Willkommen und Abschied

Erst Wüste, dann wird es grüner, schließlich versinkt die Sonne hinter den Bergen einer kleinen Stadt. Eine lange Busfahrt kann sehr wohl spannend und angenehm sein, das habe ich hier gelernt.

Es ging zum Zwischenseminar nach Rosario. 14 Stunden verbrachte ich hinter der Fensterscheibe – mal schlafend, mal fernsehguckend, mal nachdenklich.
Während ich passiv meine gesamten 2 Monate hier in meinem Kopf Revue passieren ließ, fiel mir auf, wie sehr ich das gebraucht habe. Stille und ganz viel Zeit. Von beidem habe ich hier etwas zu wenig. Nach turbulenten Monaten, in denen von Kakerlakenplagen über Krankenhausbesuchen bishin zu Karaokenächten irgendwie alles dabei war, empfand ich das Reflektieren über meine erste Zeit als essentiell.

Ich hatte die Möglichkeit, über alle Personen nachzudenken, die mir bisher über den Weg gelaufen sind. Allen voran dachte ich an meine Mitbewohner. Die Woche nach dem Seminar ist die Hausbewohnersumme geschrumpft. Statt 9 Personen leben nun nur noch 6 in der berühmt-berüchtigten San Luis-WG.
Eine andere Sache die ich hier also lernen musste – Abschied nehmen.
Die internationalen Studenten, mit denen ich viel in meiner Freizeit unternommen habe brechen wieder in ihre Heimatländer auf, alle nacheinander. Eine deutsche Work&Travellerin, die für einen Monat ein Praktikum im Instituto Alemán hier gemacht hat, ist nach Chile weitergereist. November und Dezember sind Abschiedsmonate.

Gleichzeitig genieße ich es sehr, jeden Tag neue Erfahrungen machen zu dürfen und immerwieder aufs neue überrascht zu werden – sei es durch das laute Lachen eines kleinen Mädchens, das gerade vor einer Skulptur für ein Foto ihrer Mama post, ein plötzlicher Regenfall oder ein Kätzchen, das auf einmal anfängt mit meiner Kette zu spielen. Kleine Glücksmomente, die mich zum Schmunzeln bringen und mir immer wieder vor Augen führen, was für ein Riesenglück ich habe, hier zu sein.

Hier, viele Tausende Kilometer weit entfernt von Deutschland. Dem Deutschland, in dem sich momentan der Großteil der Bevölkerung Freitagabends und/ oder Sonntagsnachmittags auf einem vor Menschen platzenden Gebiet aufhält, sich glühweinschlürfend und schmalzkuchenessend mit Freunden unterhält und währenddessen aus den billigen Lautsprechern der Pommesbude ein olles Weihnachtslied das nächste jagt.
Das einzige was hier momentan an Weihnachten erinnert, sind für mich die Mandarinen, von denen ich hier jeden Tag gefühlt 6 Stück verspeise – die sind einfach zu lecker.
Keine Weihnachtsdekorationen sind an den Laternen befestigt, kein Coca-Cola-Truck zieht durchs Land und wenn ich hier jemanden frage, ob es hier einen Weihnachtsmarkt gäbe, werde ich nur schief angeguckt. Ein wenig vermisse ich die Vibes der hektischsten und gleichzeitig besinnlichsten Zeit des Jahres ja schon.

Wobei das ganze europäisch-amerikanische Weihnachtstamtam auch total befremdlich bei 38 Grad und Wüstenlandschaft wirken könnte.

Vielleicht haben die Argentinier aber auch einfach den Sinn hinter Weihnachten verstanden.

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Ach Cathy, spannend und lehrreich wie gewohnt dabei liebenswert und sehr persönlich. Danke fürs dabei-sein-dürfen. Du schreibst und beschreibst so intersiv und klar, wenn man die Augen schießt fühlt man die Bewegung der Räder unter dem Bussitz und lehnt selbst den Kopf an die sicher staubige Scheibe. Mich zumindest hast du ein paar Momente auf einen anderen Kontinent geholt. Danke. Alles Liebe für dich, ich wünsche dir (und mir) noch viele erinnerungswerte Momente und eine richtig gute Zeit. GlG Louisa

    • Danke meine Liebste! Was für eine schöner Kommentar. Hast es geschafft damit ein breites Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern, genau das ist mein Ziel – euch teilhaben zu lassen und an die Orte hier mitzunehmen, wenn auch nur gedanklich!

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