Endspurt…

Wir schreiben den 17. Juli 2017, Tag 139 meines Freiwilligendienstes – noch 40 Tage bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland.

Nach zahlreichen Aufs und Abs – privat, sowie auf der Arbeit – habe ich das Gefühl, es geht jetzt nur noch bergauf. Drei Wochen ist mein Umzug nach Hanoi jetzt her und ich bin viel glücklicher! In Hưng Yên waren meine Arbeit und Freizeit einseitig und nicht besonders erfüllend. Mit den Kursteilnehmenden habe ich mich toll verstanden und mit wenigen sogar angefreundet. Ansonsten hatte ich bis Mitte Juni allerdings nicht das Gefühl, einen tollen Freiwilligendienst zu haben. Denn Freiwilligendienst ist für mich nicht nur das Reisen an wundervolle Orte, sondern auch – und vor allem – das alltägliche Leben im Einsatzland.

Jetzt lebe ich inmitten der lauten, lebhaften, unverwechselbaren Hauptstadt Vietnams in einem kleinen Haus in einem Labyrinth aus schmalen Gässchen. Mein neues Heim teile ich mir mit fünf Jungs, die, genauso wie ich, auch nur eine begrenzte Zeit ihres Lebens in Hanoi verbringen. Zusammen sind wir eine ganz coole Gruppe, unternehmen viel zusammen, essen gemeinsam, putzen gemeinsam, gehen aus… eine richtige WG eben. Ich genieße die Freiheit, meine Tage eigenständig planen zu können, mein Haus verlassen zu können, wenn ich es möchte – zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Mit dem Mototaxi oder meinem Fahrrad kann ich in wenigen Minuten jeden beliebigen Ort dieser riesigen Stadt aufsuchen. Ich kann essen, was ich möchte (mein Lieblingsessen im Moment: Cơm rang trứng -> gebratener Reis mit Ei und dazu Trà đa -> Eistee in der Garküche in meiner Straße) und wann ich möchte. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig und fühle mich frei. All das konnte ich in den letzten vier Monaten nicht und jetzt merke ich, wie sehr es mir gefehlt hat. In Hanoi merke ich auch zum ersten Mal, dass mein anstrengender Vietnamesischkurs fruchtet. Es bieten sich mir viel mehr Möglichkeiten, meine leider immernoch spärlichen Kenntnisse anzuwenden und ich bin täglich überrascht, wieviele Wörter ich eigentlich schon kenne.

Seit meinem Umzug nach Hanoi arbeite ich nicht mehr in der Unterrichtsstätte in Hưng Yên, sondern im Büro der Sprachabteilung des Goethe-Instituts. Da wir uns gerade im „Sommerloch“ befinden und viele Angestellte und Schüler im Urlaub sind, bin ich die einzige Freiwillige und auch die zahlreichen Praktikanten, die sonst im Goethe-Institut antreffbar sind, gibt es momentan nicht. Ich habe das Büro die meiste Zeit für mich allein und arbeite still vor mich hin. Eineinhalb Stunden täglich setze ich mich in die Bibliothek und helfe den Kursteilnehmenden, die dort lernen, bei den Hausaufgaben oder unterhalte mich mit Ihnen. Jeden Mittwoch Nachmittag darf ich den Phonetikkurs im Berufsmigrationsprojekt in Đông Anh unterrichten. Dort werden Altenpfleger_Innen auf B2-Deutschniveau trainiert, damit sie ab August in Berlin arbeiten können. Die restliche Arbeitszeit verbringe ich im Büro, sortiere Unterlagen, pflege das Multimedialaufwerk und erledige kleinere Aufgaben. Außerdem plane ich momentan ein Projekt, das ich gerne noch vor meiner Rückkehr nach Deutschland durchführen möchte: einen Schreib- und Videowettbewerb.

