Saigon, Vietnam

‚They would have been friends‘

‚They would have been friends‘

Männer mit schweren Waffen schauen ein bisschen überrascht, aber ansonsten neutral in die Linse der Kamera. Sie stehen am Rande eines unbetonierten Weges, hinter ihnen lässt sich eine grüne Landschaft auf dem Schwarz-Weiß-Bild erahnen. Unter ihnen liegen ihre Gefangenen auf dem Bauch im Dreck. Die einen haben verloren, die anderen gewonnen. Wäre die Situation eine andere, wäre die Rollenverteilung umgekehrt. Sie kennen einander nicht und doch sehen sie in ihrem Gegenüber nur den Feind. Getrennt durch die Uniformen, die sie tragen. Vielleicht ist der Blick doch nicht neutral, er ist auch unsicher, weniger souverän, jugendlich. Die offensichtliche Frage ist: ‚Was machst du da eigentlich und warum?‘ Alle Männer sind Vietnamesen in ihren Anfang Zwanzigern zu Zeiten des grausamen Vietnamkriegs.

‚Had it been a peace time, they would have been friends.‘

Schreibt der Fotograf zu diesem Bild.

Das Bild in Verbindung mit der Unterschrift hat mich seit meinem ersten Besuch im Kriegsmuseum in Sai Gon im September 2017 verfolgt und nicht mehr losgelassen.

Was trennt uns? Was unterscheidet dich und mich? Wieso tun Menschen Menschen menschenverachtende Gräuel an?

Menschen, gerade dem Jugendalter erwachsen ziehen für Ideologien, Religionen, Regierungen oder Geld überall auf der Welt in den Krieg mit dem Vertrauen, dass das eigene Handeln das Richtige sei. Das war nicht nur während des grausamen Vietnamkriegs so, als sich Nord-und Südvietnamesen unterstützt von Amerikanern, Koreanern, Australiern und anderen Nationen gegenseitig für die Vorstellungen der jeweiligen Anführer bekriegt haben.

Der Vietnamkrieg ist in dieser undetaillierten, unwissenschaftlichen Betrachtung kein einmaliges Ereignis.

Schon seit Menschengedenken – zu Zeiten der Römer, der Kreuzzüge, des Kolonialismus, der Weltkriege und auch heute – führen Menschen Krieg.

‚Man is wolf to man.‘ – Thomas Hobbes

Das Menschenbild Hobbes ist allgemein bekannt und nachvollziehbar.

Wie wertvoll ist deshalb Frieden?

Wie einfach kann es sein, wenn man sich frei von irgendwelchen – durch ideologische Führer*innen erstellten – Barrieren kennen lernen kann? Wenn es lediglich darum geht, ob man sich gerade versteht oder eben nicht. Es egal ist: An was du glaubst, wen du liebst oder woher du kommst.

Junge Vietnamesen wissen heute, dass auf diesem Bild im Kriegsmuseum auf der einen Seite der eigene Großvater schwer bewaffnet stehen und auf dem Boden möglicherweise der Vorfahre eines Kommilitonen liegen könnte. In Friedenszeiten können die Enkel zusammen einen Kaffee trinken gehen.

Aber der Vietnamkrieg gehört ja nicht zu meiner Geschichte.

Natürlich nicht. Und doch natürlich! Er erinnert wieder einmal mahnend daran, wozu Menschen fähig sind und in jeder Ahnengeschichte gab es Zeiten von Krieg, Blutvergießen und Grausamkeiten. An dieser Stelle könnte ohne eine Parallele zu ziehen der Genozid des deutschen NS-Regimes an der jüdischen Bevölkerung genannt werden.

Wäre ich 70 Jahre früher geboren, könnte ich nicht in einem Land auf der anderen Seite der Welt zusammen mit einem aus Israel stammenden, jungen Mann die Nacht durchfeiern. Wäre ich 70 Jahre früher geboren wären wir uns wahrscheinlich gar nicht erst begegnet. Ich hätte auch nicht erst spät nach einer verlorenen Partie Billard, vielen gemeinsamen Lachern und geteilten Getränken herausgefunden, was seine Herkunft ist. Es wäre das erste und das einzige gewesen, was uns getrennt hätte.

