Schule auf „argentinisch“ – mein Arbeitsalltag als Freiwillige

Jetzt bin ich bereits zwei Monate hier, es ist also höchste Zeit, einen Eintrag über meinen Schulalltag zu verfassen. Für alle, die es interessiert, hier also ein kleiner Einblick über meine Arbeit als Freiwillige.

Gewöhnlich gehe ich zwischen 8:00/8:45 in die Schule. Kaffee und Frühstück sind bei mir ein Muss, aber da mein Schulweg nur fünf Minuten lang ist, muss ich glücklicherweise nicht darauf verzichten.

Beim Betreten der Schule fallen vor allem die Schuluniformen auf. Dunkelblaue Hose/Rock und ein weißes T-Shirt (die Abschlussklasse hat eigene). Wobei die Röcke, je größer die Mädchen sind, teilweise ziemlich kurz ausfallen können.

Ich habe feste Termine, das bedeutet beispielsweise eine Klasse zu unterrichten oder Nachhilfe zu geben. An diesen habe ich natürlich pünktlich zu erscheinen, ansonsten liegt es in meiner Hand, wann ich genau in die Schule gehe, wobei ich etwa einen 6 ½- 7 Std. Tag habe.
Eigenverantwortlich entscheide ich, wie viel Zeit ich zum Vorbereiten des Unterrichts benötige und auch die Art und Weise der Durchführung ist mir überlassen. Natürlich ist dabei nicht zu vergessen, dass ich mich mit den anderen Lehrern und besonders mit meiner Ansprechpartnerin, der Deutschkoordinatorin, absprechen muss.

Bisher habe ich nur von mir geredet, da hier allerdings, wie in den anderen Einträgen bereits erwähnt noch Anne, die andere Freiwillige, ist und wir uns nicht besser verstehen könnten, arbeiten wir die meiste Zeit zusammen. In der Regel unterrichten wir auch die Klassen gemeinsam.
Anne spricht, da sie bereits schon 7 Monate hier ist, gut Spanisch und zu meinem Glück ergänzen wir uns gut bei der Unterrichtsdurchführung. Bereits nach 2-3 Wochen stand ich zum ersten Mal ohne anwesenden Lehrer mit Anne zusammen vor einer Klasse. Durch den direkten Kontakt mit den Schülern, kann ich mein Spanisch verbessern und gleichzeitig fühle ich mich nicht überfordert, da ich bei Bedarf Anne frage oder sie es den Schülern erklären kann.

Jetzt könnte man sich vielleicht fragen: Bekomme ich dadurch nicht einiges abgenommen und verpasse die Chance mich selbstständig durchzubeißen?
Ich denke die Antwort ist ja. Aber ich kann nicht behaupten, traurig darüber zu sein. Wenn man beachtet, dass als ich hier ankam, kaum Spanischkenntnisse besaß und mein Wortschatz sich fast nur auf „Hola!“ und „Qué tal?“ beschränkte, bin ich ziemlich froh darüber, schon unterrichten zu dürfen und den Unterricht nicht nur still und leise von einem Stühlchen hinten in der Ecke des Raumes betrachten zu müssen.

Vor etwa 2-3 Wochen war es dann nun doch soweit, ich unterrichtete zum ersten Mal ohne Anwesenheit von Anne oder einem Lehrer selbstständig die 10. Klasse. Fühlte sich definitiv ganz gut an, festzustellen, dass meine Spanischkenntnisse dafür ausreichten und der Unterricht nicht im Chaos versank. 😛 Glücklicherweise nahm die Klasse den Unterricht an und arbeitete gut mit.
Dies ist hier jedoch leider nicht die Regel. Anne beschrieb den Unterricht hier mal ganz gut „Das ist wie eine Pause nur mit Lehrern“ und da hat sie, zumindest in der Primaria (1.-7. Klasse) gar nicht so unrecht.

