Vom Hinfallen und Wiederaufstehen

Wo fange ich an?

Ich habe mich einige Wochen nicht gemeldet…natürlich hat das auch damit zu tun, dass ich viel zu tun habe und so ein „kleiner“ Text viel mehr Zeit benötigt, als man vielleicht denken würde.

Aber ein anderer Grund ist auch, dass es mir in letzter Zeit nicht ganz so gut geht. Ich versuche diesen Blog so authentisch wie möglich zu gestalten, natürlich werde ich dabei nicht mein Innerstes preisgeben, aber ich denke, dass es wichtig ist, auch die negativen Seiten, die Rückschläge und die Momente, in denen man überall, außer hier sein will, anzusprechen.

Als ich mich dazu entschieden habe, 6 Monate in ein Land zu gehen, von dessen Sprache und Kultur ich so gut wie keinen Schimmer hatte und in dem niemand auf mich wartet, der mich an die Hand nimmt, wenn es mal schwierig wird, war mir klar, dass mich Höhen und Tiefen erwarten. Nichts desto trotz war es ein Schock, von 10 Tagen Vorbereitungsseminar in Deutschland, nach dem die Vorfreude größer nicht hätte sein können, mitten hinein ins Unbekannte befördert zu werden.

Meine Aufgabe an der Einsatzstelle ist es, im Unterricht zu hospitieren, kleinere oder größere Projekte mit den Schülern durchzuführen, auf Prüfungen vorzubereiten und mit einzelnen Schülern intensiver Deutsch zu üben, um Defizite auszugleichen. Mittlerweile bin ich schon 10 Wochen an der Schule und habe viel dazu gelernt…ich kam hier an mit einem Rucksack voller Ideen und noch vielen mehr, die in Planung waren. Viele davon habe ich mit Lehrern und Schülern besprochen, vorbereitet, ausprobiert. Ohne Erfolg. Die Begeisterung auf Seiten der Schüler bleibt aus. Mir war natürlich klar, dass die Schüler nicht sofort bei jedem Köder anbeißen würden, aber mittlerweile bin ich doch etwas ratlos. Ich suche die Schuld bei mir selber – woran sollte es denn sonst liegen –  obwohl ich weiß, dass ich wirklich alles probiert habe. Spiele spielen, Filme schauen, Musik hören, Gruppenarbeiten, Briefaustasch, Plakate gestalten, Wettbewerbe angesprochen…

Ich fühle mich erschöpft und ratlos. Es kann doch nicht sein, dass die Schüler so wenig Lust am Lernen von fremden Sprachen und Kulturen haben. Zumal ich von vielen anderen Freiwilligen begeisterte Berichte über motivierte Schüler und schier endlose Projekte und AGs an den Schulen höre. Das bringt mich wieder zu der Frage: Was mache ich falsch?

Meine Fähigkeiten sind ausgelaugt und alle Hebel, die mir zur Verfügung stehen, gedrückt. Leider lässt sich an der Situation nichts ändern. Es steht außer meiner Macht, die Schüler von Grund auf umzukrempeln und in dieser Situation muss ich ehrlich mit mir sein: Ich bin erst 19 Jahre alt und gewissen Herausforderungen einfach noch nicht gewachsen.

Manchmal hat man einfach Pech…denke ich.

Bevor ich mich ganz in diesem Thema verliere, möchte ich aber auch einmal gesagt haben, dass es mir außerhalb der Schule wirklich gut geht! Seit einem Monat wohne ich mit einer Mitbewohnerin in einer kleinen, urigen Wohnung und wir verstehen uns wirklich super! Und einen Goldfisch haben wir auch noch. Auch meine Serbischkenntnisse wachsen beachtlich! Am letzten Wochenende habe ich mich zum ersten Mal ganz allein in die weite Welt hinausgewagt und war somit gezwungen, den ganzen Tag auf Serbisch zu sprechen. Und siehe da: ich wurde verstanden! Punkt für mich!  Ich habe mit dem Bus die Städte Kraljevo und Vrnjačka Banja besucht und auf eigene Faus ein wenig Sightseeing gemacht. Das tat wirklich gut, mal rauszukommen!

Ein kleiner Sprung zum 21. Oktober:  Um den  21. Oktober 1941 hat in Kragujevac und einigen umliegenden Döfern (unteranderem auch Kraljevo)  ein Massakar stattgefunden, bei welchem 4000 wehrlose Zivilisten von der deutschen Wehrmacht erschossen wurden. Der Grund: im Sommer 1941 hatte es in dem der deutschen Militärverwaltung unterstellten Serbien einige Aufstandsbewegungen gegeben, bei denen sowohl serbische, als auch deutsche Menschen ums Leben kamen. Als Antwort auf den Tot deutscher Soldaten hatte der Kommandierende General in Serbien den Befehl gegeben, für jeden gefallenen Soldaten 100 serbische Bürger und für jeden verwundeten 50 zu töten. Ein Kriegsverbrechen von unvorstellbarem Ausmaß nahm seinen Lauf…am Morgen des 21. Oktober wurden wahllos ausgewählte Bürger der Stadt Kragujevac – unter ihnen viele Lehrer und Schüler –  auf eine weite Ebene am Rande der Stadt getrieben und dort erschossen. Über 2000 Menschen ließen hier ihr Leben. Die Lehrer der örtlichen Schule hatten die Möglichkeit der Erschiessung zu entgehen, jedoch wollten sie die Schüler nicht im Stich lassen und kamen somit auch ums Leben.

