Botschaftsempfang in Vilnius

Obwohl ich bereits zwei Mal in der Hauptstadt Litauens war, habe ich noch keinen Eindruck von der Stadt selbst bekommen. Da es sich beim ersten Mal um meine Ankunft am Flughafen und beim zweiten Mal um den Opernbesuch handelt, ist das wenig überraschend. Nun war ich aber bereit, eine Entdeckungstour zu starten! Mit fast 600.000 Einwohnern ist Vilnius die größte Stadt Litauens und flächenmäßig sogar die größte Stadt des Baltikums.

Ich beginne am besten am Anfang. Die deutsche Botschaft veranstaltet jedes Jahr am 04. Oktober einen Botschaftsempfang zur Feier unseres nationalen Feiertages, dem Tag der deutschen Einheit. Ich wusste über diese Veranstaltung aufgrund des Blogs meiner Vorgängerin Gesa Frahm Bescheid und wollte unbedingt auch daran teilnehmen. Als dann keine Einladung kam, war ich enttäuscht. Wurde ich vergessen oder war es einfach keine Selbstverständlichkeit, als deutsche Freiwillige eingeladen zu werden? Es stellte sich heraus, dass der zweite Gedankenansatz korrekt war. Ein Deutschlehrer aus meinem Kollegium war eingeladen, konnte aber nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Er wollte mir gerne seine eigene Einladung geben, doch ich bezweifelte stark, dass ich wie ein Mann namens Thomas L. aussah. Stattdessen nahm ich den Vorschlag wahr, meinen Fachberater Michael Brehm anzurufen.

Sobald ich zuhause angekommen war, zückte ich also mein Smartphone und wählte seine Nummer, leider erfolglos. Kurzentschlossen schrieb ich schnell eine E-mail und hoffte, ihn noch zu erreichen. Glücklicherweise rief er mich schon kurz darauf zurück. Sein Vorschlag war ideal. Er hatte eine Einladung für sich selbst plus Begleitung und der Platz der Begleitung war noch nicht belegt. Somit war die Sache geklärt und ich voller Vorfreude. Jetzt musste ich nur noch den Mann mit Hut finden, welchen Michael als Identifikationsmerkmal genannt hatte.

So machte ich mich am Mittwoch, den 4. Oktober, nach meinem Unterricht auf den Weg nach Vilnius. Nach eineinhalb Stunden entspannter Zugfahrt war ich am Bahnhof angekommen. Mithilfe von Google Maps machte ich mich auf die Suche nach dem alten Rathaus, wo die Veranstaltung stattfinden sollte. Das Ziel hatte ich schnell erreicht und noch viel Zeit an der Hand, bis es losging.

Das Rathaus ist ein eindrucksvolles Gebäude. Es ist aus hellem Stein erbaut, eine breite Treppe führt hinauf zur Plattform, wo man zwischen imponierenden Säulen hindurch zu einer Doppeltür schreitet. Über der Tür prangen die Worte „Vilniaus Rotuše“, darüber ist das Wappen der Hauptstadt angebracht und auf beiden Seiten der Tür flattert eine rote Flagge, ebenfalls mit dem Stadtwappen, sanft im Wind.

 

 

Vor dem alten Rathaus erstreckt sich ein weitläufiger Platz aus Pflastersteinen und links und rechts führen Straßen entlang. Der dreieckige Rathausplatz ist einer der ältesten Orte in Vilnius. Er entstand ab dem 14. Jahrhundert aus dem damaligen Marktplatz.

 

 

Um das Rathaus herum findet man viele gemütliche Cafés, einladende Restaurants, Läden zum Shoppen und wunderschöne, alte Kirchen. Ich schlenderte entspannt eine der Straßen entlang, versuchte das durchwachsende Wetter zu ignorieren und pendelte während meiner Erkundung der Altstadt von Kirche zur Kirche.

Als es anfing, heftig zu regnen, suchte ich nach einem Restaurant, um dort die restliche Zeit zu verbringen. Da ich keine Informationen zu der Qualität der Restaurants besaß, wählte ich das, welches am besten besucht war. Ich saß auf einer bequemen, burgunderroten Sitzbank und genoss meinen wärmenden Früchtetee, während ich die Speisekarte überblickte. Glücklicherweise waren diese nicht nur bilingual; zusätzlich zu der englischen Beschreibung wurde jedes Gericht sogar mit einem Bild begleitet. Perfekt für Ausländer! Ich fühlte mich gleich noch wohler.

Nach meiner Teepause nahte auch allmählich der Beginn der Veranstaltung. Geplant war, mich um 17:55 Uhr vor dem Rathaus mit Michael zu treffen. Ich stand also um 17:45 Uhr neben einer der großen Säulen vorm Eingang und wartete. Als es plötzlich nur so von uniformierten Menschen um mich herum wimmelte, suchte ich meinen Weg aus der Menge und bewegte mich in Richtung Rathausplatz. Das war auch gut, denn ein Fotograf stellte die Uniformierten vor dem Eingang für ein Foto auf und auf diesem wollte ich keineswegs stören.

Stattdessen hielt ich nach einem Mann mit Hut Ausschau. Ich fand drei dieser Sorte, war verwirrt und beschloss einfach abzuwarten, es war ja noch früh. Kurze Zeit später waren die drei potentiellen Hutträger alle verschwunden. Als dann der vierte Mann mit Hut erschien, beobachtete ich aufmerksam, wie er sich zu einer Frauengruppe gesellte, die in meiner Nähe stand. Ich überhörte die Worte „Freiwillige“ und „blond“ – das Merkmal, welches ich ihm für mich genannt hatte -, wir nahmen Blickkontakt auf und ich winkte zögerlich. Schlussendlich hatte ich Michael erfolgreich gefunden.