Wir wären die Männer auf dem Bild. Er Jude. Ich Deutscher. Alles andere wäre egal gewesen.

Aber niemand will sich vorstellen, was wäre, wenn…

Und doch können wir uns vorstellen, was sein wird, wenn… Dazu benötigt es keine Kreativität, sondern nur eine kleine Portion gesunden Menschenverstand und ein kurzen Blick in die Geschichte.

Was wird passieren, wenn sich die Militär Haushalte aller Staaten auf der Welt weiter erhöhen? Wenn Destabilisierung statt Stabilisierung die Lösung ist. Wenn Staatsoberhäupter auf Machtdemonstrationen, Provokationen, Einschüchterungen und Gewalt setzen; Diplomatie zur Seltenheit wird, Nationalismus wächst, Mauern gebaut, Drohnenkriege gerechtfertigt und Gespräche nicht geführt werden?

Dann – ja dann sind unsere Nachfahren auf dem Bild zu sehen. Meine Kinder auf der einen, deine auf der anderen Seite.

Wollen wir das?

Küsse, Schnaps, Ceviche und Pragmatik

Küsse, Schnaps, Ceviche und Pragmatik

„Hey du, wie geht es dir so? Was erlebst du so? Erzähl mal.“ oder „Wie ist denn die Kultur in XY so? Wie fühlst du dich?“

Natürlich werden diese Fragen ohne Probleme in einem kurzen Whats App Text beantwortet, mit einfachen Aussagen ausgeschmückt, die den Lesenden zufrieden stellen und möglichst mein Landesbild in seinen*ihren Kopf projiziert. „Vietnam ist schön, anders und heiß“ oder um es mit den drei aussagekräftigsten Begriffen auszudrücken: Vietnam ist Zucker, Moto und Karaoke.

Selbstverständlich bekommen diese Fragen alle Menschen in einem Auslandsjahr zu hören, aus diesem Grund breche ich aus der „Ichbezogenheit“ dieses Blogs aus und frage andere Freiwillige, die zeitgleich mit mir von kulturweit in verschiedene Weltregionen entsendet wurden, ob sie mir Antworten auf diese simplen Fragen geben können. Anschaulich schreiben sie anhand von drei Begriffen und ca. 130 Wörtern einen möglichst verständlichen, anschaulichen und portionierten Text, um ihr Land/ ihre Weltregion zu präsentieren:

 

YANGON, MYANMAR, ASIEN (Nadja, 23)

Frühaufsteher –Wenn um 5.30 Uhr der erste Sonnenstrahl auf die Nebelschwaden über Yangon trifft ist das das Startzeichen für das Treiben auf den Straßen. Während ich noch mit Schlaf in den Augen auf die Straße trete, herrscht dort schon seit Stunden eine muntere und geräuschvolle Geschäftigkeit.

Eleganz – Sie sind bunt, sie sind gold, sie sind fein gemustert, sie sind passgenau und bis ins Detail abgestimmt. Die Outfits der Frauen und Männer in Myanmar verströmen eine unzähmbare Eleganz.

Pragmatik – Wenn 4 Personen auf einem Fahrrad, 6 in einem Taxi und 16 in bzw. auf einem Truck sitzen; oder wenn das Geschick von 10 Jungs ausreicht um ein Riesenrad in Bewegung zu setzen, ja dann ist das für mich die reinste Form von Pragmatik, die hier in Myanmar zum Alltag gehört.

 

YAOUNDÉ, KAMERUN, AFRIKA (Paricia, 19)

Farben – überall fallen sie auf: Kleider auf denen sich scheinbar endlose Kombinationen von Farben und Motiven zu wunderschönen Mustern vereinen. Maßgeschneidert, aus Stoffen die man, nach selbstsicheren Verhandlungsauftreten auf dem Markt zu einem angemessenen Preis kaufen kann. Meine Hautfarbe: „La blanche“ – zwei Worte die für mich mit den Hintergrundgeräuschen des Alltags verschwimmen und gleichzeitig deutlicher denn je wahrgenommen werden. Paradox, ich weiß.