Nächste Woche habe ich Urlaub und muss mir noch überlegen, wo es hingehen soll. Das darauffolgende Wochenende kommen ein paar Verwandte für wenige Tage nach Hanoi und noch eine Woche später kommt meine liebe Freundin Franzi aus Deutschland, um zwei Wochen mit mir durch Vietnam zu reisen, bevor wir gemeinsam wieder nach Deutschland zurückkehren. Es bleibt mir also nicht mehr viel Zeit in meinem neu gewonnenen spannenden Freiwilligenleben in Hanoi, aber ich werde die letzten Wochen genießen und alle sich mir bietenden Möglichkeiten ausschöpfen!

Halbzeit, Zwischenseminar und kleine oder größere Veränderungen

Ende Mai fand das Zwischenseminar für die Asienfreiwilligen der März-Ausreise im CatTien-Nationalpark in Südvietnam statt. Bereits zwei Tage früher reiste ich nach Ho Chi Minh, um das Wochenende mit ein paar anderen Freiwilligen zu verbringen. Wir gingen lecker essen, tranken Bia Saigon, besichtigten ein paar wichtige Orte, wie zum  Beispiel die Kathedrale, das Postamt und das Kriegsmuseum. Nach dem schönen Wochenende trafen wir dann endlich auch die anderen Freiwilligen wieder und fuhren gemeinsam zum Seminarort im Nationalpark. Wir übernachteten in Bungalows mitten in der Natur. Nachts bekamen wir öfters Besuch von Kakis und auch die Mosquitos freuten sich sehr über unseren Aufenthalt in ihrer Heimat. Von der Toilette aus konnte man morgens den Ausblick auf den Dschungel genießen und nachts leisteten die Geckos uns Gesellschaft. Außer der Tiergeräusche war es meistens sehr ruhig und das Wetter war sonnig-heiß, aber spätnachmittags kühlte es durch das Tropengewitter etwas ab. Der Nationalpark war für mich der perfekte Seminarort – perfekt zum aussteigen, abschalten, entspannen und neue Energie tanken! Die Wanderung im Nationalpark mit anschließendem Picknick am See war für mich ein echtes Highlight und das Barbecue am letzten Abend traf den perfekten Abschluss einer wunderschönen Woche voller Selbstreflexion, Raum zum Nachdenken, Spaß, tollen Gesprächen und Ruhe!

Im Anschluss an das Seminar fuhr ich für zwei Tage mit Kim (Freiwillige in Sri Lanka) nach Cần Thơ. Das ist eine Stadt am Mekong-Delta in Südvietnam. Wir machten eine Tagestour im Boot über den Mekongfluss. Unser Guide Tri war eine tolle Gesellschaft, zeigte uns alles und gab uns viele Infos. Gemeinsam besichtigten wir die schwimmenden Märkte, eine kleine Reisnudelfabrik, eine Kakaofarm und einen Landmarkt. Wir futterten uns durch allerlei Köstlichkeiten: Angefangen bei unserem Frühstück aus Eiskaffee und Nudelsuppe mit Krebsfleisch über Snacks aus Ananas, frittierten Reisnudeln, Mango, Drachenfrucht, Papaya, Joghurteis, Kakao, Kakaocider, Reis-Kokos-Kuchen bis zum Mittagessen aus Tofu und Reis! Kim und ich waren pappsatt und schipperten glücklich über den Mekong.

Zurück in Hung Yen stieg ich am Montag gleich wieder in den Unterrichtsalltag ein und begann eine neue Serie gemeinsam mit der Klasse zu erarbeiten. Am Donnerstag wurden wir kulturweit-Freiwilligen in Hanoi von der deutschen Botschaft zu einem Mittagessen in ein italienisches Restaurant eingeladen. Das war sehr schön! Wir hatten gutes Essen und ich konnte drei nette Mädels aus der Botschaft kennenlernen. Anschließend fuhr ich ins Goethe-Institut, da mich meine Freiwilligenbetreuerin Kristin um ein Gespräch über das Zwischenseminar gebeten hatte. Wir reflektierten meinen bisherigen Aufenthalt und sie schickte mich zu einem weiteren Gespräch zu Herr Flucht, dem Leiter des Berufsmigrationsprojekts. Er erläuterte mir den weiteren Ablauf der Projekts und bot mir an, nach den B2-Prüfungen der Kursteilnehmenden nach Hanoi zu ziehen und dort in die normalen Sprachkurse reinzuschnuppern, um einen weiteren Eindruck von der Arbeit des Goethe-Institutes zu bekommen und auch meinen Alltag in Vietnam nochmal ein bisschen zu verändern. Diese Vereinbarung finde ich sehr gut und ich freue mich jetzt schon darauf, Ende Juni nach Hanoi zu ziehen. Ein passendes WG-Zimmer habe ich auch schon ins Auge gefasst!