Die Gruppe bestand aus vielen Mitarbeitern des Goethe Instituts und auch einer Praktikantin, mit der ich mich anfreundete. Wir bewegten uns Richtung Eingang und während Michael damit beschäftigt war, unzählige Bekannte zu begrüßen, bewunderte ich das Interieur. Nachdem wir unsere Mäntel an der Garderobe abgegeben hatten, gesellten wir uns zu der kleinen Schlange, die sich auf der Treppe gebildet hatte. Etwas weiter oben standen die wichtigsten Personen des Abends, die allen Gästen die Hand schüttelten und sie persönlich begrüßten. So lernte ich einige wichtige Leute, wie zum Beispiel die deutsche Botschafterin Angelika Viets und die Legationsrätin Milena Dech kennen.

Wir gingen weiter in einen großen Saal, nahmen an der Eingangstür dankend ein Sektglas von einem der Kellner entgegen und schritten über das Holzparkett, auf der Suche nach weiteren Bekannten Michaels. Das Unterfangen war keine Herausforderung, da Michael gefühlt jede zweite Person im Raum kannte. Er machte mich auf diejenigen aufmerksam, die in Verbindung zu meinem Freiwilligendienst standen.

Es stellte sich heraus, dass die fotografierten Uniformierten Orchestermitglieder waren, die für die musikalische Untermalung des Empfangs sorgten. Als dann alle Gäste im Saal versammelt waren, ertönte die deutsche Nationalhymne und im Anschluss trat die deutsche Botschafterin auf das Podium, auf dem die deutsche, litauische und europäische Flagge stand, und hielt ihre Rede. Da sie auf Deutsch sprach, folgte nach jedem Absatz eine litauische Übersetzung.

Botschafterin Angelika Viets begann ihre Rede mit der Aufzählung verschiedener Probleme, denen wir momentan ins Gesicht blicken. Sie betonte, dass gerade zur jetzigen Zeit Solidarität wichtig wäre, um Herausforderungen wie Migration, Klimawandel und Terrorismus gemeinsam zu meistern und zu bekämpfen. Deutschland und Litauen verbände eine enge Zusammenarbeit, sie wären Partner in EU, Nato und den Vereinten Nationen. Diese gute Beziehung beruhe auf der bewussten Entscheidung, das Werk der Leute fortzusetzen, die sich für die Werte Demokratie, Freiheit und Gleichheit stark gemacht haben. Die exzellente Beziehung zwischen den Regierungen zeige sich auch an den vielen Besuchen von Politikern, wie zum Beispiel Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Außenminister Sigmar Gabriel in Litauen. Darauf folgend erwähnte sie die Beschlüsse der Regierungen, die die beiden Länder betreffen, wie zum Beispiel die Stationierung von vier Kampftruppen mit jeweils 100 Soldaten in drei baltische Staaten und Polen im Rahmen eines NATO-Einsatzes. Die Wirtschaft boome und Litauen würde immer attraktiver als Standpunkt für Fabriken, auch die Anzahl deutscher Investoren wüchse.

Botschafterin Angelika Viets nahm erfreut das große Interesse an der deutschen Sprache in Litauen zur Kenntnis und berief sich hier auf den „Tag der deutschen Sprache“, der voriges Jahr ins Leben gerufen wurde. Dieser wäre ein voller Erfolg gewesen und würde fortgeführt werden.

Zum Abschluss dankte sie den Unterstützern des Abends, nannte die Sponsoren und sprach auch dem Heeresmusikkorps Hannover ihren Dank aus. Ein letztes persönliches Dankeschön ging an das Team der deutschen Botschaft für die Organisation des Botschaftsempfangs. Meiner Ansicht nach machte die deutsche Botschafterin einen sehr positiven Eindruck. Schon beim Händeschütteln hatte sie ein freundliches, offenes Lächeln auf den Lippen. Dieses wurde noch breiter, als ich ihr mitteilte, dass ich Freiwillige am Jesuitengymnasium in Kaunas sei. Sie beabsichtigte nämlich, das Gymnasium in der darauffolgenden Woche zu besuchen.

Nach der Rede wurde das Buffet eröffnet und Sekt nachgeschenkt. Ich fand mich an einem Stehtisch mit mir fremden Menschen wieder, was keine Herausforderung darstellte, da ich kaum jemanden kannte. Ich wurde jedoch herzlich begrüßt und in die Unterhaltung miteinbezogen. Zwischendurch thematisierten wir sogar die Liederauswahl des Hannover Heeresmusikkorps, welches von „Somewhere Over the Rainbow“, „My way“ und „Lili Marlene“ bis hin zu Star Wars Filmmusik alles im Repertoire hatte.

 

 

Nach einer angeregten Unterhaltung mit Milena Dech verbrachte ich die restliche Zeit im Gespräch mit Mitarbeitern des Goethe Instituts. der Praktikantin Elena und dem Deutschlehrer, der vor Thomas zum Kollegium des Jesuitengymnasiums gehörte. Elena und ich machten zur Erinnerung an die Veranstaltung noch Fotos vor dem Podium.

Nach zwei Stunden neigte sich der Abend dann langsam dem Ende zu. Ich verabschiedete mich von den verschiedenen Bekanntschaften, die ich im Laufe des Abends gemacht hatte und machte mich auf den Weg zum Bahnhof, wo der Zug zurück nach Kaunas schon auf mich wartete. Vilnius bei Nacht war ebenfalls ein schöner Anblick, vor allem das im Licht erstrahlende Rathaus.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.