Über die „kulturweit-Blase“ und Privilegien

Über die „kulturweit-Blase“ und Privilegien

Vom 1. bis 10. September trafen sich 320 junge Erwachsene in Brandenburg am Werbellinsee, die von dem Freiwilligendienst kulturweit in die Welt hinausgeschickt werden. In ihren Einsatzländern sollen sie den Menschen sowohl die deutsche Sprache und deutsches Kulturgut vermitteln, als auch die andere Kultur kennenlernen. Die Freiwilligen werden in Schulen, an Universitäten, in Büros deutscher Auslandsvertretungen und im Auslandsradio arbeiten.

In dem Seminar zur Vorbereitung auf diesen Einsatz wurden die Werte Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit großgeschrieben und wahrhaftig gelebt. Alle jungen Menschen, die sich in der Nähe von Berlin versammelten, teilen diese Werte in einem überdurchschnittlichen Maße. Sie setzten sich kritisch mit bewussten und vor allem auch unbewussten Rassismus, Sexismus, Homophobie, (Post-)kolonialismus und interkulturellen Kompetenzen auseinander. Abseits der Workshops wurde der Small Talk über den Einsatzort, Heimatstadt und den eigenen Namen (in dieser Reihenfolge) schnell überwunden und eben noch Fremde offenbarten sich gegenseitig ihre politischen, gesellschaftlichen und privaten Meinungen, Träume und auch Ängste. Die Freiwilligen engagierten sich vor ihrem Freiwilligendienst meist auf verschiedene Art für ihre Mitmenschen: Beispielsweise in der Flüchtlingsarbeit, in politischen Gremien oder für soziale Organisationen. Am Sonntagabend war für alle Freiwilligen ohne es zu hinterfragen ein Pflichttermin im Fernsehen: Das Kanzler*innenduell stand an.

Warum erzähle ich das?

Kulturweit ist ein Stipendium, finanziert durch das Budget des Auswärtigen Amtes für das es sehr viel Bewerber*innen gibt und die Glücklichen, die am Ende ausreisen dürfen, haben meistens folgendes gemeinsam: Sie sind gut gebildet (min. „gutes“ Abitur), sie stammen aus bürgerlichen bis wohlhabenden Familien und sie waren oder sind zivilgesellschaftlich/ehrenamtlich aktiv. Ich persönlich habe darüber hinaus, wie viele anderen männlichen Freiwilligen auch, als weißer Mann in Deutschland, der evangelisch-lutherisch getauft ist, nie Diskriminierungserfahrungen erleiden müssen. Es ist wichtig sich diesen meist unbeeinflussbaren Privilegien bewusst zu sein, sowohl vor der Ausreise, als auch in der Einsatzstelle vor Ort.

Handelt es sich bei kulturweit also um eine ungerechte Elitenförderung?

Ja und Nein. Allein dieser Eintrag, der auf der Basis von Gesprächen mit Trainer*innen und Teilnehmer*innen entstanden ist, zeigt, dass sich die allermeisten Freiwilligen spätestens seit dem Vorbereitungsseminar ihren Privilegien bewusst geworden sind und diese kritisch hinterfragen. Kulturweit möchte mit diesem Programm das Engagement junger Menschen honorieren, die sich unentgeldlich abseits vom Schul-, Berufs- oder Studienleben für andere einsetzen. Insbesondere aber wird die Idee dieses Programmes durch den Austausch der Kulturen bestimmt, der zu kulturellen Vielfalt Deutschland und dem jeweiligen Partnerland beitragen soll. Dieser Gedanke soll bei allen Überlegungen im Vordergrund stehen.

Insgesamt betrachtet ist es meiner Meinung nach wichtig, sich sowohl der existierenden „kulturweit-Blase“, als auch den Privilegien in dieser Form bewusst zu sein. Gleichzeitig dürfen wir nicht müde werden, uns und unsere Umwelt mit den manchmal unumstößlich wirkenden Werten und Systemen weiter zu hinterfragen. Diese Förderung wertzuschätzen hilft insbesondere auch dann, wenn wir selber das nächste Mal über die immer größer werdende Soziale Ungleichheit diskutieren.

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