Küsse – „How are you?“ Der Kopf neigt sich erst nach links, dann nach rechts. „Ca va?“ Lippen berühren Wangen. „Tschüss, bis bald.“ „Saigon Kiss“ – meine Mitbewohnerin verbrennt sich am Auspuff des „moto“. Ein mir bislang unbekannter Begriff, hoffentlich wird er nicht zu einem Bekannten.

Kleingeld – Taxifahren ohne Münzen? Undenkbar. Einkaufen nur mit Scheinen? Kritisch. Bei einem 10.000 Franc-Schein (15€) passendes Wechselgeld zu bekommen ist eher ein Glücksfall. Von der Polizei angehalten werden und nicht das nötige “Kleingeld“ dabeihaben, könnte zu einem Problem werden.

 

TRUJILLO, PERU, SÜDAMERIKA (Julia, 18, Peru)

Ceviche – Die dritte Frage eines Taxitalks: Hast du schon Ceviche probiert? Worauf ich kleinlaut erklären muss, dass der Verzehr von Fisch meinem Veganismus entgegensteht und amüsierte Reaktionen ernte. Der in Limonen gedünstete Fisch steht trotzdem stellvertretend für die reiche Küche Perus.

Mikros (Kleinbus) – Sube, Sube, zwei Cuadras warte ich noch, dann gebe ich einen Fingerzeig. Baja Baja rufe ich, drücke dem Mitfahrer einen SOL in die Hand und verlasse den Mikro, wobei mein Aussteigen seinerseits mit Baja Baja Rufen begleitet wird. Ein unersetzlicher Bestandteil des Verkehrswirrwarrs der peruanischen Großstädte.

Eva Ayllon – In meinen Ohren der Pegajosa (Ohrwurm) einer Melodie der Sängerin Eva Ayllón. Es gibt keine Musikerin, die das Gefühl dieses Ort besser in eine Melodie packen könnte und der die sandig, gedeckten Farben der telefonkabel-durchzogenen Häuserreihen noch geschickter in die Klangfarben seiner Musik einfließen ließe.

 

BUKAREST, RUMÄNIEN, EUROPA (Kim, 25)

Hupen – Eigentlich müsste ich hier eine Sounddatei anhängen. Es gibt (angeblich) ein Gesetz, das Autofahrern nur in Ausnahmefällen erlaubt innerhalb einer Stadt zu hupen. Tatsächlich aber bietet Bukarest ununterbrochen ein echtes Hupkonzert – Musikrichtung: laut und unvorhersehbar.

Schnaps – Vor dem Essen, nach dem Essen und am besten noch während des Essens: Die wohl beste Medizin. Schnaps gibt es immer und jeder kennt wen, der*die wen kennt, wo noch selbst gebrannt wird. Wer trinkfest werden will, sollte nach Rumänien kommen!

Gelassenheit – In Bukarest gibt es keine Probleme. Okay, das stimmt nicht so ganz, aber das ist zumindest die grundsätzliche Einstellung, die mir hier entgegengebracht wird. Alltagsprobleme, die vielleicht so „groß und wichtig“ erscheinen, sind hier eher „nichtig und klein“. Ein Leben, wie „über den Wolken“ führen die Menschen aber definitiv auch nicht.

 

Alles klar, jetzt wissen wir Bescheid. Anhand von aufs Oberflächlichste heruntergebrochenen Aussagen haben wir teilweise anhand von Stereotypen unseren Wissensdurst gestillt und in Textnachrichten-oder BILDartikellänge erfahren, wie das Leben in 4 verschiedenen Weltregionen funktioniert. Wie das Land aussieht, die Menschen ticken, was es zu Essen gibt und ob es uns wert ist eines Tages dorthin zu reisen oder eben nicht. Dabei habe wir unterm Strich nicht einmal 10 Minuten unserer Lebenszeit zum Lesen dieser Texte verschwendet. Uns beseelt ein gutes Gefühl die Unterschiede erkannt und uns selbst interkulturell gebildet zu haben.

