheit, dass später am Tag jemand seinen Müll dort rein kippen wird, weil er es nicht anders kennt und vielleicht auch weil er weiß, dass ihm keine Konsequenzen drohen, lässt mich diesen Ort meiden.

Aber so will ich das nicht lösen. Soll ich demnächst anfangen, die Welt zu meiden?
Ich habe keine Lösung, außer zu versuchen mir selbst das beste Vorbild zu sein. Unser erster Einsatz im Namen der Umwelt war es, sich beim Goethe-Institut dafür einzusetzen, dass auf einem Workshop keine Plastikflaschen für die 80 Pasch-Schüler gekauft werden, sondern Wasser mithife großer Kanister angeliefert werde. Das ist nicht viel, aber wenigstens ein Anfang.

Den Text findest du auch in der Rubrik Informationen auf dieser Seite :
http://www.stay-with-me.de/ (stay with me – Taste Life, Not Plastic)

Mein Erster Kuss

Dinge, die ich auch ohne BILD-Ausbildung kann: Plakative Titel benutzen.

Ich werde von meinem klimatisierten Taxi vor das Fünf-Sterne-Hotel gefahren, Angestellte öffnen mir die Autotür, weitere Angestellte die Tür zum Hotel und gleichzeitig zu der Parallelwelt, in der ich mich nun befinde. Ich warte auf meine Freunde, und als wir alle so zurechtgemacht beisammen sind und entscheiden, dass so viel Mühe im Bad ein Foto wert ist, passiert es uns allen zum Ersten Mal in unserem Leben, dass wir von einer Frau, die gerade im Foyer sitzt, auf die höfliche Bitte, ob sie nicht ein Bild von uns machen könnte, ein „no“ bekommen. Ein bisschen perplex fragen wir nochmal nach, erhalten aber von ihr, deren Kontostand im Vergleich zu ihrer Bereitschaft ein Bild zu machen wohl sehr hoch ist, wieder nur ein Nein.
Belustigt fahren wir nach oben zur Veranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit und befinden uns in einem Saal voller wichtiger Leute, oder solcher, die gerne welche wären. Ich bin verwirrt von der Visitenkartenkultur und davon, wie stets an einem vorbei in den Raum gelinst wird, auf der Suche nach jemandem, der wichtiger ist als du. Ich lerne eine Reihe interessanter Menschen kennen, von Dokumentarfilmern über Lehrern bis zu Hotelbesitzern, gehe mit einem kleinen Stapel Visitenkarten – Hallo, nett Sie kennenzulernen, ich bin Manager eines Fünf-Sterne-Hotels in Da Nang, hier ist meine Visitenkarte – , und dem Wunsch, jetzt erst mal ein paar Monate Pause vom Smalltalk zu haben, aus der Veranstaltung. Ich bin dankbar für dieses Erlebnis, für diesen Einblick und auch für die Gewissheit, dass ich so ein Leben nicht führen möchte.

Ich habe keine Überleitung, deswegen steht jetzt hier dieser Satz.

Man bekommt kurz vor dem Fliegen schon den ein oder anderen ulkigen Abschiedsgruß. Eine kulturweit-Mitarbeiterin wünschte uns unter anderem Blut, da Krankenhausaufenthalte oft viel über ein Land aussagen und diese Erfahrung ja wohl dazu gehörte. Das Leben muss es also gut mit mir gemeint haben, denn erste Brandwunden, erste Tränen, Erste Hilfe mit Python Oil und meine erste Krankenhausfahrt habe ich nun hinter mir. Nichts Dramatisches, ich habe mich nur beim Mopedfahren am Auspuff verbrannt.

Die ersten Worte meiner Ärtztin, als sie sich später die Wunde anieht: „Oh, a Saigon Kiss!“.

Eine Vietnamesin eilte mit dem Schlangenöl sofort zu Hilfe, das ihr wohl schon oft geholfen hätte. Ich hatte mich gerade dazu entschieden, der südostasiatischen Heilmethode eine Chance zu geben, als der Schmerz doch nach ordentlicher Verarztung schrie und Marvin, der unbedingt sofort westliches Mittel holen wollte, unseren Kumpel Wikipedia auspackte.