Kingdom of Cambodia

Pünktlich zum Tag der Arbeit am 1. Mai nutzte ich drei meiner wertvollen Urlaubstage, um gemeinsam mit Jana, die als kulturweit-Freiwillige beim DAAD in Ho Chi Minh City arbeitet, und Matthias, der als weltwärts-Freiwilliger in Phnom Penh arbeitet, nach Kambodscha zu fahren.

Anfangs wollte alles nicht so laufen, wie wir uns das vorgestellt hatten: Alle Hostels und Busse waren gebucht, aber der Schlafbus am Samstag von Ho Chi Minh nach Sihanoukville (im Süden von Kambodscha) wollte uns nicht mitnehmen. Somit war unsere Spontaneität gefragt. Kurzerhand wurde ein neuer Bus, diesmal in die Hauptstadt, nach Phnom Penh gebucht, das Hostel in Sihanoukville storniert und gehofft, dass wir rechtzeitig dort ankämen, um am Montag, wie geplant, die Fähre zur Insel Koh Rong Samloem zu nehmen.

Mit viel Bangen und steigender Verzweiflung wurden unsere Gebete erhört, als wir 15 Minuten vor Abfahrt der letzten Fähre in Sihanoukville ankamen!

Ab diesem Moment hatte ich eine wunderschöne Woche in einem sehr sehenswerten Land! Wir mieteten uns ein Zelt direkt an einem abgelegenen Strand auf der Insel, der nur durch eine einstündige Dschungelwanderung erreichbar ist. Dort verbrachten wir zwei ruhige und entspannende Tage und Nächte. Ich ging im badewannenwarmen Wasser baden, beobachtete Fische – zuerst mit Widerwillen, aber später fand ich immer mehr Gefallen daran. Ich las ein Buch, sonnte mich, genoss die Ruhe und abends das Meeresrauschen und die Dschungelgeräusche. Matthias, Jana und ich spielten Monopoly, tranken Cocktails und aßen lecker im kleinen Restaurant unserer Unterkunft mit Ausblick auf den Sonnenuntergang.

Nach der viel zu kurzen Zeit auf der Insel machten wir uns Mitte der Woche wieder auf den Rückweg. Für uns alle sollte es noch ein paar Tage nach Phnom Penh gehen. Dort hatte ich Zeit, das Tuol Sleng Genozid-Museum zu besuchen, in dem Matthias seinen weltwärts-Dienst leistet. Das ist ein ehemaliges Foltergefängnis, das auf erschreckend ehrliche und unveränderte Weise an die grauenvolle Geschichte des Khmer Rouge – Regimes erinnern soll. Ich verbrachte einen kompletten Nachmittag dort und war fasziniert und schockiert von den Eindrücken, die mir der Audio-Guide, Matthias Erzählungen und das, was ich sah, vermittelten.

Neben dem Museum besuchten Jana und ich den Königspalast und die Silberpagode. Dort sind einige wunderschöne Gebäude zu besichtigen, die mich besonders aufgrund ihrer leuchtenden Farben und außergewöhnlichen Bauform beeindruckten.

Der Nachtmarkt war auch einen Besuch wert. Dort kann man am Abend Kleidung und Souvenirs shoppen und leckeres kambodschanisches Essen genießen. Jana und ich teilten uns Fruchtshakes, gebratene Nudeln mit Gemüse, Frühlingsrollen, gebackenen Teigtaschen und einer Riesengarnele und zum Abschluss des tollen Urlaubs gab es Eis in einer Kokosnuss.

Die Woche war für mich sehr erholsam und es war das erste Mal seit Beginn des Freiwilligendienstes, dass ich mich mit anderen Freiwilligen traf. Ich hatte eine tolle Zeit und hoffe, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich das wundervolle Kingdom of Cambodia  besuchen durfte!