Das ist natürlich Quatsch, spätestens jetzt sollte der*die aufmerksame Leser*in gemerkt haben, dass mein Artikel nur so von Ironie strotzt. Ein schwieriges Stilmittel diese Ironie beim Schreiben von Blogs, sagte mir unsere Trainerin beim Vorbereitungsseminar.

Es gibt keine einfachen Antworten! Die komplexen Eindrücke eines Menschen lassen sich nicht auf drei stereotypische Wörter herunterbrechen, die einem Menschen auf der anderen Seite der Welt meinen Einsatzort erklären. Es gibt noch viel mehr Begriffe über die zu reden wäre, so sendete mir Julia beispielsweise vorab eine Liste mit 25 Wörtern, die Peru beschreiben und ich bin mir sicher ihr würden noch mehr einfallen. Auch die genannten Begriffe lassen sich nicht verallgemeinern. „Wenn da nicht diese verdammten Ausnahmen wären …“, schrieb Nadja ungeachtet der geforderten bewussten Verallgemeinerung.

Wir – Patricia, Kim, Julia, Nadja, ich und noch viele andere – leben in unseren neuen Umgebungen und schreiben darüber. Doch das ist selbstverständlich, wie könnte es denn auch anders sein: Subjektiv. Und trotzdem lassen wir unmittelbar Bilder und Ideen von ‚unseren Ländern‘ in den Köpfen unserer Leser*innen entstehen. Wir können keine einfachen Antworten liefern. Niemand kann das, auch wenn einige Zeitungen, Politiker*innen, Aktivist*innen oder Blogger*innen meinen genau das zu können.

Kleine Hausaufgabe: Beschreib doch bitte Deutschland anhand von 3 Begriffen in ca. 130 Wörtern.

 

Blogsammlung:

Nadja: https://kulturweit-blog.de/frommyanmar/

Julia: https://kulturweit-blog.de/perulia/

Patricia: https://kulturweit-blog.de/pomerange/

 

 

Soweit, so gut.

Nach zwei Beiträgen, die noch nichts über mein komplett neues Lebensumfeld oder über meine Gefühle in dieser wahnsinnig riesigen, wirtschaftlich, wie kulturell pulsierenden Stadt verraten habe, möchte ich das Versäumte mit diesem Beitrag nachholen. Frei Schnauze und ohne irgendeine pseudo wissenschaftlichen Metaebene, wie ihr sie in meinen ersten Einträgen erleben musstet, könnt ihr nun schlichte Tatsachen wertfrei*‘ erfahren. Jetzt geht es wirklich, um den Kern des Freiwilligendienstes oder besser gesagt um die ‚Kerne‘: Fakten, Emotionen und Herausforderungen! Doch zuerst eine kleine

Geschichte:

Abends hatte ich mich abseits der großen, lauten Straßen in ein mir unbekanntes Gassengeflecht begeben und bin auf einem kleinen Platz gelandet, der umsäumt war von Läden, deren Bezeichnung vermutlich irgendwo zwischen Street Food und Restaurant liegt. Abseits der Touristenwege falle ich – der blonde, blauäugige, relativ große Westler – natürlich sofort auf. Köpfe drehen, gucken und tuscheln. Auffallen ist ein für mich zutiefst unangenehmes Gefühl, will ich doch eigentlich möglichst unauffällig eintauchen in diese mir immer noch unbekannte Kultur. Ein naiver Gedanke.

Das Eis bricht ein kleiner Junge von etwa vier Jahren, dessen Mutter der kleine Laden auf dem Platz gehört, in den ich mich zögerlich gesetzt und meinen Avocado Smoothie geschlürft hatte. ‚Xin Chao‘ – soweit kann ich mitreden, danach hört es auch schon auf. Unermüdlich erzählt mir der kleine Bube irgendeine Lebensgeschichte auf Vietnamesisch. Läuft weg, kommt wieder. Denkt sich einen Handschlag aus, den wir ab jetzt immer genau so machen. Soviel verrät mir zumindest seine wichtig dreinschauende, ernste Miene. Läuft weg, kommt wieder. Mit einer Speisekarte von irgendeinem Restaurant. Zeigt mir kichernd sein Lieblingseis, will meins wissen. Läuft weg, kommt wieder. Und so könnte der unermüdliche Versuch des kleinen Jungen weiter und weiter erzählt werden, wie er mir – dem fremden Nichtsversteher – versucht etwas mitzuteilen. Kinder vertrauen und erwarten nichts. Sie schämen sich nicht dafür kein englisch sprechen zu können, sondern wundern sich, dass jemand kein vietnamesisch kann. Das ist eine wunderbare Einstellung, die mir zum einen imponiert und mir zum anderen die gewaltige Sprachbarriere allgegenwärtiger macht denn je.