Schlangenöl (aus dem Englischen snake oil) ist die Bezeichnung für ein Produkt, das wenig oder keine echte Funktion hat, aber als Wundermittel zur Lösung vieler Probleme vermarktet wird. Der Begriff „Schlangenöl“ entstammt der Mythologie des amerikanischen Wilden Westens, wo selbsternannte Wunderheiler auf Medicine Shows „Schlangenöl“ als Heilmittel für Gebrechen aller Art verkauften.“

Auf dem Weg ins französische Krankenhaus fragte ich mich, ob durch solche Auskünfte im world wide web ein Westler nun einfach nie in den Genuss gerät, das Zeug auszuprobieren, und niemals seine heilende Wirkung erfahren wird. Liebes Wikipedia, Dank dir wird dies im Westen nun immer als Hokuspokus abgestempelt sein – und ich werde seine Wirkung auch nicht herausfinden. Will ich auch ehrlich gesagt gar nicht, glaube nicht, dass das Python Oil aus einer braunen, mit einem goldenen Etikett und einer Schlange verzierten Fläschchen meine Wunde desinfiziert und dann die Brandcreme und den Verband ersetzt. Aber ein bisschen frage ich mich in diesem Zusammenhang schon, wie viel ich durch den Stempel „lächerlich“ entwerte und verpasse.

Dieser Eintrag ist nicht chronologisch, sondern befolgt die Reihenfolge, die mein Kopf willkürlich und unbewusst bestimmt habt. Also herzlich willkommen im Prioritäts-Ranking meines Gehirns.

Wir sind ins Mekong-Delta gefahren, nach Can Tho.
Auf der Raststation gehen wir auf die Toilette und kaufen getrocknete Früchte. Als wir wiederkommen, stehen eine Haufen Busse auf dem Parkplatz, die alle aussehen wie unserer, nur von einem – ganz zufällig unserem – ist keine Spur.
Wir bekommen die Auskunft, dass der Bus „nur mal eben um den Block fährt“ und wir rätseln, ob der Bus sich die Füße vertreten will oder inwieweit auf so einer Landstraße „Blocks“ existieren.
Marvin gewinnt den Wettbewerb darum, wer den größten Verlust zu beklagen hat. Sein Laptop, der das Eigentum vom Goethe ist, ist in seinem Rucksack, da er direkt vom Unterricht kommt.
Doch unser Bus kommt von seiner Spritzfahrt zurück und wir freuen uns, dass er an seinem altem Platz ankommt und wir nicht die ganze Raststätte absuchen müssen – auch wenn wir dann feststellen, dass alles andere ja Blödsinn wäre. Eileen: „Wir spielen jetzt Verstecken und wenn ihr verliert, gehört euer Gepäck mir“.

Kann man für roboter liebeslieder schreiben?

Man kann sich nicht auf sehr viel verlassen, aber die Zeit ist schon eine recht zuverlässige Konstante. So vergehen Stunden, Tage und Wochen, egal, ob man sich wünscht, man könnte mal eben die Zeit anhalten, aufbewahren und für schlechte Zeiten bereithalten. Oder doch lieber vorspulen.
Die Zeit kurz vor der Ausreise und die Zeit hier in Saigon haben für mich vor Allem eines gemeinsam: Das Bewusstsein darüber, dass die Zeit begrenzt ist, dass man sich irgendwann Auf Wiedersehen sagen muss,und die Angst, ob AufWiedersehen vielleicht gar nicht so stimmt. Die berühmte fear of missing out ist mein ständiger Begleiter, aber auch ein guter Motivationstrainer. Einfach nur dem Vergehen der Zeit lauschen, das ist Verschwendung. Eher renne ich der Zeit hinterher, spiele Fangen.
Im Zweifelsfall heißt es einfach „Ja“.
Vielleicht liegt auch darin der Zauber des Auslandsjahres: es wird versucht, so viel wie möglich zu machen. Ein Jahr, aus dem alle mit einem Haufen schöner Erinnerungen im Gepäck zurückkommen – und haben sich darunter auch ein paar schlechte geschummelt, werden diese eben kurzerhand „wertvolle Erfahrungen“ genannt und zack, sind auch diese Gold wert.

Dieses „Im-Zweifelsfall-Ja“,von dem Clara mir nach ihrem Jahr in Thailand erzählte, ist mein Schlüssel zu verrückten Abenden und fünfstündigen Fahrten nach Mui Ne. Ja, mir gefällt dieses „Warum nicht?“, das mich neulich in einer Live-Musik-Bar plötzlich mit einer Gitarre in der Hand auf die Bühne verschlagen hat, als ich eigentlich auf der Suche nach ’noch schnell was essen‘ war – und ich dann hungrig, da dann alles schon zu war, aber glücklich eingeschlafen bin.

