Die Identitätsfrage

Vor meinem Jahr in Argentinien wusste ich, dass dieses Land stark durch die Kolonialisierungsgeschichte geprägt wurde. Beim googeln stiess ich immer auf den Hinweis, wie europäisch beeinflusst die Architektur, das Essen und offensichtlich auch die Bewohner durch den Einwanderungshintergrund wären.
Nach einem halben Jahr voller Diskussionen und den Besuchen vieler Städte und einiger Länder Südamerikas kann ich nun sagen, dass ich mir vorher nie hätte ausmalen können, wie präsent dieses Thema tatsächlich ist.

In San Juan findet man zwar nicht viele der üblichen eurpäischen Altbauten, da diese Stadt 1944 und 1977 fast komplett durch Erdbeben zerstört wurde. In Rosario und Buenos Aires hingegen könnte man wirklich in einigen Straßen denken, man befände sich in Paris Saint-Germain – vorausgesetzt man ignoriert die vielen Obstverkäufer, Straßenhunde und fehlenden Bordsteinfliesen, die für mich auch irgendwie den argentinischen Charme ausmachen.

Rosario

Bei Gesprächen mit Argentinier*innen höre ich fast jedes Mal, wenn ich sage, dass ich aus Deutschland bin:“Hey, meine Oma war auch Deutsche!“, „Ich habe einen italienischen Reisepass“ oder „Also mein Uhropa kommt ja auch aus Europa. Wir haben spanische Vorfahren“. Selten sagt jemand dazu, dass er oder sie Vorfahren indigener Abstammung hätte. Ich habe das Gefühl, dass nur wenige diese Seite ihrer Herkunft betonen oder gar erwähnen möchten.

Auch in Chile habe ich gemerkt, wie präsent die Frage nach der Herkunft, die meiner Meinung nach einen riesigen Teil der Identität ausmacht, ist. Ein junger Mann, den ich in Santiago kennnengelernt habe, erklärte mir:“Im Endeffekt haben wir alle die gleiche Abstammung – eine Mischung aus den Mapuches und den Ende des 19. Jahrhunderts eingewanderten Europäern. Die Frage ist nur, wer zu diesem Hintergrund wirklich steht und wer nicht. Das spaltet das chilenische Volk.“

Chile und Argentinien sind kolonialisierte Länder. Man vernimmt es an den starken ethnischen Unterschieden der Einwohner und den vielen politischen Grafitis an den Stadtmauern. Gesellschaftskritische Aussagen und Motive, die einen zum Nachdenken bringen. Warum fällt es so vielen schwer, zu ihrer gänzlichen Herkunft zu stehen?

Darauf lässt sich wohl etwas entgegnen, worauf wir im Vorbereitungsseminar stets aufmerksam gemacht wurden – unsere Privilegien.
Am Werbellinsee habe ich von ihnen erfahren, hier habe ich sie zum ersten Mal zu spüren bekommen.
Ich bin Deutsche, habe also laut des Passportindex 2018 den zweitmächtigsten Reisepass der Welt. Dazu noch eine helle Hautfarbe. Das ist wohl das offensichtlichste Privileg.
Immerwieder höre ich mir an, dass weiß eine exotische Hautfarbe hier sei und darum als besonders attraktiv gelte.
Dunklere Hautfarben, wie etwa Leute mit näherer indigener Abstammung sie besitzen, werden passiv abgewertet. Und genau das ist das Verletzende an meinen ganz eigenen Beobachtungen hier – viele sind sich der Kraft ihrer Worte überhaupt nicht bewusst.

Dies jedoch als unterschwelligen Rassismus zu benennen finde ich etwas problematisch. Denn einerseits bin ich  meine Extrabehandlung in diesem Land als deutsches, weißes, blondes Mädchen leid. Andererseits habe ich noch nie so einen leichtfertigen Umgang mit Hautfarben und anderen phänotypischen Merkmalen erlebt, sodass es mir manchmal so vorkommt, als stecke hinter der Bennenung einer Hautfarbe längst keine politische Message mehr – ist das vielleicht schon das Rezept für einen gesunden Umgang mit einer großen ethnischen Diversität? Kommt es so zu einer Irrelevanz jeglicher Schubladen, in die man Menschen nicht nur wegen ihrer Äußerlichkeiten, sondern auch allen anderen kleinen Teilen, die eine bunte Identität formen, steckt? Bislang ist dies jedenfalls noch nicht eingetreten.

Ich glaube, dass man zur Identitäts- und Herkunftsfrage, auf die viele Südamerikaner*innen ihre Antwort gefunden haben, erst richtig Stellung nehmen kann, wenn man hier aufgewachsen ist. Demnach befinde ich mich nicht in der Position, die Antwort auf diese zu kritisieren und mache einfach so weiter wie gehabt – ich höre zu. Und lerne. Mehr, als ich je gedacht hätte.

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