Fakten

Zurück zum eigentlichen Anfang: Wo bin ich nochmal? In Ho Chi Minh City (Saigon) – Vietnams einwohnerstärkste Stadt mit mehr als 8 Millionen Einwohnern. HCMC war vor dem Vietnamkrieg die Hauptstadt des Südens, ist heute eine der am schnellsten wachsenden Städte Südostasiens und stellt mittlerweile 2/3 der Wirtschaftskraft Vietnams. Nach dem Krieg, während welchem übrigens mehr Bomben abgeworfen wurden als während des gesamten zweiten Weltkrieges, wurde die Stadt nach dem Vordenker, der kommunistischen Bewegung in Vietnam umbenannt. Meine Schüler*innen haben mir versichert, dass die Verwendung beider Namen in Ordnung sei. Heute ist Vietnam eine sozialistische Republik mit einer weitestgehend freien Marktwirtschaft und einem Einparteiensystem, was in der Kurzform bedeutet, dass es keine freien Wahlen gibt und nicht alle Freiheitsrechte gewährleistet werden, aber dazu an anderer Stelle vielleicht mehr.

Einsatzstelle

In Saigon bin ich an der Tran Dai Nghia Mittel-und Oberschule in den 8. und 12. Klasse im Deutschunterricht als Sprachassistent eingesetzt und übernehme darüber hinaus administrative Aufgaben, wie die Erstellung von Prüfungsmaterialien und die Mitorganisation eines Sprachcamps. Außerdem werde ich ab Freitag im Wechsel mit anderen Freiwilligen ein Sprachtraining für vietnamesische Ortslehrkräfte anbieten. Mein Schulweg bedeutet eine Rollerfahrt durch das ganz normale Verkehrschaos der Stadt, das beim genaueren Hinschauen mehr System besitzt als ich zu Anfang gedacht hatte. Meine Einsatzstelle liegt im absoluten Stadtzentrum in der Nähe der allermeisten Sehenswürdigkeiten, was bedeutet, dass ich nur einen Fuß aus der Schule heraussetzen muss, um wieder mittendrin im bekannten Touritrubel zu sein. Unausweichlich und bei weitem kein entspannendes Gefühl.

Erlebnisse

Solche, die – Achtung, Klischee – wahrscheinlich schon jetzt, ohne bewusste Kenntnisnahme mich, meine Persönlichkeit beeinflussen und verändern. Solche, wie die Begegnung mit dem kleinen Jungen oder die mit dem buddhistischen Mönch, der sich mein Handy schnappte und mich fotografierend durch den Tempel trieb oder die mit zwei weltoffenen Studierenden, die mit mir Englisch lernen wollten und gleichzeitig Bekanntschaft schlossen oder… Andere. Individuelle Erfahrungen, die ich, wie jeder Mensch zwangsläufig mache. Momentan allerdings in einer noch ungewohnten Umgebung .

Natürlich vermisse ich jetzt schon liebe Menschen aus meinem Leben, die vorrübergehend nicht direkt erreichbar sind und natürlich könnte der Alltag viel einfacher gestaltet werden, wenn ich der vietnamesischen Sprache mächtig wäre, doch das sind Herausforderungen, die es anzunehmen gilt. Viele Erlebnisse kann ich mit meinen lieben Mitfreiwilligen in Saigon teilen, über die ich an dieser Stelle keine Worte verlieren könnte, ohne für euch Leser*innen fast schon nervig, ausufernd romantisierend zu werden.

Und damit sind wir schon mittendrin in meiner

Gefühlswelt.