Wir flüchten nach Mui Ne und genießen die Stille.

Wir sitzen am Meer, als wir die ersten Hochrechnungen verfolgen. Wir starren ungläubig auf Marvins Handydisplay. Da bleibt jemand, der jahrelang guten Gewissens Homosexuelle diskriminiert und währenddessen Begriffe wie „Gleichberechtigung“ in den Mund genommen hat – als wäre Gleichberechtigung nicht für alle da –, Kanzlerin. Und das mit einem unterwartet schlechten Ergebnis. Da wählt eine Nation voller Menschen, die von der EU profitieren, den Europa-Politiker schlechthin ab. Da bekommt eine Koalition meine Stimme, dessen Grün hinter dem Gelb und Schwarz zu verblassen droht. Und da wird jeder achte Deutsche zu einer salonfähigeren Version eines NPD-Wählers.
Plötzlich merke ich, dass meine Ausführungen gegenüber eines alten Vietnamesen, dessen einziger Kommentar zu meinem Deutschsein „Hitler!“war, nicht stimmen. Meine Erklärungen, Deutschland verurteile Hitler und gestehe sich die Schuld ein – das war unüberlegt und von mir selbst auf Andere geschlossen. Da merkt man tatsächlich, wie sehr ich in einer Meinungsblase lebe, in der jeder Grün oder Rot wählt und „Nichtwähler“ ein Schimpfwort ist.

Ich stehe am nächsten Tag um sieben Uhr auf und schreie mein Entsetzen ins Meer heraus. Ich denke mir zur Stressbewältigung absurde Gründe aus, mit dem die AfD den Klimawandel abstreiten kann. Tourismus zum Beispiel, der wird immer stärker. Heißt: es fahren auch immer mehr Menschen zu Stränden, gehen im Meer schwimmen. Und was passiert, wenn du dich in die Badewanne setzt? Genau, der Wasserspiegel steigt. Ich freue mich kurz über meine Ideen und denke: ich wäre eine wunderbare Propagandaministerin. Es gibt also doch eine Zukunft mit der AfD.
Ach, und für Tegel auch. Wie toll für all die Anwohner, die haben’s ja jetzt auch in Zukunft nicht so weit in den Urlaub.

Wir erklimmen einen Berg. Ich barfuß. Nur hohe Schuhe dabei tragen – das wäre noch dümmer gewesen. (Mit aufgekratzten und blutigen Füßen auf einem Berg sitzen und über Mui Ne blicken hat aber auch was). 

Wer versucht in Saigon eine Wohnung für sechs Menschen zu finden, wird scheitern. Zumindest wenn er diese nur ein halbes Jahr –so lange, wie die meisten unter uns hier bleiben – mieten möchte. Wir haben also angefangen, nach Zimmern möglichst nah beieinander oder bei unseren Einsatzstellen zu suchen. Der Verkehr ist hier nämlich auch in dem Sinne unberechenbar, als dass man mal zwanzig, mal siebzig Minuten von meinem Homestay zu meiner Arbeit braucht – die Frage lautet nicht; ob man in den Stau kommt, sondern wie oft.

Bei fast jedem Zimmer dachte ich mir „gut, das ist nicht schön, hat zwar auch kein Fenster, aber schlafen kann ich hier ja“. So richtig dafür dann auch noch Miete bezahlen wollte ich dann aber nicht. Damit du ein Gefühl für meine Wohnungssuche bekommst: Der Vermieter schließt mir das Zimmer in dem leicht nach Tierkot stinkenden Treppenhaus auf und Marvin, der mich begleitet, und ich treten in das Zimmer. Aus der Air-Condition schlüpft ein Eichhörnchen und schaut uns an, ehe es seinen Weg in den Hausflur beschreitet. In einer Ecke liegen kleine Kügelchen, die verdächtig nach einem von einem Eichhörnchen eingelebten Stammplatz aussehen. Marvin fragt, ob es das Haustier sei, der Vermieter zuckt mit den Schultern. Wir treten aus dem Raum, blicken einander ungläubig an und Marvin fragt grinsend, ob das wirklich gerade passiert ist und da ein Eichhörnchen in meinem Zimmer wohnt. Ich frage mich, ob ich es mitmieten würde. Wir besichtigen die Gemeinschaftsküche auf der Dachterrasse, das Eichhörnchen ist uns in das Treppenhaus, bis nach oben und auch wieder nach unten gefolgt. Ich nehme das Zimmer nicht.