Bát Tràng, Cát Bà und Hà Nội

An den vergangenen Wochenenden war ich nur selten zuhause in Hung Yen. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, die Umgebung zu erkunden. Zwei Kursteilnehmende nahmen Julia und ich mit in die Kathedrale nach Hanoi. Wir hörten uns den vietnamesischen Gottesdienst an, von dem ich natürlich kein Wort verstand. Trotzdem war es interessant, dem fröhlichen Gesang zuzuhören und den gewohnten Ablauf wiederzuerkennen. Nach dem Gottesdienst führten uns die beiden in eine Suppenküche und bestellten für alle Nudelsuppe mit Krebsfleisch. Das war sehr lecker und günstig! Auf dem Tisch standen Limetten und Kräuter, mit denen man die Suppe noch verfeinern konnte. Den Nachmittag verbrachten wir dann in der Umgebung des Hoan Kiem Sees (hier ist am Wochenende Verkehrsverbot), aßen Eis, tranken Kaffee, schlenderten durch Buchläden und spielten vietnamesische Volksspiele am See. Kommendes Wochenende ist Ostern. Da werde ich wieder mit in die Messe gehen und anschließend durch Hanoi spazieren. Darauf freue ich mich schon!

Letztes Wochenende hatten Julia und ich am Freitag frei, weil am Donnerstag Feiertag war und unsere Schule beschloss, den Tag zu tauschen, sodass das Wochenende verlängert wird. Deshalb nahmen wir am Donnerstag Abend das Goethe-Shuttle nach Hanoi und fuhren am nächsten Morgen ganz früh los zur Fähre nach Cát Bà. Das ist die größte Insel in der Halong-Bucht. Sie hat einen wundervollen Nationalpark, in dem wir durch den Dschungel liefen und auf den höchsten Gipfel kletterten, von wo aus man eine atemberaubende Aussicht hat! Wirklich großartig! Es war unglaublich anstrengend, aber es hat sich definitiv gelohnt! Im Hostel lernten wir eine australische Familie kennen, die uns einluden, mit dem Mietvan über die Insel zu fahren. Somit verbrachten wir einen schönen Tag mit der sechsköpfigen Familie und erkundeten die ganze Insel. Wir besichtigten die Hospital Cave, eine Höhle, die während des Vietnamkriegs als Schutzunterkunft und Krankenhaus genutzt wurde. Anschließend besichtigten wir einen ehemaligen Militärstützpunkt und einen alten Hafen. Wir fühlten uns fast als Teil der Familie, die uns sehr herzlich aufnahm, und waren sehr traurig, als sie uns verließ, um zurück nach Hanoi zu fahren. Neben dem Nationalpark gibt es auf der Insel auch drei Strände. Am letzten Tag unseres Kurzurlaubs legten wir uns im Bikini an den Strand und waren unglücklich darüber, dass der Himmel so bewölkt war, da wir unbedingt etwas Bräune abbekommen wollten. Am Abend bekamen wir dann die Quittung unserer schlechten Laune: einen fetten Sonnenbrand… denn natürlich scheint die Sonne auch, wenn der Himmel bewölkt ist.

Ein anderes schönes Erlebnis hatten wir in Bát Tràng, einem Handwerkerdorf in der Nähe von Hanoi. Mit zwei Schülerinnen besuchten wir das Dorf, schauten uns die schönen Keramikkunstwerke an, die dort auf dem Markt angeboten werden und durften sogar selbst kreativ werden. In einem kleinen Haus wurde uns für wenig Geld gezeigt, wie man Becher, Teller, Schüsseln oder Vasen töpfert und anschließend wurden diese zum Trocknen in einen Ofen gestellt. Während der Trocknungsphase spazierten wir durch das Dorf, aßen Nudelsuppe zu Mittag und genossen die Sonnenstrahlen. Nach einiger Zeit kehrten wir zurück in die Töpferstube und bemalten unsere eigenen Kunstwerke. Das war ein toller Ausflug, von dem ich mit einem selbst getöpferten Becher und einer Schüssel, sowie mit einem Teeset und einem Windspiel aus Keramik, das ich auf dem Markt erstanden hatte, heimkehrte.