Nach der Überforderung der ersten Tage durch Lärm, Verkehr, Hitze und fremde Sprache, bin ich nach nun fast vier Wochen angekommen. Die waghalsigen Rollerfahrer*innen, die scheinbar anarchisch ihre Wege im Verkehr finden, beobachte ich gelassener und das zu Anfang oft thematisierte Dengue Fieber ist fast in Vergessenheit geraten. Toi Toi Toi. Auch die Hitze ist kein Problem mehr, zumindest solange die Regenzeit noch anhält und den Lärm nehme ich seit einem kurzen Wochenendtrip am Strand nicht mehr permanent als Problem wahr. Und – die Sprache? Klar, die Barriere der Sprache ist weiterhin eine Belastung und die Hilflosigkeit nicht einmal im Stande zu sein einen Small Talk über ‚hallo‘, ‚vegetarisch‘, ‚bitte‘, ‚danke‘ und ‚tschüss‘ hinaus zu führen, ärgert mich.

Barrieren durchbrechen

So sollte mein möglicherweise utopischer Auftrag für die Zeit in Saigon lauten. Ich bin dankbar, für all‘ die schönen Momente, die ich bisher sammeln durfte und bin gespannt auf das, was vor mir liegt.

Bevor es hier zu blumig wird – kurz: Es geht mir gut.

 

 

*’Das ist natürlich Quatsch

 

Empfehlung! Bewegte Bilder aus Saigon von meiner Mitfreiwilligen Frieda

Prolog: Über die Entstehung einer Geschichte

Demokratieversagen und Verdauung

Demokratieversagen und Verdauung

Gestern am 24.09. hatten alle wahlberechtigten Deutschen die Möglichkeit das nationale Parlament neu zu wählen und reagierten mehrheitlich geschockt über das Erstarken der rechtspopulistischen Partei AfD, die von nun an als drittstärkste Kraft im Parlament vertreten sein wird. Bei einem Glas kalten Kaffee an einer Straßenecke mitten in Saigon versuche ich das Geschehene Revüe passieren zu lassen.

Denn auch hier in Vietnam ging das Thema Bundestagswahl an uns Freiwilligen selbstredend nicht spurlos vorbei. Auf Einladung des deutschen Generalkonsulats in HCMC verfolgten wir mit vielen anderen Deutschen in einem deutschen Lokal ab 23 Uhr Ortszeit die Auszählung der Stimmen. Ja, das war einige häufige Verwendung des Wortes „deutsch“ in einem Satz, mit guten Grund, denn das Konsulat hatte viel dafür getan, dass sich alle Gäste hier in Fernost möglichst „deutsch“ fühlen konnten. Schwarz-Rot-Goldene Fähnchen auf den Tischen, Weißbier aus Tonkrügen, CurryPommes und vietnamesische Kellner*innen mit Namen wie „Vanessa“, „Laura“ oder „Phillip“.

Zurück zur Wahl. Der relative Gewinner der Saal Wahl, die zuvor abgehalten wurde, war eindeutig die FDP, die auf fast 30% kam. Kurzes Umschauen, grinsende Gesichter an den anderen Tischen verrieten mir, dass einige Wirtschaftsvertreter*innen, anwesend sein mussten. Die AfD bekommt keine Stimme, was im weiteren Verlauf des Abends bekanntermaßen nicht so blieb. Die Ergebnisse, die nun in den folgenden Prognosen folgten sind ebenso bekannt, sie gaben den Nährboden für alle folgenden Diskussionen und beeinflussen meine Gedanken.

Schrecklich ist ohne Zweifel, dass die AfD nahezu 13% erreicht hat. Das Erstarken dieser Partei lässt sich vereinfacht zum einen auf das Gefühl des „von der Globalisierung abgehängt seins“, aber zum anderen auch auf das verlorene Vertrauen in die etablierten Parteien zurückzuführen, die sich folglich selbst hinterfragen müssen.