Gerade sitze ich in meinem neuen wunderschönen Zimmer, das ich vor ein paar Tagen gefunden habe. Die Lage ist toll, mein Balkon liegt nicht direkt vor einer Mauer, in meinem Haus gibt es noch zwei andere Zimmer, in die Frieda und Paul einziehen, und ich warte insgeheim immer noch darauf, dass es irgendeinen Haken gibt.
Gut, ich habe keine Küche. Aber selbst wenn ich eine hätte… In meinem Homestay hatte ich eine und das hat mich bisher auch nicht davon abgehalten, jeden Tag in den verführerisch billigen und leckeren Garküchen essen zu gehen.
Wir sind zufällig auf eine Vietnamesische Vermieterin gestoßen, die 30 Jahre in Berlin gewohnt hat (aber nur brüchiges Deutsch spricht).Eine meiner vietnamesischen Kolleginnen erzählte mir, eigentlich würde der Wohnungsmarkt folgendermaßen laufen: Man läuft durch die Straßen, in denen man gerne wohnen würde, und quatscht Leute an in der Hoffnung, die kennen irgendjemand, der jemanden kennt, der dort ein freies Zimmer hat. Man setzt sich, trinkt etwas zusammen, der Vermieter muss dich mögen, dann verhandelt man und – es kann sich nur um Stunden handeln – hatdann den Mietvertrag in der Hand. Und während uns meine künftige Vermieterin durch das Haus führte, sie sich in ihrem brüchigen Deutsch freute, mit uns ein bisschen Deutschland bei sich zu haben, wir uns hinsetzten, wir viel von ihrem Sohn und ihrer Tochter erfuhren, den Preis runterhandelten (mit den schlechtesten Verhandlungsskills evvveeer) und den Mietvertrag zum Durchlesen mitbekamen, hatte ich das Gefühl, genau das zu erleben, was meine Kollegin mir zuvor beschrieben hatte.

Was mache ich eigentlich? Langeweile haben wir spätestens, seit wir eine Korrekturbox, in der Lehrer des Goethe-Instituts zu korrigierende Hausaufgaben und Tests von Schülern legen können, eingeführt haben, nicht mehr. Unsere Ankündigung, dass wir gerne etwas Arbeit abnehmen würden, wurde zwar dankend zur Kenntnis genommen, aber so richtig getraut, uns etwas aufzuhalsen, hat sich kaum jemand. Seit wir das Ganze aber irgendwie unpersönlicher gestaltet haben, ist immer ein nach Rechtschreib-, Grammatik- und Ausdrucksfehler schreiender Haufen anzutreffen, der brav auf unseren grünen Stift wartet. Und wartet. Neben dieser ausgedachten Zusatzaufgabe sind wir nämlich mit noch ein paar anderen Projekten beschäftigt. Zum Beispiel kommt Im Herbst eine deutsche Newcomer-Band nach Asien und tourt auch durch Vietnam. In Saigon sind Marvin und ich dann für die Betreuung zuständig, müssen uns bis dahin Inhalte der Workshops für die Begegnungszonen der Band mit den Deutschlernenden am Institut, den Schulen und Unis ausdenken, eine Pressemitteilung und einen Homepageartikel schreiben. Wir wurden kurzzeitig zu Musikkritikern und ich fragte mich ein paar Tage lang, ob man für Roboter Liebeslieder schreiben kann. (Man kann!).

Wir müssen uns Werbung für PASCH (Partnerschulinitiative der Zukunft) ausdenken, wie Sticker, Taschen, etc. und was da drauf soll. Wir müssen ein Konversationsprojekt mit Lehrerinnen, die gerade zu Deutschlehrerinnen umgeschult werden und mit uns noch einmal ihr Lese- und Hörverstehen, sowie Phonetik usw. trainieren sollen, vorbereiten. Wir müssen samstags einen Deutschclub durchführen. Wir hospitieren im Unterricht. Nächste Woche vertrete ich eine Deutschlehrerin.
Viele Schüler sind sehr motiviert und freuen sich über den Besuch aus Deutschland. Teilweise ist es jedoch sehr anstrengend, da die Geräuschkulisse außerhalb des Schulgebäudes so laut ist – der Verkehr – dass die Lehrer*innen mit Mikrofon sprechen müssen. (Ich habe hier gegendert, damit kulturweit stolz auf mich ist und die ganzen Workshops nicht umsonst waren).