Jedes Jahr findet am 21. Oktober auf dem Gelände, auf dem das Massaker stattfand, eine Gedenkfeier statt. Heute ist hier ein Gedenkpark mit vielen Denkmälern und ruhigen Ecken zum Nachdenken. Zur Gedenkfeier kommen viele Schüler der städtischen Schulen, als auch wichtige Politiker des Landes und Vertreter Deutschlands. Dies finde ich besonders wichtig! Ich hörte eine Schülerin auf der Veranstaltung sagen: Ich denke es ist wichtig, dass wir hier zusammen kommen können, um geimeinsam zu trauern und aus der Vergangenheit zu lernen anstatt noch immer dem Anderen die Schuld zu geben.

Ja! Was das angeht, geht es mir gut. Ich unternehme viel und habe unglaublich nette und offenen Menschen kennengelernt, aber nichts desto trotz habe ich das Gefühl, in meiner eigentlichen Aufgabe hier zu versagen…

Zu Anfang meines Abenteuers habe ich mir vorgenommen, nicht aufzugeben. Aber das ist nicht immer ganz einfach! Natürlich ist so ein Freiwilligendienst viel mehr als nur die Arbeit in der Einsatzstelle und darauf muss ich mich konzentrieren! Es gibt so viel mehr, was ich aus dieser Zeit herausholen kann, als nur die erfolgreiche Arbeit an der Schule. Nach nur so einer kurzen Zeit merke ich, wie ich mich selber verändert habe und anders mit bestimmten Situationen umgehe und das sollte doch Motivation genug für mich sein, nach vorne zu schauen. Ich werde weiterhin versuchen, doch noch ein bisschen Begeisterung aus den Schülern herauszukitzeln, aber wenn mir das nicht gelingt, dann ist das eben so! Wenn nicht die Schüler, dann habe immerhin ich viele neue Erfahrungen gesammelt!

In diesem Sinne: Genießt die Vorweihnachtszeit, wo auch immer auf der Welt ihr euch gerade rumtreibt und schaut vor allem jetzt vor dem Jahreswechsel gespannt auf das, was noch vor euch liegt!

 

 

die wunderschöne Kathedrale in Kragujevac

die wunderschöne Kathedrale in Kragujevac

 

die Kathedrale in Kraljevo

die Kathedrale in Kraljevo

 

Abenteuer in Vrnjačka Banja

 Milli in Vrnjačka Banja

 

herbstliches Vrnjačka Banja

herbstliches Vrnjačka Banja

 

Kurort Vrnjačka Banja

Kurort Vrnjačka Banja

 

weitere Abenteuer

weitere Abenteuer

 

skies

sky

 

entlegene Plätze in Kragujevac

entlegene Plätze in Kragujevac

 

eine leerstehende Fabrik am Rande der Stadt

eine leerstehende Fabrik am Rande der Stadt

 

auf Erkundungstour in der Stadt

auf Erkundungstour in der Stadt

 

Museumserkundungen in Kragujevac

Museumserkundungen in Kragujevac

 

Museumserkundungen in Kragujevac no. 2

Museumserkundungen in Kragujevac no. 2

 

Der Gedenkpark Šumarice (21. Oktober)

Der Gedenkpark Šumarice (21. Oktober)

 

 

 

2 Gedanken zu “Vom Hinfallen und Wiederaufstehen

  1. Hi Milena,
    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und erstmal echt Respekt an dich, dass du so ausdauernd und determiniert an deine Probleme heran gehst. Ich finde du kannst echt stolz auf dich sein! Du gibst nicht auf und wie es scheint immer 100 Prozent- wer kann das denn überhaupt von sich behaupten? Trotzdem verstehe ich dein Gefühl des Scheiterns, aber lass dich nicht davon abbringen und mach nur um deiner selbst Willen weiter. Wer so weit gekommen ist gibt nicht so leicht auf.
    Vielen Dank für deine Ehrlichkeit, ich bin gerade dabei mich zu bewerben und kann mir dank dir jetzt auch ein realistisches Bild von meinem Jahr dort machen.
    Viel Erfolg und Ausdauer dir noch und hoffentlich eine hammer Zeit dort!

    Liebe Grüße,
    Sophia

    • Liebe Sophia,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      Ich finde es erst einmal super, dass du dir die Zeit nimmst, die Blogeinträge durchzulesen, um dir ein grobes Bild zu machen.
      Es ist natürlich immer schwierig, sich eine Vorstellung davon zu verschaffen, was so ein Freiwilligendienst alles mit sich bringt und welchen Herausforderungen man sich stellen muss.
      Bitte vergiss nicht, dass meine Erlebnisse nur ein Teil von einem großen Netzwerk sind und sich nicht verallgemeinern lassen. Ich bin mir sicher, dass du das weißt, aber es ist mir wichtig, dass mein Blogeintrag dir nicht den Mut genommen hat, mit Begeisterung in dein Abenteuer zu starten!
      Alles ist abhängig von deiner Persönlichkeit, der Einsatzstelle und den Menschen, die du unterwegs triffst. Und ich kann sagen, dass du niemals mit leeren Händen zurückkehren wirst! Ob es nun ein fantastisches, ein eher durchwachsenes oder ein schlechtes Jahr war, du wirst auf jeden Fall eine ganze Menge über dich selber und die Welt um dich herum gelernt haben!
      In diesem Sinne wünsche ich dir ganz viel Glück bei deiner Bewerbung und eine unvergessliche Erfahrung!

      Milena

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