Schlecht für die Demokratie ist, dass die „Elefantenrunde“ vor der Wahl nie in einer solchen Intensität und Offenheit stattgefunden hat, wie augenblicklich nach der Wahl. Insbesondere ist damit Kritik an der Kanzlerin gemeint, die sich vor einem zweiten Kandidat*innenduell gedrückt hat und überhaupt selten an öffentlichen Diskussionsrunden teilnimmt, um keine Angriffsfläche zu bieten. Diskussionen müssen wieder öffentlich ausgetragen, Standpunkte markiert und Kompromisse eingegangen werden. Konstruktive Konfliktkultur ist ein Kernmerkmal unserer Regierungsform. Schlecht für die Demokratie ist, dass eine demokratische Partei sich aus Angst um die eigene Parteiexistenz augenblicklich nach der Wahl, also offensichtlich geplant, in die Rolle der Opposition drängt. Natürlich muss auf ein Rekordtief reagiert werden, natürlich wurden die politischen Erfolge in der letzten Regierung nicht vom Wähler wahrgenommen und natürlich wäre eine weitere GroKo, die in dieser Prozentzahl den Namen nicht verdient hätte, förderlich für die Feinde der Demokratie und darauf muss reagiert werden. Trotzdem bedeutet diese Entscheidung, dass die anderen rechtsstaatlichen Kräfte dazu gezwungen werden ein Bündnis einzugehen, das sich keine dieser Parteien wirklich gewünscht hat. Dies bietet eine sehr schlechte Basis für Koalitionsverhandlungen und somit ist das kompromisslose Flüchten in die Opposition schlicht undemokratisch. Schlecht für die Demokratie ist, dass eine Partei mit den gleichen, nahezu unveränderten Konzepten, allerdings mit einer neuen Marketingabteilung, einem jungen, attraktiven Gesicht, Wortgewandtheit und schönen Plakaten den Wähler die Augen so waschen kann, dass sie ihre Prozentzahl zur letzten Wahl mehr als verdoppeln konnte. Wahlen sollten inhaltlich nicht personenbezogen gewonnen werden. Schlecht für die Demokratie ist, dass eine ursprünglich tendenziell linke, grüne Partei immer mehr in die Mitte rückt, um sich den Wunsch des Mitregierens zu erfüllen und damit Gefahr läuft im Einheitsbrei der Parteien zu verschwinden. Sie muss sich für die Zukunft fragen, für welche Werte sie einstehen möchten und was ihre Partei ausmacht. Schlecht für die Demokratie ist, dass eine demokratische Partei für fast alle anderen Parteien als unkoalierbar gilt. Die Partei muss sich selber fragen, ob sie nicht offener dafür sein sollte Kompromisse einzugehen und dass politische Positionen abgesehen von den Menschenrechten nie unabdingbar sind. Jede demokratische Partei sollte zumindest die Möglichkeit des Mitregierens in Betracht ziehen und nicht sturr und demokratiefremd auf ihren Ansichten beharren.

Mein Fazit dieser Wahl ist logischerweise, dass die eigentlichen Demokraten wieder demokratischer handeln und miteinander auf Augenhöhe diskutieren müssen. Auf die, sich selbstzerfleischenden Populisten muss mit dem Finger gezeigt, ihr Rassismus und Faschismus im Parlament nicht ausgehalten, sondern aufgezeigt und ihre Provokationen als inhaltsleer entlarvt werden. Dazu sollte der Bundestag im Stande sein. Geschieht das in dieser nun folgenden Legislaturperiode nicht, so graut es mir vor der Prozentzahl der AfD bei der nächsten Wahl.

Und hier in Vietnam? Geht das Leben weiter. Ich könnte nun etwas humoristisch sagen, dass zeitgleich zur Wahl ein Sack Reis umgefallen ist und es wäre sinnbildlich richtig. Die Welt dreht sich immer noch weiter, ohne Social Media und Internet wäre die Bundestagswahl auch für mich wahrscheinlich kein Thema mehr. Doch auch im Ausland sollten wir – Freiwilligen und Bürger – uns unserer demokratischen Verantwortung bewusst sein. Genug, ich schalte mein Internet aus, lausche dem Lärm der Mofas und trinke meinen kalten Kaffee weiter. Dieser soll bekanntermaßen bei der Verdauung helfen. Vielleicht auch bei der Verdauung schlechter Nachrichten.

https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse/bund-99.html

Über die „kulturweit-Blase“ und Privilegien

Über die „kulturweit-Blase“ und Privilegien

Vom 1. bis 10. September trafen sich 320 junge Erwachsene in Brandenburg am Werbellinsee, die von dem Freiwilligendienst kulturweit in die Welt hinausgeschickt werden. In ihren Einsatzländern sollen sie den Menschen sowohl die deutsche Sprache und deutsches Kulturgut vermitteln, als auch die andere Kultur kennenlernen. Die Freiwilligen werden in Schulen, an Universitäten, in Büros deutscher Auslandsvertretungen und im Auslandsradio arbeiten.