Nach dem Regen ist vor dem Regen.

Während ich bei einem der Dinner mit meinem Housekeeper Nam war, haben meine Mitfreiwilligen eine Mail an das deutsche Generalkonsulat geschrieben. Ich habe also ein Alibi und kann, entgegen dem wahrscheinlicheren Fall, einfach behaupten, wenn ich dabei gewesen wäre, wäre uns der Fauxpas nicht unterlaufen. Unsere Mail war nämlich an einen ehemaligen Generalkonsul adressiert – ja, nicht mal an den Letzten, sondern an den Vorletzten, wie uns die Antwortmail wissen lies und freundlich riet, doch mal einen Blick auf die Internetseite zu werfen.
Wir müssen zugeben, ein bisschen haben wir mit unserer Mail darauf spekuliert, zu Feierlichkeiten wie dem 3. Oktober eingeladen zu werden, und ja, ich werde ihn dieses Jahr dann wohl zum ersten Mal feiern. In der Einladungsmail war zudem auch noch für uns Freiwillige (idiotensicher) erklärt für den Fall, dass wir „mit den diplomatischen Gepflogenheiten nicht so vertraut seien“, dass Flip-Flops und Fußballtrikot nicht dem Dresscode entsprächen. Dies als Anlass nehmend, haben wir Pretty Woman singend eine Vielzahl an Geschäften und Läden in Saigon unsicher gemacht auf der Suche nach anderem Schuhwerk als unseren Birkenstocks, die meiner Meinung nach aber eigentlich deutsches Kulturgut sind und daher erwünscht sein müssten. Es ist übrigens die erste Stadt, in der ich je war (selbst Tainan inbegriffen), in der Kaufhausketten in der Minderheit sind.

Wie du siehst, gehen mir die interessanten Themen aus.
Liebe Grüße aus Saigon

Saigon in meinem Kopf

Ich habe Angst davor, mit meinen Wörtern Bilder in die Köpfe zu pinseln, die Vietnam anders darstellen, als es ist. Also, das sind meine Erzählungen, meine ganz persönlichen, zufällig guten und schlechten Bekanntschaften, meine Eindrücke, mein Filter.
Saigon ist groß und bunt und laut und ich bin da.

Mein Abschied am Flughafen war eher schön als traurig. Nur meine Freundin dort weinen zu sehen, das war irgendwie schlimmer, als selbst heulen zu müssen.
Mein Vater fragte noch kurz, ob Whatsapp denn auch über diese Entfernung funktioniere, und ich musste daraufhin grinsend und vielleicht ein wenig kopfschüttelnd in den Sicherheitscheck laufen.

An meinem ersten Tag stillte ich meinen Hunger in einem kleinen Restaurant in meinem Wohnviertel. Die Kellnerin klatschte mir auf mein Hinterteil, kicherte und stellte sich neben mich um zu gucken, wer denn größer sei – ich versuchte währenddessen einfach nur mein interkulturelles Pokerface aufzusetzen und zu lächeln.

Meine erste Unterkunft in Saigon ist ein Homestay. Meine Gastgeberin ist Architektin und hat das Haus entworfen, es ist wunderschön und zu meinem Zufluchtsort in diesem Großstadtdschungel geworden. Außer mir wohnen dort ab und zu ein paar andere Gäste, die es über AirBnb gebucht haben, und dann noch ein paar Vietnamesen, die in Saigon studieren und sich etwas Geld dazu verdienen, indem sie der Gastgeberin helfen. Der Housekeeper meiner Unterkunft ist ein älterer Vietnamese, Nam, der auch dort wohnt, kein Englisch spricht, aber auf dem Handy Google-Translator hat. Nam, Google-Translator und ich führen gerne Gespräche in Hauptsätzen oder mit Händen, Füßen und Lächeln.

An meinem zweiten Tag fragte er mich, ob ich gegrilltes Hühnchen esse, und ich bejahte. Dann fragte er mich, ob ich Bier tränke, und ich bejahte. Daraufhin befahl er mir, um 20 Uhr wieder zurück zu sein.

