Invierno, mi querido infierno…

Ich liebe den Winter dafür, dass man mit ruhigem Gewissen Nichtstun kann. Schließlich gibt es ja auch Tiere, die überwintern, die also quasi den ganzen Winter schlafen, um ausgeruht und voller Engerie in die schönste Jahreszeit ever starten zu können – den Frühling. Der Mensch ist ja auch nur ein Tier, also alles völlig legitim.

Ich muss daran denken, dass ich den Frühling 2018 hier nicht mehr mitbekommen werde, dabei habe ich den letzten  hier so geliebt. Die Blüten der Bäume haben die Stadt so aussehen lassen, als wäre sie mit bunten Girlanden behängt. Mate trinkende Familien saßen auf dem Platz vorm Theater und unterhielten sich auf einer Sprache, die mir damals noch völlig fremd war. Das alles war nun schon erlebt und jetzt gilt es, sich daran zu erinnern. Ein komisches Gefühl.

Aus Bekannten wurden Freunde und sehr gute und sehr sehr gute Freunde und aus einem sogar Liebe. Aus einer Cathi, die am Anfang noch unsicher ein paar Verbkonjugationen an die Tafel kritzelte wurde eine selbstbewusste Deutschlehrerin, die souverän nun auch ganze Stunden übernehmen kann, wenn die Lehrerinnen ihr 5 Minuten vorher Bescheid sagen, dass sie heute nicht kommen können oder die Stunde verlassen müssen, weil ihr Hund krank ist.

Das hier soll jedoch trotzdem auf keinen Fall ein “Ich-hab-mich-ja-so-verändert”-Blogpost sein, schließlich bleiben mir hier ja noch 2 Monate, die es gilt, mit wunderschönen, neuen Erinnerungen zu füllen. Nichts leichter als das, könnte man denken. Doch das entspannte Nichtstun im Winter führt halt nunmal auch dazu, dass man nichts tut. Jedenfalls draußen. Die Straßen von San Juan sind noch ruhiger als sonst, in den Parks sitzen jetzt nur noch die Allermutigsten und schlürfen ihren Mate mit Winterjacke und Mütze. Das Leben hier findet momentan eher drinnen statt, wobei das Haus in dem ich lebe, bei aller Liebe, in keinster Weise auf die niedrigen Temperaturen ausgerichtet ist. Somit verkrümelt man sich im Zimmer, schaut einen Film mit den Mitbewohnern oder kocht etwa eine Suppe in der kalten Küche, damit wenigstens das Bäuchlein gewärmt ist.

Es ist schon komisch, dieser Jahreszeitenkontrast. Da bin ich einmal für nen Jahr weg und in Deutschland ist der heißeste Mai seit fast.. naja, ich zitiere jetzt besser Mal nicht „Faktastisch“. Und so sehr ich mich für meine Familie und Freunde in Deutschland freue, dass sie gerade wohligwarme Temperaturen haben und dieses Jahr nicht am deutschen 10-Tage-Sommer leiden, gucke ich hier aus dem Fenster, sehe den Himmel, denke „wow, was ein Himmel“ und verliebe mich jedes Mal aufs Neue in diese verrückten Farben, dieses kräftige Blau mit dem wunderschönen Rosarot.

Immer wieder muss ich mir in den Kopf rufen, dass ich gerade in Argentinien bin, 12.000 km weit weg, denn für mich fühlt sich diese Zeit hier nicht an wie ein begrenzter Aufenthalt. Wie zu erwarten, kam nach den langen aufregenden Sommerferien der Alltag und damit die komplette Eingewöhnung. Zwar werde ich immernoch bei fast jedem Gang ins Zentrum der Stadt mindestens fünf mal gefragt, wo ich denn herkomme, wie mir denn San Juan gefalle und ob ich denn wollen würde, dass Deutschland oder Argentinien die Fußball-WM gewinnt. So ganz argentinisch kommen mein Spanisch und ich wohl noch nicht daher, auch wenn ich viele Komplimente für beides bekomme.

Mein Einbürgerungsprozess ist also noch am Laufen und wenn jemand wissen will was für mich in Argentinien wohl am prägantesten war, so würde ich sagen: die hohen Plateauschuhe, das weizenhaltige Essen und der gesellschaftspolitische Diskurs. Letzteres beeindruckt mich mit Abstand am Meisten. Im Dezember und Februar habe ich in Buenos Aires schon unglaubliche Demos miterlebt, doch das gehört in der 16,66 Millionen-Einwohnerstadt irgendwie schon fast zur Tagesordnung. Auf der Avenida de Mayo tummeln sich die Menschenmassen bis zum Kongress, um von der Regierung gehört zu werden. So etwas im ruhigen San Juan? Für mich unvorstellbar. Und dann war ich selbst dabei. Am Mittwoch, den 12.06.2018 sollte sich das gesamte Land in zwei Hälften teilen – pro und contra Abtreibung. Da ich auf meinem Blog die Komplexität der Diskussion über dieses Thema nicht anfechten möchte indem ich in eigenen Worten versuche das Thema zu erörtern, verlinke ich hier einen Artikel der taz, den ich für relativ objektiv und gut befunden habe: http://www.taz.de/!5510697/

Ich stand also gegenüber der sanjuaninischen Legislatur, mit einem grünen Halstuch, welches mir eine Freundin geschenkt hatte und fühlte mich trotz der eisigen Kälte pudelwohl. Es war eine ruhige und trotzdem passionierte Demonstration, ohne Gewalt aber mit vielen Rufen und Stärke, so, wie so etwas nunmal ablaufen sollte.

Ich liebe den Winter dafür, dass man dem Nichtstun im Winter manchmal auch einfach trotzt und etwas Gutes bei rauskommt.

 

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