Die nächsten Wochenenden sind auch schon geplant. Im Mai werde ich zweimal nach Ho Chi Minh fliegen, um zu reisen und um auf das Zwischenseminar zu gehen, welches in einem Nationalpark stattfinden wird. Es bleibt also spannend…

 

Der Alltag kehrt ein!

Schon bin ich mittendrin in Woche fünf meiner Zeit in Vietnam. Die letzten Wochen vergingen wie im Flug. Meine Aufgaben im Berufsmigrationsprojekt haben sich nochmal verändert und eingependelt. Die Situation im Gästehaus hat sich etwas verbessert und anfängliche Schwierigkeiten werden immer weniger. An den Wochenenden bin ich viel unterwegs und entdecke das Land zusammen mit Julia und manchmal auch den Kursteilnehmenden.

Meine Aufgaben am ASEAN College sind nun andere, als noch in der ersten Arbeitswoche. Nach einer Besprechung mit dem stellvertretenden Leiter des Goethe-Institutes, Hr. Flucht, widme ich mich nun nachmittags an vier Wochentagen der Hausaufgabenbetreuung. Das heißt die Kursteilnehmenden bearbeiten in der Klasse, in Kleingruppen oder einzeln die Hausaufgaben, die die Klassenlehrkraft ihnen aufgegeben hat, und anschließend verbessern wir sie miteinander oder besprechen Fragen und intensivieren schwierige Themen. Jede Klasse hat hierfür 1 1/2 Stunden Zeit. Seit dieser Woche habe ich zudem begonnen gemeinsam mit meinen beiden Klassen eine deutsche Serie anzuschauen. Zum Thema Serien im Deutschunterricht hatten wir zuletzt eine Fortbildung am Goethe-Institut. Uns wurde gezeigt, wie wir Serien einsetzen können und wie sie am besten didaktisiert und in den Unterricht eingebunden werden. Die meisten Kursteilnehmenden sind sehr begeistert von der Idee und beschäftigen sich vor allem zuhause intensiv mit den einzelnen Folgen. Das Ziel ist den Wortschatz zu erweitern und das Hörverstehen zu trainieren.

Die Konversationskurse, die ich in der ersten Arbeitswoche angeboten habe, fallen somit weg und lediglich der Phonetikkurs bleibt bestehen, wurde jedoch ebenfalls auf einen Termin in der Woche reduziert. Mittwochs können die Kursteilnehmenden also freiwillig an vier Phonetikkursen à 45 Minuten teilnehmen, in denen wir auf bestimmte Laute eingehen und die Aussprache üben. Thuy, meine Ansprechpartnerin vor Ort, möchte gerne, dass Julia und ich kleine Projekte mit den Teilnehmenden durchführen, sodass sich wahrscheinlich in den nächsten Wochen nochmal ein paar Kurse ändern werden, aber im Großen und Ganzen ist die Hausaufgabenbetreuung zu meiner Hauptaufgabe geworden. Seit zwei Wochen gibt es auch eine neue Klasseneinteilung, da 17 Schüler_innen die B1-Prüfung zum zweiten Mal in allen vier Modulen (Lesen, Schreiben, Sprechen, Hören) nicht bestanden haben und deshalb nicht länger am Berufsmigrationsprojekt teilnehmen dürfen. Die restlichen Teilnehmenden haben somit das B1-Sprachniveau erreicht und arbeiten nun auf die B2-Prüfung im Juli hin. Diese ist Grundvoraussetzung, um nach Deutschland reisen und dort eine Ausbildung machen zu dürfen. Es bestehen jetzt noch fünf Kurse mit jeweils ca. 15 Personen, wovon ich nur für Klasse 3 und 4 zuständig bin.