Er lud mich auf ein vietnamesisches Essen und Bier ein und wir saßen im Gemeinschaftsbereich der Unterkunft zu viert – ein Koreaner, der in Australien studiert hat, ein Vietnamese, der in der Unterkunft hilft, der Housekeeper Nam und ich – und aßen leckerstes selbstgemachtes vietnamesisches Essen und mussten auf Wunsch von Nam viele, viele Fotos machen, die nicht lange darauf warten mussten, von seinem Facebook-Account verspeist zu werden.
Ich musste Nam, der bei meiner Ankunft die Ukulele gesehen hatte, damit enttäuschen, dass ich sie nicht spielen kann, sondern nur ein wenig amateurhaft Gitarre. So bekam ich eine Gitarre in die Hand gedrückt, die schnell geholt wurde, und den Rest des Abends spielte und sang ich.

Meine erste Gedankendusche zu Saigon besteht aus Mopeds, Garküchen, Hitze, Mopeds.
Und um meinen Integrationsprozess zu beschleunigen, bestellte ich mir an meinem ersten Abend ein Mopedtaxi. Wenn man kein eigenes besitzt, ist das hier die gängigste Methode, um von A nach B zu kommen. Meine erste Mopedfahrt ins Zentrum, um Marvin, Frieda und Paul zu treffen, war verrückt, ich aber verzückt. Der Helm, den man bekommt, tut mehr für das Gewissen, als für den Schutz. Eine dünne Schicht Sicherheit, an die ich mich gedanklich festklammerte, genauso wie am Sitz. Den Gedanken, dass ich doch bitte gerne heil ankommen würde, konnte ich nicht wegschnipsen. Alles hupt, fährt im Slalom um Hindernisse, nimmt die Ampelfarbe Rot als eine Empfehlung, und wenn es auf der Straße zu voll wird, fährt man eben über den Bürgersteig. Gleichzeitig zuckten aber auch meine Mundwinkel nach oben und als ich auf dem Rückweg zum zweiten Mal hinten drauf saß, war ich schon fast enttäuscht, als die Fahrt vorbei war. Meine dritte Fahrt war dann schon entspannter, ob der Helm genau so sitzt, wie er soll, war nicht mehr wichtigster Gedanke. Da war die Mopedfahrt im strömenden Regen und mit breitem Grinsen, der ungläubige Blick des Fahrers, als ich lieber darauf verzichtete, mein Regencape anzuziehen, sondern die Abkühlung genoss und auch, dass mein Kleid völlig durchnässt war. Auch mein Vertrauen in den Verkehr ist gewachsen, denn irgendwie funktioniert alles, Reagieren und Ausweichen ist eine Spezialität der Fahrer.

Wie man über die Straße gehen sollte: einfach losgehen, nicht stehenbleiben, gleichmäßiges Tempo und nicht einschüchtern lassen von all den Moped- und Autofahrern, die um einen herumfahren.

Bisher waren wir im Kriegsmuseum, die USA werfen zwischen 1965 und 1968 drei Mal so viele Bomben über Nordvietnam ab, wie alle Kriegsparteien während des Zweiten Weltkrieges in Europa zusammen. Zudem wurde der Krieg vor allem auf Kosten der Zivilbevölkerung geführt. Da die amerikanischen Soldaten ihre Feinde oft nicht von den Einheimischen unterscheiden konnten, vernichteten sie ganze Dörfer lediglich auf den Verdacht hin, dass ihre Einwohner der Gegenseite angehörten. Außerdem versprühten sie Millionen Liter an Giftstoffen. Noch heute kommen deswegen Kinder mit Behinderungen zur Welt.

Das Museum arbeitet viel mit Bildern, wovon man halten kann, was man will, die Spiegelneuronen arbeiten.

Wir haben eine Tour durch Saigon mit Studenten gemacht, die damit Englisch üben wollen, (und dabei auch erfahren, dass das Gebäude mit den vielen kleinen Restaurants und Bars, in dem wir an unserem aller ersten Abend waren, nicht stabil und es gefährlich sei, dort den Fahrstuhl zu benutzen), haben Streetfood probiert und so weiter.

