Die Stadt der singenden Ampeln

Das Schöne an kulturweit ist, dass man auf einen Schlag überall Freunde hat in einem Land, das man vorher nur aus dem Geschichtsunterricht kannte (und das auch nur, wenn man aufgepasst hat). Und das Schöne an diesen Freunden ist, dass man sie so herrlich unkompliziert besuchen kann. An dieser Stelle einen ganz ganz lieben Dank an Iria, Freiwillige in Danzig (Gdańsk), die mich in den letzten drei Tagen nicht nur aufs Beste verköstigt und umsorgt hat, sondern mir auch Stadtecken gezeigt hat, die ich sonst sicher nicht gesehen hätte.

Alleine wäre ich sicherlich nicht auf die Idee gekommen, mir die Straßen von Wrzeszcz anzugucken… ein Stadtteil mit seinem ganz eigenen Charme.

Straße in Wrzeszcz

Selbstverständlich ging es danach aber auch in die Innenstadt, auf die wirklich wichtigen Straßen. Wie immer man das beurteilt, was wirklich wichtig ist. Die Stadt ist durchzogen von Wasserarmen und Kanälen… und dementsprechend auch von Möwen und Nikoläusen, die in Kanus sitzen (leider habe ich davon kein Bild. Sorry.)

Man passiert auf dem Weg immer wieder Ampeln. Das ist soweit normal. Jedoch geben die Danziger Ampeln statt des gewohnten stetigen Piepens einen regelrechten Singsang von sich. Was dazu führt, dass man auf der Mitte der Straße einen melodiös anmutenden Kanon der beiden säumenden Ampeln vernimmt. Das nenne ich Streetart.

ulica dluga in Gdansk Blick in den Himmel

Es fällt auch auf, dass die deutsche Sprache sehr viel präsenter ist, als ich das gewohnt bin. Unverhofft stolpert man über Zungenbrecher am Straßenrand.

Gute deutsche Küche?!?

Und auch andere deutsche Spezialitäten haben sich ihren Weg gebahnt. Und so steht man plötzlich auf einem Weihnachtsmarkt mit einem wahrhaft riesigen Rad.

Auf dem Weihnachtsmarkt

In der besten denkbaren Pierogarnia nehmen wir unser Mittagessen zu uns. Ich finde es so schade, dass ich nach meinen gebackenen 3-Käse-plus-Hähnchen-Pierogi schon zum Platzen satt bin. Hätte es doch noch Weihnachtspierogi mit Haselnuss, Rosinen und Honig gegeben oder Schokoladenpierogi mit Oreokeksen…

Am Nachmittag nehmen wir an einer free-walking-tour zum Thema Solidarność teil. Diese Arbeiterbewegung nahm 1980 in Danzig in der Hafenwerft ihren Anfang und zählt zu den bedeutenden Bewegungen gegen den Kommunismus. Pünktlich ab halb vier beginnt es zu dämmern. Und so wirken die riesigen Kräne fast schon bedrohlich.

Platz am Solidarnosc Denkmal In Erinnerung Die Werft

Während des ganzen Gelaufes hat man natürlich auch gehörig Zeit, sich auszutauschen. Und dabei fällt uns auf, dass wir beide begeisterte Bäckerinnen sind – trotzdem hat Iria in diesem Jahr noch kein einziges Weihnachtsplätzchen auf ihrem Gewissen. Wir beschließen, das dringend zu ändern und verbringen den Abend zwischen Mehl und Marzipan – um einen Großteil des Bleches an noch warmen Marzipanplätzchen direkt zu verzehren.

Der nächste Morgen. Es regnet. Wir frühstücken. Es regnet. Wir frühstücken noch ein bisschen länger. Es regnet. Wir trinken einen Tee. Es regnet. Ja, Himmel, jetzt bin ich aber wirklich satt.

Im Regen gehen wir ans Meer. Wir begegnen einsam durch die Gegend streunenden Caféschildern.

einsamer Spaziergänger

Nach einer Stunde Durch-den-Sand-Stapfen erreichen wir Sopot. Die zweite Stadt der Dreistadt Gdynia-Sopot-Gdańsk. Ein typischer Seekurort. Mit Leuchtturm und einer vegetarischen Milchbar.

Typisch Seekurort

Halten wir fest: Dezember ist vielleicht nicht die beste Zeit, an den Strand zu reisen. Alleine, weil man auf der Rückfahrt im Bus möglicherweise erkältete, daher laut schnarchende Mitreisende neben sich sitzen hat.

Aber das Meer ist auch im Winter schön.

Ein Gedanke zu „Die Stadt der singenden Ampeln

  1. Es ist schon krass, wie du dir Polen eroberst! Und wie du es immer wieder schaffst, aus so einer riesigen Großstadt die wertvollen Kleinigkeiten herauszufischen! Zwischen den Feiertagen sind wir dabei…. wir freuen uns schon riesig!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.