LOS DESAPARECIDOS – DIE VERSCHWUNDENEN                                           Eine tiefe Wunde in der argentinischen Gesellschaft

Noch heute, etwa 24 Jahre nachdem die letzte Militärdiktatur das Land Argentinien heimsuchte, drückt vielen Menschen der Schmerz unbeantworteter Fragen auf der Seele.

Menschen sind verschwunden, werden vermisst. Familien fragen sich: „Leben sie noch?“

In den grausamen Jahren der totalitären Militärdiktatur, die sich von 1976 bis 1983 hinzog, verschwanden nach Schätzungen etwa 10 000 Menschen. Die Militärregierung, an dessen Spitze General Jorge Rafel Videla stand, war der Ansicht, dass eine „Säuberung“ der argentinischen Gesellschaft notwendig sei, und dieses Vorhaben wurde ohne Rücksicht auf Verluste gewaltsam verfolgt.

Während dieser Zeit war die Marine Schule für Technik (ESMA- Escuela Superior de Mécanica de la Armada)  das Zentrale Geheimgefängnis des Regims und somit ein Ort, an dem unvorstellbare Gräueltaten verübt wurden. Menschenunwürdige Verbrechen fanden in den Folterkammern und der Geburtsstation dieses Gebäudes statt. Nachdem die Mütter ihre Kinder zur Welt gebracht hatten, wurden sie ihnen entrissen und an kinderlose Offiziersfamilien vergeben. Insgesamt landeten etwa 500 Säuglinge bei diesen Familien, die in der Regel wussten, woher die Kinder stammten. Es gab ca. 340 geheime Folterzentren und es müssen mindestens 2500 Personen an diesen Verbrechen beteiligt gewesen sein. Viele Leichen wurden vergraben, verbrannt oder von einem Flugzeug aus, über dem Rio de la Plata, abgeworfen. Zwei Jahre nach der Diktatur fand man die ersten Massengräber.

Die bis heute überaus bedeutsame Frauengruppe „ Madres de Plaza de Mayo“ (Mütter des Plaza de Mayo), begannen erstmals im Jahre 1977 in Buenos Aires die Freilassung der Gefangenen und Informationen über den Ort ihres Aufenthaltes, zu fordern.

1983 nach dem Ende der Militärdiktatur protestierten sie auch weiterhin und setzten sich mit Kampagnen aktiv dafür ein, dass man nach den desaparecidos suchte. Die „Abuelas de Plaza de Mayo“(Großmütter des Plaza de Mayo), eine Gruppe von Großmüttern, die ihre als Babys verschwunden Enkel suchten, sind eng mit den „Madres de la Plaza de Mayo“ verbunden. Auch sie kämpfen gegen das kollektive Vergessen und auf ihr Drängen hin, wurde 1987 erstmals ein internationales Genregister eingerichtet. An Hand von Bluttest war es nun möglich nachzuprüfen, ob die mittlerweile Erwachsenen, ihre leiblichen Eltern „Papa“ und „Mama“ nannten oder ob genau diese über die Verbrechen genauestens Bescheid wussten.

Gefunden wurden bis heute mehr als 100 der 500 verschwundenen Babys und es kamen unvorstellbare Geschichten ans Tageslicht. Wie Vater und Sohn nach jahrelanger Suche wieder zueinander gefunden hatten, Fälle in denen die Entführten keinen Kontakt zu ihren leiblichen Eltern wollten oder sie Probleme hatten diese zu akzeptieren und zu lieben. Es wurde sogar bekannt, dass der angebliche Vater eines damals verschwundenen Jungen, sich als Mörder der biologischen Eltern entpuppte.

Es folgten Jahre in denen die Täter vom einen Präsidenten verurteilt und vom nächsten wieder begnadigt wurden. Unter Nestor Kircher (2003) wurden Videla und seine Mittäter nun endlich öffentlich als kriminelle und Mörder bezeichnet, der Kongress hob die Begnadigungen auf und erstmals rückten die Menschenrechte in die Mitte der Politik. 2011 begann in Buenos Aires der Prozess gegen den früheren Diktator Argentiniens, der letztlich zu 50 Jahren Gefängnis wegen systematischen Babyraubs verurteilt wurde.

In vielen Städten sind mittlerweile Gedenkstätten eingerichtet worden und noch heute ist zu beobachten, dass sich jeden Donnerstag die „Madres y Abuelas de la Plaza de Mayo“ auf dem Plaza de Mayo in Buenos Aires versammeln und protestieren. Zum einen zum Gedenken der Opfer und zum anderen, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie noch weitere Verschwundene finden werden.

Leider ist das die traurige Wahrheit. Auch in Córdoba und Rosario sah ich Orte, die an diese Verbrechen erinnern und mich sehr berührt haben. Daran gibt es nichts zu verschönern, denn auch dies ist Teil der argentinischen Geschichte und prägt die Menschen noch heute.

 

 

 

 

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