Nun habe ich noch 14 Tage, eine Adresse von einer vietnamesischen Wohnungsmarktwebsite und meine Mitfreiwilligen, mit denen ich bis zum 1. Oktober eine Wohnung gefunden haben muss. Ich bin erleichtert, dass meine Mitfreiwilligen und ich uns so gut verstehen und eine WG gründen wollen. Es ist, als würde ich mir etwas deutsche Komfortzone nach Vietnam importieren.

An meinem ersten Tag fühlte ich mich sehr fremd. Und schon jetzt ist genau das passiert, was ich mir vorgestellt habe: das Fremde ist mir vertrauter geworden, meine Unterkunft heißt jetzt ohne darüber nachzudenken „zu Hause“ und ich bewege mich viel selbstverständlicher in der Stadt.
An meinem ersten Tag, in meiner ersten Stunde in Saigon fühlte ich mich wortlos, so ganz ohne Vietnamesisch zu können, und sehr hilflos. Da ich mir in den Kopf gesetzt hatte, es gern allein und ohne Hilfe vom Flughafen zum Homestay zu schaffen („das kann doch nicht so schwer sein“), lehnte ich zunächst das Angebot meiner Gastgeberin, sich um den Transport zu kümmern, ab. Nach etwas hin und her entschied ich mich dafür, ein Taxi zu nehmen, von der einzigen Firma, der man hier wohl trauen darf, und machte vorab den Preis ab.
Kaum fuhr das Taxi los, stritten der Taxifahrer und ich uns darüber, ob ich ihm das Geld sofort oder am Ende der Fahrt gäbe. Da mir eindringlich gesagt wurde, stets am Ende zu bezahlen, und der Taxifahrer mit seinen immer lauteren Forderungen, ihm mein Geld zu geben, mich ganz schön einschüchterte, versuchte ich Ruhe auszustrahlen und drohte damit, auszusteigen. Eigentlich bluffte ich, da ich unbedingt endlich in meine Unterkunft wollte, aber das Geld wollte er immer noch sofort haben. Ich entschied mich also, tatsächlich auszusteigen und rüttelte an der Tür, die nicht aufging. Nun wurde ich laut und der Taxifahrer fummelte an meiner Tür, bei der nur irgendein Hebel verschoben werden musste, dann konnte ich aussteigen, lief die paar Meter zum Flughafen zurück und schrieb meiner Gastgeberin. Diese kümmerte sich um meinen Transport und ich kam ohne Probleme zu meinem Homestay. Vietnamesisch spreche ich – bis auf einen Trinkspruch dank der Menschen, die hier mit mir wohnen – zwar noch kein Wort, aber allein und hilflos fühle ich mich nicht mehr. Da sind die anderen Freiwilligen und geduldige Mopedfahrer, wenn ich in all den Gassen mein zu Hause nicht auf Anhieb finde. Und wenn ich nach zehn Uhr nicht in meiner Unterkunft bin, ruft mich der Housekeeper an und schreibt, dass ich auch an meinen Schlaf denken soll. Und als ich gerade aufgestanden und zum Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche geschlürft bin, um mir Wasser zu holen (das man hier sehr schnell wieder ausschwitzt), drückte er mir eine Schüssel mit Brombeeren – das kommt der mir unbekannten Frucht zumindest am nächsten – in die Hand, die ich bitte aufessen sollte.

Tag Null

Mein Gefühlswirrwarr und ich sitzen auf dem Boden meines Zimmers und starren ungläubig die seitenlange To-do-Liste an, die nun größtenteils abgearbeitet scheint. Für manches fehlte dann doch erst die Zeit, dann die Motivation.
Ungläubig ist auch die richtige Beschreibung für das, was ich fühle, wenn ich an Vietnam denke. In Saigon lebte für mich immer dieses Zukunfts-Ich, das zwar einiges mit mir gemeinsam hat, in meiner Vorstellung jedoch viel vorbereiteter – zum Beispiel mit ein paar Vokabeln Vietnamesisch im Kopf – dort ankommt, als ich.
Nach all der Abschiedstrauer, will ich auch endlich sehen, dass es sich lohnt, will ins Flugzeug steigen und raus aus Berlin, weil die Welt zu groß und schön ist, als dass ich etwas von ihr verpassen will.
Das Koffer packen gestaltete sich als sehr meditativ. Zunächst sortierte ich sehr sparsam die Dinge auf den Kommt-Mit-Stapel, der Vielleicht-Stapel wuchs und wuchs. Dann empfand ich diese bildlich gewordene Ansammlung an Unschlüssigkeit als so niederschlagend, dass ich den Vielleicht-Stapel aus meinem System verbannt.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit… einen Haufen Denkanstöße. Das Vorbereitungsseminar, das mich die letzten zehn Tage verschluckt hat, war intensiv.
Mir ist klar geworden, dass ich einfach so, nur weil ich hier geboren wurde, eines der mächtigsten Dokumente der Welt besitze: meinen Deutschen Reisepass. Mit dieser kleinen roten Eintrittskarte stehen Deutsche Staatsbürger_innen am Kopfe des Rankings um VISA-Freiheit.

