Santiago aus meiner persönlichen Sicht

Viele fragen sich, ob Chile so anders ist als Deutschland. Aus meiner Sicht ist Santiago nicht wirklich anders als eine große Stadt in Spanien oder Italien. Dabei muss man erwähnen, dass meine Sicht nicht visuell ist. Ich habe auch gehört, dass es teils sehr dreckig und heruntergekommen aussehen soll, aber natürlich nicht überall. Es gibt Straßen mit Bürgersteigen, Hochhäuser, Ampeln und Zebrastreifen. Die Bürgersteige sind selten sehr heil, manchmal fahren vier Autos nebeneinander auf drei Spuren und eine rote Ampel muss nicht ausschließlich als solche wahrgenommen werden, was es aber auch in manchen Teilen Deutschlands gibt. Ich lebe in Vitacura und meine Schule ist in Las Condes, was beides eher Wohnviertel für die Mittelschicht bis Oberschicht sind – Gärten und Einfamilienhäuser. Die Bürgersteige sind wie in Deutschland – teils eine lockere Platte aber sonst normal. Ich war aber auch in anderen Vierteln, wo es anders ist. Bella Vista ist ein Kneipenviertel, in dem die Wände ganz bunt angemalt sind, was richtig cool aussieht und man kann die Farbe teilweise auch fühlen. Sonst ist es aber kein sehr hübsches, gepflegtes Viertel. In einem anderen Viertel sind die Häuser viel einfacher und mehr heruntergekommen. Im Zentrum gibt es richtig viele Hochhäuser, es laufen sehr viele Menschen herum, es ist laut und es ist immer viel Verkehr. Die Bürgersteige sind auch eher kaputter. Gegen Ende Oktober war ich bei einer anderen Freiwillige, die ich hier kennengelernt habe, die ganz im Zentrum lebt. Dort waren die Straßen auch sehr löchrig und für mich war es nicht so einfach, auf dem Bürgersteig zu laufen, weil auch immer etwas im Weg war. Diese Freiwillige hat auch kein warmes Wasser im Haus, weil es irgendwie nicht funktioniert. Das war ein totaler Kontrast zu meinem Viertel. Aber es hat halt jede Stadt ihre Licht- und Schattenseiten.

Wenn man in manchen Vierteln durch die Straßen läuft, riecht es immer anders. Die olfaktorischen Erlebnisse sind nicht mit Indien zu vergleichen, aber im Zentrum riecht es einmal nach leckerem, fettigem Essen von Straßenverkäufern oder aus Restaurants heraus nach Empanadas, süßem Gebäck namens Churo oder Fleisch. Im nächsten Moment riecht man Urin, Kloake oder anderes Ekeliges. Der Fluss hier wird leider nicht sehr gepflegt, obwohl es sich wohl in den letzten Jahren sehr gebessert hat, weshalb er eher nach Abwasser und Moder stinkt. Im Zentrum gibt es wegen den Hochhäusern Smog, den man aber lustiger weise meistens nicht riechen kann. In Vitacura ist der Smog weniger heftig, weil es erstens höher liegt und nicht so viele Hochhäuser hat, zwischen denen er sich besser halten kann.

Für mich ist es auch kein Problem, alleine zu meiner Schule zu gehen. Ich habe mir einmal den Weg zeigen lassen und kann ihn dadurch alleine finden. Es gibt viele Pfosten und Schilder und die Grundstücke haben keine Grenzsteine, was die Orientierung an Leitlinien erschwert, aber es ist möglich. Die Stadt ist aus Blocks aufgebaut, was alles logisch macht. Die Ampeln haben keine akustischen Signale, obwohl ich eine gefunden habe, die aber bei Rot piept, was ich sehr verwirrend, aber lustig fand. Es sind aber immer Menschen da, die mir helfen wollen und mit denen ich mich teils auch unterhalte, während sie neben mir laufen, um mich vor Schildern zu warnen oder über Kreuzungen zu helfen. Einmal wollte mir einer unbedingt ein Taxi für die letzten 500 Meter bestellen und auch zahlen. Er bestand darauf, aber ich wollte es wirklich laufen und wollte auch nicht, dass er für mich bezahlt. Trotzdem ist es mega nett gewesen. Die Menschen sind unglaublich nett hier. Einmal habe ich mich mit Leuten im Zoo treffen wollen und bin von zu Hause mit dem Bus dahingefahren. Erstmal muss man die Busse heranwinken, weshalb ich meine Mitbewohnerin gefragt habe, ob sie mir dabei helfen kann. Dann gibt es keinen Fahrplan und man wartet teilweise 40 Minuten auf seinen Bus und die Busfahrer wissen oft nicht, wie die Haltestellen heißen, an denen sie halten. Deshalb habe ich im Bus Passanten gefragt, ob sie mir sagen können, wenn meine Haltestelle kommt. Mein Spanisch ist noch viel zu schlecht, als dass ich das undeutliche, schnelle Chilenisch verstehen könnte, aber ich hab es geschafft. Von der Bushaltestelle aus wurde ich in die Metro geführt, habe mit einer Kolumbianerin gesprochen, die mich auch mit heraus genommen hat. Wieder oben habe ich jemanden gefragt, ob er weiß, wie ich zum Zoo komme und von da an haben mich irgendwelche Passanten vier Blocks weiter und auch über den Fluss zum Zoo mitgenommen, immer indem sie, wenn ihr eigener Weg von meinem abwich andere Passanten gefragt haben, ob sie in meine Richtung gehen und mich mitnehmen können. Das war echt super. In Deutschland wären die Menschen viel zu hektisch und verschlossen dafür. Das hab ich noch nie erlebt. Mittlerweile fahre ich öfter alleine mit dem Bus und habe auch alleine an der Bushaltestelle gestanden. Ich hatte die Hand draußen, aber der Bus hat wahrscheinlich eher gehalten, weil er meinen Stock gesehen hat. Alles kann zur Routine werden – das habe ich gelernt. Jedenfalls sind Passanten immer meine Engel und unglaublich nett und mit einer habe ich sogar mal Nummern getauscht, weil wir uns gut verstanden haben.

Das ist mein Eindruck von der Stadt und den Leuten, die dort leben. Da gibt es bestimmt mal eine Erweiterung auf Chile 🙂

 

LG y

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