Vor drei Wochen fand das Schulfest des ASEAN Colleges statt. Alle Schüler_innen, außer die Deutschklassen, hatten sich auf der Wiese des Schulgeländes versammelt, bastelten, kochten und bauten zahlreiche Festzelte auf. Der Nachmittagsunterricht an diesem Tag war schwierig, da die Musik sehr laut war und alle Kursteilnehmenden aufgeregt vor sich hin schwätzten. Julia und ich wurden persönlich vom Präsidenten eingeladen, an der Abendveranstaltung teilzunehmen, durften, als es soweit war, in der ersten Reihe vor der Bühne Platz nehmen und wurden sogar namentlich in der Begrüßungsrede erwähnt. Als Freiwillige war es für mich sehr skurril so stark im Mittelpunkt zu stehen. Nach dem Bühnenprogramm, zu dem neben den Reden auch die Wahl der Miss ASEAN, sowie einige Tänze und Gesang gehörten, wurde ein Lagerfeuer angezündet und die einzelnen Klassen gingen in ihr jeweiliges Festzelt, das sie selbst gestaltet haben. Aus jedem Zelt war laute Elektromusik zu hören und überall leuchteten bunte Lichter und es wurde getanzt. Einige Deutschkursteilnehmende verkauften kleine Snacks und Getränke. Es war ein lustiger, bunter Abend, an dem ich die Möglichkeit hatte auch die Teilnehmenden der anderen Projekte etwas kennenzulernen.

Auszeit im Gewimmel der Großstadt

Mein erstes Wochenende in Vietnam liegt bereits hinter mir. Statt im überschaubaren Hưng Yên zu bleiben, fuhren Julia und ich am Samstag mit dem Bus für 8000VĐ (~35ct) nach Hanoi. Nach ca. 1h Fahrt kamen wir in der Nähe des Hoan Kiem Sees an. Das ist ein kleiner See, der die Hanoier Altstadt vom französischen Viertel trennt. Er wird auch Hồ Gươm (= Schwertsee) genannt. Der Legende nach lebte im See eine goldene Riesenschildkröte, die dem Fischer Lê Lợi ein magisches Schwert gab, das ihn im Kampf gegen die Truppen der Ming-Dynastie um 1420 unbesiegbar machte. Daraufhin wurde er König. Er ging zum See, um den Göttern zu danken. Da tauchte die goldene Schildkröte erneut auf und forderte das Schwert zurück. Das Schwert löste sich aus der Scheide, stieg zum Himmel auf und verwandelte sich in einen Drachen. Der König ernannte die Schildkröte zum Schutzgeist des Sees. Aus Dankbarkeit und zur Erinnerung an dieses Ereignis, ließ er auf einer kleinen Insel in der Mitte des Sees den dreistöckigen Schildkrötenturm errichten, der bis heute das Wahrzeichen Hanois ist.

Julia und ich  besichtigten den See und den Jadeberg-Tempel, der sich auf einer Insel im See befindet und für 30000VĐ (~1,20€) über eine Brücke erreichbar ist. Anschließend gingen wir in eines der zahlreichen Cafés, nahmen auf den kleinen Hockern Platz und tranken typisch vietnamesischen Kaffee, d.h. kalt mit gezuckerter Kondensmilch. Sehr lecker und erfrischend!

Abends trafen wir Franzi und Jasmin, die beiden kulturweit-Freiwilligen im Goethe-Institut und beim Deutschen Akademischen Austauschdienst in Hanoi. Wir gingen vietnamesisches Bier Bia Hà Nội für 5000VĐ (~20ct) trinken und aßen im Altstadtviertel Bánh mì (=Baguettebrot) mit Gemüse.

Julia und ich übernachteten in einem Hostel, wo ich abends meine erste vietnamesische Kakerlake traf. Wir nannten sie Franz Kafka. 😀

Am Sonntag besichtigten wir den Literaturtempel und abends das Wasserpuppentheater. Das war sehr beeindruckend! Generell war das Wochenende eine perfekte Abwechslung zum „Alltag“ in der Einsatzstelle und es war spannend die vietnamesische Hauptstadt etwas näher kennenzulernen.