Auf dem Seminar ging es viel um Diskriminierung und Rassismus, allerdings nicht dieser Rassismus von Rechts, sondern um Alltagsrassismus und White privilege. Grundschüler malen mit Stiften in „Hautfarbe“, die nur eine bestimmte Gruppe von Menschen widerspiegelt; ich werde nicht andauernd gefragt, was meine geographische Herkunft ist, werde als Individuum wahrgenommen und nicht gebeten, für alle Menschen meiner Hautfarbe zu sprechen.
Außerdem haben wir viel über soziale Gerechtigkeit geredet und Lösungsvorschläge, die aber bei Weitem nicht befriedigend sind. Außer natürlich Marvins Vorschlag für ein Bundes-Karma-Amt.

Wir bekamen einen internationalen Freiwilligenausweis mit Passfoto, von dem die Leiterin von „kulturweit“ lachend erzählte, dass sie sich den vor ein paar Jahren ausgedacht hätten und er keinerlei rechtliche Gültigkeit besäße – sie hätten sich jedoch Mühe gegeben, ihn so offiziell wie möglich aussehen zu lassen, und das fette UNESCO-Logo darauf mache im Ausland manchmal so Eindruck, dass man mit dem Ausweis doch irgendwelche Vergünstigungen bekäme.

Auch das ganze Seminargelände war von „kulturweit“ umgestaltet worden. Unisextoiletten, Weltkarten, die auf dem Kopf hingen, und so weiter.

Alles war etwas links-alternativ und irgendwie habe ich mich dort auch sehr wohl gefühlt, auch wenn ich zwischendurch immer wieder dachte, dass etwas Neutralität oder Kontroversität schon angebracht wäre, statt die ganze Zeit zu den verschiedensten Themen ideologisch gefärbte Texte zu lesen.

Ich habe die anderen Freiwilligen kennengelernt, die mit mir nach Saigon gehen. Wir sind zu sechst, und ich bin sehr glücklich darüber, dass diese tollen Menschen bei mir sein werden. Eine von Ihnen ist beim DAAD, drei von ihnen beim Pädagogischen Austauschdienst und Marvin ist mit mir in einem Projekt am Goethe-Institut.

Es ist das Land, die Stadt und das Projekt, in das ich unbedingt wollte. Auf dem Vorbereitungsseminar hat sich herausgestellt, dass die Stelle, in der Marvin und ich arbeiten werden, eine echt coole Schnittstelle zwischen Arbeit an Schulen und Arbeit im Goethe-Institut darstellt, da fast alle anderen nur ein „entweder – oder“ haben. Kurzum, ich bin voller Vorfreude und Fernweh und habe jetzt schon Angst vor dem Abschied dort, da dieser wahrscheinlich endgültiger ausfallen wird, als der von Berlin.
Aber.
Ich mache nach meinem Abitur zwei Tage Workshops zum Thema Unterrichtsmethoden und Didaktik für DaF (Deutsch als Fremdsprache), und gehe dann an eine Schule? Wie kann ich mir anmaßen, als frische Abiturientin, die bloß die Welt sehen will, mich vor einen Haufen Schüler zu stellen?

Das Wissen darum, fünf Bücher für DaF in meinem Koffer gebunkert zu haben, leistet meinen Befürchtungen Gesellschaft und ab und zu bin ich so naiv und vertraue auf diese Stimme, die ganz faul behauptet, dies würde an Vorbereitung ausreichen.

Mit doch ein paar Ideen im Kopf geht es morgen los und auf die Stimme, die mir springend und händeklatschend erzählt, dass das nächste Jahr wunderbar wird, vertraue ich tatsächlich.

 

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