Wer also mit der Vorstellung hierher kommt, dass der Unterricht wie in Deutschland abläuft, könnte schnell enttäuscht werden. Flexibel zu sein und seinen Unterrichtsplan mal von der einen auf die andere Sekunde umwerfen zu können, ist auf jeden Fall hilfreich.
Deswegen muss keiner, der überlegt einen Freiwilligendienst an einer Schule in Argentinien zu machen, sich abgeschreckt fühlen oder gar Angst haben. Vielmehr hilft es, sich ein bisschen Gelassenheit anzugewöhnen und nicht so schnell enttäuscht zu sein, wenn mal etwas nicht läuft, wie man es sich im Voraus ausgemalt hat.

Sowohl Schüler als auch Lehrer sind unglaublich nett hier. In den Pausen stehen die Lehrer mit uns oft zusammen auf dem Flur und trinken Mate, was sonst :P. Für all diejenigen, denen es noch nicht bekannt ist, getrunken wird natürlich aus EINEM Becher bzw. einem Trinkröhrchen (Bombilla). Das mag für den ein oder anderen erst einmal etwas seltsam sein, aber man gewöhnt sich schnell dran. Wer hier in Argentinien keinen Mate trinkt, verpasst einen existenziellen Teil des argentinischen Alltags 😉 Mate = Soziales Miteinander.

Die Abschlussklasse (5 año) nutzt an manchen Tagen die Pause, um Musik aufzudrehen und vor den Klassenräumen zu tanzen. Als Zuschauer definitiv amüsant und für mich gewissermaßen auch „typisch argentinisch“. Nicht, dass dies an jeder Schule so gehandhabt werden würde, sondern vielmehr, dass gefühlt jeder hier gut tanzen kann und es auch für die Lehrer kein Problem zu sein scheint, wenn ab und zu auf dem Schulgelände die Musik aus den Lautsprechern hallt.

An konkreten Aufgaben übernahmen Anne und ich beispielsweise letzte Woche den Unterricht einer fehlenden Lehrerin, da diese auf Klassenfahrt war. Vorbereitet hatten wir ein deutsches Lied. Unser Ziel war es, dem hier doch noch häufigen Klichee des blonden, blauäugigen Deutschen spielerisch entgegen zu treten und mit einfachen Übungen die Kinder/Jugendlichen zum Deutsch üben zu bewegen. Einige waren etwas verwundert, als wir den Steckbrief incl. Bild austeilten und sie eine Frau mit dunkler Haut sahen. Zum Ende der Stunde sangen wir das Lied gemeinsam und erst heute ist mir wieder ein Schüler singend auf dem Flur begegnet. 😛

Ich bin mit meiner Arbeit hier definitiv zufrieden, auch wenn sie manchmal etwas eintönigere Aufgaben beinhaltet, wie zum Beispiel Kopien anzufertigen und aus ihnen Hefte zu erstellen.
Seit etwa drei Wochen geben Anne und ich auch einen Deutschkurs für Lehrer und ich muss zugeben, dass es anfangs etwas ungewohnt war, als diese plötzlich wie Schüler an ihren Bänken vor uns saßen und wir nun diejenigen waren, die „Lehrer“ spielen durften. Da dieser Kurs freiwillig ist und die Anwesenden sehr interessiert daran sind Deutsch zu lernen, macht es um so mehr Freude, den Unterricht gut vorzubereiten, Arbeitsblätter zu erstellen und unterschiedliche Methoden in der Durchführung zu planen.

Anne und mein Herzensprojekt ist jedoch die Zusammenarbeit mit der 5 año. 7 Mädchen mit denen wir eine Art Theaterstück auf die Beine stellen möchten. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit dem Roman des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coehlo „Der Alchimist“. Wir möchten einen Abend gestalten, an dem wir die Geschichte des Protagonisten in gemütlicher Runde bei Mate und Keksen erzählen. Einige Szenen werden wir spielen, andere werden von einem Erzähler geschildert. Aber so viel erst einmal, wenn es soweit ist, werde ich noch einmal ausführlicher berichten. 😉

 

 

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