Rückblick: Ankunft in Vietnam und erste Arbeitswoche

Nach dem zehntägigen Vorbereitungsseminar am Werbellinsee und dem 19-stündigen Flug kam ich am Sonntag Abend in Hanoi an. Am Flughafen erwartete mich ein Taxifahrer mit meinem Namensschild, der mein Gepäck und mich ins Auto lud und uns nach Hanoi in das Hotel fuhr, in dem ich die erste Nacht verbringen sollte. Dort traf ich auf Julia, eine deutsche Praktikantin, die ebenfalls am Sonntag erst ankam. Wir beschlossen trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit noch nach etwas Essbarem zu suchen und machten uns auf Anweisung des Hoteliers auf den Weg. Wir fanden ein Restaurant, in dem man uns herzlich empfing und wir uns eher schlecht als recht ein paar Nudeln mit Gemüse bestellten. Letztendlich war es ein lustiger Abend mit leckerem Essen, der einen positiven Eindruck bei uns beiden hinterließ. 🙂

Am Montag Morgen holte ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts Julia und mich ab und begleitete uns auf der 45-minütigen Taxifahrt zum ASEAN College in Hưng Yên. Hier lernen ca. 125 Krankenpfleger_innen innerhalb von 13 Monaten intensiv Deutsch, um im September nach Deutschland zu ziehen und dort in Krankenhäusern eine deutsche Pflegeausbildung zu machen.
Trung zeigte uns das Zimmer in der „Villa“, dem Gästehaus auf dem Schulgelände, das ich mir drei Monate lang mit Julia teilen werde. Anschließend führte er uns durch das Schulgebäude und die Kantine, in der wir drei Mal täglich zusammen mit den Kursteilnehmenden essen dürfen und stellte uns dem Personal und den Kursteilnehmenden vor.
Nachdem er gegangen war, gingen Julia und ich zum Mittagessen und waren echt beeindruckt. Auf allen Tischen standen zahllose Teller und Schüsselchen mit verschiedensten Gerichten (s. Foto). Ich bin Vegetarierin und Julia isst keinen Fisch und „nichts, das man nicht eindeutig erkennt“. 😀 Trotzdem war für uns beide genügend Auswahl vorhanden und es schmeckt auch wirklich lecker, obwohl manche Gerichte etwas ungewohnt für mich sind, z.B. Phở (=Nudelsuppe) zum Frühstück. Nachmittags zeigten uns sechs Kursteilnehmende den Weg mit dem Bus in den Supermarkt, damit wir alles Nötige für unsere neue Unterkunft kaufen konnten. Es war sehr hilfreich, Menschen dabei zu haben, die z.B. lesen konnten, wofür welche Putzmittelflasche gut ist. 😉 Außerdem konnten wir uns so bereits ein bisschen kennenlernen.

Am Dienstag war dann mein erster Arbeitstag in der Schule. Ich bereitete vormittags meine Phonetikkurse vor und um 14 Uhr begann dann der Unterricht mit der A2-Klasse. Wir stellten uns einander vor, sprachen über Ausspracheschwierigkeiten und die 21- bis 26-jährigen
Kursteilnehmenden konnten bereits die Aussprache einiger Laute üben. Leider kann ich mir die meisten Namen nur schwer merken, aber ich gebe mir Mühe und mache jeden Tag Fortschritte. Um 15.30 Uhr kam dann die B1-Klasse an die Reihe. Zur Zeit ist alles noch ein bisschen durcheinander, weil nächste Woche fast 2/3 der Teilnehmenden die B1-Prüfung ablegen werden und deshalb diese Woche nicht an den Nachmittags Kursen teilnehmen müssen. Ab Mitte nächster Woche sollen Julia und ich je zwei Kurse am Nachmittag betreuen. An den Tagen Mo, Di, Do und Fr sollen wir Konversationskurse und Hausaufgabenbetreuung anbieten und mittwochs soll der Phonetikunterricht stattfinden.

Insgesamt gefällt es mir in Hưng Yên gut, es ist schön ruhig und es gibt fast keine Motorräder (anders als in Hanoi). Das Essen in der Kantine ist zumindest mittags und abends echt lecker und die Menschen sind äußerst freundlich und hilfsbereit. Ich freue mich schon auf die kommenden Wochen und Monate hier und hoffe auf viele schöne Erlebnisse!

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