In dem Seminar zur Vorbereitung auf diesen Einsatz wurden die Werte Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit großgeschrieben und wahrhaftig gelebt. Alle jungen Menschen, die sich in der Nähe von Berlin versammelten, teilen diese Werte in einem überdurchschnittlichen Maße. Sie setzten sich kritisch mit bewussten und vor allem auch unbewussten Rassismus, Sexismus, Homophobie, (Post-)kolonialismus und interkulturellen Kompetenzen auseinander. Abseits der Workshops wurde der Small Talk über den Einsatzort, Heimatstadt und den eigenen Namen (in dieser Reihenfolge) schnell überwunden und eben noch Fremde offenbarten sich gegenseitig ihre politischen, gesellschaftlichen und privaten Meinungen, Träume und auch Ängste. Die Freiwilligen engagierten sich vor ihrem Freiwilligendienst meist auf verschiedene Art für ihre Mitmenschen: Beispielsweise in der Flüchtlingsarbeit, in politischen Gremien oder für soziale Organisationen. Am Sonntagabend war für alle Freiwilligen ohne es zu hinterfragen ein Pflichttermin im Fernsehen: Das Kanzler*innenduell stand an.

Warum erzähle ich das?

Kulturweit ist ein Stipendium, finanziert durch das Budget des Auswärtigen Amtes für das es sehr viel Bewerber*innen gibt und die Glücklichen, die am Ende ausreisen dürfen, haben meistens folgendes gemeinsam: Sie sind gut gebildet (min. „gutes“ Abitur), sie stammen aus bürgerlichen bis wohlhabenden Familien und sie waren oder sind zivilgesellschaftlich/ehrenamtlich aktiv. Ich persönlich habe darüber hinaus, wie viele anderen männlichen Freiwilligen auch, als weißer Mann in Deutschland, der evangelisch-lutherisch getauft ist, nie Diskriminierungserfahrungen erleiden müssen. Es ist wichtig sich diesen meist unbeeinflussbaren Privilegien bewusst zu sein, sowohl vor der Ausreise, als auch in der Einsatzstelle vor Ort.

Handelt es sich bei kulturweit also um eine ungerechte Elitenförderung?

Ja und Nein. Allein dieser Eintrag, der auf der Basis von Gesprächen mit Trainer*innen und Teilnehmer*innen entstanden ist, zeigt, dass sich die allermeisten Freiwilligen spätestens seit dem Vorbereitungsseminar ihren Privilegien bewusst geworden sind und diese kritisch hinterfragen. Kulturweit möchte mit diesem Programm das Engagement junger Menschen honorieren, die sich unentgeldlich abseits vom Schul-, Berufs- oder Studienleben für andere einsetzen. Insbesondere aber wird die Idee dieses Programmes durch den Austausch der Kulturen bestimmt, der zu kulturellen Vielfalt Deutschland und dem jeweiligen Partnerland beitragen soll. Dieser Gedanke soll bei allen Überlegungen im Vordergrund stehen.

Insgesamt betrachtet ist es meiner Meinung nach wichtig, sich sowohl der existierenden „kulturweit-Blase“, als auch den Privilegien in dieser Form bewusst zu sein. Gleichzeitig dürfen wir nicht müde werden, uns und unsere Umwelt mit den manchmal unumstößlich wirkenden Werten und Systemen weiter zu hinterfragen. Diese Förderung wertzuschätzen hilft insbesondere auch dann, wenn wir selber das nächste Mal über die immer größer werdende Soziale Ungleichheit diskutieren.

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